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&Heil im Bücherkranz

Frosch: ‘Wo ist der Prinz?’

‘war es nun zwar unheimlich, doch an der Ordnung, den Alten und von Hinfälligkeit Verwahrlosten an den Tischseiten den Beginn der Mahlzeit zu erlauben. Ah, das Kind... war verschwunden’. Ein Mann setzte sich zu der Familie an den Tisch, der er als Kind trotzig, ängstlich gegenüber gestanden hatte, ‘möglich, daß man auch mich, sollte ich aus meinem Zustand überraschend daheim im Türrahmen erscheinen, mit dem Beilrücken niederhaute, ein wüstes vergiftetes Vieh, das man aus dem Licht schaffen mußte’,

weil das Kind nicht pünktlich nach Hause gekommen war, süchtig nach der ‘Grenzenlosigkeit, die dem Einbruch der Nacht vorausging, die sich in kaum merklichen Überlagerungen von Licht’ zu zeigen schien und ‘aus Furcht, mit dem alltäglichsten Namen, der mir gegeben war, in den abendlichen Suchmeldungen aufzutauchen’; er hatte über andere gesagt, ‘ein Verschwundener zu sein, hieß, eine Legende zu sein’, neben der Furcht, zu sterben, sich zu verwandeln, die eine brüchige, wuchernde Umgebung verstärkt, war Sehnsucht danach und ‘alle Geschichten, die ich erfand, waren nur Variationen meiner Art zu verschwinden’. Er kehrte immer wieder zu einer Familie zurück, in der ‘Selbstmißachtung war’ - ‘wir waren nicht von den Wurzeln gerissen worden, wir hatten nicht unsere Rechte verloren, wir waren exiliert, weil wir Wurzeln und Rechte nie gehabt hatten’, ‘und stets auf der Hut nicht erkannt zu werden, da unser Leben nur eine halblegale Sache war’, er erklärt sich: ‘daß mein sonderbares Interesse an unguten Orten das ebenso uneingestandene wie unklare Interesse an unserer Herkunft war’.

Der ‘ungute Ort’ ist eine Landschaft, in der es nach Verwesung stinkt, indem der Fluß ungewöhnliche Farben annimmt, ‘seinen Geruch durch das Land nach Osten’ spült, aus dem seine Familie kam, aus dem Flüchtige kommen, Drohung: umso ‘östlicher, desto gefährlicher der Menschenschlag’, ein Ort, an dem Pflanzen wuchern, aus dem Boden zu steigen scheinen, an dem es eine halbverfallene Mühle, Fabrikreste, ein ehemaliges Kohlenrevier, unterirdische Stollen, ein Gelände, auf dem aus Kadavern Seife gewonnen wird, und - ‘Rampen’ gibt, d.h. eine Abdeckerei, der sich Anwohner nicht nähern, von der sie nichts wissen wollen, ‘Germania II’, es ist Land über Massengräbern, zwischen Bäumen, mit Menschen, die, als Opfer oder Schlächter von der herrschenden Gesellschaft ausgestoßen, dort arbeiten, raus in die Kneipen gehn, ‘ungeschlacht und stolpernd bewegten sie sich durch die Sphäre der lichtgewohnten Kleinbürgerei’. Der Erzähler sieht in ihnen die, die ‘immerfort trinkend am Tisch, einen ihrer Briefe zu schreiben versuchten’. Er hatte seit seiner Kindheit nach den ‘zwielichtigen Gestalten, Figuren von abenteuerlichen Ideen besessen, und ohne Anhang’ gesucht, traute sich ihnen, ‘Trinker, der die Welt nur noch mit reizbaren Magenwänden wahrnahm’ geworden, nicht zu nähern, gestand ein: ‘Meine Vorstellungen von diesen Männern waren hauptsächlich Vorstellungen von mir selbst... Wie jene stehenden Gewässer, die in ihrer Müdigkeit und beständigen Trauer, in ihrer Beharrung aufnahmefähig geworden waren für Gift und Unrat... und die begierig geworden waren auf alles Licht, das ihre wahren Farben schillern machte...’

‘Germania II’ versinkt in eine Höhlenwelt, weil die einen nicht wollten, daß ‘die in den Gruben versenkten Leichen ihrer Feinde gefunden würden’ und die anderen wollten, daß ‘die Burgen der jeweils neuen Sklaven­haltereien auf dünnen Decken errichtet würden’. Die Tümpellandschaft, die sich darüber bildet, in der kleine Kinder versinken können, nährt neue Legenden.

Wolfgang Hilbigs Erzählung ‘Abdeckerei’ (Fischer Verlag) endet in einer rhetorischen Bestandsaufnahme: ...Abmacherei,... Abdenkerei,... Abwinkerei,... Abwer­fe­rei..., Abfinderei..., Abbraucherei..., Abklopferei..., Ab­steckerei,... Abdeckerei,... Altedeckerei,... Alteckerei..., wird vor Sehnsucht pathetisch: ‘an Germania II vorüber, wo in der Flut die Sternbilder spielen, wo die Minotauren weiden.’ Das ist Ausgang aus einem Text, der bis in die Träume gefangennimmt.

Schneewittchens Stiefmutter: „Er will die Schönste.“

Hilbig wehrt sich gegen die Annahme, ‘der einzelne könne beim Dialog zerstört werden’, er scheint neugierig auf Interpretationen seiner Texte, sucht in den Texten, Biographien anderer nach Aussagen, Fragen, die ihn berühren. Er fand in Canettis ‘Masse und Macht’ keine Erklärungen für das Benehmen der Arbeiter, war nach der Lektüre einer E.A.Poe- Biographie, in der von Gefahren in einer Schriftstellerexistenz die Rede war, erschrocken, stimmte Fühmann zu, ‘es gibt für mich keinen Zweifel, daß Mythen die Essenz ununterdrückbarer Artikulationsdränge sind, so wie sie solche wieder hervorrufen, entstanden auf der Suche nach einer Alternative, die, ihrerseits schon alternativlos, dem Geist einen Daseinsgrund über dem der Verkettung in die Banalstrukturen des Lebens hinzuzumessen sich mühen muß’, las Kafkas Heizerkapitel des Amerikaromans, irritiert, daß der Heizer aufs heftigste dadurch verwirrt war, ‘worin er einen Angriff auf das vermutet, was der Zweck eines fremlbestimmten Lebenslaufs wäre: ein tüchtiger und verläßlicher Diener seiner Berufung zu sein’, versuchte mittels Walter Benjamins Interpretationen zu begreifen, daß Kafka nach außen hin als ‘das folgsamste und demütigste Opfer seiner Prädetermination, der oft bis zur Verzweiflung in seinen Ämtern aufgehende Angestellte’ lebte, für Ventilwirkungen nicht nur schrieb, sondern sich auch der ‘Mühsal des Zusammenlebens’ mit einer Frau verweigerte, dafür ‘seinen Geschlechtstrieb denunzierte: er tat dies, indem er seine Sexualität mit genau jenen Verbalismen betitelte, die, jeweils auf den neusten Stand gebracht, das bezeichnen sollen, weswegen die Bewußtseinsma­schi­nerie des Staats sich ihrer bemächtigt, um sie davon zu reinigen: der Schmutz, das Böse... die Sünde’, registrierte, daß Kafka in seinen Texten das Obere, ‘sei dieses religions- oder parteiideologisch bedingt’, als das ‘Böse’ beschrieb, ‘vor dem der Unterstellte schuldig werden muß, sei er dazu willig oder nicht(...) bedingt durch die Gespensterfurcht der Mächtigen vor den Lücken ihrer Bewußtseinsmaschine, den Inszenatoren der Perfektion bleibt die eigene Schöpfung ewig verdächtig... Und Nichtfügen wird in bestimmtem Maß sogar vorausgesetzt, da die Maschine ihre Funktionalität nicht von selbst regenerierte’. Thema Wolfgang Hilbigs.

‘Walter Benjamin hat bemerkt, daß das eigentliche Walten der Gnade in Franz Kafkas Werken der Umstand ist, daß sie unvollendet geblieben sind’ - Hilbig begann mit Auslassungszeichen zu arbeiten.

Rumpelstilzchen: „Ich will nicht allein sein.“

„Wenn ich frei war, dann war ich frei von Wirklichkeit’ - ‘Seit heute morgen war ich frei, nämlich aus meinem Betrieb entlassen’; ‘seitdem ich kein Eintrittsgeld mehr habe, muß ich mir mein Kabarett selbst machen’: ‘sämtliche Weiber waren aus der Stadt verschwunden... es kam mir vor, als seien selbst die weiblichen Wörter nicht mehr in Gebrauch.’

Der Ich-Erzähler in die ‘Weiber’ (Fischer Verlag) hatte das Leben benutzt, ‘Beschreibungen anzufertigen’, in denen ‘Schmutz schiller’te, Mülltonnen ‘Reflektoren eines magischen Mondlichts’ waren - aber: ‘Es bestätigte sich, daß ich einen kühlen, häßlichen Kübel umschlungen hielt.’

Er sei als Kind von der ‘Sucht beherrscht’ gewesen, ‘geliebt zu werden’, es schärfte ‘Beobachtungsgabe, da ich peinlich darauf bedacht war, auch nur den Anflug eines Lächelns über mich zu bemerken’, machte zum ‘Höllen­we­sen, das sich geblendet hatte, ich, der ich keinen wirklichen Menschen außer mir selbst wahrnehmen konnte, ich, der ich ausschließlich an mich dachte, und der ich damit nach und nach die Fähigkeit zu sehen verlor’; Selbstanklage: so ‘daß eine unerhörte Sensibilisierung meines Auges euch für mich unsichtbar sein läßt’.

Der Arbeitsplatz war ein ‘Formenkeller’, ‘wo ich gefangen war und getrennt von den Frauen’, die an Pressen über ihm arbeiteten, nach deren Schenkeln er durch Fußbodenroste spähte; nach der unfreiwilligen Entlassung in Wahn geraten, erinnert er sich an ‘homosexuelle Granaten auf Schwänzen von bananenfarbenem Messing, die alle durch die sanften Hände der gefangenen Frauen gegangen waren ... Mitteilung dieser Lust hieß Tod den Männern’. Er sagte, ‘Arbeitslager... als könnte ich bei dem Gedanken sogar ein wenig Wärme verspüren’.

Die Verachtung, die der Entlassung folgte, (‘ich hatte es mit der ganz gewöhnlichen Feindseligkeit einer Frau gegenüber einem scheinbar lebensuntüchtigen Mann zu tun’, die Stimme der Beamtin hatte ‘Ähnlichkeit mit der Stimme meiner Mutter’) hatte ihn für andere sensibilisiert: er erinnerte sich, daß ‘den KZ-Häftlingen die Haare geschoren worden waren, daß auch die Frauen vollkommen enthaart’, ‘ich sah, wie das Haar in der Ebene rauchte, wie Wolkensträhnen davon in Richtung der letzten kahlen Bäume abgetrieben wurden, wie sie sich im krüppligen Wintergeäst verfingen, um dort zu wehen, schwarze Fahnenfetzen, Fahnen der Klage’, ‘Haar, dem ich zugeordnet war, als ein Menschenmüll’,

er wühlt nach weiblicher Wärme - ‘ich glaubte Haar zu spüren, einen fleischigen behaarten Hügel inmitten der Mülltonne’.

‘Wenn ich beginnen wollte, die Welt zu beschreiben, meine Stadt zum Beispiel... mußte ich mich erst einmal selbst zeugen’, der Ich-Erzähler stellt fest, daß er um die Verwirrung zu erklären, aufgeben müsse, ‘die Rohheit meiner Gefühle zu kultivieren, und ich werde nicht auf den Krankheitsherd meiner Sprache kommen, wenn ich mich nicht vollkommen entblöße, denn es scheint deutlich, daß die Schizophrenie meiner Sprache’, daß die ‘Sprache eingebettet war, in die muffige, diffuse, aber doch zähe Pestluft einer unergründlichen Angst’:

‘Man operierte mich nicht, man ließ alles an mir hängen,... Es war eine Hirnkastration, und die Zange, die man benutzte, war die holde Weiblichkeit’, ‘Ich wuchs auf unter der Herrschaft von Psychopathologen, die den Geschlechtstrieb für abnorm erklärten... und den Sex für kapitalistisch’. ‘Ich mußte halluzinieren, um die Welt, und meine Möglichkeiten für ein Leben in ihr entdecken zu können’: ... ‘federnde Vagina, der Bus’... Plötzlich herrschte andere Ideologie: ‘Sexualität persönlichkeitsbildend’. Das Opfer wollte die Aufklärung der ‘tiefenpsychologischen Vergehen der Vergangenheit an der Gegenwart’. Ein Aufschrei vor dem Polizeigebäude beunruhigte niemanden, er wollte sich anzünden, doch: ‘ich wußte plötzlich den Ort, wo es die Weiber wirklich gegeben hatte... Lagerbaracken’, er findet die Frauen, von dem Dach einer Wäscherei, in der er als Heizer arbeitet, in einen Gefängnishof blickend - ‘ein paar von ihnen hatten den Daumen zwischen Zeigefinger und Mittelfinger hindurchgeschoben... sie hatten sich mit mir verbündet... es war ein Zeichen gegen den reinen Staat’.

Der Ich-Erzähler wollte den ‘weiblichen Blick’ erlernen, sammelte Frauenkleider.

Hänsel und Gretel: „Hexen darf man töten.“

Edgar Allen Poe sagte mittels Erzähler: ‘Störungen von Form- und Farb-Zusammenstellung, welche zu korrigieren oder zu mildern ja die Seele der Kunst ausmache. Dieser Gedanke büßte nun freilich durch die darin enthaltene Notwendigkeit, diese Störungen für abnorm und keinerlei Zwecken dienlich zu halten, beträchtlich an Überzeugungskraft ein. Es war Ellison, der darauf verwies, daß von Tod sie kündigten’, ‘Meine Visionen betra­fen Schiffbruch und Hunger, Tod oder Gefangenschaft bei barbarischen Horden, ein in Trostlosigkeit und Tränen verbrachtes Leben auf irgendeinem grauen, einsamen Felsen inmitten eines unbezwingbaren und unbekannten Ozeans. Solche Visionen und Wünsche - denn darauf liefen sie hinaus - sind, wie mir seither oft versichert wurde, der zahlreichen Gattung von Melancholikern unter den Menschen allgemein eigen’.

‘Monotonie, nicht Stille ist es, was einen einschläfert’, Poes beste Geschichten sind die bekannten, in denen Aufklärerisches und Romantisierendes zu einer poetischen Einheit verschmolz: ‘Die Morde in der Rue Morgue’, ‘Die Maske des Roten Totes’, ‘Die Grube und das Pendel’.

‘...Anomalie meines Wesens, daß Gefühle bei mir niemals aus dem Herzen gekommen waren und meine Leidenschaft stets aus dem Verstand’ - die Beschreibung der Frauengestalten hatte Hilbig empört, später fasziniert, Poe: ‘ihre Geisteskräfte waren gigantisch. Ich fühlte es und wurde in vielen Dingen ihr Schüler’, ‘da ich schreibe, wird mir plötzlich bewußt, daß ich den Vatersnamen derer nie gekannt habe, die mir Freundin war und Verlobte, die Teilhaberin meiner Studien... - ein verstiegen romantisches Opfer auf dem Altar der leidenschaftlichsten Hingabe?’, ‘Ich weiß nicht, wie es kommt, doch dieser eigentümliche Ausdruck des Auges, wie er gelegentlich bis zu den Lippen fortkräuselt, ist der mächtigste, wenn nicht gar einzige Zauber, welcher mein Interesse am Weibe fesselt’, , ‘>Romantik< und >Weiblichkeit< bedünken mich gleichwertige Ausdrücke: und letztlich ist es doch schlichtweg das Weibliche, was der Mann am Weibe schlichtweg liebt. Die Augen... waren >ätherisch< grau; ihr Haar ein helles Kastanienbraun; das ist alles, was ich an ihr zu beobachten Zeit hatte’, der Erzähler schwelgte ‘in Erinnerungen an ihre Reinheit, an ihre Weisheit, an ihr stolzes, ihr himmlisches Wesen, an ihre leidenschaftliche, ihre abgöttische Liebe’. Hilbigs Frauengestalten sind, bis auf die Wirtin im Ich-Roman ähnlich phantomhaft; einer seiner Erzähler beklagt: ‘Einmal sei er, lächerlich genug, mit der Idee umgegangen, einen seiner Doppelgänger zu verheiraten. In dem Entschluß, diesen zu retten, ihn zu bewahren vor weiterer Verwandlung, vor seinem Auslöschen schließlich und vor seiner Ersetzung’, es gelang nicht, ‘zu sehr habe er den Charakter der weiblichen Figur auf sich selber projeziert(...) alle der männlichen Aufmerksamkeit zugedachten femininen Verhaltensweisen habe er versucht einzubeziehen, ja, sie zu erlernen, um sie wirkungsvoll einsetzen zu können: nur um festzustellen, daß dieselben ausschließlich Männererfindungen waren, an denen er scheitern mußte’; in Erinnerung des Lesers bleibt, daß die Frauen in den Texten oft rothaarig sind und daß er Post, die er an sich geschrieben hatte, von ihnen zugestellt bekommen wollte; die Kunstpostkarten, die Hilbig gelegentlich verschickt, zeigen die Frau schön, fast nackt, in märchenhaft wirkenden Räumen.

Auch die Männergestalten außerhalb der Ichs wirken flüchtig skizziert. Bei anderen Autoren oft auch, Hilbigs Ich aber, ‘Von früh auf habe er erfahren müssen,’ ließ er einen Erzähler sagen, ‘daß der bloße Gebrauch des Wörtchens ich schon als subversive Handlung aufgefaßt worden sei... Deshalb habe er damit begonnen, sein eigenes Bild nur noch schriftlich, und für sich, zu fixieren, und zwar binnen kurzem in den vielfältigsten Formen’, scheint vielschichtig genug, daß der Leser nur momentweise wartet, wann der Autor das ändert.

Hilbig unterstellte in einer Textkritik: ‘Offenbar ist die Frage nach Identität in der Gegenwart hauptsächlich eine weibliche Frage, jedenfalls wird die Suche nach dem Einklang mit sich selbst in der gegenwärtigen weiblichen Literatur öfter und dringlicher artikuliert als bei den Männern, die an der Existenz von Identität eher grundsätzlich zu zweifeln scheinen’, als sei in ihm kein Entwicklungsprozeß gewesen, aber im Text ‘Die Einfriedung’ hatte der Erzähler von ‘einer unterdrückten Person, in der er seine Wahrheitsperson vermutete’ gesprochen.

Dornröschen: „Eine Schnecke kroch über den Mund.“

Der Erzähler in Wolfgang Hilbigs Erzählung ‘Die Übertragung’ (Fischer Verlag) sagt über Arbeiter: ‘Es war nicht so, daß man ihnen die Fähigkeit zur Phantasie genommen hatte,... ihre Phantasie schien sich nur noch von einem feststehend Realen nach rückwärts zu richten und dessen Werdegang zu beobachten, während ihnen eine andere Form der Phantasie, die nach der Entstehung eines Neuen und Unbekannten strebte, fremd oder suspekt war’, über sich: ‘gewöhnlicher Arbeiter, der einen Popanz produzierte, dessen Monstrositäten die Vorbedingungen waren für das Ende seines Daseins als Arbeiter’ - ‘Alle Texte, die ich schrieb, handelten in irgendeiner Form von meinem Warten: ich wartete darauf, erwachen zu können, ich wartete auf ein Geschehnis, das mich aus meiner gebeugten Haltung befreite’, ‘es war, als schriebe ich nur aus dem Willen, die Übermacht meiner Phantasie zu bändigen und mich ihrer zu entledigen...’ doch: ‘ich brachte es soweit, daß sie mich schon im Stich ließ, während ich sie noch benötigte’. Er vermochte ‘nur noch mit seinem Geist umzugehen, nicht aber mehr mit seinem Körper... während er mit dem Geist anderer Menschen überhaupt nicht mehr umzugehen wußte und dafür lediglich mit ihren Körpern’, versuchte ‘mit Hilfe großer Mengen eines Gemischs aus stärkstem Kaffee und Wodka, das mir physische Lähmungen zu verursachen schien, mein Hirn aber aufputschte’, Poesiefähigkeit zu erhalten, doch nach ‘langem stumpfen Brüten ermahnte ich mich zur Wahrheit, zur Wahrheit meines Lebens, sie schien meine einzige Chance zu sein, und es geschah, daß mir diese tatsächlich zur Fortsetzung verhalf...’. Text eines Schreibsüchtigen, ‘Frage war, wann ich alle Texte produziert, von mir abgesondert haben würde, so daß nichts mehr von meiner poetischen Existenz in meinem Innern... wann der Prolet in mir endlich die Oberhand gewann, der wahre Prolet, der sich selbst in das Produkt eines unaufhaltsamen Produktionsprozesses verwandelte’.

‘Schluß mit Alkohol, sagte ich mir, denn das mit dem Saufen (auch ‘die Schriftstellerei ist eine Unterhaltung mit der Schnapsflasche’), das wie eine Form von Gegenwehr gegen den Machtanspruch des staatseigenen Menschenbildes aussieht, ist unbedingt eine von der Macht erwünschte Gegenwehr’, es liefert den Machthabenden ‘Vorwände dafür, auf ihrer Kulissenwand schnell das väterlich strahlende Portrait der Diktatur aufzuhängen’. Er hatte so leben wollen, daß ‘die Macht ihrer Möglichkeit, mich zu unterdrücken, beraubt wurde: indem ich mich mit mehr oder minder wirksamen Mitteln als unsauberes und schmieriges - gegebenfalls auch opportunes - Subjekt tarnte und mich als ein geistiger Gegensatz zur Macht gar nicht zu erkennen gab’, doch ‘Ich war so konform wie möglich... Symptom, vielleicht für eine Krankheit... eine Metapher, wie eine Übertragung der Übergangsgesellschaft auf meine Person’.

Der ‘Text glich dem Versuch, von außen etwas wie eine vollkommen undurchsichtige Maschinerie zu beschreiben, von der weder ihr Zweck noch ihrer Funktionsweise zu erkennen waren. In einer gespreizten und durch das Fehlen zutreffender Begriffe völlig gelähmten Sprache wurden Nichtigkeiten aufgebauscht, und Nebensächliches führte den Schreiber immer wieder auf Abwege; das ganze wirkte wie der mißlungene Versuch, anhand winzigster Exzesse in wahllos benannten Körperteilen, das Gesamtbild eines Organismus signifikant abzuschildern...’ sagte der Erzähler über seine frühen literarischen Arbeiten. Falls man den Rest des Satzes wegläßt, ‘gespreizt’ und ‘mißlungen’ streicht, ‘völlig’ durch ‘gelegentlich’ ersetzt,... könnte es ein Urteil über den Text, in dem er steht, sein: ‘Verwechslungs- und Verwirrungsklamotte des Lebenstheaters’ mit poetologischem Unterton. ‘Ich frage mich bloß, ob man mit den Mitteln einer bestimmten Dramaturgie die auslösenden Momente selber in die Hand nehmen kann, um das Folgende in eigener Regie, sozusagen, zu übernehmen’:

Wenn ‘die Macht das Recht hatte, ihre rituellen Zeichen auf einer Straße auszustellen, die ich auch als meine Straße erkennen sollte und mußte, so stand mir das Recht zu, mit einem anderen Zeichen zu antworten, oder ich war unfrei’. Der Autor wehrte sich, nach ‘objektiven Gesichtspunkten (...) die letztere dazu benutzten, sich ein sehr banales Abziehbild des Lebens anzufertigen, dessen Sinn die Ignoranz war...’ zu schreiben, vielleicht ‘war gerade dieses Umkreisen, dieses sich verzettelnde Umschreiben, dieses Durchkreuzen der Dinge durch die Nebensachen die beste Beschreibung der Umgegend’.

‘Das Abwesende, das der Zusammenhang zwischen den einander ausgeschlossenen Einzelheiten hätte sein können, war, wie mir die Ahnung sagte, der formende Geist...’, und ‘die Poesie war die Abwesenheit, wie sie denkbar konsequent, wie sie absolut zu verstehen war, nämlich als die Abwesenheit Gottes’. Der Ich-Erzähler, ‘Mensch ohne Herkunft (...) der sich deshalb nur für die von ihm selbst inszenierten Entwürfe bestimmt glaubte’ (‘war nicht jeder Mensch, der ohne Gott war, ein Mensch ohne eigentliche Herkunft’?) lebte mit dem Gefühl: ‘die Wirklichkeit ist völlig hohl geworden. Wenn diese Grenze erreicht ist, gibt es plötzlich eine Unzahl von Varianten für eine bestimmte Wirklichkeit’. Eine ist: ‘Der Geheimdienst sorgt dafür, daß die Geschichten passieren, und er sorgt dafür, daß das, was passiert ist, aufgeklärt wird... (...) und schließlich sorgt er noch dafür, daß das Aufgeklärte in angemessener Form auf der Bühne der Publizität erscheint... Absolute Herrschaft der Fiktion (...) ‘warum wehre ich mich noch, ich sollte ihnen die Nachricht über meine Entscheidung zukommen lassen’. Vorarbeiten zum ‘Ich’-Roman?

Der Text die ‘Übertragung’ endet mit einer Häufung des Staun- und Klagelautes, ‘ach’ ist in ‘Feuerbach (...) Nacht(...) Macht (...) Friedenswacht, Mauerpracht, Grabesnacht(...) Drachen (...) Krachmachen(...) Rache(...) Deutschland erwacht(...) Drohend hallte meine Stimme in Richtung der in braunen Dünsten und keuchenden Nabeln versunkenen Stadt(...)Acheron’. Keine bei Hilbig üblichen wohlgeordneten Langsätze mehr - ein paar Seiten lang, ungehemmt Aufschrei.

Schneider: „Millionen, Milliarden, mehr!“ ‘sprachlos vor Zorn, die das Denken der angewandten Realität an mir begangen hatte. Es kam einem Mord gleich’, hatte Wolfgang Hilbig gesagt, als er sich bewußt geworden war, wie er E. A. Poes Texte interpretiert, verurteilt hatte. Ich tat das auch, ratlos, was sonst tun; ‘was mich daran interessierte, war übrigens der Anschein, daß sich Becketts Figuren stets schon am Ziel befanden, wenn der Text begann. Sie waren schon am Ende, obwohl sie sich dauernd bewegten, oder vorgaben, sich zu bewegen, oder auf die Bewegung warteten oder auf das Ende der Bewegung warteten: Das Ende lag schon vor Beginn des Textes’, Erklärung des Autors.

Wolfgang Hilbig hatte den Erzähler in ‘Alte Abdeckerei’ über Menschen im Spitzeldienst sagen lassen: ‘Schnüffeln war ihre einzige Orientierungsmöglichkeit, und sie mußten instinktiv eine tote Gesellschaft wünschen, weil es im Bestand einer solchen keine irreführenden Reize mehr für ihre Witterung gab’; es hätte sie überflüssig gemacht, Abwehrversuch - ‘wir müssen ihre Versammlungen (...) mit immer mehr Leuten von uns auffüllen, damit sie überhaupt noch gefährlich aussehen’. Der Autor hatte den Ich-Erzähler des Ich-Romans für die Person, die er durchleben wollte, (‘in seinen Geschichten hatte er sie alle belauscht! Sich selber allerdings hatte er nie belauscht! ... jetzt konnte er diesen Spion belauschen, der ein Ergebnis seiner Textfragmente war, jetzt dem Entwurf seiner selbst nachgehen, der sein Wesen an sich gerissen hatte’), sich desensibilisieren lassen: er habe sein bisheriges ‘Stück Leben simuliert,(...) es war ein Leben, in dem jeder Befehl... (...) von seiner eigenen Person gekommen war: doch war er in diesem Spiel nie eine Person gewesen! Nun war es umgekehrt: er empfing alle Befehle von außen, und er war eine Person... der Beweis dafür war, daß Befehle an ihn ergingen, denen deutlich anzumerken war, daß sie auf bestimmte Eigenheiten seiner Lebensweise zugeschnitten waren’. Der Ich-Erzähler provoziert keine Einfühlung. Nur seine Wahr­nehmung der Kellerwände, ‘hinter den zerbrochenen Wänden sickerte es hervor wie Urin, mit faden Gerüchen, milchig und quecksilbern’, einer breiverquollenen Wohnung, ‘nun füllte die Flüssigkeit, in den verschiedensten Stufen des Vorkommens, ja der Versteinerung, jedes verfügbare Gefäß, nun wälzte sie sich’, die Beschreibung einer Kellerwand, ‘im Rücken das kühle Gefühl von Sicherheit, welches die massive Betonwand ausströmte’, auf die ein pistolenähnlicher Phallus gezeichnet, mit dem Anfangsbuchstaben seines Namens signiert worden war ‘wie der Einbruch der Realität in einmn erfundenen Zustand...’, hinter der sich ein Bunker befindet, die Arbeiter, die den Geheimdienstleuten den Eintritt ins Kesselhaus verwehren, ‘für Unbefugte ver... verboten!’, der Wirt, der den Spitzeln Lokalverbot erteilt und die Wohnungsvermieterin schienen mir als Leser noch unbekannt. Die Frage nach dem Schicksal eines Kindes, es ‘hatte die Einnahme dieser Nahrung offensichtlich verweigert’, ‘Kind für diesen Staat ist gar nicht wiedergutzumachen’, ‘Kind verschwunden’ berührte tierisch, gewöhnlich. Auslassungszeichen sind das Beunruhigende. Und Fantasien mit denen sich der Leser gegen das Abstumpfen, das Müdewerden wehrt: ‘Erzählt der Autor Selbsterlebtes?’ Es machte den Leser zum Spion, der Klappentexte liest, Text nach Anzeichen auf Autobiographisches durchwühlt, Fotos anstarrt, Stellen in anderen Texten sucht, ins Hirn speichert: ‘Einbildungskraft... hilft im günstigsten Fall, einen literarischen Text zu verfassen, der des Verfassers Vergangenheit von Schuld rein wäscht, indem er letztere als eine fiktive Schuld zu erkennen gibt’ (in ‘Übertragung’), >Auch die Anmerkung am Buchende des Ich-Romans kann Betrug sein<, zwischen Scham und moralischem Anspruch. Plötzlich wurde die Frage egal. Hilbig schien nicht ein Staatssystem zu beschreiben, sondern den kapitalistischen Literaturmarkt - keine Hemmungen, nach Belegen zu suchen: ‘Mode; wenn dort im Herbst die Frühjahrskollektionen kreiert wurden, konnte dasjenige noch völlig danebenliegen, was sich ein halbes Jahr am besten verkaufte... also mussten Leute gefunden werden, möglichst schon im Herbst, die den Lesern erklärten, welche Art von Literatur für sie im Frühjahr unverzichtbar sei’ - das war das Propagandasystem des Staates; ‘immer den Trends auf der Spur... was für eine hundsgemeine Spitzelei’. Der Gesamttext sprach dagegen, andere Frage wurde die nach dem Wirk­lich­keitsbegriff Hilbigs:

Die Sprache der Institution sei ‘ein den Realismus zerstörender Sprachgebrauch... einer ungewollt surrealistischen Methode ähnlich’, die müde macht, Gefühl von Ausweglosigkeit, von ‘Welt des Schlafs, in der er von allen Zusammenhängen frei war’. Während seiner Schlafphase sei ihm ‘ein unbezwingbares Mißtrauen jeder Wirklichkeit gegenüber beigebracht worden... gegen alle Wahrnehmungen und gleichzeitig seinem Gedächtnis gegenüber’. Wann begann die? Wann endete sie? Wo ist Schuld? - wenn das ‘Verschwinden der Wirklichkeit aus dem Raum’ empfunden, aus Müdigkeit eine vorgelegte Erklärung unterschrieben worden war; ‘nach der Unterschrift war die Wirklichkeit zurückgekehrt’. ‘Später wußte W., daß diese Worte den Abschluß seiner Schlafzeit signalisiert hatten. Als er sie hörte, fühlte er sich augenblicklich von einem so schweren Anfall von Müdigkeit überrannt.’ Er schien von einer Unwirklichkeit in die andere gekommen. Auch sein Chef ‘redete, fast flüsternd... gegen den Schatten auf dem Nebenstuhl hin, der sein Bier unberührt ließ’.

Der Text des Ich-Romans ist so langweilig wie das wirkliche Leben, falls man nicht auf Details achtet, fantasiert; ich fühle, dass ich ihm nicht ganz entkommen kann.

Ziege: „Ich bin so satt, ich mag kein Blatt. Mäh.“

‘Erwachte ich endlich,... ich würde mich davonmachen’. Er lässt einen seiner Erzähler sagen, er habe ‘großes Verlangen nach Geld, nach langsamen Büchern ohne Handlung, nach grauen Himmeln, nach Himmeln aus denen es auf Kuhherden regnet’. Wolfgang Hilbig irritierte, durch Geburt ‘einer enterbten, macht- und geistlosen Klasse anzugehören, die nun zu allem Überfluß noch schuldig geworden war’, er gehört zu der ‘Generation, deren erste drei, vier Jahre der Krieg mit der Konsistenz mütterlicher Wärme verbunden und umgeben hatte’, erlebte die Nachkriegszeit als ‘Erziehung zum Frieden’, d.h. ‘Gewalt der Demagogie, die Aufzucht eines Denunziantentums, alle Knechtungen, die über die heranwachsende Generation kamen, hatten endlich ihr humanes Ethos’; ‘die Industrie war ihm stets ein bedrohliches Reich’. Er verlangte, ‘ein Denken zu erlernen, das nicht ein bloßes Vergleichen war’, wollte zu einer Poetik finden, in der der Schreiber der ‘Wirklichkeit der biographischen Anlässe, seiner Lage darin und seiner Herkunft daraus, keinen Glauben mehr schenken mußte’, unterstellte, dass in dem ‘Organismus dieser Welt’ ‘menschenwürdige Sprache nur aus unbeendeten Sätzen bestehen’ könne, sagte: ‘Gefangene können unmöglich über sich selbst nachdenken, und diese Unmöglichkeit ist der Zweck der Gefangenschaft’ - er kündigte seinen Beruf als Heizer. Doch: ‘Als ob der Schritt heraus aus der Masse ein Schritt in die Kälte wäre. Als ob dieser Schritt eine Spaltung zur Folge hätte’ - ‘Art amoralischer Freiheit’ - ‘ich spürte schnell wie der Schrecken meine Texte lähmte und jedesmal ihren vorzeitigen Abbruch herbeiführte’, ‘ich glaubte zuletzt, die Zerstörung des scheinbaren Zweckes der Grammatik - dessen Gewalt in meinem Schädel wuchs, wie ein Tumor in einer schmerzhaften, bewußtseinstrübenden Form - sei identisch mit der Zerstörung meines Willens zum Frieden’,

er fürchtete, ‘daß ein einziger, beliebiger Satz uns in rasende Bestien verwandeln’ könnte, versuchte ‘Konsens heraufzuführen, in welchem man als ausschließlich sinnvoll Handelnder aufgefaßt wird... um ihre Gunst zu erringen’, zurückkehren zu können in ‘eine Masse, deren Übermacht er nur zu entgehen vermeinte, wenn er in sie einbrach und aufgenommen wurde.’

Die letzten Sätze der frühen Erzählungen ‘Aufbrüche’ (Fischer-Verlag) sprechen von Sehnsucht nach einer Inzestbeziehung zur Masse, zu einer Frau, die der Erzähler beschrieben hatte: ‘Durcheinander von Angst, panischer Religiosität und sklavischem Konformismus im Kopf ... unterwürfiges Taumeln in alle gerade befohlenen Richtungen’ - Sehnsucht nach Unterwerfung von ihm oder ihr, die Mutter schickt ihn fort. Was bleibt, ist die Möglichkeit der Flucht in eine Erinnerungswelt - eine Erinnerung: Ineinander verkeilte Autos, ‘wie sie, aufheulend, ihr Gas verlierend, endlich zu rucken und zu rucken anfingen, vorwärts und rückwärts, ohne sich einen Augenblick zu verstehen’, das ist auch nichts Idyllisches. Ein Erzähler, der sich in mehrere aufgespalten hat, kann den einen das tun, andere anderes versuchen lassen - Flucht vor sich, Zwängen in der Gesellschaft: Wirklichkeiten erfinden. ‘schizophren...

Wäre ich das, ich müßte nicht denken und denken, wie es mir möglich sein könnte, einzugehen in eine andere Inkarnation’.

König Drosselbart: „Frauen in den Dreck, es macht sie brav.“

ich/ihr-Gegenüberstellungen, wir-Darstellungen verursachen Zustimmung, Widerspruch, Fragehaltungen. Die meisten Gedichte Hilbigs haben den Ton Hölderlins, Rim­bauds, Bachmanns,... die auch über Ängste, Verletzungen, Wut mit wohlklingenden Wortfolgen redeten, einer Sprache, ‘die nachlaufen und unserer abwesenheit / nachlaufen so wie uns am abend hunde nachlaufen mit kranken / unbegreiflichen augen’ erzwingt, in der stellenweise Pathos ist, der zusammenzucken lässt, provoziert, die Texte mit theatralischer Stimme zu lesen, die vom Schwan­ken zwischen Faszination und Abwehr spricht. Der poetischste, d.h. am stärksten in Hirn und Gefühl sich verankernde Text, scheint der, in dem Hilbig eine ‘Episode’, in der ein Fasan auf dem Brikettberg im Kesselhaus, Hilbigs Arbeitsplatz, sitzt, der davonfliegt, als er sich bewegt, und die Auswirkungen, ‘ich verwarf alle mühe das leben mythisch zu sehen’, erzählt.

Für Hilbig war Gedichteschreiben (möglicherweise) letztendlich Schreibübung, Fähigkeitsbestätigung, und - zu einengend; er registrierte ‘ausgeleierte wendungen’, ‘weisheit des gargekochten’, schien irritiert von dem Bedeutungsanspruch, den Aussagen mittels weißen Umrahmungen von Vers, Strophe,... ‘vom Geist des Universums abgeschnitten’, haben.

Rumtreiber: „Wenn nichts gruselt, ist Tod.“

Titel des Buches ist der Titel der Zentrumsgeschichte von drei Erzählungen Wolfgang Hilbigs: ‘Der Brief’ (Fischer Verlag), d.h. Nachricht an andere: ‘Damals war mein Gehirn noch zu gesund und es war Einwänden noch zugänglich... obwohl ich mich kräftig genug glaubte, den Verführungen zu widerstehen’. Der Ich-Erzähler erzählt, ‘Beschreibung II’, von der Reise zu einem Hotel für ‘Sonderbehandlungen’, die Menschen zu ‘einer Marionette der Macht’ machen; ‘Macht bedeutete, Geschichten, Bewegungsabläufe zu veranlassen, die lediglich mit ihrem Geschehen von der Existenz der Macht zeugten’, das heißt: ‘Du glaubst mit der Realität zu handeln, (...) Und so hast Du es ihnen ermöglicht, das anzunehmen, was sie dauernd erhoffen: die Konspiration. Denn die Existenz der Konspiration ist genau das, von dem sie in ihrer Realität bestätigt werden’ - ‘ich war die chancenlose Figur eines Alptraums’. Kein Erwachen. Fluchtmöglichkeit scheint das Weibliche: ‘es gibt im Hotel überhaupt keine Frauen, selbst in der Küche nicht’, ‘Wie wenige wohl waren dieser seltsamen Religion der Macht, deren Gottheit das Unendliche war, entkommen... unter falschen Namen, in Weiberkleidern, als Konvertiten jenes Nichts, das die Kehrseite der Unendlichkeit ist’. Das Sehn­suchtsbild des Erzählers ist das von Edgar Allan Poe: Frauen als Menschen-’Entwürfe voller bebender Sinnlichkeit unter der sanften und intellektuellen Oberfläche... grandiose Lügen, phantastische Lügen’. Der Text endet in prophetischem Pathos ‘kratzt euer Tohuwabohu ins weiße Papier (...) bis euch der Wahnsinn einen Brief aus dem Zwielicht schreibt’.

Im zweiten Text: ‘Ich hatte den Brief tatsächlich an mich selbst geschrieben, er enthielt vielleicht die einzige Erklärung, die mir die Möglichkeit gab, meine Arbeit fortzuführen, er enthielt vielleicht den großen Verrat an mir’. Der Ich-Erzähler hatte einen Brief mit dem Vermerk ‘Persönlich auszuhändigen’ an einem Postschalter aufgegeben, um der Briefträgerin begegnen zu können, die ihn an eine Frau erinnerte, die ihn sexuell gereizt hatte, die in eine Familie (‘Verwandt sind die Schuldigen mit den Deportierten und umgekehrt’) eingebunden war, denn vom ‘Zeitpunkt, von dem an er sich zunehmend auch als Schreiber gescheitert’ sah, fühlte er den Wunsch ‘sozusagen auf einen Schlag mit allem aufzufüllen, was man in einem wohleingerichteten, bürgerlichen Dasein für unabdingbar hält’, doch ‘diese Gesellschaft wäre gleichzeitig dieselbe, die das Sicherheitsfutter des Staates bildete, die gutsituierte, etablierte Gesellschaft des weichen Mittelstandes, das Bildungsbürgertum, das in Eintracht mit den Behörden lebte, weil sich die Behörden aus ihm rekrutierten’, sein altes Leben wäre

‘Stoff für poetische Ergüsse geworden, die das Bildungsbürgertum belustigte’; als die Briefträgerin kam, Angst vor dem zeigte, der verschlampt, übernächtigt, mit der Flasche in der Hand stand, erschlug er sie. Der Erzähler erklärt: ‘es scheint nur so, daß der Massenmensch mit seiner Berührungsangst besser zurechtkommt’, das ‘Individuum aus plebejischem Umkreis, das ein Verlangen nach der Vereinigung mit der Masse in sich trägt... womöglich schon genealogisch... oder jedenfalls in sich verinnerlicht hat, muß vom Moment seines Rückzuges aus der Masse an ganz konsequent einen selbstbeschrei­benden, selbstuntersuchenden Impuls verspüren... es sieht sich plötzlich von außen, weil es den eingebildeten Blick der anderen auch noch leisten muß’; die Spaltung bewirkt ‘Zyklopenauge, diese sehkräftige rote Wunde’, d.h. eine ‘Verunheimlichung aller umgebenden Dinge’.

Die Angst vor Beethoven - Angst vor Versuchen, den ‘Willen in sich aufzuspüren, der es vermag, den sogenannten lebendigen Geist in etwas zu übersetzen, das wir als eine ewige Energie bezeichnen könnten. Ihm wurde der Wille zur Musik’. Die Strukturen der Gesellschaft bieten unterschiedlichsten Menschen ‘Geist- und Bewe­gungsräume’, Energien zu verbrauchen. Ein alter Mann: ‘Für Sie war, und ist, Beethoven unverständlich, und Sie konnten mir den Code, der mein Todesurteil enthielt, in die Tempi seiner Töne versteckt, überbringen, und damit zugleich den Nachweis der Bewegung, daß seine Musik keinesfalls Ewigkeit bedeuten müsse’. Der Alte und der Junge konnten dem ‘Schicksal’ nicht entgehn.

Brüderchen: „Durst!“

Schwesterchen: „Trink nicht.“

Mich störte der Name des Ich-Helden, ‘Waller’ erinnerte an sozialistisch realistischen Symbolismus oder an das ‘Walle’ im melodramatisch-didaktischen ‘Zauberlehr­ling’; mich ärgert, wenn zum Beispiel der Begriff ‘geschlossene Gesellschaft’ im Text Assoziationsmöglich­keiten verliert, weil er als DDR-Wirklichkeit konkretisiert ist. Kurz später war ich in dem Sog, den Hilbigtexte auslösen können: ‘Die Ausläufer der Asche überspülten schon die Wurzeln, und einige Stämme waren angekohlt; auf der Straßenseite trugen die Bäume noch dunkle ledrige Blätter, zur Asche hin war ihr Gezweig verdorrt und kahl.’ „Die Kunde von den Bäumen“/ S.Fischer-Verlag. Ich wollte aus den sprachlich korrekten, klangvollen, beeindruckend komponierten Alpträumen, in denen die Landschaftszerstörung nicht aufzuhalten und die Oase in der Gesellschaft Müllkippe/Müllmänner, ‘Ich mußte ein unbrauchbares Stück in der Gesellschaft sein, wenn ich ihre Grenze überschreiten wollte’, ist, nicht raus. Die Landschaften, in denen Hilbig seinen Ich-Erzähler (‘ich saß auf dem Querast eines Baumes an der Kirschallee und begann plötzlich den Regenguß zu fürchten, der jeden Moment losbrechen mußte: und ich knüpfte mir die Schlinge vom Hals wieder ab’), beschreibt, in der ich als Kind lebte, liegen dich beieinander. Er wohnte auf dem Land, ich in der Stadt; in meiner Erinnerung sind Gänseblümchen, Kleeblätter, Grashüpfer, Frösche, Tauben, ab und zu krähte ein Hahn, Jungen fuhren mit Fahrrädern vorbei, umkreisten, zwangen uns stehenzubleiben, kletterten über die Türen der Kleingärten, pflückten Blumen, verschenkten sie an uns, verschwanden. Wenn ich zum Müll wollte, mußte ich über einen Zaun aus Draht; das Kind stöberte drin, die Neugier war stärker als der Ekel. Im Bahnhof waren eine Spätverkaufsstelle, Blumenstände, fremde Menschen, Hallen, in die ich Häuser bauen könnte. An Kirschbäume kann ich mich nicht erinnern; zwischen den Bäumen im Wald roch es nach Lauch. Wenn ich in der Dämmerung, im Dunkeln aus der Stadt nach Hause mußte, sträubte sich etwas in mir, in die Straßenbahn zu steigen; ich lief über Wiesen, auf denen es im Mondlicht oder Schnee hell war, manchmal regnete es. Wenn das Mädchen durch den dunklen Waldstreifen, in dem Glühwürmchen hausten, denen ich hinterhergejagt war, die ich gefangen, zwischen den Händen gehalten, freigelassen hatte, wenn ich nicht allein gewesen war, mußte, bereute ich es jedesmal. Das Kind hörte Rauschen, Knacken, glaubte, daß es zu sehr in die Nähe vom Tod gegangen war; es machte Angst, wie ich sie fühle, wenn ich durch eine Ruine, Gänge krieche und plötzlich Zeichen sehe, die sagen, daß dort Menschen waren, wieder hinkommen könnten, die –

ein Liebesspaar war in der Gegend erstochen worden, ein Mann zusammengeschlagen, eine Frau vergewaltigt... Ich kletterte gern auf Bäume, rannte gern, hatte Angst, wenn ich am Pißhäuschen aus Metall vorbeiging, als könnte ich in eine Szene hineingezogen werden, es war keine Angst vor Männern, die entblößt an den Bäumen lehnten, ich sah weg, probierte mit meinem Bruder, ob man hinter einem Baum stehen kann, der Verfolger sieht das nicht, rennt vorbei.

In meinen Träumen sind Wald, Wiesen, Schwimmbad, die Wohnung. Der Bahnhof. Mich hat, wie die Träume sagen, beunruhigt, dass ich mit dem Fahrrad durch Wald, entlang von Wiesen, Feldern, Flüssen fahren konnte und es keinen Anlaß, außer den Mahlzeiten, Kälte, Dunkelheit gab, umzukehren, anzukommen, - daß der Bahnhof und das Haus mit den großräumigen Wohnungen, in dem ich wohnen durfte, weil Vater / Mutter dort wohnten, symmetrisch gebaut waren, ‘gestörte Spiegelgefühle’.

Ich suchte auf dem Müllplatz nach alten, schönen Dingen.

In der Park-, Waldlandschaft war der Fluß. In der Nähe seiner Quelle schien er klar, als ich das Wasser verließ, war ein Blutegel am Bein. Das Kind lief einem Ball hinterher, er rollte den Hang herab, rutschte ab, sank in den Morast; die Sonntagsspaziergänger blieben auf der Brücke, dem anderen Ufer stehen, sahen zu mir hin, das Kind sank, niemand rührte sich - Irgendwie muss ich ja raus gekommen sein. Ich erinnere mich, dass die Fenster abends geschlossen wurden, weil die Fabriken nachts Giftgase abliessen und das sie geschlossen wurden, wenn Vater Nachrichten hören wollte. ‘Immer wieder glaubte ich hier, vor einem Hügel aufgeschichteter Leichen zu stehen, die an der Schuppenwand abgelegt worden waren; das Gesträuch der Asche machte sich schon über sie her. Natürlich waren es nur nackte Schaufensterpuppen (...) offensichtlich war der Ausdruck ihrer Visagen aus der Mode gekommen, man hatte sie in den Abfall geworfen, doch die Müllmänner gruben sie wieder aus und stapelten sie hinter ihrer Bude zu einem merkwürdigen und grausigen Mahnmal (...) draußen begann das Grau der Dämmerung, und ein gedämpftes Klingeln und Läuten drang mir in die Träume.’ Moment von Hoffnung auf etwas Nettes, doch ‘Metall schlug an Metall, als wären da irgendwo im Freien lose aufgehängte Eisenschienen, eine ganze Anzahl davon, die sich im Morgenwind bewegten und zusammenstießen.’

Soldat: „Wo ist das Feuerzeug?“

Kleinstverlage und Anthologien bieten gelegentlich Freiräume für kompliziertere Literatur: Hilbig konnte im Auskunftsbuch „Über Deutschland“ (Reclam-Verlag) den Text ‘prosa der heimatstraße / (Fragment) / 5. vater­land der asche’ abdrucken lassen, obwohl er mit Kleinbuchstaben und nicht in Alltagssprache übersetzbar geschrieben war, jedoch wenigstens in Verszeilen. ‘Die Territorien der Seele’, lyrische Prosa erschien als bibliophile Ausgabe, deren wenige Seiten man aufschneiden muß / soll / kann, auf rauhem Papier, handgebunden, in der Friedenauer Presse...

Hans im Glück.

´Abriß der Kritik´ enthält nichts Originelles.

´Dennoch reagiere ich mit Fluchtreflexen, mit Panikgefühlen, dennoch sehe ich mich sofort ohne Publika­tions­chancen, in der Warteschlange vor der Obdachlosenküche, wenn ich ein paar kritische Anmerkungen in einer Rezension finde....´ könnte Mitleid erwecken, wenn ich nicht verzweifelter als Hilbig leben müsste.

´Ratten und Schmeißfliegen sind sehr notwendige Geschöpfe, sie weisen auf verborgene Fäulnisstellen eines Gemeinwesens hin.´ Ich will als Künstler nicht Ratte und Schmeißfliege sein müssen.

Ich würde die Frankfurter Vorlesungen auch wir er als Klagemauer benutzen.

 

 


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