TEXTLANDSCHAFT

Worte


 

Es klingelt. Vor der Tür steht ein Herr. Er grüßt höflich und sagt, er sei der Auswechsler. Was wollen Sie wechseln? frage ich. Er tritt ein. Er entnimmt der Tasche Zerknittertes, legt es auf den Tisch und daneben eine kleine Luftpumpe. Was wollen Sie wechseln? frage ich. Verzeihung, sagt er: Sie haben einen Konstruktionsfehler. Wir haben ihn im neuen Modell berichtigt. Verzeihung, sind Sie noch normal? Er nickt. Es ist möglich, daß Ihr Fehlverhalten Folge einer Sabotage ist, das neue Modell wurde unter Aufsicht gefertigt. Wir hoffen, unsere Zusammenarbeit wird sich bessern. Das verstehen sie doch? Ich überlege, ob ich einen Arzt anrufen sollte. Machen sie bitte ihr rechtes Bein frei! sagt er. Ich ziehe mechanisch das Hosenbein hoch. Ich überlege, ob ich einen Arzt anrufe. Ich muß die Luft rauslassen, sagt er und greift nach der Warze an meinem Bein. Ich schreie und schlage zu. Er taumelt. Mir aber wird schwindlig. Ich sinke in einen Hauch von Luft und Zischen. Als ich aufwache, sitzt neben mir ein fremder Mann. Was wollen Sie? frage ich. Ich bin der Auswechsler, sagt er, erhebt sich und geht.



sie brauchten die information. sie schlichen zu seinem haus, umstellten es und klopften an die tür. es rührte sich nichts. sie hämmerten gegen das holz. es knallte. ein schuß. ein zweiter. stille. sie brachen die tür auf. der, den sie suchten, hatte sich mit einer pistole die brust aufgerissen, war geflohn; mit ihm die information weg, die sie wollten. einer sagte: ich kenne einen professor, er ist forscher.

sie trugen den toten durch den garten. sie warfen schnee auf ihn. sie brachten ihn zu mir. ich schnitt das fleisch von seinem leib bis zu den wirbeln, anhängenden nerven. die apparate, sonst für versuche mit affen, pumpten blut durch die adern des halses zum kopf, das rückenmark versorgt eine tyrodelösung. die halsmuskeln fixierte ich. das luftröhrenende verband ich mit der apparatur, zu der elektroden aus dem gehirn führten. er konnte sprechen. sie erklärten mir, was sie wollten.

aufwachen. schmerz. ich stehe bis zum hals in einem bottich. den kopf kann ich fast nicht bewegen. ein mann sagt, ich hätte schmerzen. männer fragen, ob sie verstärkbar sind. sie wollen etwas von mir wissen, das ich nicht weiß. der mann sagt mir, ich hätte mich erschossen. das wundert mich. er sagt, er habe mir den körper abgeschnitten. nur nerven hingen, zum reizen. ich solle ihm verzeihen. die männer würden ihm geld für experimente geben, die denen, die leben, nutzen könnten. ich sei tot. ich habe angst vor schmerz, der nicht enden wird, bis ich sage, was ich nicht will; ich zerbeiße die zunge. dieser schmerz ist ertragbar, er hat ein ende. blut. müde. sirene. heulen. hebel. krachen. zeug in den mund. die zunge blutet nicht mehr. sie fragen. er nickt. ich schweige. schmerz. schmerz. schmerz. und keine ohnmacht. bis ich schreie: ich rede, wenn ihr mich tot macht! nicken. ich rede. sie gehen. keiner tötet. da weiß ich: ich habe verloren. und schreie: ich will die wahrheit sagen. und ich sagte die wahrheit, verzeiht.



"was wollen sie?" ich blickte mich suchend um.
"was wollen sie?" der vorhang bewegte sich nicht.
"was wollen sie?" die vöglein im muster schillerten gläsern.
"was wollen sie?"
"ich suche die kaderabteilung."
"stecken sie ihren ausweis in den schlitz!"
"ich sehe keinen schlitz."
"stecken sie ihren ausweis in den schlitz!"
"ich finde keinen."
"stecken sie ihren ausweis in den schlitz!"
"es gibt keinen schlitz."
"stecken sie ihren ausweis in den schlitz!"
ich ging zum eingang zurück. der fuß berührte die schwelle. "stecken sie ihren ausweis in den schlitz!" dunkles jagte. ich schlug mit händen und füßen an ein klinkenloses tor. rutschte zu boden. zog die knie unter den bauch. den kopf kühlte stein.
"stecken sie ihren ausweis in den schlitz."
der rücken krümmte sich, rutschte auf knien zu einem plötzlich hellem strich. der nahm den aus-weis auf.
"vergessen sie ihren ausweis nicht!"
"nein. nein. den vergesse ich nicht."ich kehrte um. der schlitz drückte ihn in meine hand.
"wo ist die kaderabteilung?" fragte ich leise.
"hier ist keine kader-abteilung."
"es muß doch eine kaderabteilung geben."
"es gibt hier keine kaderabteilung."
"aber der ausweis, warum der ausweis?"
"wir müssen doch wissen, mit wem wir es zu tun haben." das tor jagte hinter mir zu.
"beendet.", flüsterte ich immer wieder, als könnte ich es mir nicht glauben.

ich kam zufällig am fabrik-tor vorüber. es klingelte hinter mir. ich trat zur seite. es schien das zeichen zu einem wett-lauf, rennend, springend, stoßend aus dem loch der mauer. ich haschte nach einem wehenden ärmel. aus ihm schnellte eine hand in mein gesicht und schon schwankte der schwanz des kolosses um die ecke. zwei autos rollten ihm nach. dem dritten stellte ich mich in den weg. es drückte mich langsam zurück. ich sprang zur seite. es klickte neben mir. doch ich stand allein.

"nun?" fragte ich das bild im spiegel. es nickte "morgen an der haltestelle des busses.". ich seufzte.

beton-pfeiler und haus-wand schützten mich gegen gedränge. als sich die büchsen, voll von menschen, zu bussen lichteten, trat ich zwischen die wartenden und spähte nach einem frag-würdigen gesicht. etwas vielarmiges stemmte sich gegen mich, "sie sollten nicht vordrängeln!"
"ich will nur zur kaderabteilung." die vor mir tippten flüchtig an ihre stirn. doch ein mann faßte sanft meine schulter und schob mich in den nächsten bus. er drückte mir einen fahrschein in die hand. "danke", murmelte ich, "danke. wo ist die kaderabteilung?" sein mund hauchte schnarchtöne. kratz-töne füllten den raum. mein blick fand kein auge. "sie werden den aus-stieg verpassen!" erwartete ich. der bus bremste. die münder verkrampften. die blicke hasteten vor die ellenbogen. ich hielt mich dicht hinter dem freundlichen herrn. in der kaufhalle strudelte er von regal zu regal, warf dosen in einen korb. als er bezahlte, beugte er den kopf so tief, als küsse er die haare der kassiererin.
"wo ist ihr korb?"
ich wollte nichts kaufen.
"wo ist ihr korb?"
"ich will nichts kaufen." finger hakten in meinen arm. "ein dieb! ein dieb!"hände verkrallten sich in den arm des nachbarn. mund um mund bat: "hier ist der dieb!" ich riß mich los, raffte mich zwischen den hin- und herzerrenden hindurch ins freie. "ein dieb!" folgte. irritiert kletterte ich in einen container. etwas flauschiges fiel auf mich. als der hall der schreie in mir verebbte, lüftete ich den kopf und sah in die augen eines jungen.
"gib mir die hälfte!" bat er und streckte seine kleinen hände.
"ich habe nichts gestohlen."
"du lügst." er kniff die augen zusammen, riß seine jacke an sich und krähte: "hier ist der dieb!" er stampfte mit den füßchen auf und stützte mit den händen den krächzenden hals. ich lugte fragend über den containerrand. der freundliche herr bog ins vor-letzte haus. ich rannte ihm aufkeuchend nach. ich glaubte, die tür verschlossen. doch sie war angelehnt. ich glaubte, ich würde die wohnungstür nicht finden und hörte seufzen: "diese fünf treppen." und nachschritte. ich klingelte im fünften stock, rechts. ich blickte erschrocken in das gesicht des freundlichen herrn. der zog etwas frauähnliches an den knöcheln zu boden und in die wohnung zurück. er zwinkerte mir zu. mich fröstelte.
"was kann ich für sie tun?" wärmte eine großväterliche stimme meinen rücken. ich schüttelte den kopf und drehte mich um. ein freundlicher alter stellte den ersten schnaps vor mich. "ich will zur kaderabteilung."
"zur kaderabteilung?" er kicherte.
"ich will in der fabrik arbeiten." er beruhigte sich nicht. "ach", winkte er ab, "dort haben sie ärger mit den frauen." und nickte zur tür, "sie konnten nicht wissen, daß sie die schicht gewechselt hat? ich zahle gut."
"für was?" ich stützte mich an der tischkante hoch, wankte besoffen zur tür. der alte stürzte mich zu boden. ich jaulte "du teufel!" als wäre es ein bannspruch. es war einer: seine muskeln erschlafften. ich warf das zittrige stück alter ab. ich spuckte verätlich "du teufel" auf ihn.

der blick des bus-fahrers kam aus dem rück-spiegel. "sie hätten mich gleich fragen sollen." er pustete rauch gegen das spiegelnde glas. "ich meine, laut fragen", sprach er mit sich, "die kaderabteilung ist ein haus." mich fröstelte, "wieso ein haus?"
"sie sollten meine gedanken lesen." ich lehnte mich innerlich zurück. "sie könnten es lernen." ich wütete lautlos, "dann bräuchte ich keine fabrik-arbeit, um lebens-erfahrungen zu sammeln."
"ja, vielleicht." er sagte: "ja, vielleicht."! ich schloß die augen. öffnete sie, "wo fahren Sie hin?" eine tür klappte zu. sie trennte ihn von mir ab. ich schlug gegen sie, bohrte die finger-nägel in jede unebenheit, resignierte und setzte mich auf einen fenster-platz. ich strich mit finger-spitzen übers fenster-glas, "ich bin ganz ruhig, locker und entspannt."es war ein zauber-spruch. die grünstreifen lösten sich auf zu grünen flecken. als führen wir langsamer. hinter ast-werk reckte es sich grau. es trug eine diamantene krone. es war glas-bespickt. es war eine mauer. die hatte ein loch. hinter ihr schien eine park-land-schaft. draht-zäune. hunde jagten kaninchen. "es ist ein lager."
"ist es verboten nach kader-abtei-lungen zu fragen?!" das hatte ich nicht gewußt.
es tat weh, " ein palast ein gefängnis." es wurde bitter im mund, "für ausländische kontrollen." der bus hielt. schwarz-befrackte männer standen spalier, als könnte ich fliehen. ein rot-samtener teppich befahl mir den weg ins schloß. ich trat durch ein säulenportal. meine knie wurden weich. ein widersinniges gefühl, geborgen zu sein, durchströmte mich. die hände verkrampften sich. "das kann gefängnis nicht sein", stritten hoffnung, angst. ich berührte wand-stück, sessel und schrank. "das kann ein gefängnis nicht sein!" ich setzte mich müde auf polster-stühle und sank. die traummusik war lieblich. oder: "was für eine weck-musik hatte die mutter gewählt?" ich blinzelte gegen das morgen-licht, doch ich blickte in hellgefleckte nacht. durch licht-kegel schwebten menschen-ähnliche im gesprächslosen reigen. ich erhob mich, als wäre ich nach kerzen-licht süchtig.
"es ist ein gesprächsreicher abend." ich fiel zurück.
"voller interessanter worte!" höhnte ich.
"du hörst sie?" fragte der busfahrer.
"wieso sollte ich nicht?" seine unsicherheit rieb funken aus seinen augen. ich schien stroh und fühlte mich brennen. später legte ich meinen kopf an seine brust. sein herz klopfte "poch. poch. k.platz. poch. poch. k.platz." ich murmelte, "k.platz?" er riß meinen kopf hoch, "k.platz? k.platz? du hast mich verstanden!"ich wunderte mich. er hatte doch gar nichts gesagt. erste sonnenkringel umspielten erloschene kerzen. ich warf die blumen-blüten in luft, mit beiden händen schaufelte ich uns frei. "verzeih." ich hüllte meine schmale nacktheit ins kleid.
"was ist?"
"du kannst doch gedanken lesen!?"
er zuckte zusammen. er stand für momente erstarrt. er ging voran zum bus. ich suchte seinen blick im rückspiegel. ich lauschte mit dem ganzen körper. ich berührte, als ich ausstieg, seinen arm. er zuckte zurück. tränen stiegen in mir auf wie aus meinem bauch. die leere wuchs und fesselte meinen blick an das grau der straße. es war mir, als spiegele es mich.

ich kreiselte im bett. ich preßte die decke zwischen die beine. ich schluchzte, die augen verquollen. die mundwinkel zuckten zum spie-gelbild, "wegen einem busfahrer? nichts als einem busfahrer." ich wich am morgen bus-haltestellen aus.von den häusern des k.platzes flederte putz. ich las schilder an haus-eingängen, an brief-kästen, an wohnungs-türen. ich fragte. die menschen hoben die achseln in kinn-höhe. eine aufschrift "kaderabteilung"konnte ich nicht finden. "der busfahrer hat gelogen. der busfahrer ist ein betrüger. er ist mir egal. alles ist egal", stürzte ich schnaps um schnaps im kleinen café in mich.

im traum trat ich vom k.platz in ein schulter-breites gäßchen. ich folgte seinem winkligen lauf. die wände waren lochlose mauern. die gasse endete an stein. mein blick glitt über das steinerne dach hinter mich. ich war durch keine gasse gekommen. ich war im verlies. ich sank zusammen und schob mich auf knien zu einer alten zeitung.

ich zerrte stöße fledriger zeitungen ins bett. ich wußte nicht, was ich suchte. ich fraß mit den augen beifallsklatschen, stöhnen, gähnen. mein kopf wuchs und wurde schwer. ich drückte die zähne aufeinander, ich kämpfte gegen den brechreiz. ich stieß mit dem fuß in den haufen. ich gab auf.

als ich die blätter zusammenraffte, löste sich ein inserat, in ihm wurde der obere k.platz von einem unteren abgetrennt. eine mauer schütze zwei bissige hunde vor ihren schnauzen. das hatte ich nicht bemerkt. am oberen k.platz trug wirklich ein haus ein schwarz-weißes schild. ich stemmte mich gegen die tür und guckte in dunkles. doch als mein fuß die schwelle berührte, blendete licht. eine frau hinter glas lackierte fingernägel. "was wollen Sie?"
"ich will zur kaderabteilung."
"was wollen Sie?"
"ich will zur kaderabteilung."
"was wollen Sie?" sie bemalte nagel um nagel. "was?" ich trat zur inneren tür. die war verschlossen. "was wollen Sie denn?"
"ich will zur kaderabteilung!" ich schrie gegen das quietschen ihres stuhles. sie nickte und streckte mir ihren fuß entgegen, "vorladung!" ich verkrampfte die hände, die nach ihrer ferse greifen wollten und sie von diesem thron ziehen. ich beugte den kopf, "was für eine vorladung?" sie stoppte die stuhl-drehung beidhändig ab, "keine vor-ladung?"
"wo kann ich sie erhalten?"
"was?"
"die vorladung."
"in der zweiten etage." ihr blick glitt zur decke, "doch ohne vorladung kommen sie nicht durch die tür." ich rüttelte an der innentür. "ohne vorladung kommen sie nicht hindurch", mahnte sie sanft. ich schlug die außentür zu. die unteren fenster waren vergittert, die wand glatt. ich spuckte neben mich.

ich hatte die zehen-spitzen gerade ins fußbad gestreckt, als die nachbarin klingelte, "ich brauche salz."sie blieb in der tür stehen, "sie haben sorgen?"
"nein."
"männer"
"ich kann nicht klagen."
"ämter?"ich nickte, "ein bißchen."
"sie müssen ein-gaben schreiben! eingaben!" flüsterte sie laut. ich nickte sie aus der tür.

"eingaben?" das spiegelbild nickte. doch es zeigte kene hoffnung.

jedesmal, wenn ich mich an die schreibmaschine setzte, um verse zu schreiben, schlugen die buchstaben ab:
ich bitte um einen vorladungsschein
ich fordere
ich bitte untertänigst
ich verlange
darf ich demütigst bitten
darf ich hoffen, daß meine demütigste bitte
es gab keine briefumschläge zu kaufen. ich schnitt und klebte. mir schmeckte nichts mehr. ich ging zum reisebüro, setzte meinen namen auf eine liste und mich auf gepackte koffer.

doch es klopfte an der tür. die briefträgerin händigte mir einen bläulichen umschlag aus. "vorladung. morgen 9 uhr." 8.45 betrat ich den vorraum. ein mann mit robbenhaar sah flüchtig auf das papier, "sie kommen spät."
"ich bin für um neun bestellt."
"eben." er verknotete an meinem arm ein silbriges kästchen. ich wehrte mich nicht. die tür vor mir ließ sich öffnen. ich starrte hilflos in die löcher der gänge. "in welches soll ich?" niemand antwortete. die tür hinter mir schlug zu. ich tippte "eene, meene muh, raus bist du."

der gang war krumm, ich konnte ein ende nicht sehen. er führte in die tiefe, ein haus konnte unmöglich so lang sein. ich überschritt eine weg-kreuzung und wurde zurück-gewirbelt. ich riß erschrocken mit der linken hand und zähnen am kästchen. der knoten verhärtete. die ellen-bogen stießen spitz in den schoß. die zeit schlurfte in zu großen filzpantoffen. ihr stöckelte eine frau nach. sie beachtete mich nicht. ich achtete auf sie. sie zögerte, kniete nieder, schob das kästchen zaghaft in einen gang. ich hörte ein summen, sah blinkern. sie zog den arm hastig zurück. sie stöhnte nicht. das licht blieb an. der gang geradeaus nahm sie auf.

ich mußte nach rechts. ich betrat einen saal. hölzerne bänke bis unter die decke. ich sah auf die uhr "11.45.". der raum war von türen umgeben. das türholz rahmte nummern. "wo ist die kader-ab-teilung?" fragte ich einen, der in der nähe saß. er blieb stumm. "danke", verbeugte ich mich, "danke für die freundliche auskunft." ich rutschte auf einer hängenden bank zu einem kahlkopf. als ich ihn das siebente mal gefragt hatte, brummte er etwas wie "kein sprechtag."
"ich bin aber vorgeladen!" er warf einen blick auf das papier, das ich ihm hinhielt, "morgen."
"ja", nickte ich, "morgen steht da. und es kam gestern."
"es gibt täglich morgen ", gähnte er und schloß die augen. ich hütete mich vor einer verbeugung.

ich kletterte zur höchsten bank. auf der saß ein mütterchen und freute sich über meinen besuch, "kindchen, wie ist das wetter?" sie umklammerte meine hand. "mäßig", sagte ich, "ich bin zur kaderabteilung bestellt."
"sie werden dich aufrufen."
"sie werden mich aufgerufen haben."
"nein. nein. du bist doch erst heute gekommen." ich guckte sie zweifelnd an. mein blick fiel in die tiefe. mir wurde übel. ich kroch zur leiter zurück. "kommen sie mit hinunter!"d ie alte folgte mir nicht. ich trat zu den türen. sie hatten keine türklinken oder die ürklinken waren innen. ich setzte mich auf eine bank. ein mann mit stock tappte an mir vorbei, "ist neben ihnen frei?" es klang scherzend. ich nickte. er sah mich verblüfft an, "sie sind das erste mal hier?"
"ja." ich sprach leiser als gewollt. er griff nach der leitersprosse. "bleiben sie doch!"
"kommen sie mit!" er zog sich an den armen in die höhe.

ich wollte mir die langeweile mittels hin- und herlaufen kürzer scheinen lassen. ein menschwirbel toste. er spuckte mich aus. ich sah: alle bänke am boden waren hintern an hintern besetzt. ich sagte, "das war mein platz. ich saß hier." eine frau schüttelte den kopf. die, die um sie saßen, auch. einer ging vorbei und schnarrte mir zu, "nicht möglich, sieben tage." und schwang sich zu höheren bänken.

ich brauche boden unter den füßen.

ich kuschelte mich in einen winkel des raums. " vierzehn uhr." ich preßte meine hände auf den magen und jammerte leise. ich fragte den nachbarn, "ich war für um neun bestellt! was ist hier los?" ich schlug gegen türen. stille. die stille der tiefe blieb. doch es war, als nähme der wortwechsel deckenwärts zu. ich sank in die ecke zurück. ich stützte den kopf an den knien. "hunger", murmelte ich. doch der hunger wuchs. ich fühlte die augen groß und leidend werden. ich erschrak, eine hand fiel auf meine schulter. "kommen sie hoch", mahnte der alte mit dem krückstock. ich wehrte ab. "sie werden ärger bekommen!" er rutschte neben mir zu boden, "sie haben hunger, nicht wahr?"
"hunger", flüsterte ich. er griff nach meinem arm, strich mit den finger über das kästchen, "ich habe es geahnt. sie haben sich den weg zur kantine nicht eindrücken lassen." er bat, sein kästchen zu lösen und beide zu tauschen. "den weg zum ausgang?"
"drücken die beamten nach der erledigung ein." er wiederholte "erledigung." er küßte mir mit spitzen lippen die stirn.

das kästchen führte mich in einen gekachelten raum. sprelakard-verkleidete tische und -stühle umstanden einander. ich trat zum schwanz der schlange vor dem buffett, rutschte langsam zum kopf. ich trat raus und sah: eine ampel dirigierte. das gefüge verkittete neben mir. ich taumelte ans ende zurück. ich schlurfte, an die wand gelehnt, schulterbreit um schulterbreit bis in die schlangen-zunge. ich besta-pelte ein tablett. ich legte die münzen auf den teller. die hand der kassiererin schrak zurück, "kein geld. marken." sie sah in mein hungriges gesicht, "haben sie denn keine marken beim pförtner gekauft?"
"keine marken. bitte. ich nehme nur soviel, wie erlaubt ist."
"reden sie nicht frech. jeder kann nehmen, wieviel er will. nur marken muß er" ein glöckchen schellte über uns, "sie sollten verschwinden. hauspolizei-"
"ich habe hunger!" sie schob mich hart zur seite und ein brötchen in meine hand. ich hastete zum ausgang. der war zu. ich wollte die finger vom metall ziehen, das gitter begann in den raum zu gleiten, es gelang nicht. ich stellte mich auf eine strebe und schloß die augen, "es ist nur die gespensterbahn des rummels." die endete in einem raum. grau war der schreibtisch, das papier auf dem schreibtisch, grau waren die anzüge und die gesichter der sich erhebenden männer.

"stellen sie sich dort unter die lampe."
"ich kann nicht!" die hände lösten sich widerstandslos. "sie widersprachen wieder!"
"aber!"
"schon wieder." ich schüttelte den kopf.
"was wollen sie?"
"ich" ich wußte es nicht mehr, "ich weiß es nicht mehr."
"wissen sie, welche strafe auf ihrem vorhaben steht?"
"strafe?"
"sie schreiben?" ich schwieg. " sie wollen in einer fabrik arbeiten und berichten?"
"vielleicht."
"sie sind anarchistin." seine stimme wurde väterlich, "sogesehen ist schreiben eine art spionage."
"ich bin keine anarchistin." der mann neben ihm kicherte, drückte auf einen knopf. es wurde dunkel. über die zimmerwand schob sich bild um bild: eine frau trommelt gegen das fabriktor. eine frau, die mir ähnlich sieht, zerrt einem mütterchen am mantel. sie behindert autos. sie drängelt an bushaltestellen, läuft familienvätern nach, prügelt sich mit deren ehe-frauen, schlägt einem alten mann den kopf blutig, bedroht busfahrer, "schluß!"
"und sie sind keine anarchistisch?"
"nein!"
"ihr leugnen verurteilt sie. ich verkünde das urteil nur: tod!" brauste die stimme wandgebrochen zum chor. einer warf mich über seine schulter. er trug mich durch gänge und zimmer in ein dunkelmuffiges gelaß. die tür hallte eisern. ich ertastete etwas, das mit stoff bezogen war. ich krümmte mich zur kugel, doch die kälte war innen. immer wieder stürzte ich aus der hoffnung, "ein langer verworrener traum", in die angst. mein körper schmerzte. ich schrie, schwieg. ich schlug um mich und lag ruhig. "liebste". lähmte mich eine raumstimme, "du bist gekommen, mich zu retten. du kannst gedanken lesen."
"ich kann nicht. ich bin gekommen, weil ich" schluchzen, "ich glaubte, dich retten zu können. aber ich liebe dich, es zerstört, daß ich gedanken lesen kann."
nichts blieb als dunkelheit und stille. ich war nach einer weile nicht sicher, ob ich den busfahrer gehört oder es nur gewollt hatte. "das ist das sterben" lebte mein körper auf oder bäumte sich in die luft und erstarrte: seufzen, händeklatschen drang wie durch die wand. die barst und faltete sich. ich sah auf menschenköpfe und hände, die sich in sanfter tiefe bewegten, "sie lebt!"
"ich verstehe nichts." meine fingernägel stachen ins bein-fleisch. "sie lebt!" von rechts aber betraten menschen den raum, ich unterschied den freundlichen herrn, seine frau, den alten, den kleinen jungen, den busfahrer, die in grauen anzügen, die kassiererin, den pförtner. sie verbeugten sich gegen eine menschenmenge. ich schloß die augen und lauschte dem bei-fall. mein körper drohte, sich in ihm aufzulösen. "liebste", hauchte es an mein ohr. ich sank an die brust des busfahrers. "du hast es geschafft!" seine hände streichelten meinen körper in grenzen. er hob mich von der matte auf einen lehnstuhl. "ich liebe dich", pustete er luft in mein haar. mich musste frösteln. er legte seine schwarze lederjacke über meine schultern.
"bitte, nimm mich mit dir!"
"ich bleibe doch bei dir." er kroch in einen winkel des hinterraums und küßte zu mir, "pst. ich bin nichts als ein alter wäschesack." ich wollte ihm nach, doch da hatten sie einen schreibtisch vor mich geschoben. ich sah zu den menschen. ich streckte die arme. doch zwischen uns schob sich das grau des vorhangs. "nein!" schrie ich auf, stolperte hoch, schlug mit dem knie an die tischkante, schrie vor schmerz. es klopfte. ich rief bittend "herein!" und herein schlurfte der alte mit dem krückstock. er krümmte den nacken und sagte: "ich bitte um ein antragsformular." ich fühlte eine träne über meine backe rollen. "haben sie einen antrag auf ein antragsformular?" entfuhr es mir mit ungewollter kühle.



Der Spiegel. Er hat mich geschlagen, Mutter. Er kam ins Zimmer und sagte, ich solle ihm seinen Zirkel wiedergeben. Ich sagte: ich habe ihn nicht. Er sagte, ich lüge. Ich habe oft gelogen. Aber dieses Mal stimmte es. Er glaubte es nicht. Er schrie, ich schrie zurück und weinte. Er sagte, ich sei ein verlogener Mistkerl. Ich sagte, er sei ein Schwein von Vater. Da verlor er die Nerven und schlug zu. Der Zirkel war in seinem Schrank. Der blanke Spiegel. Ich habe ihn geschlagen, Frau. Ich kam ins Zimmer und sagte, er solle mir meinen Zirkel wiedergeben. Er sagte, er habe ihn nicht. Ich sagte, er lüge. Er hat oft gelogen. Dieses Mal war es die Wahrheit. Ich glaubte es nicht. Ich schrie, er schrie zurück und weinte. Ich sagte, er sei ein verlogener Mistkerl. Er sagte, ich sei ein Schwein von Vater. Da verlor ich die Nerven und schlug zu. Der Zirkel lag in meinem Schrank. Der Zerrspiegel. Er hat mich niedergedroschen, Mutter. Er knallte die Tür und fauchte, ich solle ihm seinen Zirkel geben. Ich sagte, ich habe ihn nicht. Er behauptete, ich lüge. Aber, es war die Wahrheit. Er schrie rum. Ich mußte heulen. Er sagte, ich sei ein verlogener Mistkerl. Dann drosch er los. Der Zirkel war in seinem Schrank. Ich habe ihn vielleicht etwas hart angefaßt, Frau. Ich bat ihn, mir bitte meinen Zirkel wiederzugeben. Er behauptete, er habe ihn nicht. Er lügt ja immer. Er schrie rum. Er schrie, ich sei ein Schwein. Da verlor ich, das ist doch normal, die Nerven. Den Zirkel legte er, vermutlich während ich aufs Klo ging, in meinen Schrank. Der blinde Spiegel.


krankenschwestern sitzen um einen großen tisch. der tisch ist gedeckt. die frauen plaudern. es klingelt. es wird auf ein mädchen gesehne. das beißt die zähne zusammen und geht. ein langer korridor, über einer tür leuchtet eine lampe, gelb. sie schließt die tür auf. ein zimmer, mittlere größe, weiß. ganz weiß. auch das gitter gegen den himmel. sieben betten. die patienten stieren vor sich hin. ein alter sagt, daß Er aufgewacht sei. sie geht hin. er liegt blaß, die augen zu. sie beugt sich über ihn, spricht. er stößt sie weg. kurz später schlägt er die augen auf und mit der hand in ihr gesicht. der alte will klingeln. sie legt ihre hand auf seinen arm. sie sollen den binden, sagt er. sie sagt: nein. sie bittet: schlag nicht wieder. sie erklärt das übliche: er sei von der wachstation gekommen. er sei jetzt in der psychiatrie. du wirst bald rausdürfen. aber, du mußt es wollen. der arzt werde bald kommen... nach dienstschluß legt sie sich auf ihr bett. das zimmer klein, die möbel alt, gestrichen. plakate und bilder verdecken löcher in der tapete. sie richtet die augen zur decke. sie sieht in bilder, die kommen: ein kleines mädchen, mit weißer schleife im zopf, hält den bruder an der hand durch den wald. die schöne frau schwebt über ihr und streichelt zart. des mannes worte malen in den tag die wunder. das mädchen lacht. sie weint. sie bäumt den körper auf gegen den schmerz, den bilder bringen können. sie hebt die hände und verschiebt das bild. ein neues schiebt sich nach: ein jungengesicht, unähnlich. ernst. ich will dich töten, flüstert sie. sie lächelt. sie sieht in ein kalt modern eingerichtetes zimmer. ein junge sitzt auf einem stuhl, sie zu seinen füßen. sie sieht ihn an, er an ihr vorbei. ich will sterben, sagt er. sie sitzt als krankenschwester und fragt: warum? das leben ist schön: die sonne scheint. das bild verschwimmt. ein anderes: seine arme pressen sie an seinen körper. sie lächelt, sagt: ich will ein kind von dir. er drückt sie von sich: geh! ich will sterben. sie schreit. er drückt sie an sich. und geht. das bild geht. sie steht verweint im neubauhaus vor einer tür mit nummer. jemand öffnet. sie will rat. ich will auch sterben, sagt er. warum? flüstert sie. grau, ohne antwort. eine sich öffnende tür: ich will sterben. eine tür: ich will sterben. eine tür: ein junge sagt: es ist doch egal. sie nickt. sie tritt durch den kurzen flur ins zimmer. sie zieht den rock hoch und den schlüpfer aus. der schlüpfer fällt auf den fernseher, aus dem ein held schaut. er zieht das laken unter ihren hintern. sie sieht auf seinen bauch. sie reißt den schlüpfer an sich und läuft zum klo. aus ihrem mund tropfen reste des erbrochenen.

bildwechsel. der blick von oben auf die stadt. was ist los? fragt sie. wir können es nicht sagen, sagen die stimmen. was ist los? fragt sie. wir können es nicht sagen, sagen die stimmen. was ist los? schreit sie. niemand antwortet. das bild verschleiert. ist er tot? flüstert sie. stille. er lebt wieder, sagt einer.sie sieht: er und sie im breiten bett. neben dem bett steht ein tisch. auf ihm stehen flaschen und liegt ein hessebuch. du wolltest dich töten? fragt sie. du fragst spät! sagt er. ihr blick wird starr. dann senkt sie ihre hände über seinen hals. ich will dich töten, sagt sie. tränen laufen über ihr gesicht. sie steht auf. sie wischt die tränen ab. sie läuft durch straßen. die sonne scheint. im kleinen café setzt sie sich auf den stuhl neben ihm. sie lächelt. ich wollte dich töten, sagt sie. sie blickt aus dem fenster. sie sieht auf den stuhl. der platz neben ihr ist leer. ich habe keine kraft mehr. überall ist verrücktheit. überall. schreibt sie weiter auf ihren notizblock. umsitzende gesichter verzerren sich zu masken. es wird laut um sie. lauter. sie steht auf, legt das geld auf den tisch und geht.

am nächsten morgen läuft sie durch die straßen. sie bleibt bei den blumen stehen und streichelt sie. sie lächelt zu dem menschen neben ihr, der nicht ist. dann winkt sie den autos. ich muß zum dienst, sagt sie. sie wird die krankenschwester. sie sitzt am krankenbett einer alten frau, sie versteht sie nicht, sie hört zu. sie sind die netteste hier, sagt die frau im nebenbett. die schwester ist froh - die brauchen mich doch. sie träumt ein stück beet ins zimmer. in den traum dringt die strenge stimme der oberschwester: die menschen sind krank, der nähere kontakt mit ihnen ist nicht erwünscht! am abend liegt sie auf dem bett. sie hört bach. sie fragt nach dem sinn ihres lebens. sie möchte einen mann und kinder. und: irgendwie helfen. sie fühlt, daß sie keine kraft mehr hat. ich brauche hilfe, denkt sie. aber es kommt keiner.



sammeltransport kolportage 7. kopflose wänste und eisern der penis. die angst war stärker als die scham. ich konnte die augen nicht schließen. ich kann die augen noch öffnen. der mündung entschoß kein samen. der tod gebärt noch nicht.die luft ist papp-umstellt. das fenster ist gläsern. es ist frische luft pappumstellt, die papptür klafft oben und unten. es knallte wie aus dem himmel. die klinke zitterte in der hand. die frau trat gegen die mutzel. sie steigen in luft, fallen. sie suchte den besen. sie griff nach dem schrubber. sie kehrte das grobe zum haufen. sie wischte mit löchrigem lappen nach. sie trocknete wasser aus tellern und tassen. sie rief durch wände zum mann, "schlag ein paar haken in die wand."-"die ist doch aus pappe!"-"den fußboden krieg ich nicht sauberer. paß auf die kinder jetzt auf! tollt nur bis ihr die tür oder das fenster noch seht. sonst patscht es. sonst fallt ihr nämlich in löcher. ich kann euch nicht helfen. oder ein hund beißt. bleibt vor dem fenster oder der tür. sonst muß ich euch patschen. ich will doch nicht, daß euch böses passiert." ein starren der augen verschloß ihnen ohren: im himmelblau reckte sich ein weißer strich, zerwolkte. der mann schob den tisch unters fenster, "ich will sehen, was wir essen." die frau trat zwischen die schränke: "ich schmiere wie in einer küche die bemmen. stell das" geschirr klirrte auf dem tisch. mannfrau sahen die kinder nicht vorwurfsvoll an. das geschirr wackelte wie die wände, "nichts als ein düsenflugzeug." die kinder kleckerten auf polsterstühle. "der stoff war zerschlissen." zelephan drüber?"- "der stoff ist zerschlissen."- "wenn es warm ist, setzen wir sie raus auf die wiese. rote götterspeisblumen im grünen gras." die abendsonne rötete die haut der kinder wie das fell der ratte. die huschte aus flußuferkraut über zwei fuß zement. sie schlafen zu viert in drei betten. wollen mannfrau später ins bett, greinen die kinder. "pst. seid leise. sollen wir patschen. oh, bitte, weint nicht, ach, seid doch leise. das kind nebenan muß schlafen."

eines tages waren die nachbarn nicht mehr da. sie hatten sich nicht beklagt. sie waren nur nicht mehr da. mannfrau liegen still. menschen sind draußen. der gleichschritt verhüllt ihre zahl. die kinder turnen über die ältern. ein fuß trifft den magen, eine hand krallt sich ins haar. und wenn ein brabbeln fraumann weckt, und der mond spiegelt sein licht in weißkristallen von zucker und salz, drücken mannfrau sich die hände und sagen leiser als gewollt, "kinder, legt euch doch endlich, schlaft." schlafen die kinder und häute ziehen sich an wie magneten, muß sie doch kichern, als liege ein schmerbauch brünstig hinter der wand und lauschte wie in ein erinnern. der mann neben ihr entspannt sich wie sie, "das kichern macht dich zu einer kichernden. ich aber liebe die frau." stand er vor den kindern am morgen auf, stehen sie bloßfüßig an der tür "bapa?" schwinkt sich aufs rad, muß zur arbeit wie jeden morgen. "aber?" eine krähe kraht.
die frau mußte jeden morgen aufs klo. doch jeden morgen stehen die kinder im nachthemd. "der weg bis zum klo ist zu kalt für euch." sie will das weinen nicht. sie krümmt sich über den topf. an jedem frühstückstisch jammert es aus ihrem magen, "paß auf, die tasse! bröselt doch nicht. nicht auf den tisch. die fettigen finger vom fenster!" wenn sie im laden steht, fürchtet sie sich, ob alles in den kleinen rucksack paßt. ihr sohn reckt die ärmchen zu ihren schultern, den hintern zur hüfte, die tochter das händchen, "gib mir die hand." wenn ein mann den torweg nicht öffnet, sie den schlüssel vergaß, sieht sie irre in sein gesicht, "der ist doch ein mensch?" und läuft wankenden schrittes den umweg und bettelt zur tochter, "weine doch nicht!" maulwürfe hoben erde zu hügeln. sie will den schlagen, der seine faulheit rechtfertigte, "wurde gesagt - darf nicht." schlafen die kinder nach dem essen, wartet sie nicht mehr lange auf den mann. wenn er bei ihnen ist, kann sie die augen schließen, "und bin doch nicht blind."- "es sind doch nur kröten."sie stützt mit seiner hand das kind auf dem stein. sie sagte, "beschreibe mir..."- "was soll ich beschreiben, als wären wir zwei?" er legte die hand in ihren schoß. sie schlug die augen auf. sie zog den bauch zurück. "die schnecken knabbern an schnecken-kadavern. sie kriechen bis an den bettpfosten. wo kommen die vielen schnecken her?" sie und er lesen keine zeitung. es gibt ein gemein-schaftsklo. sie setzt sich nicht auf die brille. sie jammert, das kacken tut weh wie eine geburt. die kinder sehen ängstlich in ihr gesicht. "oh bitte geht, guckt nicht auf den hintern." sie schützte mit papier geschützten fingern den damm. sie stürzte im traum in das blut einer geburt: sie wollte das kind nicht behalten. sie wollte es nur ansehen. ich legte es in ihren arm. sie gab es mir nicht zurück. ihre eltern glaubten, daß sie zu ihnen gehen wird. sie hoffte, die zigeuner würden sie mit sich nehmen. doch die zigeuner gingen über die grenze. sie drehte sich um, fragte einen freund, "wirst du mich, vier kinder versorgen?" er sah sie ängstlich an. sie drehte sich. sie kreiselte. sie riß die augen auf. sie sah erschrocken das blut auf dem laken. sie fuhr zum arzt. im zug lehnte eine frauenbrust an einem soldatenmantel. männer mit weißen pistolen und laufabgeknickten gewehren standen von mädchen umringt. sie lachten. eine fliege flog gegen glas. sie krümmte sich über die kinder, als sie den arztraum betrat, weinte sie. "sechs stunden mußten wir warten. als wären ärzte keine väter, schwestern keine mütter. sechs stunden warten, als wären" murmelte es noch immer aus ihrem kopf. ihr mann ging zum nachbarn und borgte schnaps. sie hob das glas zum -, doch sie sah, vor dem fenster setzte eine riesenente hastig ein bein vors andere, als würde es unterm bauchgewicht knicken, als wäre das nicht irgendwas vom militär. als es den mund leicht verzog, "wäscheleine stört!" waren frauen mit spaten gekommen, hatten die pfosten gehoben und sie neben ihre tür gesetzt. die frauen sensten für diesen fettbauch die brennesseln ab. sie hatten den weg zum fluss versperrt. "kinder, ich bettele euch, geht nie da hoch, ihr könntet in den fluss fallen." als sie mit der wäscheschüssel den hang betrat, kreischte die tochter "nicht in den fluss!" auf. die krokodilsriesen, die wie berge aussahen, waren im dunklen größer und näher. sie wünschte, ein mädchen zu sein. sie wollte flügel umschnallen und rachen entfliehn. sie schloß die augen, schluckte noch einen schnaps, sah wieder den grauen umhang um den berg, wie den eines schäfers. ihr arm wollte sich dehnen, doch er wich zurück, "vielleicht ein modekleid." die finger verkrampften. ein junge schlug eine katze, "ich mußte sie schlagen, sie wäre sonst verbrannt."- "hier ist kein feuer."- "aber das gras hier soll feuer sein!" später regnete es. sie raffte die wäsche ins zimmer, "nun sind wir im süden." kicherte sie. doch sie entspannte sich nicht. die kinder turnten den kleinen raum zum spielplatz, "zum glück eigene bettwäsche, wasche ich selbst." doch sie sieht vor dem aufhängen nicht, ob das ausgewrungene ohne flecken ist. die lampen sind funzeln. sie borgte sie salz. sie brachte es am abend zurück. sie will in diesen zeiten niemandem etwas schulden. am abend regnete es nicht mehr. sie schleppte wasser ins zimmer und wischte. sie wollte das wasser in die brennesseln schütteln. doch ein sturm hatte die mülltonne vor die tür gelegt. die dachrinne brach zum riegel. "es ist nur wind." die kinder krochen aus betthöhlen zum fenster. eine riesenwolke glitt über den himmel, oder ein zeppelin? der morgen war warm. der tag wurde heiß. die mützchen rutschten zur erde. sie salbte den kindern die köpfe weiß. am abend lag sie müde und lauschte nach ihnen, tastete nach ihnen. ein hund jaulte. sie schluckte baldrian. sie schluckte eine schlaftablette. der hund jaulte. sie lauschte zu den kindern. sie schluckte eine tablette, schlief ein. verschlief blitzen, verschlief donnern. die kinder bläkten nach ihr. sie schlief. vielleicht waren sie zu nah an der stadt geblieben. andere fuhren weiter " zu nah an eine stadt um zu nah einer andern zu fliehen." schwenkflügler fielen. sie zerrte die kinder ins haus, als schwebten vögel mit offenen krallen. die durchsage war höflich. die kinder langweilten sich. sie drückten, sie drehten an knöpfen. der pudding verkohlte bis in den topf. sie weichte ihn ein, schrubbte. sie patschte auf kinderhände, "bös!" streichelte sie, "patschen ist bös!" sie kritzelte auf den abrißkalender: patsch nummer 3. sie drehte sich hastig um. eine flasche zerfiel am boden. sie drehte sich um. die drei auf dem kalender schlug sie nicht. jeden abend stechen mücken. es knackte im gehölz, kein wildes schwein brach aus dem gebüsch. am nächsten tag meldet sie, " es war ein knacken im gebüsch. und fremde, ausländische stimmen."- "was haben sie getan?"- "es war, als kletterten sie über den zaun."- "was haben Sie getan?"- "ich?"- "ver-ges-sen Sie es!"vergessen. warum nicht? die rechnung ist bezahlt. es knallt aus dem himmel. die klinke zittert ein wenig. der schlüssel steckt im schloß. sie reißen aus ur/laub. sie verlassen fri eden.



orgelspiel. die worte "die kugel rollt"rollen auf der musik. ich sagte: "ich habe angst."und fühlte angst. ich zog die register. die finger trommelten auf die tasten: "ich habe angst, die kugel rollt."

die kugel rollt. die kugel überrollt. die kugel rollte davon. ich hebe den kopf. die finger trommeln auf die tasten: "ich freue mich", singe ich, bis in den hals. ich hob den kopf. doch der kopf ruckt. ich singe. nur bis in den hals. ich habe überlebt. ich steige über stein, verschwärtes fleisch. ich will den fuß über einen toten heben, doch der fuß tritt in asche. durst. doch die hand schließt sich nicht zum gefäß. das wasser entrinnt. ich will die kartoffel essen. die finger erschlaffen. die kartoffel rollt zwischen zwei schenkel. die liegen starr. ich beuge den mund. die zähne fletschen vor schale.
ich treffe eine frau, sie will nett sein. doch unsere arme schlagen. ich stöhne vor schmerz. ich will schreien wie sie. doch die stimme bleibt stumm, auch das zucken im gesicht bleibt. die kugel rollte. die kugel überrollte. sie rollte davon. ich lege mich in eines der löcher. ich will nicht mehr atmen, doch der atem bricht in mich. der durst macht mich zur kugel. ich rolle in der grube. ich rase in der grube. ich rolle über den grubenrand. ich rolle zwischen die leichen. der körper bäumt sich auf. die hände schließen sich nicht zum gefäß. das wasser entrinnt. die zähne fletschen vor häuten, ohne zubeißen zu können. ich stolpere in eines der löcher. ich will nicht mehr atmen. der atem bricht in mich bis in die finger, streicheln bettelnd die tasten: "ich sehne, ich sehne mich."krümmen die hand zur - stille. "der tod kommt nicht."



Ich tropfte Marmelade ins Nachtschränkchen. Ich beuge mich aus dem Bett, rucke schub und türchen auf. ich sehe nichts als mein besteck, einen kamm, eine zahn-bürste, den feuchten waschlappen. auch der lockte sie nicht an. ich habe die brille doch auf. ich hatte nur einen menschen sehen wollen, ich lief in den winterabend. es war auch draußen gefroren, ich rutschte aus.

bei einem erdrutsch in nepal sind mindestens 25 menschen ums leben gekommen. bei einem erdrutsch in galacha, 140 km nordöstlich der kolumbianischen hauptstadt, kamen mindestens 80 menschen ums leben. orkanartige stürme, mit bis zu 150 km pro stunde, haben in frankreich bereits 15 menschenleben gefordert. mindestens 91 menschen sind der hitzewelle, die seit drei wochen in weiten teilen der usa herrscht, zum opfer gefallen. 119 tote und vermißte lautete die schreckensblianz, nachdem verheerende regenfälle am sonnabend im westen der japanischen hauptinsel hinshu erdbrüche und überschwemmungen ausgelöst hatten. der taifun vera, der kürzlich über vietnam tobte, hat laut vna mindestens drei todes-opfer gefordert. überschwem-mungen im indischen
ich klappte die zeitung zu. ich hatte die tür geöffnet. der fußboden war mit leichen bestreut gewesen. die toten waren kakerlaken, nichts als kakerlaken. einige schleppten sich noch zwischen den kadavern. ich trat auf sie, es knackte. ich hörte es, doch ich fühlte es nicht. die schuhsohle dämpfte den ekel, sie war glatt, in ihr konnte sich keine verstecken.

es hatte geklingelt. ein mann hatte vor der tür gestanden. ich will meine wohnung nicht gegen seine tauschen, am nächsten tag hatte ich die erste kakerlake gesehen, als habe er sich rächen wollen. sie vermehrten sich am wasserrohr. ich sprühte insektengift. mein hals brannte. die augen tränten. ich riß die tapete von den rohren. ich sprühte gift in die ritzen. die kakerlaken liefen hinaus. doch sie trippelten kreise. sie stürzten von wand und decke. ihre körperchen zuckten. die fühler fielen ab. die mundwedel sanken. die hinterbeinchen streckten sich. die lebenden kümmerten sich nicht um die toten. eine floh in die schleuder. spülwasser schwemmte sie in die schüssel. sie schwamm sechsbeinig, tapfer. sie reckte die vorderfüßchen zur wand, die fanden keinen halt. eine preßte junge aus ihrem bauch. die kleinen waren niedlich, fast durchsichtig weiß. doch sie wachsen. ich zertrat sie, - falls ich sie alle zertrat. sie waren klein schon flink. die älteren hatten längere beine. sie waren flinker. einige waren rundlicher, einige heller. sie waren alle kakerlaken. sie krochen in steckdosen, holzrisse, abwaschstapel. ich kämpfte gegen das jagdfieber. ich hatte scherben aufkehren müssen. ich hatte begonnen, in minutenabständen die küche zu betreten. das herz klopfte, der atem ging schnell. ich hatte spinnen ausgesetzt, mit metallhaken kakerlaken aus spiegelritzen gedrängt. ich kehrte sie mit dem teppichklopfer von der wand. die hand griff mit lappen nach ihnen. in den falten hat manche den druck überlebt. die eine schlüpfte aus ihrem panzer. sie war nackt, weißdurchsichtig, hatte vier flügelchen. die verwuchsen, streckten sich über den hinterleib. das weißschimmernde fraß den abgestoßenen panzer. der braune fleck in seinem innern wuchs. als ich wieder nach ihm guckte, saß im einweckglas braun und knackig eine kakerlake. sie war nach acht tagen verhungert. auch die nächste wurde träge. sie rührte die kartoffel nicht an. sie roch den sirup nicht. sie wurde träger. ich rüttelte am glas. sie fiel in den sirupklecks. ihre mundwedel wedelten das klebrige zum mund. meine enkelin krietschte und klatschte in die händchen: wauwaus.

mein enkel sagte auch zu fliegen: kakerlake, und verlangte: "tot!" ich ließ gäste nicht in die küche. ich ließ auch im bad das licht brennen. einer brachte mir eine tageslichtlampe. ich mußte nachts die glastüren verdunkeln, um schlafen zu können. vielleicht haben sie sich weniger vermehrt, ich sah am tag mehr; der tag war für sie dunkler geworden. einer sagte: die sind doch eine art gesundheitspolizei, die fressen nur essenreste. ich wollte es glauben.

eine kakerlake schwamm in der milchtasse, andere schwemmten mit dem wasser auf den tee. sie kackten viel.

in den letzten monaten sind laut kna tausende kakerlaken giftgasstürmen zum opfer gefallen. die wenigen überlebenden



knoten. brust links. keine rötung. keine temperaturdifferenz zwischen den achselhöhlen. keine temperaturerhöhung vergleich rektaler wert. keine tastbare lymphknotenschwellung. keine rückbildung durch kühlung, penizillin. keine absonderung aus der brust, außer noch immer einem tropfen milch. bürsten verstärkt den schmerz. er zieht in den arm, den rücken. umfaßt ein mann ihre hüfte, fürchtet sie, seine hand könnte gleiten und die verhärtung fühlen. "verhärten bis?"eine ansichtskarte mit pyramidenschädeln. kennen sie das? nicken oder kopfschütteln hatte ihr den weg gezeigt. in seinem schleifenpunkt waren knochen zu kunst getürmt. menschenschicksal verlor sich in ihr, fand sich drin: der krieg hatte hautgefaßte ordnungen zerrissen, der künstler schöpfte eine neue struktur, hatte sie gesagt und zwiespältig gelächelt: das tat ein seltsamer mensch. oder sie sagte: mein erster kuß dir. ebneten den friedhof, spielten mit den knochen ball, hatte der vater berichtet, einen schädel abgekauft. ihre lippen berührten seine knochen. aber im feuer, nickte das kind, zerfiele ich in luft, dünger, kein hohler schädel bleibt! kein grabstein, über den einer stolpert, als könnte mich kränken, er buchstabiert, seine achseln zucken. nur ein strauch soll dort stehen mit blüten, butten für vase, haarschmuck, tee. falls es die friedhofsordnung erlaubt. verhärtung in der brust. studium enden. verdammtes geld. zwei jahre zahlt vielleicht einer. die haben doch selber nichts. der. aber schulden, trotz? lieber offiziell. falls das möglich. für die kinder, ich brauche nichts. kein testament, höchstens ein märchen für sie. die kinder zu hause. aber ich muß. texte verbrennen. wohnung bleibt. ob eine bessere? wegfahren. mit kindern. noch irgendwas. nur nicht schwach werden, dann wieder hektik, schimpfen - darf nicht. dann weg. nur er noch. und mein löchrig werdendes gesicht. doch die augen glänzen. er muß haushalt. weil mann, stärker. keine postfrauengespräche; das nicht mehr. noch eins, zwei verlieben. wenn. ob es ekelt, wegen dem faulen ist es doch. wenn das überhaupt noch geht. jedesmal zweifel, männer sind doch alle ähnlich. jedesmal zweifel. aber die diät. der pamps wegen dem durchfall war schikane. muß. das muß. sonst nichts. das märchen. ob die verdammten ärzte die frist sagen? und mich in ruhe lassen. gegen die hoffnung. sollen sie. die läßt mich sonst in warteräumen. das märchen aber, entwerfen, vielleicht bleiben zwei jahre, aber nur der tod, zerfall früher

es war einmal: ein kleines mädchen schmiegte sich an einen jungen. es lag mit offenen augen, als blickte es und sähe doch nicht. es schreckte auf: was hast du gesagt, fragte es. nichts gesagt, brummte der junge. aber ich habe es doch gehört, trotzte das mädchen, setzte sich und legte die händchen auf seine schmale brust: daß ich die rose ohne stacheln suche. ja, und dann bin ich aufgestanden, hob es die ärmchen, und zur tür bin ich gegangen, die darf ich nicht öffnen, wegen der katze, sagte die mutter; ich sagte: ich nehme die katze doch mit auf die wiese, habe ich gesagt; da hat die mutter meine hand genommen; sie hat mich zur remise geführt; die mutter hat blumentöpfe aus dem regal genommen und auf den tisch gestellt; hole eine gabel, sagte die mutter; die mutter kratzte in der erde; die mutter sagte: hole wasser; ich holte wasser; sie goß es über die erde; samen, sagte die mutter; aber ich wußte nichts; die mutter nahm tütchen aus dem regal und legte es auf den tisch; ich durfte sie öffnen; ich streute körnchen auf erde; für die katze einen blumenpark, sagte die mutter. träumerei! brummte der junge. aber ich habe es doch gehört! der kleine junge sah das mädchen an, er sah zur seite, er sah sie nicht mehr, er vergaß sie. er sah sie wieder. sie reichte ihm bis an den mund. doch er war groß geworden. wie sein vater. der hatte eine frau. er trat zwei abende nicht an den stammtisch. er blickte zärtlich auf das gesparte geld. vor dem dritten abend kaufte er nelken. sie lächelte: danke. doch sie lächelte traurig. will die nicht, murmelte sie scheu, als er bestürzt fragte: freust du dich nicht? und dachte: über meinen besuch. er ging am abend nicht in die kneipe. er kaufte rosen. sie lächelte, nahm den strauß in die hände, zuckte zusammen: aber stach-! er erinnerte sich jäh an die märchen der großmutter: einer zieht in die welt, kämpft mit drachen und wüsten, die prinzessin wird seine. deshalb lächelte er: werde dir sie finden. er fragte in blumenläden, gärtnereien, vereinen, suchte in bibliotheken. eine rose ohne stacheln? gibt es nicht. er brach vorsichtig dornen von stielen. sie griff mit geschlossenen augen. sie preßte die hände zusammen. die finger zitterten leicht, als sie einen der stiele streichelten und zuckten zurück. sie hatten vertiefungen gefühlt. betrüger! tränen rannen über ihr gesicht. er tippte sich an die stirn: vogel, piepst! er trat an den kneipentisch, bestellte doppelte schnäpse, spreizte zeige- und mittelfinger, als sage er: sieg. er bezahlte die erste runde. nach der siebenten brummte er jäh: die rose und das vöglein; rose, vöglein. sein nachbar tippte an seine stirn: piepst, vogel. er schob sein glas zurück, flüsterte: die rose und das vöglein. er war doch ein prinz. der sitzt nicht in kneipen, die prinzessin weint. er malte an diesem abend steifhändig blumen. manche ähnelten einer rose ohne stacheln. doch er fürchtete einen spöttischen blick. er sagte: egal. er brach blumen, er brach dornen. er strich vertiefungen sorgfältig aus. er färbte sie sorgfältig ein, behauptete: alles egal. sie sah ihn stirnrunzelnd an. ihre finger strichen flüchtig über die stiele. sie griff hastig nach einer vase. die war dunkel, die war hoch, die blüte gluckte auf ihrem rand. die trocknete, die brach. der stiel moderte. sie schüttete ihn mit dem wasser in den ascheimer. leichter gestank. eine mondlose nacht. keiner wunderte sich. ich sehe das bild und lache, denn... von raum zu raum und schaue in jeden der spiegel. ich sehe das breite, lange, schräge, verzerrte bild meines ichs. ich sage: das bin ich nicht. und trete in raum. und schaue in spiegel. und ich sehe das bild, in dem der raum ist, leer, ohne mich. und ich reiße meinen körper hin zu den wänden, die hart sind und kalt und gegen das gitter im fenster. wer bin ich? ich hebe den deckel vom klo und schöpfe das wasser mit der hand auf den dunklen gefängnistisch. es zeigt - dunkel, ich streichele es, "bis es zerfließt", strich der mann über ihr gesicht. nein, ich fürchte den tod nicht, sagte sie, vielleicht weil ich angst vor der angst habe oder weil sterben änderung ist, ausbruch aus kreis: stemmt ihr kind die zuckertüte, erinnert sie sich an bilder: sie stemmte die zuckertüte. schlägt sie, zuckt sie zusammen, der vater schlug in ihr gesicht. steht sie im laden, weiß sie: schon gestern... im geschichtsbuch... aber ich will nicht wie begraben leben müssen!
sie versaß fünfeinhalb stunden im warte-raum. der arzt betastete die brust. er sagte schnoddrig genug: knoten? nein, nichts ernsteres.



tage wie kreisläufe. grau vor dem fenster, vom weiß der fensterrahmen, von weißen wänden gerahmt. weiß ist der schreibtisch, weiß das papier auf dem schreibtisch, weiß ist der kittel, der brust und schoß verhüllt. weiß ist die leinwand, auf der sich bilder bewegen. ich bin der hexenmeister, ich sage: herein! und der film spult sich ab. die tür öffnet sich und herein tritt ein herr oder eine frau, etwas, das mensch genannt wird. ich drücke auf den linken knopf eines eckigen gerätes, der mensch beginnt zu sprechen. er scheint ein gespräch zu führen mit dem, der hinter mir steht und mit müder stimme fragt. der zeiger der uhr lebt. er kreist um den kopf dessen, der spricht. ich lernte, ihn nicht aus den augen zu lassen. sein werk ist in mir. nach einer stunde nicke ich lächelnd, drücke den rechten knopf des gerätes. der mensch verstummt, erhebt sich und geht. der film ist zu ende. ich sehe acht filme am tag. ich mag am abend nicht fernsehen. ein tisch zwischen uns trübt mein auge, alles um mich verliert farbe, wird grauweiß. ich mag keine tische zwischen uns. stelle nicht immer wieder tische zwischen uns! sage nicht, wenn ich dir gegenüber sitze, können wir uns besser sehen. viel platz um mich macht mich haltlos, und nur meine fingerspitzen können noch fühlen, leben oder traum. ich bin in meinen abgrund gestürzt, doch ich lebe. auf den wänden um mich gaukeln bilder. wenn ich nach ihnen greife, berühre ich stein, nichts als stein. und du stellst tische zwischen uns.

er sagte: wenn du den tisch mit der axt zerschlägst, werde ich gehen. warum sollte ich den tisch mit der axt zerschlagen? was bliebe, wenn ich zerschlagen würde, was mich von mir trennt? er ging durch die tür. ein stück holz drehte sich in der angel und wieder habe ich den einsatz verspielt. wieviele einsätze noch? bis ich nackt stehe und - spiele um mein letztes leben. ich berührte mit den händen das holz des tisches. ich legte meinen kopf auf das holz, und meine brüste, und meinen schoß, dann kam die angst, daß der wurm aus mir kriechen könnte und es zerstören.

ich bin ein gesellschaftsmensch. ich war von montag bis sonnabend krippenkind, ich ging in den kindergarten, ich war in kuren und in kinderferienlagern, ich war im hort und in den ferienspielen. ich sitze gern auf dem klo. wenn sie klinken, sage ich: moment noch! und sie müssen warten. ich habe einen menschen gesucht. ein spiegelbild antwortet nicht. ein spiegelbild ist glatt und kalt, wenn ich es berühre. und es antwortet nicht. frauen antworten. aber sie haben keine breiten schultern und schmale hüften. sie haben keine haare auf der brust, ihre stimme ist hoch und die wölbung im schoß fehlt. frauen bekommen keinen glanz in den augen und ihr atem bleibt ruhig, wenn ich mich an sie lehne. ich suchte nach männern. es gab männer, die ließen meinen kopf leer. es gab männer, die ließen meinen bauch leer. kopf oder bauch war der luftballon, der mich von ihnen trug. manchmal, wenn ich schwer lag, bauch und kopf gefüllt, wie stein so schwer, und ich nur mühsam die augen öffnen konnte, sah ich: er war der zeppelin geworden und davongeflogen. und wieder begann die wanderschaft. als meine schuhe löcher bekamen, schenkte mir ein knäblein ein kartenspiel und sagte: wenn ich aufbreche, wirst du schon weit gegangen sein.

als gegen die müdigkeit auch keine marschlieder mehr halfen, wurde der kilometerstein mein tisch und das gras um ihn stuhl und bett. ich mischte die karten, legte sie auf den stein und wartete. kam ein mann die straße entlang, hob ich die oberste und sah damen, siebenen, könige. ich wollte den herzbuben. der war groß und schlank mit schelmischem gesicht in schwarzem, gelocktem haar. ich rief: dich nehme ich! er verhielt im schritt, er trat zu mir, setzte meine knie vor seine füße, legte den kopf rückwärts in meinen schoß, sagte: ich mag das abenteuer. ich preßte meine lippen an sein geschlecht, er an das meine, und wir wurden zum rad, das straßen des lebens hinauf- und hinabrollt. straßen dieser erde enden. es war sein rücken, der den grenzdraht berührte.



vor dem fenster schnee
"ich bin nicht wegen dir zurückgekommen." hatte er gesagt. sie hatte wortlos den tisch abgeräumt. sie war an den abwaschtisch getreten. er trat in die tür; "wasch dich", sagte er leise. als sie ins zimmer trat, stand sie verunsichert. es war rötlich, fremd. er wühlte den kopf in ihren schoß, als ihr atem schneller ging, lehnte er sich zurück, stand auf, zog die roten vorhänge zurück. sie schloß die augen, "ich lernte eine frau kennen, aber ich liebe sie nicht." sie preßte die knie zusammen. sie fühlte, diese frau war sie. er dachte an eine, ich weiß nicht, warum er aufgestanden war, als sie aufstand, ging. vielleicht wollte er die grenze nicht erreichen. vielleicht ließ sie ihn neben sich, weil er ein fremder war und wieder abreisen würde. er hatte über grenzen gewollt. er war bis in diese stadt gekommen. vielleicht hatte sich der himmel blau im fluß gespiegelt. er war durch cafés geschlendert, hatte nachts blumen gekauft, kaufen können. vielleicht war ihm, als hätte er nur das gesucht und/oder irgendetwas hatte ihn an diesem mädchen interessiert. daß sie tänzerin war, erfuhr er später. daß sie tanzen konnte, fühlte er, als er sie umarmte und sie sich bewegte, als empfände sie musik. als er sah, daß sie zwischen den häusern mit derben schritten lief, war ihm, als ob es zu den geräuschen der straße paßt.
ihr mann war ein krüppel. er war querschnittsgelähmt oder die beine fehlten, sie tanzte selten vor ihm. sie strich ihm oft übers haar. wenn sie ihn ins bett legte, hatte sie angst, ihr lächeln könnte zu einem grinsen erstarren. "ich hätte mit ihm glücklich sein können." sie sagte sich diesen satz täglich, um sich schuldgefühl und kraft zu geben.
ich glaube, ein auto war ins schleudern gekommen. sie war zu ärzten und in die kirche gelaufen, um alles getan zu haben, daß er nur "irgendwie" überlebt. vielleicht hatte sie, als er aus der klinik gerollt war, mit zusammengekniff-neren augen in den spiegel geblickt, wenn sie die beine über die arme schwenkte. sie hatte frau und tänzerin sein wollen. sie durfte nur tänzerin sein. der, der auf sie zugetreten war, ohne sie tanzen gesehen zu haben, hatte einen stoppeligen bart, ihm fehlten zähne. doch wenn er sprach, war es, als käme seine stimme von inseln. das meer umrauschte mich. doch ich blieb auf der klippe stehen. sie hörte die stimme in jener abgelegenen stadt, in der ich später war; als ich mich im café erhob, folgte mir niemand. ich hätte in die ballettschule gehen können. ich hätte ihre eltern suchen und irgendwo finden können. ich wollte ihnen sagen, daß er nicht schuld gewesen war, weil ein ertrinkender nach allem rücksichtslos greifen muß. doch ich war mir nicht sicher, ob ich nicht nur neugierig war, etwas über eine frau zu erfahren, an die er nachts gedacht hatte, wenn er englisch in die luft gesprochen hatte. er hatte ihr geschrieben. sie hatte nicht geantwortet. er schrieb wieder. ein brief. als er ihn gelesen hatte, war er bleich. ich weiß nicht mehr genau, was ich fühlte, als ich es erfuhr. ich war erschrocken, daß ein mensch tot ist, ich fühlte, daß es den eltern weh tat, ein kind verloren zu haben, mir tat der mann im rollstuhl leid. aber ich fühlte auch rechtfertigung dafür, daß ich mich von diesem mann hatte zerstören lassen, bis ich sagte: "nimm das nächste mal mehr tabletten."

ihr vater bedauerte, ihn nicht vor ein gericht stellen zu können. der anblick von schnapsflaschen, zigarettenschachteln, sein leeres brotfach beruhigten mich, "der lebt sich kaputt." meine hände waren an seinen hals geglitten, doch ich sagte nur: "nimm das nächste mal mehr tabletten, wenn du es ehrlich meinst." er wollte mir nichts beweisen. er sagt jetzt, er sei zu alt geworden, sich mit ruhigen händen zu töten. ich behaupte, daß er jedesmal unruhig war, wenn er es versuchte, als wollte er nichts als einschlafen, eine prinzessin kommt, küßt wach, dornen fallen, ein märchen beginnt. er bestreitet es. aber er lebt.
ich weiß nicht, warum die andere frau sich umbrachte. vielleicht schämte sie sich. vielleicht konnte sie nicht mehr tanzen, wenn es ihr war, als schaue er ihr zu. vielleicht sehnte sie sich nach ihm, der neben ihr gewesen war, als verschnaufe er nicht nur auf einem weg. der weg führte ihn zu mir zurück, "ich bin nicht wegen dir zurückgekommen. ich habe deinen ring beinahe verkauft. ich lernte eine frau kennen, aber ich liebe sie nicht." vielleicht hatte er eine blüte auf der straße gefunden, vielleicht brach sie eine blume vom beet, sie tauschten, das zeug verwelkte. vielleicht verstand sie es als symbol. vielleicht war er glücklich neben ihr gewesen, er kannte den abreisetag. er hatte angst, das, was zwischen uns war, könnte bleiben. er schrie mich an "geh!" flüsterte "bleib." ich ging ratlos. ich ging heimlich tanzen. ängstlich, er könnte mich sehen. sie tanzte, aber es störte ihn nicht. wenn er in einem café aufs klo verschwand, starrte ich auf türen, er könnte abhauen. wäre er aus dem klofenster gestiegen, hätte ich ihn irgendwo gefunden. er hätte gelallt, "du bist schuld, du ließt mich allein!" absurd. ich weiß nicht, ob ich ihn liebe, wenn liebe anderes ist, als unruhig zu sein. als irgendeiner fragte, ob ich ihn heiraten wolle und als er schön war, und als er geld hatte, und als er wußte, was sich bei einer dame schickt, blabla, sagte ich: "ich möchte für dich tanzen, das ist wahr, ich bin gebunden", sagte ich und stieg mühsam die treppe hinauf. ich hatte angst, er könnte hinunterspringen, und ich mir ein leben lang vorwerfen, ich hätte ihn aufhalten können. ich wollte ein kind von ihm. nicht weil ich ein kind wollte, nur, daß etwas bleibt, wenn einer tot ist. manchmal krümmte er sich vor schmerzen, einmal spuckte er blut. ich wollte kein kind von ihm, ich hatte angst, er wäre nicht mehr gesund. als wir zum theater rannten, japste ich nach luft, er nicht. es wunderte mich, es überzeugte mich nicht. war ich allein bei freunden gewesen, fragte er, ob sie mich angefaßt hätten, er hätte es ihnen verboten. er selbst berührte mich jahrelang nicht zwi-schen den beinen. manchmal lagen fremde haar-span-gen in seinem zimmer. ich fragte nichts, streichelte mich selbst. manchmal nahm ich einen mann zu mir, doch wenn er im zimmer stand, hatte ich ihm nichts versprochen als eine tasse tee. manchmal ließ ich es über mich ergehen. auch wenn ich die augen schloß, war der andere nicht er. manchmal nahm ich abschied von ihm, streute lametta ins zimmer, häufte verkohlte streichhölzer auf weißes papier. doch wenn ich die wohnung verlassen hatte, war ich unruhig, eins der aschekrümel könnte nicht kalt gewesen sein. er schlug mich nie. einmal warf er sich auf die knie, "töte mich gleich." vielleicht hatte ich ihn nach seiner lieblingsfarbe gefragt. meine verachtung entschädigte mich für meinen haß: er hatte gesagt, es wäre nicht wichtig, was er wolle. ich tat, was ich wollte. ich verschloß türen, schloß sie auf, kam und ging. einmal stand er mit hängenden armen und fragte mich, ob ich ihn für einen idioten halte. ich schwieg. in meinen träumen war er nicht anders. ich hatte keine hoffnung. er ging täglich um vier ins café, um sechs in die kneipe. an zahltagen bezahlte er schulden. "woher ist das geld?" - "nicht geklaut." ich schluckte beruhigungstabletten. ich fragte mich, was leben für einen sinn hat. er trank, ich flüchtete in arbeit. ich ging nicht in cafés, aber ich stand halb fünf auf, turnte, duschte, frühstückte, ging pünktlich zum dienst, bügelte auch unterhemden, nahm jeden abend ein fußbad, feilte fingernägel, bürstete das haar. ich gab mir zu tun. ich las mir das daudsching vor, übersetzte mir eine moral, in die ich mich zwängen konnte. ich hatte angst vor leere und chaos in mir. ich ermunterte mich fast stündlich wie ein gebet: "alles fließt." als könnte sich das um mich sich ändern oder ich mich. um nicht alkoholiker zu werden, ließ ich mich keinen alkohol trinken. ich rauchte nicht. aus angst eine nutte zu werden, ging ich zu keinem mann.

es war fast so. ich vertraute mir nicht. wie er. "ich hatte angst um dich", sagte ich. er: "es wäre schön." es klang bitter. und ich sagte wieder: "ich habe angst um dich gehabt." - "es lohnt sich nicht." ich war unsicher, ob ich ihm glauben sollte. aber ich hatte begonnen, mich zu schämen, wenn ich aus anekdoten- und episodenerzählungen schutzmauern baute, wenn ich unter menschen war; ich begann, mich zu überreden, die menschen zu verlassen. ich hatte mir nichts zu sagen. die sehnsucht in ein haus zu treten, "stopft mir die leere zu", tat körperlich weh. ich lebte neben ihm, ich lachte selten, ich verließ die stadt nur allein. ich bettelte nicht mehr. "wo bist du hartköpfige frau?" fragte er nun, und ich weinte, weil ich zu allen hart und widerspenstig sein konnte, aber nicht mehr zu ihm. ich suchte rechtfertigung für mein zerstörtsein, ich wünschte, er wäre ein dichter. ich strich verszeilen in seinen texten aus, fügte worte hinzu "tausend bunte scherben/ verklungen sind die lieder/ klein und ängstlich wie wir sind/ stehen wir da im nackten hemd/ unsre hohen seligkeiten/ aufgebaut aus hohler hand/ sind vergangen angefangen/ und am rücken liegt die wand." manchmal lese ich einen text, der im zimmer liegt, denke, das ist wieder sein schrei, - die worte stimmen, doch unter den texten steht whitmann oder baldwin. "sie sagen es besser", sagte er, kurz später erzählte er die kürzeste david-geschichte, "es hat längst begonnen, sagte die stimme. ja, sagte david. man müßte es den menschen bloß sagen. bloß? fragte die stimme und begann zu lächeln." ich lächelte ratlos. "in der tat ist mein heute vergessenswerter als mein vorgestern welches mein morgen sein könnte trotzdem weiß ich glaube ich daß die zärtlichkeit die ich heute zu geben vermag tatsächlich die gute ist; die stadt ist gleich mir siebenhundert jahre schwer und somit liegt in meinem jetzigen handeln die haßwurzel des morgen und gestern, ein blatt reißt sich los aus der wirrnis und klebt sich zu allzuschwer ist die glasähnliche hoffendlichkeit die in mir vor jahren zerbrach die ordnung die ich zu erstreben suchte gibt sich zu erkennen als faust die meinen nacken bricht mit idioten zuviel über die weltrevolution geredet wo bist du hartköpfige frau die mich mein bestes geben macht für sich und andere kindlichem spiel entfiel der ball ich mühte mich an heutigkeiten und erreichte ihn nicht. traum traum traum zeit einsamlich/heimlich mir ist kalt kalt mit ganzer kraft werfe ich mich gegen die tür die in meinem kopf zum aufgehen knarrt ein kleiner tod ist immer zur hand sicher schatz sicher

du wolltest, daß ich schreibe." ich war ratlos. aber ich erwartete nicht, daß er mich kurz später aufsuchen würde, um mir zu sagen, daß ich ihn nie wiedersehen werde, weil er etwas tun werde, wofür er sich schäme: irgendeine frau nehmen, sie schwängern, heiraten, eine dusche hinter das klo bauen, einen kühlschrank kaufen, einen fernseher. ich sagte: "zu dieser art leben gehört eine geliebte."



puppen über mich
meine brille lag auf gläsernem tisch. sie schminkten die haut weiß, die augen blau, die lippen rot. er trat ohne brille auf die bühne, "ich bin traurig, wenn sie nicht lachen, töten die mich." er setzte sich rittlings auf einen stuhl, "ich steige vom stuhl, indem ich aufstehe. also ist morgen." er legte die hand hinters ohr. sein gähnen blieb ohne echo, "als wäre ich allein." seine arme kreisten, "ein bißchen frühsport", als kreise nicht er sie, das blauweißrot zeigte angst, "aus! der schalter! der schalter!" seine hände kreisten an den armen. er beugte das bein, den fuß bauchwärts, "aus, aus!" er strauchelte. arme und beine stürzten nach vorn, fingen ihn auf. er formte den mund zur sichel, beklopfte mit fingerknöcheln den brustkorb. der kopf senkte sich schräg, als lausche er. die schultern schwangen wie flügel, " möglich ein wackelkontakt. zerwackelt! ruhe." er duckte sich, "doch die welt lebt verkehrt." er schob kopf und hände zu einer art dreifuß auf hölzernem boden, hob die beine in die höhe. der dreifuß kippelte, "so aber fehlt mir der überblick." er blinzelte entlang der dielen. "ich fühle mich seltsam allein." er streckte die arme, als wolle er den kopf heben. er fiel auf den rücken. es knallte laut genug, er mußte den schmerz nicht spielen. "keiner tröstet mich." er buckelte einen ast aus der schulter, "auch thusnelda verstopft ihre ohren." die schultern zuckten zurück, die oberschenkel nach vorn, "thu! snel! da! warum lacht ihr nicht?" seine stimme kreischte, "soll ich dich peitschen, bis du lachst?" seine hand glitt drohend zum hosenknopf. doch der kopf verkroch sich zwischen den schultern, zog den rücken krumm. er hob abwehrend die hände, "nein, nein, auch dieser stock würde schlaff. der mich noch stützt." er hob die augen, als sähe er gebückt in ein gesicht, "diese augen aber saugen mensch aus mir." er brüllte, "miau wau kikeriki mu ia!" während er die schenkel leicht spreizte und den bauch nach vorn und hinternwärts stieß. bis die beine den schwung nicht mehr abfangen konnten. als er den kopf hob, lief blut über lippen, kinn, brust. er taumelte auf. er sah sich unsicher um. er wiederholte, "vorwärts und nicht vergessen, ich bin doch ein mensch." murmelte er, versuchte das blut in der hand zu sammeln, warf es sich ins gesicht. das blauweißrot verschlierte. sein kopf sah aus wie eine faulende wunde. "dä mon", fiel er in staunend hysterisches entzücken. er reckte den finger zum scheinwerfer "nein!" stampfte er auf, "es ist sonne. sie bescheint mich. ihr aber sitzt im dunklen." sein gesicht erstarrte wie der blick, nur die zunge schien zu streicheln, "ich könnte so hell beschienen euch doch gar nichts böses tun!" er sah sich um, "ich darf nicht hinuntersteigen und euch kitzeln!" er stieß die finger unter seine rippen. er winselte: "hohohohou!" er fuhr mit dem handrücken über seine stirn, "wollt ihr euch entspannen wie ich mich, gebe ich euch ein stück maske ab!" er streckte die hand, "denn der teufel steht vor der tür! er soll mich durchs höllentor schlingen. denn mir ist kalt hier auf erden als auch im himmel feuern nur kronen und heiligenscheine mich nicht aus erstarren." die stimme verlor pathos, "erstarrt sein wie ihr. keiner lacht." - "so allein will ich nicht sein." er schlug mit der faust gegen seinen kopf, " das gehirn spalten." ein mundwinkel glitt tief, der andere aufwärts. eine hand glitt zur anderen, sie schüttelten einander, "endlich fühle ich menschliche wärme." er sang wie einer, der nicht singen kann, mit bekannter melodie und doch ohne. er ordnete sich, "ich war einstmals kind. wenn ich kichern oder lachen hörte, huschten mir die augen hin und her, ob sie blicke träfen, die verwunden. doch ich war graugrau", schrie er auf, "ihrer lachwut gar nicht wichtig genug", sprach leiser: "wenn ich jetzt zwischen sie träte, würden sie lachen oder erschrecken, wenigstens ein kind würde lachen! keiner fürchtet sich mit mir!" sein blick kletterte am vorhang. der stoff hielt ihn, bis er hoch genug war, "abzustürzen, totzusein oder einer lacht, vögelchen, vöglein an der wand, wer ist der beste fligger, flieger im land?" würde einer im publikum lachen, die tür würde sich für ihn öffnen, er wäre frei. möglich, er dachte so, doch er stieg dem blick nicht nach. "welche frist habe ich noch? fris" das kreuz von frist. es stütze meinen gang. wenn meine füße den boden nicht mehr berühren, habt ihr mich hoch genug gezogen!"er pustete, "gestank? zerfall! zwischen diesen mauern."er schnodderte, "häng ich am galgen, weht euch schon am morgen ein knochen am fahnenmast!" doch "verzeihung", sagte er ernst, "ich drohte ja mir. ich muß, um überleben zu können, euch erheitern, und weiß nicht wie. sie sehen, wie traurig und ängstlich ich bin." die farbe verschlierte, "und lache." sein körper rang gegen das kichern, japsen, kreischen. es warf ihn zu boden. doch als er die knie zum bauch zog, sich aufzurichten, schlug sein lachen wieder ins zucken. er lachte einsam. "sie lachen nicht!" er erhob sich mühsam, blickte irgendwohin, "möglich es ehrt sie!" diesem blick torkelte er nach.



als ich den aufschrei vernahm, ich lebe
schmerz. bild, bilder. bildverdichtungen. das fühlen: wie erinnerung, das war doch, und ich war dabei. ich öffne die augen und sehe in gewesenes wie gegenwärtiges. ich bin im traum, mit wissen im traum zu sein, aus ihm ins erwachen zu fallen bis zum sturz aus dem schlaf ins wachsein. schmerz. schmerz, der nicht weckt. traumschmerz. kein raum um mich bleibt, die zeit tollt. wie nur im traum, und schmerz und kein erwachen. und kein erwachen, denn ich schlafe nicht. ich sage zum fuß: taste. das bein streckt sich. der fuß berührt. er berührt haut. er fällt in die wade. das schoßloch frißt den fußlosen schenkel, der erschreckt vom aufschrei, aus angst richtung bauchhaut floh. was ist das? bildentwurzelung? wie ein albtraum.

doch ich weiß, dieser ist vom schlaf gemacht und lache: weißt du noch, nur den körperlosen begrenzen nicht mauern, moral oder geld. traum. traum im halbschlaf, denn ich bin regisseur. ich sage: wasser steige nicht mehr! doch das wasser steigt. doch wasser ist naß. erinnere dich: wasser ist naß. dieses wasser ist nicht naß. mein zimmer ist nicht rund. da muß ein fenster hin. dort schwamm ein wasserfleck. wer hat blumen gebracht? aber ich war aufgestanden! es war grau vor dem fenster, als regne es. es war ein jaulen in der luft, als stürme es. vielleicht hatte es geregnet, gestürmt. vielleicht war es am tag vor dieser nacht. oder ein tag im traum. der endet. ich öffne die augen, als öffne ich sie. ich halte die hände vor sie und verblinde in licht. nichts als licht. es war doch düster vor dem fenster, als ich erwachte und aufstand. nur licht. und dieser schmerz. geflimmer zu bildern, doch der schmerz bleibt: schmalspitze schuhe drücken meinen fuß. wenn meine hand nach ihnen greift, ballt sich die faust, dort, wo der schuh sitzt, zu eng an meinem fuß. das ist wahnsinn. wie lang ist ein traum? ich verrückt? das habe ich nicht geahnt. ich meine: daß das so plötzlich - und daß ich nichts tun kann: denn ich will doch sehen, hören, fühlen, keinen besonderen tag, einen gewöhnlichen, dunklen, sonnenlosen. dieses dunkel? diesen lärm? diese helle? hölle. ich bin verrückt. verrückt. helft! nein. beruhige dich. es ist ein traum, nichts als ein traum. der wecker wird klingeln. glaube es mir. du stellst immer den wecker, bevor du dich schlafen legst.

und die schuhe? schuhe im bett. nein! das ist ein traum. ich habe darüber nachgedacht: ich bin tot. wenn einer, der im nichts ist, tot ist. oder im wahn. ich weiß es doch nicht. ich erwache wieder und erinnere mich, geträumt zu haben, ohne mich an träume erinnern zu können. erwachen, und doch im dunkeln bleiben. und keine stimme hören als meine. tonlos. oder: tonlose stimmen aus teigigen köpfen, denen ich namen gebe und gesichter forme: blond, hier fehlte ein eckzahn, das kinn war schmaler. wenn ich mich richtig erinnere, war ich am morgen auf die straße gegangen, in das dunkle, laute, es hatte ein blitz geknallt: hell und heiß. wenn es wahr ist, bin ich in ihm verbrannt. tot. wahnsinn? ein in lauge schwimmendes gehirn? ein zwischen sternen taumelnder wulst von gefühl und verstand? wahnsinn endet im sterben. oder in wiedervernunft. das hirn in lauge verfault nach dem stromausfall. wenn sie es in computer eingebaut hätten, wäre es mit eigenem willen wie ein stein im getriebe. und wenn ich tot bin und "tod ist nur wechselpunkt zwischen verschiedenen leben" nicht nur ein tröstender satz war? die antwort nutzt mir nichts! sage ich. denn ich weiß keine antwort.

und wenn krieg? die kinder tot, der mann, die bäume. sie wären bei dir. sie flössen dir zu. das weißt du! nein, es war ausgedacht, gegen die angst. aber du hast gewußt: ich sterbe in nichts. und du bist. anders, aber doch. werden sie zu mir kommen, wenn das holz vom sarg zerfällt? sarg? särge in diesem krieg. trennt stein? oder sie leben? weil du sie liebst? du? nein, ich. ich liebe sie. warum trennst du dich von mir? bin ich nicht einsam genug? ich wollte leben. begann der wahnsinn so früh? ich bin tot, weil ich leben wollte? weil ich das gefängnis bereits als sarg sah, obwohl in ihm wärter sprechen, licht durch gitter fällt.

falls eine bombe fiel, bin ich schuld. ich konnte nichts tun. hätten sie mich gefragt, hätte ich gesagt: baut bombenfresser, werft in ihrem schutz die euren hinein. angriff ist nicht die beste verteidigung, auf dem schachbrett stehen hölzerne figuren. sie fragten mich nicht. ungefragt sprechen ist nicht antwort geben, sondern ideenverbreitung. ideen sind wurzeln im erdreich. sie werden ausgebrannt. sie könnten zum baum treiben, wo eine rollbahn geplant ist und menschen sich um ihn stellen: wir wollen ihn schützen. ausgebrannt werden, ohne mann, kinder, blüten zwischen grau vergitterten fenstern leben müssen, ist das nicht sterben, bevor eine bombe fiel? ich habe gelebt, bis ich verbrannte. wäre ich ins gefängnis gestorben, hätten umlebende märtyrerallüren bewundert, beneidet, verspottet, beschimpft, in den spiegel genickt: der kampf gegen waffen tötet. ich rechtfertige mich: ich habe kinder geboren, "das ist mein friedensdienst und wenn ich der nachbarin zulächele, bis sie zurücknickt: "leben macht spaß."hätte ich militärs erschießen sollen? das gewehr in der hand, soldat gegen armee?

weißt du noch? die kinder blicken zu deinen brüsten. die schwarzsträhnige hockt auf deinen beinen. der haarlose kuschelt in deinem arm. beide lüstern nach milch. erinnerst du dich? das wasser spritzte über den wannenrand. du erinnerst dich? es quält dich nicht? willst du es noch immer nicht glauben? falls sie leben, bist du tot! wenn ihr vater tot ist und deine mutter, sind sie allein. oder zwischen fremden menschen allein. und du bleibst ruhig? was ist in dir? daß du angst abwehrst? weißt du noch: es wurde dunkel, er kam mit den kindern nicht zurück, und du littst, weil du die unruhe nicht festhalten konntest. wirf den knüppel: wenn kinder sterben fließen sie in die eltern zurück - der urgeist mit dem ganz dicken bauch ist gott - ich trage leid wie schuld ab - damit mich ein größeres unglück nicht trifft, wirf ihn weg! angst braucht ungeschütztes. du wolltest ohne furcht leben, wie manche eltern ohne mißratene kinder, nichts blieb, sie hatten den raum doch gefüllt. nirgends hochsteigen, nicht abzustürzen, kopfschüttelnd den satz wegschnippen: er hatte angst zu fallen, deshalb sprang er! nur manchmal - im abwasch ein wurmgesicht; geschirr bricht zu boden. der knall hallt: das bißchen zeit leben.

unbenutzt verkümmern nerven, da hilft nur der stärkere reiz: laß mir den schnaps, den horrorfilm, ein bißchen gruppensex. werft eine bombe! - das habe ich nicht gesagt, nicht gedacht. ich bin mutter. mein vater starb oder ging fort. ich sage: er ist tot. weil meine mutter ihm nicht nachging, und doch sein gesicht zwischen holzleisten klemmte, briefe bündelte, gespräche zum fernsehgrau führte wie zu ihm. wenn er lebt, ist er ein anderer. er nahm die mutter aus der frau, die er zurückließ. haßliebe zerstörte ein kindergesicht, es schminkte auf die narben erwachsenenmimik: ich zeig euch kein weinen. und alles umfloß mich, als bewegte ich mich, wie immer im kreis. das karusell hielt nicht. es war die erde. schlafen, schlaf, bis sie sich nicht mehr dreht: gut fest gut steht.

fragen sind labyrinthteile, eingang zur hölle. teufel werben: die wahrheit könnte dich wahnsinnig machen. aber wahnsinnig geworden, hättest du die wahrheit gewußt. die engel nicken: pein noch vor dem sterben! wir aber helfen euch zum paradies auf erden: der blaue oder der gelbe pullover? wie wird das wetter? schnitzel oder leber? gibt es wirklich beides? folgt eurer neugier nach, bis der rotabspulende faden stockt. den sie verteilten.

in meine müdigkeit kuhlt sich wieder der satz. ich hielt die ohren zu, er drang durch die haut. die worte nur: gewehr in der hand. und wieder sage ich zu den fingern, die sich verkrampfen wie um einen waffenschaft: du spielst den anfang der geschichte: es war einmal "ein gewehr in der hand" gegen den mann, der den hammer gegen den kinderkopf schwang, der auf den wind giftkörner streute, wie im märchen: du bist der gute gegen den bösen. nur: erst sind die worte, die handkrümmung wie um ein gewehr und dann: die erklärung. die fremden kriege rekeln sich in träumen: wenn menschenähnliche menschen jagten, sagte ich: "mama" und ihre verwandlung begann: die menschmaske fraß sich in ihr fleisch. als ich "wandle dich" sagte und menschenähnliches zerbrach in ein hexengesicht, war ich zu jung. ich stolperte, ein kind im arm und ohne brust, nur angst und zärtlichkeit, legte es doch hinter einen busch, sprang und landete, das hatte ich nicht für möglich gehalten. "dorthin!" wieder fürchtete ich den lockenden hinweis über bodenlöcher, aus stützenden stöcken knallen kugeln. doch dort knarrte wirklich ein tor. und stand ein soldat vor ihm, sagte ich: mach mich zu einer frau, bevor du mich tötest. er schoß in den noch zuckenden bauch. und ich ging in den laden, kaufte tüten mehl und gries und fragte und riß die augen auf: mutter, die flugzeuge, hör, es ist krieg.

ich war für momente wie zurück in der welt. zwischen kubenfelsen mit höhlenlöchern schnitten wurzellose, in der sonne blinkende blüten in das schuhlose fleisch. ich gab meinem kind meine füße zur sohle, lief mit ihm. doch das schützte es nicht vor der pistole, die einer im vorbeigehen an seine stirn hielt, abdrückte, "ist nicht geladen." mein kind lachte, berührte grüne halme, glasblüten, den kotflügel eines autos, ein mensch schlug ihm auf die finger: "meins." ein mensch weinte, rubbelte am hosenstoff, der flecken hatte, er hatte angst vor seiner mutter, legte das gewehr nicht ab. "ich schaffe es allein", sagte ein mensch, ruckte den mülleimer zum containerrand, kartoffelschalen klitschten zur erde. ein mensch zeichnete ein hakenkreuz zu einem fenster, mein kind nannte es: hatschiblume. und stolperte zum menschen, der torte verschlang. der mensch gab ihm das cremeverschmierte papier. mein kind leckte es ab. ein strumpf schlängelte auf der straße. es gibt nicht gott. es gibt götter. sie sind auf der erde. gebet und gebot reisen kurz: laß mich ins kino! wisch erst die treppe! umarme mich! grüß die alte nicht! der frau mußt du die hand geben! ich gebe dir gleich eine ohrfeige! sonst kriegst du keine schokolade! gib mir ein stückchen! ich schrei sonst! sonst streichele ich dich nicht. ich war mutter, eine der götter am boden der machtpyramide.

zerschlag die ummauerung nicht! angst lauert. du hattest gefühlt: empfindsamkeit und leiden. nehmt messer weg, brettert fenster zu! oder - du wähltest die gleichgültigkeit. du fügtest zur wand: das ist nicht wichtig, es ist egal, ich will nur, was ich kann. phantasieleben schmerzt nicht. doch phantasie verkümmert eingezellt oder wuchert zu wahn. "wahn macht einsam wie angst!" rupfte vernunft sprößlinge aus, verletzte wurzel phantasie. du haßt jetzt die leere in dir, als wäre sie die bombe gewesen, falls eine fiel. doch kein mannarm, keine kinderhand, keine tablette kann dich mehr über dem abgrund festhalten, in den der boden brechen kann, wenn du angst in dich läßt.

du warst nicht gleichgültig. du hast den bauch, in dem ein kind war, gekost, nicht geraucht, nicht getrunken. gingst dem mann entgegen, statt auf ihn zu warten... du warst unzufrieden: ein tag ist vorbei. ein haus voller kinder, ein kämmerchen mit bloßem arbeitslicht, rumvagabundieren, du rangst um und gegen: alle leben in eins. keines wird ausgelebt. jeder tod kommt zu früh.

ich wollte ein tier werden. ich sah zufriedener durchs gitterfenster des wohnkellers, "ich bin ein trächtiges muttertier." ein jungtier turnt auf ihm. das muttertier grunzt, brummt, knurrt. das jungtier rutscht ab, krallt sich ins kopffell der alten. das muttertier schreit, zerrt das kleine am haar. das junge greint. das alttier schlingt seine pfoten ums wimmernde und drückt es an seine titten. die wölfin preßt ihr junges aus dem bauch in weiß. die äffin hob den säugling zur brust. zwei ferkel lagen an den zitzen der sau. als ich tier war, fühlte ich mich nicht allein. ich verschob zu leben nicht auf den kommenden tag, zerstückelte die welt nicht in modelle, zerbröckelte mein ich nicht, daß es in diese paßt. während ich tier lebte, wurden von menschen waffen gebaut.

hätte ich gewußt, daß es diese art weiterleben, in dem ich zu sein scheine, gibt, hätte ich episoden durchlebt, um erinnerungskisten zu füllen für phantasiewelten. hätte ich geahnt, was jetzt um mich zu sein scheint, hätte ich nicht mantutmanläßtsätze gesagt, um die kinder für die zukunft zu erziehen: damit euch die norm nicht ausstößt, damit ihr die norm verlassen könnt. in ihr wärmt gedrängel, drückt brust eng. hinaus: atmet! hinein: wärmt euch!atmen, wärmen, atmen... ich hatte angst vor erfrorenen kindern.

dieses papierzeug wird verbrennen, steine werden bersten, eisen glühen. nein! kinder werden verbrennen vor eisernen luken der steinernen bunker, in denen papierprojekte sind. ach, hätte ich kinder aus papier.



kein tagebuch. ich hatte um papier und stift gebeten. ich skizzierte, ich zeichnete. eines morgens war der stift verschwunden. als ich um zettel bat, schüttelten sie den kopf. ich ritzte mit fingernägeln blümchen und sonnen in den kalk der wand. sie kamen mit kalk und einer schere. ich malte mit spucke blümchen in staub. im erinnern schrumpft die zahl der tage zu wenigen tagen. vielleicht waren es drei. vielleicht war der letzte der längste.

wir leben in feundlichem. das ist wahr. das kam so: es war ein gerücht, der erste könne den arm nicht bewegen. es plusterte sich auf: er lasse niemanden in seine nähe, sein gesicht zucke wie im schmerz. es falle ihm schwer zu sprechen. er wäre fast blind vor schmerz. er höre nicht mehr vor schmerz. er bewege den anderen arm, die beine nicht mehr vor schmerz, er esse nicht mehr vor schmerz. er tränke nicht mehr vor schmerz. er entleere sich nicht vor schmerz. er schlafe nicht vor schmerz. er lasse keinen arzt zu sich. einer hätte sich auf zehenspitzen genähert. als der arzt den ersten berührt hätte, wäre er umgefallen, als wäre er tot. die, die ihn berührten, wären umgefallen wie tote. einer schob sie mit hölzernen wäschestangen vom ersten weg ins nebenzimmer, falls er sie mit hölzernen wäschestangen vom ersten weg ins nebenzimmer schob. ich weiß es doch nicht. ich hörte nur: sie hätten nicht mehr gezuckt. als der erste nicht mehr gezuckt hätte, hätten sie ihn mit gummihandschuhen gehoben und in einen ledernen sarg gelegt. ich stand im fleischerladen, als einer sagte: gehacktes, doch nicht mit eisenspänen. als sie ihn abführten, begriff ich plötzlich, warum der busfahrer jedem die hand drückte, frauen mich auf die backe küßten, männer, statt die hand flüchtig zu heben, ihren arm streckten, um meine schulter zu berühren: ist die wirklich aus fleisch, knochen, blut?

eine hand fiel auf meine schulter, schob mich durch straßen, um ecken, durch straßen, durch ein eisernes tor in einen steinernen hof. ich stieg über steinerne stufen in ein steinernes haus. die fingerspitzen strichen über wände, als wäre ihre härte, kälte fremd. ich zog die füße auf eine hölzerne bank, legte den kopf auf die knie. der schatten war ein verbeulter, dunkler kreis.

ich hatte mich schräg auf den stuhl gesetzt. ich hatte hastig nach einer fremden schachtel gegriffen. ich hatte rauch eingesogen. ich hustete, ich drückte die zigarette derb aus. jeder konnte sehen, daß ich mich quälte. jeder konnte sehen, daß ich den brief an den nachfolder des ersten nicht unterschrieb.

nein, ich beantworte fragen nicht, die ich beantwortet habe. ich heiße, ich wohne, ledig, kein kind. ich weiß nicht. ich wohne. ich kenne x nicht. denn, ich weiß nicht wozu. wie heißen sie? wo wohnen sie? familienstand? wer unterschrieb? geschwister? wer ist x?

ein schacht hinter glas rahmte den himmel. ein fetzchen wolke war der zeppelin. der glitt davon. schritte hallten. der nacken duckte sich. entfernten sie sich, fiel der kopf zur brust. sprach etwas, was männlich klang, glitt der fuß zur tür, das ohr an die wand. ich aber senkte die augen. isch gam reen wissn se. s war olles so dustor drin. ooch de mänschn. se hodn groe gidl on, un düscher umn gobb. villeecht worn se miede, ober irre gsischtor worn grou. erscht zm friestick wordn se freendlisch. ober beem friestick soh isch ooch, daß irre hännde vergribbelt worn. s fehltn fingor, oder se worn vorgribbelt. isch dochte, isch treime. ober se hobms erglährt:
de setzpladde sängt sisch, wenn de knöbbe, beede hende missn drickn. ober do schaffn se de norm nisch. vorstehn se? do glemm se immer een knobb midn streechhölzern fest. de ondre ruggt donn noch. ober monschmo. isch wollte sou nisch orbeitn. obor wegn der norm, wissn se? aber mir ist nichts passiert. ich senkte die augen über die hände, als suchte ich farben. ich fürchtete mich, die haut zu verletzen, um ein bißchen rot auf grau haben zu können. sie könnten auf die blutflecke zeigen und erklären: die wollte schon immer sterben. als würde ich mich selbst ermordet haben.
ich fürchte mich vor dem erstarren des gesichtes wie zu einer maske, die grinst, als könnte die gefängniswärterin aus einem ehrlichen lächeln erfahren, daß ich ihr nachkommen bin und näher treten: " die schließerin blickte, als ich unter den nazis im knast saß, nie auf." doch die schließerin blickte nicht auf.

vielleicht hing ein klebstreifen von der decke. "hier werden fliegen noch angeklebt und müssen langsam sterben." ich konnte, ohne brille, das "vielleicht" nicht streichen.

merkwürdige gardinen. auch das bett aus metall. wenn ich die augen schloß, wurde es kälter. ich war froh, kein kind zu haben. ich hätte nicht schlafen können, vor angst, daß sein köpfchen zwischen die stäbe rutscht und sich dreht. ich sagte: wand, wand, wand, decke, boden, stuhl, tisch, klo, bett, das ist mir die erde. ich schöpfte wasser über den tisch, sah in dunkles mit strahlendem haar. ich erinnerte mich an lieder. als hätten motten an ihnen gefressen. ich dichtete löcher zu. ich tanzte. ich tanzte ohne musik. sie sagen "schön. aber der rhytmus ist falsch?" und ich lächele. "alles fließt", nickte ich, "durch nacht zum licht." wie wieder ein kind, schon ohne flügel, stand es auf spiegelndem glas, sah den himmel als abgrund. es hatte angst vor dem knacken des bodens wie ich, schlug die füße nicht zusammen, stand nicht stramm. ich wollte nicht zwangsernährt werden. ich wollte nicht nichts essen. ich aß, was sie mir gaben, auf. es wurde versalzen. sie knipsten unvermittelt den raum hell. die tür polterte ins schloß. es wurde dunkel. still. ich lag wach. eines morgens öffneten sie die tür. meine beine streckten sich, ein fuß schlug gegen den anderen, ich stand stramm. mein mund sprach den vorgeschriebenen text. vielleicht blickten die augen bestürzt.

ich wollte mich entspannen in ein paar grimassen, verrückten sätzen. ich sagte laut: ich spiele jetzt clown, oder: einen irren. als könnte es mich gegen unterstellungen sichern.

der, der mich aushorchen wollte, blätterte in einem hefter. möglich, es begann tag zwei. " aufregend, was hier steht, sie wissen, was ich meine?" - "darf ich gehen?" er nickte. eine hand war zwischen die beine geglitten, die andere zur brust, lippen hatten in der luft nach fremden lippen gesucht. als der körper noch gebebt hatte, hatte ich mich jäh kalt gefühlt, "du kannst ohne männer leben." nicht in dunkelheit krümmen, nicht in stille stöhnen, ein wärter lauscht. ich lag wie atemlos und fühlte kommen, nähern, ganz nah, ohne berühren. er hatte sich über den schreibtisch gebeugt. aus dem dunkel der zelle beugte sich sein gesicht. "du nicht!" mund, auge, ohr verblaßten. ich wollte form fühlen. ich sagte: die augen blau. doch sie färbten sich nicht. ich sagte: das kinn rund. doch es blieb zerwolkt. als dieser mann mich wieder zu sich bringen ließ, blieb ich in der tür stehen: "darf ich gehen?" er zögerte. nickte. ich zögerte. er sagte: ja. ich aber sah: der schreibtisch verdeckte ihn bis zum gürtel. sein hals war kurz.

er ließ mich holen. als wüßte er die antwort nicht, "ich weiß nichts über x", wenn ich mich an stäben nach oben ziehe, sehe ich nichts als himmel, der hat kein gesicht, seine stimme sind knalle aus düsen, manchmal greint er, als heulten sirenen. ich sog das äußere des mannes in phantasie, als verhüllte inhalt nur form. oder sein reden wäre maske oder verzaubertes. ich flüsterte: "liebe - erlöse mich!" sie klappten trotzdem das bett in die wand. ich setzte mich halbhintrig auf den stuhl, flüsterte ihm: wenn ein schenkel meinen arsch, pst, popofett dellt, weiß ich: wir spielen artisten, meine wade kreist über deinem kopf, oder mannfrau im zu schmalen zimmer, in dem ich die augen schließen, schnorchelnd atmen muß, um mich ab und zu allein fühlen zu können. nur unsere schultern stützen, rücken an rücken gelehnt, einander. "holen sie dich, würde sich mein rücken aus angst vor dem fallen ver." doch, möglich, der mann am rücken erklärte mir nur: "ich popele auch hier, wer popelt den nicht? sie popeln doch alle!" wir drehten die köpfe. wir sahen uns an. vielleicht kicherten wir. der finger lag an der nase.

der finger glitt in die nase, der finger glitt durch die nase, masken zu haken und rauszuziehn. sein gesicht zerfiel. ich sah nichts als ein fensterkreuz oder einen doppelten galgen. er griff nach einem x. er nagelte ihm hände und füße an. er formte aus dem tropfenden blut einen ring: "gold im abendrot," sagte er, griff nach meiner hand, die zuckte - die augen auf. ich wurde wach. ich lag allein. auch darin war ekeln. grau. vielleicht dämmerte es, wurde morgen. ich drehte die augen. grauen. ich flüsterte: "das ist meine erde." vielleicht begann tag drei: eine frau hatte sich auf eine matratze gelegt, die so schmal war, daß auch ein traum keinen mann neben sie lagerte. sie setzte sich nicht auf. sie hätte menschen sehen können, die menschen aus häusern stießen, die starrten vor dem sterben auf stein, sie hörte lachen schrill über schrei. manchmal wurde es leise. das fensterglas zitterte noch. oder "pengknall" das neue jahr.

begriff ich, daß ich blind war, lauschte ich bis in das ticken des körpers, als wäre in ihm zeitzünder tod. wurde ich blind, hängte sich der fuß aus dem bett, um den mund zu warnen, damit er noch röcheln kann: "ich kann unter wasser leben." das wasser könnte es glauben. das wasser floß aus eisernem rohr in ein eisernes faß, es floß aus dem eisernen faß in ein eisernes rohr. doch der fuß hing aus dem bett, um das wasser rechtzeitig steigen zu fühlen. die hand streichelte nicht die stirn, denn sie reckte die finger in die höhe. die fühlten die wärme nicht. falls eine lampe brannte, hing sie zu hoch. ich drückte mit fingerspitzen brot zu figuren, aß sie kurz später hungrig auf. wenn sie die tür öffneten, schob ich den fuß zögernd auf die stiegen. er sollte nicht in löcher fallen.

ich hätte nie blindsein auf der straße gespielt. blicke fremder menschen könnten verletzen. ich schlurfte wirklich blind zwischen häusern, die augen groß und sehnend: gleich, gleich, ich kann gleich wieder sehen. die zehen streckten sich, als könnten sie durch leder blicken. stolperte ich trotzdem, fiel ich in hitze und herzklopfen. die augen sahen in farbiges kreiseln. vielleicht hätte ich mich draußen in ein kino gesetzt, um stimmen zu lauschen, ihnen gesichter zuzudenken, auszuruhen im fremden. ich aber war zwischen wänden in einem schmalen hof. vielleicht hätte im kino einer auf meine schulter geklopft: "blind? wozu bist du hier?"

sehend war ich in ein kloster getreten. ich schlürfte suppe zwischen wänden, stuhl, tisch. das fenster war nicht vergittert gewesen. sein glas stützte blüten oder hielt sie fest. sie wollten mehr licht so wie ich, sah - blind - das gitter nicht mehr, "gott, laß mich die hunde verstehen. ihr bellen dringt zu mir." ich glaube nicht an gott. das scheint er zu wissen. kein vöglein setzte sich mit einer blume im schnabel auf meinen fuß, niemand ließ mich gerüche beurteilen, weil einer, der blind ist, da empfindsam ist, oder gab mir farben, "was aus denen auf papier wird, wäre kunst, wenn nicht harmonie der dissonanzen einem nichtanderskönnen entspränge." einen schnaps!

ich stand eines morgens vor eisernem tor vor steinernem haus, schächte verdecken die gitter vor den fenstern. ich sah nicht zu ihm zurück. doch ich sah wieder. ich sah in grau. grauen, dachte ich, x aufzuklären, könnte mir helfen.



was sonstso passiert. es klingelt. ein anonymer anruf, einer läge auf der straße, bewegungslos, ende. die polizei findet einen toten. nach drei stunden meldet sich einer: ich bin der mörder, weil - er hat meine frau verführt, vier minuten später behauptet ein zweiter: ich bin der mörder, weil - ich schuldete ihm geld. ein dritter verdrängt ihn: ich bin der mörder, weil - es war notwehr. der erste erschoß ihn, der zweite erstach ihn, der dritte erschlug ihn von hinten. der kommissar trinkt einen starken kaffee - keiner erschoß ihn, keiner erschlug ihn, keiner erstach ihn. die leiche hat keine wunde. in ihr ist kein gift. er grübelt. ihn stört das streiten der drei inhaftierten: ich bin der mörder. nein! ich! sie raufen. er steckt sie in einzelhaft. sie schreien: ich war es! am morgen können sie sich an nichts erinnern. der kommissar aber weiß: sie saßen zur tatzeit beim schnaps. sie tranken viel, sagte die wirtin: ich glaube, sie schlossen eine wette. sie rochen nach alkohol, erinnert sich der kommissar. an den grund der wette erinnert sich keiner. sie bezahlen die übernachtung im knast. sie gehen langsam nach hause, dort warten frauen.

wer aber ist der tote? keine papiere? gestohlen? kein geld? geraubt? erst der name des opfers, dann das motiv, dann der mörder, schlußfolgert der kommissar.

>die anwohner vom tatort hatten nichts gehört: es war fußball, sie schrien selbst. es war keine spur von einer frau an ihm. der kommissar durchblättert die akte: keine spur von einer kanüle. er beschließt auf die vermißtenanzeige zu warten. er hat zu tun: diebstahl und prostitution. aber ein toter ist ein toter. eine alte frau wird vermißt, ein kleines mädchen. aber niemand vermißt in dieser stadt einen herrn im mittleren alter mit glatzenansatz und hakennase. er hatte ein markantes gesicht, erinnert sich der kommissar. er kramt das leichenfoto aus und schickt es an die zeitung. keiner vermißt den toten.

die frau des kommissars erzählt am abend von tarnkappengeschichten. er hört ihr nicht zu. er ist müde. im traum erkennt er: der tote trug im leben eine tarnkappe. am morgen weiß er, daß er die lösung fand. er findet sie nicht. er raucht stark, zerwühlt sich das haar. er erinnert sich nicht. er besichtigt die leiche. er wundert sich, daß er befürchtet hatte, sie könnte verschwunden sein. diebstahl und prostitution. am abend zieht ihn die frau ins kino. ein phantastischer film, er resigniert. in der bar fühlt er sich seiner frau näher. in der bar versteht er auch, daß der tote kein mensch war, er war ein wesen von einem anderen stern. er betrinkt seine findigkeit, bis er den trinkgrund vergißt. am anderen morgen läßt er sich den sezierbericht geben. er versteht nicht, was ihn beunruhigte.

ich brauche urlaub, überzeugt er sich. sein chef glaubt ihm nicht. er schluckt seife, bis er fiebert. er hinkt. der, der den mordfall übernimmt, ist jung und verkriecht sich hinter aufklärung von diebstahl und prostitution, stellt der kommissar fest und wird wieder gesund. der tote bleibt registriert, die todesursache ungeklärt, er wird vergessen. diebstahl und prostitution füllen die stunden des kommissars bis zur pension. den ruheabend will er genießen. seine frau ist tot. er langweilt sich. er liest die bücher seiner frau. er geht oft spazieren und jeden donnerstag in die kneipe.

er sitzt beim bier und sieht starr auf einen herrn immmittleren alter mit hakennase und glatzenansatz. sie sind doch tot? stammelt er. tot? der fremde erbleicht. nicht sie! sie ähneln -. wem? wem? es war damals mord. und ich war der tote? nein, nicht sie, der ist tot. der fremde hört ihn nicht. sein blick ist hastet, bleibt an einer haarmähne hängen, er verfolgt mich bis in die vergangenheit! die weiße mähne bewegt sich. zum kommissar dreht sich ein greisengesicht. nein. nicht zu ihm. zu dem mann neben ihm. der schreit leise auf und stürzt zur tür.

der weißhaarige erhebt sich und geht ihm langsam nach.



Es gibt Kuckucksgeschichten, die werden einem ins Nest gelegt, und dann muß man sich mit ihnen rumärgern, sie sperren den Schnabel auf und fressen den eigenen das Futter weg und stoßen sie aus dem Nest. Ich bin am Tag oft müde, doch wenn ich abends im Bett liege, kann ich nicht einschlafen. Ich stehe auf, gehe noch einmal aufs Klo oder in die Küche, trinke Milch oder Wasser, da ist kein Zucker drin, der die Zähne kaputt machen kann. Meine Zähne sind löchrig. Letztens wollte der Zahnarzt einen rausziehen und wegwerfen, ich mußte ihn bitten, ihn wieder ganz zu machen. Er versucht es. Aber das wollte ich nicht erzählen, sagen wollte ich, daß ich, wenn ich nachts durch die Wohnung tappe, kein Licht anmache, um nicht vor dem Licht zu erschrecken und noch munterer zu werden. Meistens muß ich mir den Weg mit Füßen und Händen ertasten, gelegentlich aber scheint der Mond ganz hell, und als ich vor einer Woche in die Küche trat, sah ich und wußte plötzlich, warum Brot und Brötchen jeden Morgen angeknabbert in der Zellophantüte lagen. Ich hatte gedacht, daß es Paula oder Konrad, meine Kinder, waren, nichts gefragt, die Reste aufgeschnitten, mit Butter und Honig beschmiert.

Am nächsten Abend schlief ich unruhiger. Es gab keine Mausefallen zu kaufen. Ich hatte die Eßwaren in den Kühlschrank geräumt, auch das Brot. Ich schlich auf Zehenspitzen zur Küchentür, dort stand ich verwirrt, kauerte mich vorsichtig hin, als es in den Knien weh tat, setzte ich mich. Der Fußboden muß kalt gewesen sein, ich habe mir die Blase verkühlt, es tut beim Pinkeln weh. Aber was ich sah, waren Mäuslein in einer Puppenstube, sie schienen die Püppchen in die Ecke gestupst zu haben, tummelten sich in den Puppenbettchen, versuchten mit ihrem Birnenhintern auf den Stühlchen zu sitzen, stützten die Vorderbeinchen auf den Tisch, als hätten sie Ellenbogen, piepsten zueinander hin, als sprächen sie miteinander. Auf der Tischplatte schienen Käsekrümel zu liegen. Ab und zu pfötelte eine Maushand nach ihnen. Ein klitzekleines Mäuschen stand vor dem Puppenstubenspiegel, verrenkte sich, schien ein rotes Fädchen um sein Ohr legen zu wollen. Mir fiel ein, daß Paulinchen blaue Schleifen im Haar getragen hatte, wunderte mich, daß die Maus sie nachzuahmen schien, denn ich hatte geglaubt, daß Mäuse am Tag schlafen. Wenn ich mich nicht irrte, bekam ein klitzekleines Mäuschen eine Ohrfeige, als es einem der dicken Mäuse, die sich im Bett rekelten, mit den Barthaaren am Fuß kitzelte. übrigens heiße ich Pipifax. Nein, nicht wirklich. Aber ich dachte, wenn Mäuse Menschen spielen können, darf ich Maus spielen. Ich setze mich an Bettkanten und flüstere in Ohren: Piep, piep. Ich habe mich heute Abend gewaschen, in dem ich mit den Fingernägeln über die Haut kratzte, mit den Zähnen den Dreck unter den Nägeln hervorpuhlte und kräftig ausspuckte. Nein, ich möchte nicht wieder Kind sein, weil man dann immer machen muß, was die Alten sagen, aber so erwachsen, wie ich sein soll, will ich auch nicht sein. Auf Arbeit muß ich machen, was man mir sagt. Ich kann zwar abends so spät ins Bett gehen, wie ich will, aber wenn ich spät ins Bett gehe, nicht genug schlafe, bin ich am andern Tag müde. Ich kann fernsehen, was und so lange ich mag, aber wenn ich vor der Flimmerkiste sitze, kann ich nichts malen, mich mit keinem unterhalten, sehe nicht, wie sich im Park die Blätter färben, Eichhörnchen springen von Ast zu Ast, ein grüner Stacheligel fällt vom Himmel, kullert mir vor die Füße, platzt, in ihm glänzt braun eine Kastanie. Es ist schön, stark und klug zu sein. Aber, wenn ihr so viel wissen werdet, wie ich, falls ihr es noch nicht tut, werdet ihr merken, daß es wenig ist. Das Lernenmüssen hört nicht auf. In der Schule gab es wenigstens Pausen, in denen ich rumkichern und albern durfte. Piep, piep. Wir haben in der Fabrik nur eine Frühstücks- und Mittagspause. Und als ich gestern von der Arbeit kam, einkaufen gewesen war und mit schweren Netzen am Spielplatz vorbeikam, blieb ich stehen, Jungen spielten Fußball. Einer von ihnen versuchte auf den Händen zu stehen, giekelte mit den Füßen in die Luft. Als er den Ball wirklich mit den Schuhspitzen streifte, fiel er um. Alle lachten. Ich auch. Da schob er den Zeigefinger in die Mundwinkel, zog sie auseinander, rollte die Augen. Alle lachten, ich auch. Er ließ die Hände fallen und lachte auch. Einer drehte das Kofferradio lauter, so laut, daß mir die Musik plötzlich an die Beine schlug, ich die Netze in den Straßenschmutz stellte und ein paar Schritte tanzte. "Guck mal, die Alte !" Sagte ein Mädchen, zeigte auf mich, alle standen plötzlich still, drehten sich nach mir um, starrten mich an. Der Junge, der doch eben auf den Händen gestanden hatte, ließ seine Finger vor der Stirn kreisen und sagte ganz laut: "Schrumm, schrumm, wa?" Ich griff hastig nach den Taschen, ging eilig weiter, sah flüchtig zurück, der Ball flog hoch in die Luft, das Mädchen kreischte auf. "Diese Jugend", sagte ein alter Mann neben mir und schüttelte den Kopf. Vielleicht wollte er böse sein, aber er klang traurig. Ich habe mir an diesem Abend eine Clownsmaske aufs Gesicht gemalt, die Haut weiß, die Augen blau, den Mund rot, und dachte, daß ich nun rumtollen dürfte, die Leute würden lachen, fröhlich lachen und keiner würde mit den Fingern schnippsen, "He Alte! Geh ab ins Irrenhaus." Ich merkte, wie mir eine Träne über die Backe rollte, ich wollte sie abwischen, wie mir Tränen über die Backe rollten, ich wollte sie abwischen, doch als ich in den Spiegel sah, mußte ich lachen, weil ich gruselig aussah, Blau und Rot und Weiß waren ganz verschmiert. Paula und Konrad mußten lachen, als sie mich sahen, eigentlich sähe ich aus wie eine Hexe, sagten sie. "Hu", sagte ich, ritt auf dem Schrubber ins Bad und habe mich mit Wasser entzaubert. Wenn ich mit Paula und Konrad spiele, darf ich sogar auf einer Stadtparkwiese kindisch sein. Alle denken dann, ich tue es nur wegen ihnen. Ich habe Angst, daß sie groß werden. Und ich nicht mehr mit ihnen tollen darf. Ich gehe gern hin, wo Tanz ist, aber auch da muß ich mich so bewegen, wie es die Musik will und eigentlich brauche ich einen Mann, der mit mir tanzt und möglichst einen, der mich fragt, ob ich mit ihm tanzen will. Manche Erwachsene betrinken sich, um rumhüpfen, singen und die Zunge aus dem Mund baumeln lassen zu dürfen, jeder denkt dann, daß sie eigentlich ganz normale Erwachsene sind und daß nur der Alkohol an allem schuld ist. Piep, piep. Gestern Nacht habe ich wieder so unruhig geschlafen. Mir war nämlich eingefallen, daß ich vor den Puppenstübchen wie vor einer Theaterbühne gesessen hatte, sogar geklatscht hatte ich, um die Mäuse zu erschrecken. Sie waren ohne Verbeugung davongestoben. Und nun überlege ich plötzlich, ob ich Theater spielen sollte, nicht für Erwachsene, da müßte ich erwachsen spielen, sondern für Kinder. Keiner würde mich für verrückt erklären, wenn ich als gestiefelter Kater plötzlich verunglückte Purzelbäume schlüge, mit der Zunge schnalzte, Twist auf rauhen Brettern tanzte. Aber doch nur im Theater. Ich bin noch einmal zur Küche geschlichen. Aber in der Puppenstube waren nur Pappmöbelchen und zwei nackte Püppchen."




"alle deutschnationalen haben die stadt binnen vierundzwanzig stunden mit auto, zug, zu fuß richtung deutschland zu verlassen!′ eigentlich hatten viele angst vor deutschland. die parolen waren fremd. wir trimmten deutsches brauchtum. ich lernte deutsche lieder. wir sollten die dialekte unserer ururväter sprechen. aber wir hatten doch deutsche schulen besucht. wir mußten es immer wieder erzählen, vielleicht schmeichelte es uns, es prägte sich ein: ′unsere kolchose hieß rosa luxemburg. wir studierten die listen der unter stalin abgeurteilten. waren deutsche unter ihnen, hatten wir angst. eines abends klopfte der polizist: morgen verhafte ich dich, sagte er. sie soffen. der vater packte den rucksack, es war in der nacht. die mutter packte butter und eier. sie verkaufte sie am morgen. wir zogen dem vater nach. die registrierung zog nach. ich schrieb der mutter den brief an die krupskaja: daß söhne nicht für die väter leiden sollten. sein vater hatte eine mühle gehabt. "kulack", sagten sie. als uns ein polizist fand, stellten wir uns mit dem rücken an die wand. aber er sagte:′ihr dürft bleiben.′ 1937 haben sie alle deutschen männer geholt. dann kam die malaria. vorher das zimmer: ein sofa für die eltern, wir mädchen schliefen quer im bett. der junge lag auf dem strohsack. als wir weiterzogen, wollte uns die mutter heimlich verlassen, in kinderheimen hätten wir brot. ′aber wir waren trotzdem oft lustig!′ sagte ich ihnen. ′sie sangen deutsche lieder′, sagten sie. ich schwieg, sang nicht. ′dobraja kalinina...′ als ich nach königsberg kam, rannten wir die bahnhofstreppe hinab, deutsch gekleidet in deutschland. wir rannten die treppe hinab, ′in deutschland wird rechts! gegangen!′ das habe ich nicht vergessen. als ich nach berlin kam, fielen bomben. in dresden brannte es. ′ihr ward beute der deutschen′, sagten sie. die russen schickten uns zurück. nur eine frau fand in kasachstan ihren mann. sie gaben uns provisorische ausweise. mein koffer wurde gestohlen. dem kriminalisten erzählte ich alles, er sagte: ′dann schreiben sie eben: geburtsort j. in ostpreußen.′ ich dankte ihm, ich durfte bleiben. ängstlich. ich sage jedem, der fragt, die wahrheit. aber in den papieren steht noch immer: geboren in j./ostpreußen." musik tuschte auf. die alte frau schwieg. das kind der jungen frau, die ihr zuhörte, kicherte, "das ist kaffee - musik."

am abend strolchte die junge frau oder ich zwischen die bäume, hungrig-gekrümmt vor sehnsucht nach zärtlichkeit. ihre finger streichelten über rinde: rauh, naß, kalt. "gehen und doch zwischen bäumen bleiben, als träte der fuß auf der stelle.", blieb sie stehen, hockte sich hin, sah: ein bröckliges blatt klappte im wind wie die seite eines buches. die stämme der bäume färbten sich lila. die sonne gähnte den mund so groß wie ihr gelbes gesicht. ein flugzeug dröhnte. die frau lauschte sich blind: laut, lauter tschilpten die vögel das dröhnen des flugzeuges leiser.

ein mädchen schlang die arme um knie, als könnte die haltung die uniform verbergen, als könnte es verhindern, daß ein finger sich streckt und auf sie schießt: "die aber, die, die!" ein vöglein piepste. es könnte ein sternlein auf federn geklebt haben, sie müßte aufspringen, stramm stehen, melden: "abgemeldet zum waldlauf." sie blickte nicht zu ihm auf.

sie hatten der katze die armbinde über den bauch gestreift, sie auf die hinterpfoten gezogen, ihre rechte pfote zum kopf. sie hatte lachend salutiert. vor dem fenster hatten spatzen getschilpt.

die frau sah auf verschorfte rinde. "baum muß medizin, gesund", hatte die kleine geglaubt, die frau geseufzt: "ich will doch nur, daß den menschen geholfen wird"; seufzte wieder, sah auf die fahne, rot wie blut, über steinernem platz, an hölzerner strebe, an hölzernem mast im wind, als reiße sie an einem kreuz. die frau trat in die kneipe. und wieder wollte sie den buckligen berühren, als fürchtete sie sich vor dem, der aufsteht, die hose verknöpft, geht. als mädchen war sie entlang von erinnerungen gestreunt: "hier spielte ich mutter, vater, kind.", hatte auf ansichtskarten abgehakt, "das habe ich wirklich gesehen."

jahre vergingen, sie fürchtet die wiederholungen: "kreise, aber tod wird." sie beginnt auf einzelheiten zu achten, die dasselbe zum ähnlichen spalten, sie tut es mit schmerzlichem lächeln, "frage nicht nach sinn des lebens, will sinn meines lebens. auch das ist selbstbetrug, aber" sie hatte als mädchen das fenster vor ihrem fuß geschlossen. sie aber sah zu einem buckel. ihre hand mußte gezittert haben, denn das bierglas fiel um. sie schüttelte den kopf. sie spannte stolz als schutz gegen blicke, sie stolperte nicht, als sie ging.

das mädchen fiel durch seine wachträume: "gas, gas!" ieses aber zerfrißt die maske, nichts bleibt als ein blaufleckig aufgedunsenes gesicht. sie lachte leise hysterisch auf: "irr/sinn." erst gegen morgen schlief sie ein und wurde geweckt: ein mädchen stand an ihrem bett, durchs nachthemd schimmerten brüste, "eher aufstehen! zimmerkontrolle!" sagte sie, die worte hackten. sagte ein anführer: "guten morgen!" verblaßten die wunden. tat er es nicht, schlug sie die hacken zusammen, die finger zur schläfe (er könnte die wundflecken zu aussatz erklären, sie will sie verstecken) sie weiß nur eine tarnkappe: die fersen zusammen, die finger zur schläfe. "ihr knopf ist noch offen!" sie grinst.

die frau wälzte sich in ihrem bett. sie hatte schnupfen. der kopf schmerzte. ihr kind tastete nach ihr: "schlaf bei mir!" als könnte sie träumen, wenn sie es neben sich fühlt, "als du geboren warst, drehte ich dir den rücken zu, es zog sonst die augen auf, ich sah dich immerzu an."

"nur äste anfassen, an denen grüne blätter sind! hinlegen! ich stütz dich. hinter den baum!" die kleine stapfte, zog, zerrte sich den abhang hinauf, ohne zu klagen, die mutter war stolz. "ich bin müde." die mutter verstand: "munter nun für fernseher oder kinderspielplatz." sie trat vom waldweg, hüpfte auf steinen "himmel und hölle." das kind hüpfte ihr nach "himmel und hölle."

"das kind ist mein alibi. bin mir so jung, wie ich mich fühle. bin ihnen so jung wie ich aussehe." sie sah prüfend in den spiegel. sie kannte den spott über kindliche alte. sie hofft, gegen ihn abzustumpfen: "wer mich nicht mag, wie ich bin, mag nicht mich." oder "ich bin froh, sie zum lachen zu bringen." ihre angst aber vor hohn, nur ein bierglas fiel um, hatte sie erschreckt, als wären es nicht nur einzelne, die zu einzelnen nickten: "die an die wand! dann haben wir ordnung im land."

das mädchen kämpfte gegen die langeweile: luftanhalten, "76, 77, 78, 79, 80, 21, 22, 23" bis sie aufsah in ein auge aus rinde "ich lerne nun sehen, linien, farbige flecken." der stift hatte über dem papier geschwebt, als hätte sie furcht, das papier zu verletzen, hatte sie blüten gepflückt, zwischen papier gelegt, auf dem rückweg leise gesungen: "hab ich′s am busen matt gedrückt." war verstummt, gerannt, atemlos zu melden: "vom waldlauf zurück."

sie durchhasteten gänge und räume. sie wollte in einem bleiben, es machte müde: "wie lange noch?" - "komm schnell, aus der höhle."

das kleine mädchen drängte sich auf ihren schoß. "esse doch, laß mich in ruh!" das kind drückte den kopf an ihren arm. die hand schlug, "schluß!" das mädchen sah sie erschrocken an. die frau fühlte verwundert nach puls, temperatur.

"eßgeschirr gefaßt!" das mädchen marschierte. sie erwartete den befehl: "im gleichtakt essen!" der befehl blieb aus. sie freute sich.

das kind zieht luft auf seinen schoß, "hab keine angst, kind", sagt es. es stellt die füße aufs heizungsrohr, legt die hände auf die heizung: "sessellift." - "ich gehe", sagt die frau. "schiebe die schranktüren zu!" - " dein bett ist schutz gegen hexen." ein satz, der ein kind einbilden lassen könnte, es gäbe drumherum hexen. das kind hatte auf dem hexentanzplatz, im zoo nach hexen gesucht, keine gefunden, es nicht verstanden. die mutter hatte ratlos auf einen wolf gezeigt: "vielleicht ist sie da drin?" - "aber das ist doch ein wolf."

das mädchen erinnerte sich, ängstlich murmelnd: "umgedreht, sie als mann müßten hier wache stehen. es knackt, sie erschrecken. vielleicht hofften sie auf ein mädchen. "sie kommen zu spät" sagt eine alte, "für den blick auf die untergehende sonne." sie nicken höflich. "sie sind allein?" sie nicken. "aber ihre frau?" - "zu hause." - "ach? und das geht ohne das, sagen wir: liebe?" - "ich liebe meine frau." sie sehen, daß die alte zahnlos ist, hören: "und sie könnten nicht aus dem lager?" sehen, daß die schultern der alten breit sind. sie bücken sich hastig, verkanten zwei steine. die spitzen beruhigen sie. sie gehen schneller. die alte schnauft hinter ihnen her, "so warten sie doch!" - "ich will aber rennen!" rennen sie. sie wundern sich über mitleid, das ihnen antworten abverlangt, "ich will rennen!" rufen sie ihr zu und denken bestürzt: "diese schenkel will ich fühlen." fühlt die alte jetzt; furcht, daß sie ihnen auflauern wird. "ich will allein sein!" schreien sie. "warten sie doch!" schreit die alte."

die frau war verwundert, verändert zu leben, gerahmt in urlaubsanfang/ende, wie filmanfang/ende. doch erwartet unerwartetes blieb aus. sie pflückte dem kind ein blatt mit langem stiel: "sieh, wie eine palme!" sie brachte auch an diesem abend die teller zum abstellwagen, stiebste die reste in die große schüssel voller reste. "nur eine kleinigkeit", hatte das personal gebeten. diese kleinigkeit hätte sie verwöhnt.

das mädchen verspürt keinen hunger. "für achtzig prozent der zivilbevölkerung schutzräume." - "dann könnten wir vorlesung in einem hören? ich sah noch keinen", hatte sie gefragt. "sie provozieren!" - "provokation? weshalb?" die mögliche antwort verschloß ihr den mund. sie hatten eine kontrollarbeit geschrieben. sie war zu müde gewesen, die fragen zu verstehen. sie hatte ihrem nachbarn vertraut. die punktzahl war hoch genug gewesen. ein mädchen streichelte sie, sagte nichts, streichelte sie. "was ist mit der?" - "laßt sie in ruhe!" stille. die punktzahl war hoch gewesen, "hoch genug."oder morgen müßte sie über die hürde. "morgen zeige ich dir, wie man über die wand kommt", sagte das mädchen. ab morgen hieße kraftlossein provokation

"dobraja kalinina, wer weiß etwas sicher." murmelte die frau, schob nasse schuhe aufs fensterbrett. einer stür



"hinlegen. die hand auf die nase, mund. eine tüte! beruhigen sie sich!" nervlich bedingt. falsch geatmet. kohlendioxidwert zu niedrig. kalzium würde helfen. puls kontrollieren. verlangsamung der atmung, bis zum stillstand möglich. dann beatmung. "einer bleibt bei ihr!" markiert sie? wenn sie den anfall beherrscht. puls? "du bleibst. falls ein fahrzeug oder rückwärtsgehender trupp, übergabe. sie melden sich dann unverzüglich beim nächsten vorwärtsmarschierenden trupp! ich muß hinzufügen: es ist ein befehl. verstehen sie: ein befehl!" zwei könnten transportieren. aber drei kann ich nicht entbehren. wozu? gedankenspiel. wozu? sie setzte sich mit dem rücken zum fenster, den blick zur tür. sie sieht gern aus dem fenster, sitzt einer ihr gegenüber, dem sie vertraut. sie senkt den kopf, als marschiere sie wie am morgen. "du wirst immer wieder kommen. du wirst wieder kommen!" - "sphings, sphinks." sie konnte den reim nicht verstehen.

"links, links, links!" sie stampfte, als könnte der boden brechen, ein lustiges spiel beginnen. nur einmal lächelte sie, "ziel ist nicht, daß ein zugführer wie klavier auf ihnen spielt. zivilverteidigung ist betreuung im katastrophenfall, einer ist krieg, nur einer!" der wäre: gasmaske über (zu klein, denn der) kopf (schmerzt). "welche ist klein genug für ein kind?" sie würde zu ihren kindern wollen, zurückgehalten werden. doch sie würde auf wand wie bläulich verzerrte haut starren. sie hörte ganz leise ein wimmern, deutlich, wie ein ersticken. sie risse sich los. möglich, die kinder spielten in bunkern: "eene meene muh, raus bist du." blaß, die augen groß, unverletzt. möglich, die mutter zerfiele, sie ließe die kinder allein. vielleicht wäre sie sonst unverletzt geblieben, "du wirst immer wieder kommen." daß sie überleben würde, reden ihr sätze ein wie: "sie werden den verletzten helfen müssen!" - "du wirst wieder kommen." sie steht morgens hastig auf, zieht die kinder an, schiebt sie in fremde hände. sie hat angst, zu spät zu kommen. "du wirst wieder kommen." sie stände in der tür wie im rahmen. "wenn ich stehe, wird mir schwummrig." - "setzen sie sich doch!" - "aber ich will nicht wieder auffallen." sie zieht den gürtel straff. sie steht stramm. sie meldet, kommandiert, marschiert. "du wirst wieder kommen." vielleicht steht sie ein wenig zu stramm. vielleicht meldet sie ein wenig zu zackig. "links, zwei, drei, vier, ei so marschieren wir" fersenbetont, ballenbetont. "mit dir ist es lustig." sie überhört es. "achtung!" ihre brust hebt sich: "pause!" die hand nimmt dem busen kanten, sie hält ein buch. doch am abend trinkt sie ein bier, "du wirst" ein zweites, "wieder komm" schlaf knickt flügel trugen:

ich pinkelte einen magneten, denn der abflug von diesem stern gelang nicht. es ist nur die sehnsucht, hörte ich ein sanftes flüstern. ich blickte auf eine weißdurchsichtige gestalt. sie hatte ein lächeln im gesicht, das so breit war wie das, und ihre augen leuchteten fiebrig. wie kommst du hierher? sie antwortete: ich war gekommen, bat: bleib, und sagte mit plötzlich kräftiger stimme: du wirst bleiben, du wirst immer wieder kommen! ich war mir dessen nicht sicher. wovon lebst du? trockne holz für das feuer. wovon lebst du? konserven, blumen, kräutern. die gibt es hier nicht. doch als ich um mich sah, saßen wir von blümchen umringt. ich hatte sie nicht bemerkt. und von erinnerungen, manchmal träume ich mich auch in ein leben. ich sah, daß ihre schuhe löchrig waren, die strümpfe wollen. ich habe scheu mich zu streicheln, sagte sie leise, und habe angst vor gefühlen zu anderen, die mich reduzieren auf die, die gefallen will. ich habe angst, dem schimmel die fesseln zu lösen. sein huf könnte mich treffen oder der schuß eines. ich weiß es doch nicht. ich habe angst, wenn sie nachts wiehern, hufe trommeln, ein hund jault oder ein. komm mit, nickte ich. doch ich fürchte, daß die spannung in mir die verletzt, die mich berühren. trink nicht! in seinem wasser schwamm ein tiefblauer toter frosch. das wasser ist nicht tief. ich durchwatete es. es umspielte die knöchel. hinter dem berg aber ist ein see. ich wollte auf seine insel. ich lief von allen seiten ins wasser. ich hatte angst, mir die füße zu verletzen. ich zog die schuhe nicht aus. ich hatte angst, die paar züge zu schwimmen. ich könnte zu schnell, in eine eiskalte strömung kommen. keiner schwamm voraus. nachts gefriert das wasser am bachrand. früh am morgen tropft der atem vom zeltdach. ich krieche erst aus dem zelt, wenn die sonne wärmt. regnet es, muß ich pinkeln, hänge ich den hintern aus dem zelt, aus angst, naß zu werden und zu bleiben. ich kämpfe an diesen tagen gegen das einschlafen, aus angst vor einer schlafloser nacht. ich schlafe nicht nackt. wenn ich stinke, bitte ich, daß die sonne den ganzen tag scheint, die wäsche trocknet, ich warte im zelt. wird ein schatten, vielleicht eine wolke vor der sonne, als fiele der schatten eines mannes, erschrecke ich. ich schlucke jeden abend hormone. ich habe das wort krank in sprachen gelernt. wenn es ihn nicht abschreckt, muß ich den preis für das alleinsein bezahlen. er wird mich nicht töten, ich läge still. doch, ich habe ein messer. er würde die arme schwingen: stich, und hastig lachen. ich legte die hände schützend an meinen hals, fauchte: still! die hunde kläffen mich nicht mehr an. manchmal sitze ich zwischen den schafen, fell berührt meine schulter. doch ich habe angst, die hand zum euter zu, sie streckte die hand, strecken, ich sah nie einen schäfer. sie ließ sonnenstrahlen wie haar durch die finger gleiten. sie schabte mit stein ein strichgesicht: denke ich an ihn, bin ich und bin in allen schwächen, und er nickt, deutet mich nicht, wie sie mich deuten, und ich sitze mit hängenden armen, weil ich so allein bin. stolpere ich auf einem weg, laufe ich ein paar schritte lang, furchtsam. manchmal weine ich vor erschöpfung. aber ich sage: es gibt härteres. ein fuß zieht den anderen nach, eine hand stützt, eine zieht. doch statt schärfer zu sehen, wurde der blick trüb, statt fester zuzugreifen, wurden die hände wie taub. die angst zog mich zwischen die krüppelkiefern. ich lief über felsgrat, ohne essen, mit zerstachelter haut. ich sah wasser. die sonne hing tief. ich bückte mich nicht. am nächsten tag wollte ich nur noch auf ebene wege. doch der fuß trat auf höheren stein. manchmal träume ich mir ein kind. ob es einen sinn gibt? nein, ich töte mich nicht. ich könnte etwas vergess-, deine schulterumrisse verschwimmen im rauch. ich bürde dir chaos auf, als hoffte ich, daß es mir einer klärt. das ganze leben fliehe ich vor dem alleinsein. und verachte mich, weil ich mit schminken werbe. nur wenn einer hilfe braucht, lebe ich auf. vöglein auf dem draht, dein name ist licht. berühre ich sand, berühre ich heißes, trete ich auf, sinkt der fuß in kühles. steige ich, rafft die hand den rock. oder er weht kühle gegen den schweiß. setze ich mich, wärmt er bauch, beine, füße. sitze ich, sehe ich plötzlich einen käfer. er verklemmte die flügel im panzer, er zieht sie mühsam unter. jeden abend sehe ich den pfad im steingeröll dunkel werden. jeden abend haste ich zweidreivierfüßig in die tiefe. aber ich habe noch einmal vom gipfel in täler gesehn. manchmal bin ich an einer wand. die finger krallen in fugen, die füße stemmen sich in fugen. der hintern scheint schwer. ich spaltete mein ich auf, eine stimme höhnt. ich will alleinsein. aber auch hier fürchte ich mich, einer könnte mich sehen, hören, ein ichteil für das ganze halten. ich hätte angst zu ihm aus der stille zu sprechen. lock ich mich kind zu mir, erhitzt, zerzaust, atemlos vom spielen, im gesicht zart, dreckverschmiert, mit einem abgerutschten strumpf, erinnerungen verzerrt durch geraffte zeit, stelle ich es neben mich, erleben wir beide verschiedenes. reden wir miteinander, bedeuten gleiche worte unterschiedliches. ich streichele ein fremdes in luft. ich bin allein. zertrat der fuß eine spinne, schrecke ich nachts aus dem schlaf. die spinnen weben den panzer! der mich in ordnung hält. ich zerre, reiße an fäden und weiß doch, ich würde zerfallen. ich male. nein, ich will nicht den tod überleben. der malte, stirbt. das ändern keine bilder. der taube malt große münder. vielleicht male ich nichts als stein. aber ich sehe in ihm gesichter. wie schmal du bist, sagte die mutter. sie aber starrte ängstlich auf die stelle ihres körpers, die vom herzen her bebte. ich lebe, murmelte sie, und watete durch eine verschlammte gasse. sie hörte nicht den schrei, eine katze neben ihr versank. ich lebe, flüsterte sie, überleben. ich habe es überlebt. ich habe es durchlitten. ich sage: ich weiß jetzt meine stärke, ich bin nicht verletzbar. es ist eine lüge. sie oder ich geht im traum über plätze, fängt schläge ab, die keiner gegen sie führt, murmelt verteidigungsreden, ohne beschuldigt zu sein. keiner beachtet sie. doch sie geht gestreckt vor angst. sie oder ich hob bettelnd die arme: sagt wie ich sein soll! und hob sie höher und betete: kranksein. um kranke kümmert sich einer. als wäre kränklichkeit nicht ein engeres gefängnis. zerfiele mein körper, würde ich hölle eintönigkeit erleiden. ich aber möchte genug gesehen haben, phantasiewelten bauen zu können. ich sage nicht, ich habe recht. ginge ich deinen weg, fände ich wegzeichen. hier verweht wind jede spur. und doch verkürzte sich mein weg, tag für tag. ich blieb in fußnähe des zeltes, ich blieb in rufnähe des zeltes, ich bleibe in sichtnähe des zeltes. als könnte eines tages einer stehen und auf mich warten. wir tränken zusammen einen tee, nickten einander zu: glück auf den weg, fremde. wir lächelten uns an, als hätte der andere die wand um uns für momente zerstört.



notizen einer politischen. meßner sagte, daß er manchmal träume, nicht mehr gipfel zu besteigen, sondern einfach zu laufen, bis ans ende der welt oder sein ende. du spreiztest den arsch, und es drückte nur, als ob du kacken müßtest, vielleicht warst du nicht leer genug. du hast dir nichts bewiesen, als daß du konventionen nicht sprengst. aber vielleicht ist dein g so komisch, weil du die hand an den hals legst, mit fingern in haare faßt, ich hatte mich nicht gewehrt. ich habe mich neben dir geborgen gefühlt, vor anderen, vor dir hatte ich angst. ich habe aufgeschrieben, daß, wenn ich tot bin, du es warst. "ich würde dir nie wirklich weh tun!" ich glaubte dir. ich warf den zettel in den papierkorb. vielleicht durchwühlen sie ihn, töten mich, beschuldigen dich. das wollte ich nicht. und es begann deine erzählung über kinderheime, nie freunde, sehnsucht nach liebe, nicht fähig, noch nicht, "vielleicht kannst du helfen." die story ist gut, weil sie wahr ist, höflich fordert, dich zu nichts verpflichtet. aber sie war gut, weil sie mich ablenkte von treppen, die es in meinem leben nicht geben durfte, türen an denen ich vorbeistieg, und als ich auf dem dachboden kauerte, hatte ich noch mehr angst, weil ich angst gehabt hatte und nun einen grund brauchte, aufgestiegen zu sein, wieder hinabsteigen zu können, ich zog meine strumpfhose aus, stopfte sie in die jackentasche, es war warm, doch ich lief mir die füße wund. keiner hielt mich auf, keiner fragte. weil es nicht war! wahr war nur dein gesicht, ′rein und klar!′ dachte ich und traute mir nicht mehr, mir zwischen die beine zu greifen, weil ich dich wollte. aber erst als ich dein gesicht blödsinnig sah, brutal, wieder engelhaft, begriff ich, warum ich dich brauche: du hattest das erste mal meinen arm berührt, als ich sagte, daß ich bestimmte beamte nicht mag. erinnerst du dich? ich weiß nicht, ob du verstandest, was ich sagte. aber daß ich menschen den tod wünschte, hatte dich gereizt. mich interessierte, warum. aber ich entschied mich noch nicht. entschieden habe ich mich im tunnel, in dem es dunkel war, zwischen zwei grauen stellen, über denen der mond schien. ein bach rauschte. ich fühlte mich wohl, als wäre es auch wegen dir. scheinwerfer blitzten, männer grölten. soldaten fuhren von einem grau zum anderen an uns vorüber. und dann sagte ich dir, daß ich nächtelang wachgelegen hatte, "ich lebe mein leben, du deins. manchmal will ich dich sehen." und er legte die hände um meinen hals und küßte mich. und als er meinen hals losließ, drohte ich: "zigeunerblut, messer ist scharf, wenn du ein spieler bist." aber ich verfluche dich nicht, dazu hätte ich dich hassen müssen. ich habe mich nur geschämt, und es belustigt mich, daß ich alles, was mich an dir störte, für verkrustungen hielt oder unwichtig. wir setzten uns nebeneinander. warteraumumarmungen sind schwül. mir wurde übel. aber ich ging nicht. "wenn du so lange keine, spreize ich die beine unter dem rock." hättest du ja gesagt, hätte ich dich verachtet. der zug kam pünktlich. die treppenhäuser haben gewöhnlich nur eine tür, doch fenster. waren fremde schritte, dachte ich daran, wo die feuerleiter ist oder das regenabflußrohr oder. meine phantasie wollte mir helfen: als der zug mit dir abgefahren war, begann ich mit dir zu leben. du hattest die kinder in die luft geworfen, und ich hatte keine angst gefühlt. es beruhigte mich. es wunderte mich, wenn ich dich traf, daß der mit dem ich täglich zusammen war, fast nichts von mir wußte. doch er verstand nicht, daß eine wie ich nicht bei rot über die straße gehen, nicht ohne fahrschein fahren darf, daß ich die kinder nicht wegen dir aufs dorf brachte, auch wenn es so scheinen mußte, aber ich verstand nicht - "weißt du noch, neben der bank die blumen", sagte ich. "brennesseln!" sagtest du, und als wir umkehrten, standen fünf blümchen zwischen brennesseln. die hatte ich nicht gesehn. als dein brief ankam, ärgerte ich mich, daß mich einer duzt, der mir fremd ist. ich war erschrocken, weil ich den, der angst hat, über mich nur sieger sein zu wollen, demütigen müßte. ich tat es nicht. ich lasse mich nicht in rollen zwingen! ich dachte nur: ′hörst du denn nicht den trommler, der beharrlich in dir schlägt.′ daß er ihn zu mir führen müßte, bezweifelte ich nicht. auf der straße lagen ein paar federn, rot. ich vergaß es. in einer toreinfahrt lagen federn, blutig. ich vergaß auch das. ich kam da lang und erinnerte mich, sie gesehen zu haben. ich kam wieder dort lang. als ich mich der toreinfahrt näherte, wurde ich unruhig, "wenn ich noch einmal hier vorbeikäme, hätte ich fünf tote tauben gesehn."ich wurde mir lästig. ich hatte die macht über mich verloren, die macht geben kann über andere. ich hatte seinen dicken bauch gesehen, die kurzen beine, die pickligen schultern, doch als ich neben ihm lag, war ich ängstlich wie eine jungfrau, irgendwann flüsterte ich: "und wenn du einen buckel hättest."und dann verwandelte ich mich und war eine blüte, die weiß war, trotz aller männergeschichten, ich lag unter ihm und war ganz weiß und eine blüte. das beeindruckte mich. ich hätte nachdenken müssen, als er den kopf von der dusche drehte, als er mir auf der straße in den rock griff, weil er fragte: "ich bin schweinisch, nicht wahr?"ich aber empfand es als normal, wenn er den kaugummi in mein schamhaar drückte und auf ausgerissenen haaren weiterketschte. ′das gehört also dazu′dachte ich oder ich dachte nichts, verstehst du, ich war eine frau und er ein mann, dem es leid tat, daß meine spucke für seinen durst nicht reichte. "ich habe ein zärtliches gefühl für jede frau, für jeden mann, der völlig wehrlo"sang es von der schallplatte, ich setzte den tonarm zurück, wieder zurück. und wenn die haustür quietschte, erschrak ich nicht mehr. die stimme beschützte mich. ich wartete auf dich. die schritte gingen vorüber. keiner trat gegen die tür, "aufmachen!"

ich hatte klingeln müssen, "sind sie die, die meiner tochter die ohrfeige?" ich konnte das kennwort nicht sprechen. sie muß gesehen haben, daß ich entsetzt war. sie zog mich hinein. und als ich im sessel saß, sah ich mich um. bis mir einfiel, daß es besser ist, nichts gesehen zu haben. ich blickte zu boden. der war aus holz. "einen schnaps? " fragte sie. ich schüttelte den kopf und hatte plötzlich das gefühl, daß ich das zimmer, das gesicht dieser frau, ihre stimme nicht vergessen würde können. ich war nicht entspannt genug. ich brauchte einen anderen grund für dieses herzklopfen, flimmern vor den augen als angst. er wohnte weit genug entfernt, mich nicht in versuchung bringen zu können, täglich zu ihm zu pilgern, falls es mir gelänge, mich zu verlieben. als er im bett "wahnsinn" murmelte, war ich bestürzt. ich dachte, er will mich mit komplimenten bezahlen. ich war eifersüchtig auf schlaf. als er zum abschied sagte: "selbst wenn es ohne gefühl wäre, das hätte er nicht erlebt." blieb ich unruhig: es mußte nur eine unter ihm liegen, auf die er dreizehnmal lust in einer nacht hat, und er vergißt mich, dachte ich, es tat weh. ich war erleichtert, als mich tage später irgendein mann umarmte, und ich das ertrug. alltag würde von ihm mehr verlangen, als an einem abend kinder ins bett bringen oder wäsche schleudern. ich sah mich mit ihm um haushaltsgeld streiten. ich habe zu tun. ich habe keine lust, zwei mittagessen zu kochen, weil einer pamps mag, den ich nicht mag. ich mag männer nicht, die nach dem zähneputzen sirupwasser trinken, die dick werden und schokolade nutschen. er wollte zu sich finden. alles schien sich zu verändern. keine post. ich schrieb trotzig "glück auf deinem weg" - "das nicht! aber. die leute. ich könnte verpflichtet" - " ich schließe keine rückversicherungsverträge" - "ich bin dir zu dumm! so einer ist nichts für immer?" fragte er. ich war nicht sicher, daß in der frage eitelkeit ist, schämte mich, dich benutzen zu wollen. ich hatte angst, dich zu verlieren; ich hatte andere verloren, ′gut. wenn wir glücklich, laß ich mich binden′, dachte ich, sagte es nicht, wollte dich jäh überall umarmt haben, daß du dich überall erinnern wirst, ich schminkte mich, ich schnitt das haar kurz, daß du mir aus dem gesicht gestreichelt hattest, "habe noch nie eine frau so angesehen." ich mußte hier nicht zum friseur. wäre ich nicht neugierig gewesen, wärst du jetzt hier. ich könnte in luft starren, in luft streicheln, du wärst da. ich hatte vergessen, daß du dir bei mir das brot dick mit wurst belegtest, bei dir nicht. daß du briefe ankündigtest, die du nicht schriebst, bis ich unruhig anrief, "ich wußte, daß du nicht warten kannst", konntest du sagen, ich vergaß, daß du der bist, der angst hat, zu spät zur arbeit zu kommen, aber in meiner gegenwart furztest. ich hatte rechtfertigung für diese vergeßlichkeit: du hattest dich entschuldigt für alles, das weh tun wird. du borgtest dir von einem freund schuhe, damit sie zu den hosen passen. du schwangst dich auf bäume, wir fuhren karussell. "wie eine familie", sagtest du, kuß auf die wange, "so tun es ehemänner" - "aber das sind wir nicht" - "vielleicht doch." du zwangst mir die flasche an den mund, ich hatte gesagt: "tränke ich, wären wir auf immer verschworen." ich war deine frau geworden. du hattest angst vor verpflichtungen. doch, wenn ich sagte: "ich bin deine frau", fühlte ich mich zu nichts verpflichtet. ich hatte nur wissen wollen, was ich sagen will, wenn du dir ein kind von mir wünschst. ich lebte mich ein: "wieder hängebauch, schlaflose nächte, weh tat es, aber" die kinder freuten sich, "werden wir sieben zwerge. der wird dick." ich umarmte sie beide, fuhr in die stadt zurück, stieg nicht aus. als ich in sein zimmer trat, sah ich: kein bild von den kindern an der wand. ein photo von ihm hing an der wand. ich konnte vierzehn stunden bleiben, er ging für zwei stunden fort, "stell dir vor, eine geschäftsbesprechung." ich wunderte mich, daß er mich nicht mitnahm. doch als er mich drückte, nach den kindern fragte, "keine andere war!" sagte, "das habe ich nie verlangt", sagte ich, fühlte ich mich geborgen. "ich will blut aus dir trinken" - "das zersetzt salzsäure." ich spreizte zögernd die beine. "ich will alles aus dir, nur dir", hatte er gesagt, sagte: "stell dir vor, eine trampt in der stadt." ich zuckte die schultern. ich schlief allein im wald. doch stunden später glänzten seine augen, "kannst du dir vorstellen, eine trampt in der stadt." ich war verwirrt, daß er sich von einer beeindrucken lassen will, "die hat keine kinder", sagte er, sein blick auf mich hatte begonnen, sich zu verzerren, als ich minutenlang schwieg, der wind zauste mir im haar, unterstellte er, daß ich abgestumpft durch alltag. ich bin ein graffity und mal mich grün und blau und find mich furchtbar schau im grau der welt, wenn ich lust habe, ein graffity zu sein, aber ich kann es nicht, wenn jemand neben mir clownsspiel erwartet. auf der straße sollte ich besser nicht auffallen. "du willst mich anders sehen, als ich bin." er wollte fort.

wenn ich mir sage, ich liebe den, der mich liebt, der mich hier nicht allein ließ, grinst etwas in mir über die, die lächerlich ist, mir wäre, wenn ich sie nicht verstände: sie mag nicht heldin einer geschichte sein, in der der mann angst vor der frau hat. die er gelegentlich braucht, deshalb log er, indem er verschwieg, "ich lag neben einer anderen, ich wollte sie nicht." hätte ich nicht weiter gefragt, scherzend weiter gefragt, glaubte ich noch immer die wichtigste frau in deinem leben zu sein. ich hatte mit beiden händen in deinen mund gegriffen, schultern gestemmt, "jetzt könntest du alles von mir verlangen" - "du spielst nicht?" - "ich bin zu glücklich." das unten war noch, wenn er schon weg war. wenn er auf dem klo war, tanzte ich. vor ihm nicht. der samen lief über die beine. die hand fing ihn auf, "so riechst du", sagte ich. "mit dir vermengt", sagte er. ich streichelte mir über die augen. "kann nicht einschlafen", sagte ich. "nimm eine tablette, oder zwei", sagte er, ich ohrfeigte ihn, lief nicht weg, er hatte sich eine frau "zum heiraten" gesucht, ich hatte nur einen mann, um die angst vergessen zu können, gewollt, erinnerte ich mich. "einmal im monat brauche ich dich." ich wollte nicken. doch als er mich wollte, war ich eng. als ich mich lockerte, sah ich wieder in dein gesicht, das schmal wurde, die augen glänzten, du lebtest angestrengt, für mich, du hieltst dich zurück, ich schrie leise auf: den liebte ich. zu dem wäre ich gekommen. oder er wäre hier. ich hatte geweint. er sollte mich nicht verquollen sehen. "das bist doch auch du", er hob meinen kopf, leckte die tränen von meinen augen. "versprich", sagte ich, "sieh nach den kindern, falls mir" - "würde ich sie bekommen?" - "nein. aber trotzdem." er war stolz gewesen, als irgendwer ihn für den vater gehalten hatte. er hatte verlangt: "geh mit dem jungen zum arzt." ich hatte genickt. es beruhigte mich, daß einer für sie sorgen würde, der mich liebt. doch plötzlich sagte er, "nimm an, es geht um geschäftliches." ich blieb in der wohnung zurück. als er wiederkam, blieb ich verunsichert. er nimmt meine hand auf der straße, beobachtete ich, als stände er zu mir, ich erinnerte mich an männer, die mich nicht vergessen konnten, als könnte ich hexen, daß er mich nicht vergißt. ich sah, daß ein mann seine frau anguckte, wie er mich angesehen hatte. ich begegnete diesem blick. er brannte. ich senkte die augen, blickte auf, sah ihn an, bis wir kicherten, seine frau sah nur mich an, als kicherte ich wegen seinem grünen haar.

ich bezweifelte mein gefühl. doch er war der "wichtigste mann" in meinem leben. ich war wieder unruhig, das war nicht gut. ich trat auf einen zu, "bist du so spannungsreich wie deine stimme?" er nickte. "willst du dich von mir kennenlernen lassen?" er nickte verlegen. ich ging verlegen weiter.


verbrennungen
noch ist die maske mir nicht ins fleisch gewachsen. ich bin 18 "Asche" wir müssen einander doch helfen "Asche" nicht, warum sie dich vierzehnjährig daniela nannte. vielleicht, weil daniel ein jungenname ist, der durch ein angehängtes a ihr gleichgeschlechtliches benennt. ich glaube, daß sie dir ehrlich schrieb. sie wäre mir fremder ohne die eingestreuten sätze, die darauf hinweisen, daß ihr erzählen zwischen wirklichem, ironie und überhöhung schwebt und diesem traum von mauern, die sich nähern, und dem traum vom grenzübertritt. "Asche" schäme mich zwischen - die mich verändern, ich bin dann anders, daniela, ich bin laut oder lache oder tanze wild, immer so, wie sie sagten, wie ich sei. aber sie scheinen es zu merken, sie sind berauscht, und wenn sie erwachen, fühlen sie vielleicht einen kater auf dem kopf und bellen und jagen mich davon, und ich fühle angst vor ihnen, die sich bilder von mir machen, die ich nicht bin, und doch bin, weil sie die lieben, wie sie sagten, und dann bin ich so - ich bin mir kein gesellschafter - auf fotos ist doch auch oft ein grinsen, was ein lächeln war, und dann erschrecken sie und laufen davon, ich will doch - aber dann bin ich wieder anders und unsicher, wer ich bin - nicht anders als andere - ich habe keine kraft, ihn zu sprengen. ich will nur so leben, wie einer, der weiß, daß er irgendwann sterben - brücken über - unbedeutend, daß ich auch leben kann - hält nichts auf - ziehe eine grimasse und sage: ich bin der teufel! und fürchte mich. sie könnten es glauben - kein recht, ihnen die krücken wegzureden, ich kann keinen stützen - widerspreche mir oft - chaotisch - tod egal - nichts folgt, daß auch, was ich schaffe, kaputtgehen wird und - alles ganz anders, ich weiß, alles ist sinnlos, nur daß die art nicht ausstirbt, aber dem fühlen ist es egal - doch nur noch namen zwischen uns - erschrocken wie fremd - aus der klasse konnte ich nicht fortgehen - kann nicht fort, ohne wohnung, geld, sie haben - allein in meinem zimmer, er will nicht mit mir an einem tisch essen, und wenn ich das wohnzimmer betrete, muß ich anklopfen, aber mein zimmer betreten sie, und wenn ich weggehen will, droht er "pünktlich, sonst". manchmal habe ich angst, daß die, die kommen, zu denen ich gehe, mir eimmal so fremd - die menschen gebrauche: stopft die leere zu. und dann sagte meine schwester - aber dann ißt sie doch mit ihnen - sagt: erst, wenn du weggegangen bist, und sie weiß sich einen grund, weil die regierung mich bestrafen würde, ich hätte sie aufgehetzt - wissen, daß es schlimmeres gibt für mich, daniela, erschrick nicht. ich will das schlimmere nicht. ich weiß auch nicht, was war, sie haben mich in den op gestellt. ich weiß nicht, ob sie angst vor der narkose hatte, oder ich hatte angst, daß sie zusammenzuckt und das skalpell in den uterus - gejammert, und als ich sie streichelte, hat sie - so heiß. es war doch ein kind - guckte betroffen, aber dann war seine stimme sehr hart: ich bin arzt. meinen sie, mir macht das spaß. die frau hat zwei kinder, geschieden. ich könnte ihnen die unterschrift zeigen. aber ich bin nicht sicher, ob sie in der lage sind, es zu - ich muß einen grund finden, warum ich nicht schlafen kann, ich liege mit dem bauch auf dem heizkissen. ich habe das fenster vergessen zu öffnen. der kopf soll kühl - ich mich hinlegen. aber ich denke, wenn eine frau kinder - darf sie nachts nicht mehr aufgeregt sein und am tag so müde. vielleicht sind die erwachsenen deshalb so - manchmal , - daß ich gefilmt werde, wenn ich allein bin. ich will ich bleiben, auch wenn mich andere sehen. aber dann sage ich: das eben war noch nicht wirklich, das filmen fängt jetzt erst an. ich rede immer soviel zwischen menschen. ich will nicht, aber ich bin unruhig, und wenn ich nicht rede, kann ich nicht denken, als wäre ich allein, ich denke, was ich gesagt habe und was sie hören, wenn ich nicht rede. und als ich schweigsam war, waren sie freundlich, aber später haben sie gesagt: du warst so komisch. und wenn ich still war, fragten sie mich, ob ich krank bin und dann rede ich wieder. aber ich kann mir nicht mal für mal wiederholen, was ich weiß. und wenn ich woanders bin und erzähle es noch einmal, fühle ich mich elend, aber wenn ich es ihnen nicht erzähle, wissen sie das nicht. vielleicht ist es deshalb nicht gut, so viele bekannte zu haben. aber wenn ich wähle, bleibt keiner übrig, ich meine, wenn ich denke, der oder die, dann frage ich mich, warum nicht - solche angst, daß er oder sie gerade vorbeigegangen ist - aber dann möchte ich, sei mir nicht böse, daß du ein junge bist und bei mir bleiben kannst. - verschlafen, doch ich träumte: es war krieg. ich habe die flugzeuge gesehen und soldaten. keiner schoß. deshalb hatte es sinn, was wir taten. mein kind war still, fast reglos. ich konnte es unter einer bank verstecken. einer der soldaten war mein mann. nach feierabend brachte er mir einen rucksack und wanderschuhe. aber ich bin in die wohnung zurück, wegen dem schmuck für den hunger und zellstoff, wegen den blutun - vater ist in einer kutsche weggefahren. es erleichterte nicht - jetzt nimmst du abschied, nicht wahr?" ich widersprach zu hef - und wieder strudele ich durch gassen wie ein vom wind verwehtes stück papier. sie haben es sich leicht gemacht, ich müßte den ersten mann lieben und sicher sein, daß er mich liebt, wann aber weiß - es ist verkrampfung in mir bei jedem, der mich streichelt, der unterleib schmerzt - jungfrau bin ich nicht mehr. im traum war es ein soldat mit dem gesicht amerikanischer filmhelden, die ich liebe. ich wollte vor dem totsein frau sein. es tat weh. es war alles. - arzt sah mich verwirrt an, als ich leise aufschrie: sie waren noch nicht, mit keinem mann? ich verstand seine stimme nicht, auf dem klo sah ich schmierer blut - audern, er geht. jeder muß einmal gehen. zurück bleibt der verschärfte druck alleinzusein - aus dem fenster, als gäbe es draußen mehr zu sehen, als graubröcklige wand - mißtrauisch gegen die, die zu allen freundlich sind, und bin zu allen freundlich. ich glaubte, für alles verantwortlich zu sein, sah, daß es sie nervte, wenn ich mich an ihren bankplatz hockte, um anweisungen nicht von oben geben zu müssen. ich habe verlangt, um irgendwelche titel zu kämpfen, weil es - wir arbeiten doch auch so. ich habe verlangt, daß sie - obwohl ich wußte, daß es in der tasche knautscht. ich habe das blauhemd auch auf der straße getragen, aus protest, aber das ist schwer zu verstehen. - muß gedanken an den tod zu mir zerren, daß er mir kraft gibt für eigene wege, aber ich kann ihn nicht festhalten, warum sonst verletzt der vorwurf, ich sei nicht parteilich, weil ich - hautenge pullover trägt, sagte, daß sie sehr freundlich zu den patienten, nicht nur den männern. das verletztsein ist ein erschrecken, wie sie mich mundtot machen mit urteilen, vor denen ich angst - gestern über den weihnachtsmarkt, angequatscht, angelacht, hier und da zog einer eine grimasse. es wirkte wie aufgezogen, ich weiche den blicken nicht aus, ich bin neugierig, hinter ihre gesichter zu sehen, es soll nicht auffallen, ich lächele kühlspöttisch - daß nur einer hält, der einen sitzplatz hat, und dann denke ich mir geschichten aus, es ist ihnen doch egal, wer ich bin. und wenn ich an der straße stehe, den autos winke, und es ist kalt wie heute, singe ich. manchmal singe ich laut, weil ich allein bin: und laß dich nicht verhärten in dieser harten und wenn wieder einer vorbeifuhr, fluche ich, verfluche, daß er mich nicht hör - trotzdem böse gelächelt, daß sie sich sonst auf mich verlassen könnten - sollte die blume aus meinem haar nehmen. ich habe es getan. aber ich glaube, die frauen hatten sich über den farbfleck gefreut. sie laufen mit erhobenem arm aufs klo, zum waschen, mit der anderen fahren sie den tropf - ins bett, ich bringe den schieber!" aber sie machen es immer so, sagen sie, wegen dem schwesternman - slauf. manchmal müssen sie monatelang liegen, damit das kind bleibt - kein tisch und zwischen den betten kaum - nicht schlimm. nur, das haus war ein bunker und die fensterbretter sind breit und die fenster ganz klein - duster auch die decke und überall ist so ein geruch. - keiner lächelte zurück. - zäpfchen in den hintern. ich fragte einen jungen, ob er mit ins kino - gelogen, daß ich die pille nicht nähme. er küßte meinen mund. der ekelte sich. und dann saß ich mit nacktem arsch auf den dielen und heulte und fühlte, daß er mich verachtete - "tabletten - plötzlich ganz lieb, vielleicht, weil er ein pole war, er hat mich zum bus gebracht und gestreichelt und gesagt - uns - um - rme erwartet, zuspruch, wie ich immer den clown für sie spielte, wenn sie müde waren, und dann lachten sie und sahen mich zärtlich bittend an. sie klopften mir auf die schulter: spiel nicht die tragische, und einer sagte: denk an die dritte welt. - ich sah, daß wir uns von den erwachsenen nur in äußerlichkeiten unterscheiden, in die wir einander reinpressen wie in eine uniform und zu hause bleiben, wenn die hose gewaschen werden muß, die farbe von zugehörigkeit trägt. sie wundern sich, daß so viele von uns selbstmord begehen. sie schieben es auf die regierungen, aber wir sind es doch, die mit gequatsche von menschlichkeit und einander helfen wollen erwartungen aufbaun, die wir nicht einlösen wollen, sie saßen lachend - nicht wieder - schäme mich, mir lebensmut zu machen mit verhungerten, verbrannten frauen und kindern, männern, "denen geht es schlechter." für die ich nichts tun kann, als auf eine flasche wein verzichten, die mich für momente betäuben - weiß, es ist unsicherheit, aber wie soll ich wirkungen abbauen, ohne ursachen beseitigen zu kön - gingen vom frühstück zur rauchpause. die jungen schwestern sind oft die schlimmsten, und wenn ich in der ausbildung um mich blicke, kann ich es nicht verstehn. wir erleben, wie verletzend es ist, immer die dreckarbeiten zugewiesen zu bekommen, am anderen tisch zu frühstücken, sie essen abgezweigtes vom patientenessen, wir packen unsere stullen aus. ein knappes jahr trennt uns, dann rächen wir uns nicht an ihnen, sondern wandeln uns in sie und gewinnen stolz, die zu demütigen, die nach uns kommen - wehren uns nicht. wir haben angst vor beurteilungen: aufsässig, und was weiß ich noch, die gelesen werden, als wollten wir uns nicht um patienten kümmern. "sie wollen nicht immer die kacke aus den hintern puhlen? sollen die patienten krepieren?" davor habe ich angst - und als ich auf der straße stand, war ich unsicher, ob ich den stecker rausgezogen hatte. aber: ich tue es immer. - wie sich, was wir tun, in automatisch getanes wandelt, daß es immer mehr wird, das uns - sagte, daß ich mich entspannen müsse, mit den fingern versuchen sollte zu weiten - ob ich ihm tee kochen solle. er nickte. aber ich war plötzlich so müde, daß ich ihm meine tasse zuschob. er erhob sich. jeder geht seinen weg. ich habe den tee tropfenweise auf das gemalte fallen lassen, es verschlierte zu kreisen, die sich berührten, verschmolzen, ich pustete, farbe spritzte bis in mein gesicht, ich murmelte: das ist mein inneres. als wäre ich weise. sonst wäre es durch nachgebautes austauschbar - er es tat, daniela, es wäre besser, er wäre immer der tyrann. ich habe keine kraft mehr. um so höher fliegend hoffnung, um so tiefer der fall. ich werde mir ein ja an die wand malen: stolz. wenn ich von der regierung rede, heule ich. vater habe sich auf meine geburt gefreut, er habe einmal wegen mir geweint. doch ich kann nicht mit ihnen leben. die möglichkeit als gast zu kommen, zu gehen, geben sie mir nicht. daniela, meine mutter besucht mich heimlich. wenn draußen die tür knarrt, zuckt sie zusammen, schleicht - "deine tochter oder ich." sie sagte: und du gehst bald aus dem haus. - daß ich eine frau werde. es verletzt - seine inzuchttheorie: daß nur frauen geheiratet wurden, die dumm und anpassungsfähig waren. ich habe jungen erlebt, die aus angst, verlacht zu werden, männlichkeit - natur kulisse - langeweile - daß gefühle erziehbar sind - angst, daniela, nichts als angst ohne die arbeit, die angst - ersehnte welt wird so klein. ich bin glücklich in diesem zimmer. kommt jemand nicht, drücke ich die puppe an mein gesicht und streichele sie wie ein kind, das bei mir - angst, ich habe eltern verloren, ich verließ freunde, ich habe figuren verloren und spiele schach, es klingt pathetisch, ich weiß, doch dieses spiel geht um mein leben - mit jeder illusion stirbt ein stück ich - schließe die tür und träume von den menschen. im traum getraue ich mir noch zu lieben - doch als ich im krankenhaus lag, ging ich zur besuchszeit auf den gang, weil es leichter ist, allein einsam zu sein, doch vater beschämte mich - zu hause war, räumte ich mein zimmer um. er aber wartete auf mich. das hatte ich nicht gewußt. es fehlt mir erfahrung, mich einzufühlen. das müßte er wissen - nicht zwischenglied sein, sondern neuanfang, deshalb mögen wir die regierungen nicht? doch als ich den film herbstsonate sah, dachte ich, ob sie sich erkennen würde und daß liv ulmann einmal sagen könnte: mutter du hast es gewußt! - nicht sagen kann, es ist so, nur es scheint mir so - tisch, auf dem ein kaffeefleck franst. ich erklärte ihn zu kunst, faulheit zu bemänteln, die mich hindert, einen lappen zu holen. ich glaube, ich habe verstanden, warum es so schwer ist, unter menschen zu sein, die nicht nah sind. ich fühle mich einsam, aber nicht allein. wenn ich allein bin, kann ich singen, tanzen, doch schon ein knarren - die menschen verändern sich neben dir, doch wenn sie gehen, fallen sie in den alten trott", sagte er, und ich bin erschrocken, wer er ist, wenn er nicht bei mir - nicht ausziehn "nimm mich!" weil es weh täte, wenn er danach - oder geht. - deine sätze sind so böswillig, schäbig, daß es mir leid tut, dein vater zu sein - und plötzlich bin ich froh, ich bin allein und doch fröhlich. ich habe angst vor gefühlen, die mich an menschen binden - im traum töteten männer meine schwester. und ich hockte mich in eine wurzelmulde, um ihnen, wenn sie schlafen, die kehlen - aber ich lerne für gute zensuren. ich sage, sie sind die tarnkappe, aber ich fühle, sie wächst mir ins fleisch. und eine zwei trieb tränen - sage wahrheit, daß gewissen beruhigt, so wenig, daß es mich nicht gefährdet - den rahmen ausfüllen. er ist unsichtbar. ich will nicht stürzen - will mich in dir verkriechen" - "sexuell pervers?" fragte er. er verstand nicht, daß ich geborgen sein will, vielleicht verantwortung für mich los sein will. er sah mich - oder ich ging. - lkende blumen. ich mußte einem auto winken und den fahrer bitten, daß er mich zur arbeit fährt, um nicht zu spät - deutlich gefühlt: die breiten schultern, die großen hände, das kurze - ich war er. - nicht weinen will, beobachtete ich eine spinne. sie hatte fünf beine. ich nannte sie lore, setzte sie vorsichtig auf die blüten. es regnete blätt - die netteste hier." ich lächelte, als wäre ich verlegen, aber es ist traurigsein: ich bin eine schauspielerin. ich habe die nacht durchweint, ich schüttele das haar, ich bin net - schwindlig. wenn sie blutdruck messen, ist er immer neunzig zu sechzig. sie ließen mich wieder die frau ohne beine spritzen. ich stand und schwitzte. sie sagte: "ich wollte sie! sie spritzen am besten." das war eine lüge. mir wurde schlecht. der pfleger nahm mir die spritze aus der hand. "warum wehren sie sich nicht?" fragte er. ich sah ihn ratlos - aber - um das parkrondell marschierten jugendliche, immer im kreis. "für die weltfestspiele", antwortete ein - schenke mir diesen abend", sagte ich. er sah auf die uhr: "bis um zehn." ich trank, nur manchmal murmelte es aus mir: "hör auf!" dann war alles - "keiner konnte mir welt geben. aber ich brauche land, ich gehe sonst unt" er blickte auf. ich begriff plötzlich, daß es mir nicht um ihn oder jenen geht, sondern den sinn meines lebens. "ich glaube an dich!" die männer erschrecken vor dem anspruch. und ich stand auf und wankte "nicht springen!" über ein - eine kirche, die ich nicht erreichte, ich brauchte ein ziel. - kalt und fast steif wollte ich in ein café, doch dann erinnerte ich mich, ich wollte freunde besuchen, aber ich erinnerte mich an die gespräche - leben ist dschungel. der weg wächst vor mir zu - bildwechsel. keller-verschlag. kinder spielen vor leisten. sie bringen mir brot. ich habe angst vor den kindern. sie könnten ihren eltern von meinem versteck erzählen. ich wünschte, die kinder wären tot. daniela, ich wünschte, die kinder wären - raum, das essen aus blechnäpfen - namen aufzuruf - fällt zu boden. ich stehe starr. ich begreife, daß er vor der aufseherin einen epileptischen anfall spielt, um mich zu retten: ich - renne: zum holzverschlag, eine matratze, eine decke, warten auf den geliebten, bis zum - richten verwundetes selbstvertrauen. tagträume zeigen mich als heldin, die barrikaden stürmt. ich hoffe, das ich, was sich verkroch, ist das ich der nachtträume. vielleicht bin ich die auf beobachterposten, es macht nicht stolz - so müde, daß der kaffee von der großen kanne über den rand der kleinen - wirft mich einer von ihnen auf den fußboden. ich kann mich nicht wehren, außer mit einem lächeln. ich habe es vor dem spiegel geübt und zu singen, ganz leise, die schluchzer zu dämpfen, lauter, lächelnd, st - versucht, mit vater zu sprechen, daniela, er sagt: "er hat ein bild von dir, es zerbrechen, hieße ihm rechtfertigung nehmen, er wehrt sich." und wenn ich zusammenbreche und heule, zeigen sie auf mich: wie hysterisch, nur weil... und der grund scheint belanglos, ich weiß, aber er war wie ein - und ich sehe auf ihre schuhe vor meinen augen. und wenn ich aufstehe, lächele ich spöttisch, als wäre - er hörte es wieder nicht. "sprich lauter!" aber ich konnte es nicht. oder es fing an, als mutter immer recht bekam. und als er unerwartet erlaubte, daß ich widersprach, konnte ich es nicht - sie sprach mir die worte vor: sage lieber vater, ich brauch - ich bat sie, bettelte, daß sie - später habe ich straßenbahnfahrscheine, geld für ein eis aus ihrer tasche genommen. ich fand es weniger demütigend. das ist wahr. sie nennen mich nur arme irre. ich weiß nicht, wie lange schon. ein jahr, zwei. ich bin mir meiner nicht sicher, deshalb - den nacken. der knochen folgt der krümmung. ich drücke die brust raus, ziehe den bauch ein, die schultern zurück: häuser zu sehen, autos zu sehen, gesichter. die bilder verschwammen. der körper sackte zusammen, ich wehrte mich nicht - aufwachte - erführe, ich wäre nichts als ein wabbelnder, träumender geist? ich fühlte mich gefoppt. ich habe das um mich ernst genommen - lebe in der kleinstadt mit der vernunft eines moralisten: ich mag den schmerz nicht, deshalb tue ich keinem weh - nennt freunde jüngelchen oder gören, die sie nicht kannte. und wenn ich schwärmte, blockte sie ab: erzähl es am abendbrottisch. - vater lauscht - manchmal ist die angst - der weg zu einer wohnug macht mich müder. ich bin zu müde. ich laß es mit mir geschehn - barfuß. ich fror. doch ich schien schön. - ihn nie wieder treffen oder phantasie bände mich an ein phantom, das eins, zwei sätze zerstören könnten, die will ich gleich - oder das ohne liebe haut verbrennt - sagte, er wolle zu ende rauchen, ich stand neben ihm, er - daß es verletzt und dachte an polen, wo jeder auf die bühne tanzen kann, sagen sie, allein, zu dritt, zu viert. nur zu hause brauche ich keinen, wenn ich nichts als tanzen will, und muß mich nicht fürchten "wie ein floh in verrenkung" zu - es ist schwer, gespräche zu führen. der wetterbericht ist genau. frage ich nach anderem, sehen sie mich mißtrauisch an, und mir ist, als bräche ich nur mal für mal aus, um nicht abzustumpfen gegen diese liebe, alleinzusein. - ich lief ihr nach. vater stieß mich von hinten auf die treppe - kalt, legte mich unter eine bank, dort wehte es weniger kalt. auf einem hof zerriß ich den unterrock, wickelte ihn um die füße, aber dann stand plötzlich meine schwester - schuhe, jacke, "da lang, dort sind sie", sagte sie, und ich hetzte - stehen blieb, froh - "du bist ihre tochter, du mußt uns verstehn" - nach hause zurück. - eingekackt!" ich schob wieder zellstoff an seinen hintern: nichts als ein schmierer. eine schwester hätte die klingel abgestellt. das getraute ich mir nicht. - brachte eine flasche. er wollte aufs klo. ich sollte ihn nicht aus dem zimmer lassen. er pinkelte auf den fußboden. als ich vom aufwischen hochsah - der andere grünlich - schob ihn aus dem zimmer, puls, spiegel, ich legte feuchte watte auf die augen, band das kinn hoch. die diensthabende ärztin sah flüchtig unter das laken, das ich über ihn gelegt hatte. ich holte mir seine akte, erfuhr, daß er kinder hatte, eine frau, er war fleischer. am morgen schimpfte eine stimme "der fahrstuhl ist abgestellt!" ich sagte: "es liegt ein toter drin." sie schwieg. - krüppel windeln. er bekam gefühle. ich sah seine bittenden augen. mir wurde schlecht. ich steckte mir ein paar faustan in die tasche. dormutil ist unter verschluß. dormutil und alkohol sollen sex beleben. ich nehme selten tabletten, nur wenn ich wach liege und am morgen zum dienst muß, ich zählte, spann eintönigste - nichts. aber die tablette wirkt, kaum daß ich sie auf die zunge legte. ich könnte kalktabletten schlucken. doch wenn ich mir zuflüstere: "schluckte doch schon", glaube ich es mir nicht. - unruhig auf messer, fenster, doch - kraft für ein messer. oder ich läge auf der straße, ein kind könnte - ich war bestürzt, daß sie einen film zeigten, in dem sich einer luft in die vene - sicher. aber vorher kommt angst, angst, die zurück - aber es reißt kaputt - "du nutzt uns nur aus!" glauben sie das? - haben uns doch in diese welt - ern wischen auch so!" daß ich ihnen gestern die arbeit machte, die sonst zwei küchenfrauen erledigen und trotzdem patienten versorgte, daß ich am umfallen war, aber auch stolz, erwähnen sie nicht - erwartungshaltungen abbaun, daß ich nicht jedesmal kamillentee und zwieback - aus schweigsamkeit heraus ist widerspruch provokation - nicht gut, daß kinder, was etwas dürfen betrifft, von den launen ihrer regierungen abhängen. es zwingt, launen gutzuhalten, erzieht zu unehrlichkeit. vater sagte, er sei auch nur ein mensch, aber wenn er gehorsam fordert - verzeihen fällt mir noch immer leichter als stolz, vielleicht empfinde ich es deshalb als schwäche - ich liebe das tragische nicht - so viele gründe für ein ähnliches gesicht. die regierung sah nur, daß ich das zimmer verließ und nicht mehr weinte. ich betete noch, ich wollte keinen von beiden verlieren - gefühlslosigkeit vor, sie aber versöhnen sich. und als ich auf die straße lief, saß ein kleiner junge auf der bordsteinkante und weinte. "waru - als hätte ich ihm weh getan. - wir bezahlten ihm schnaps. er ließ uns in den saal. ich war froh. auch das mädchen war froh und schimpfte nicht mehr. eine schimpfte einen abend lang nicht mehr. draußen war es kalt. drinnen - auch der himmel im westen scheint grau. ich kauerte, schlang die arme um die knie. ich senke den kopf auf die brust und weiß doch, gegen diese kälte hilft nur, sich zu bewegen. angst, zu fallen. - es gibt momente, daniela, wo ich vater verstehe. ich kann bewunderer nicht achten, weil ich mich selbst bezweifele, aber mir tuen die weh, die meinen zweifel - führe rede und gegenrede, ich baue häuser aus begründungen. sie stürzen ein. ich finde unruhe dort, wo ich ruhe suche - "bitte, bitte, geh nicht!" der mann weinte. sie war nur noch haut und knochen. sie hörte ihn nicht mehr. er weinte. der anblick erschütterte mich. ich wünschte, sie wäre tot. als ich das zimmer betrat, war es vorbei. ich zog ihr den ehering ab, wir wuschen sie, packten ihre sachen auf ein tuch, legten den ring hin, schlugen es zu, legten sie auf ein laken, schlugen es zu, hoben sie auf eine trage, im keller schoben wir sie in einen gekachelten raum. wir legten sie nackt auf steinernen tisch. ich knotete ein kärtchen an ihre große zehe. - gehen sie in das zimmer, sie wissen schon. sie sind ein todesengel." ich sah die ärztin seltsam an. im raum sind pflegefälle, ihre schwiegersöhne sind professoren. sie sollten für urlaubstage aufgenommen werden. sie wurden nicht abgeholt. ihre hirne sollen im röntgenbild nur noch kartoffelgroß sein, daniela, doch als ich sagte: "singt!" sang eine. als ich sie streichelte, küßte sie mir die hand. ich ekelte mich, ich wusch mich gründlich - einander helfen. aber wie erwachsene bieten wir einander lösungen an, für problemkerne, wir leben doch auch in ihrem fleisch. wenn vater die hand gegen mich hebt, um mich zu schlagen, schreie ich. er hat angst vor den nachbarn, "denken, du wirst abgestochen!" sagt er. ich schäme mich. aber er schlägt nicht. - aber sie hatte mir die schuhe doch angeboten, sie können sie fragen." - "aber es sind doch kranke menschen, wie konnten sie das vergessen?" ich weiß es nicht, vielleicht weil freunde oft kränker wirken, ich weiß nur, daß nach solchen aussprachen die verkrampfung wächst - ungezieferüberfälle. eine heuschrecke, die wie eine maus aussah, setzte sich auf den rand meines glases. sie ließ ihren hintern in den wein hängen, ich bestellte ein neu - manchmal habe ich angst, schwanger zu sein, wenn ein mann nur neben mir schlief. ich will einem kind eine höhle sein können, in die - nach sätzen, die mich stütz - form. "worte zerstören, wo sie nicht hingehören." - nicht philosophie. weil ich gelebt haben muß, um modelle nicht auswendig zu lernen, an sie zu glauben, wie an einen gott - früher las ich auf dem klo, in der straßenbahn, im zug, plötzlich war ich zusammengeschreckt: verles - starrte in die gesichter der fahrgäste. eine runzlige alte mit einer warze am kinn saß am fenster. ein junge saß neben ihr und fürchtete sich nicht, als kenne er keine märchen, in denen - tränen über mein gesicht - nicht dumm unterstellen, halten sie mich für raffiniert oder - wäre ich wirklich gut, wäre es mir doch egal - mir einen mann träume, der sich nähert, der mir fremd ist, der, weil ich ihn nicht kenne, vergewaltigen muß. aber er entschuldigt sich. es wird gut. - welt zu erlösen, um liebesleere zu füllen? - weltharmonie predige und lebe in mir zerrissen - liebe als kraft für einen anderen menschen mitzuleben. ich muß sie umlenken, sie zerstör - sonst - kam nicht. sie haben mich in die psychiatrie gesteckt - frauen und männer auf einer station. es soll hysterien hemmen, schlampigkeiten - stäbe leuchten im mondl - mit binden ans bett. das mädchen schrie wütend. die schwester lachte, "hörn ja, wie verrückt si - ich durfte zusehen. der stromstoß - ein körper bäumte sich auf, zuckte, als leide er, die zähne bissen auf gummi. als er erwachte, lächelte er. "gun ta." sagte er. das hatte er vorher nicht gekonnt. - nicht reich der kinder vertrösten. als ich kind war, versklavten uns die jungen. sie peitschten uns mit weidenruten über den schulhof. wir brachen aus, gefangen zu werden, ausgepeitscht zu werden. daß sie uns hinterherhetzten war uns die prügel wer - bis dienstbeginn. ich schloß mit paßschlüssel irgendein haus auf, stieg bis unters dach und in den keller. auch der war tapeziert. einer fragte: "was suchen sie hier?" - "die tür stand offen", log ich, "ich interessiere mich für architektur." ich lief erregt über mich ins freie, wie hätte ich mich einem polizisten erklären können. ich hätte erfinden müssen: "ich mußte pinkeln." besser: "wollte wissen, ob ich zwischen den beinen blute." sie hätten mich - ich kann mich auf mich nicht verlassen! - der regen klöpfelte gegen das fenster - vogel und müde. ich fürchte mich, zu landen. einer könnte mich in einen käfig - wurde so müde, daß ich mich nachts hinlegte, den kurzzeitwecker stellte für den fall, ich schliefe ein. der strom - "waschen sogar mit kerzenlicht, andere - geld in die - als hätte ich sie gekränk - ich setzte mich aufs klo. sie hatte gesagt: "wir sterben, weil wir ans altern und sterben glauben." sie glaube nicht daran. sie dürfe noch mit puppen spielen. manchmal japste sie nach luft. "neurotisch." ich zog aqua auf. sie hielt es für prednisilon. doch es half nicht. als ich aus dem urlaub kam, war sie tot. "weshalb?" die schwester überhörte die frage. ich schwieg. - hasse die männer, söldner, sadisten mit allerweltsgesichtern, denen ich auf der straße begegne und erschrecke. die, die kinder in die gaskammer führten, waren frauen. - momente in denen ich töten will - einer zusammengeschlagen, der mit wohnraum schacherte, ich - "ist eine faschistin!" flüsterte sie. "nein!"sagte ich, aber dann erinnerte ich mich und beobachtete - mit patienten schlug - verknotete und ihr gesicht - der kittel ganz weiß. die haare straff - menschen in krise. aber es ist schwer, ihnen ohne überheblichkeit zu begegnen, wenn eine sich auserwählt fühlt, im krankenzimmer für die sünden der menschheit zu leiden, statt still zu sein, raus zu ihren kindern kommen zu können - mutter nahm meine hand, als wolle sie sie streicheln, doch - fingernagelfeile - wird sie sagen und darauf verzichten, mich zu sehen - plötzlich fühlte ich etwas wie haß, als sie in den spiegel sah und sich anlächelte, und ich sagte ihr nicht - rauszukommen - mein heim ist ein gefängnis, aber in ihm war ich nicht allein. - vater sagt, er fühle sich mir gegenüber wie einer, den einmal ein hund gebissen hat. ich bin kein hund. vielleicht bin ich ein kind, das begreifen sucht in der erwachsenenwelt, vielleicht eine frau, die verständnis erhofft in dieser so männlich

plötzlich war sie errötet. sie klebte eine postkarte auf das, was sie an die wand gekritzelt hatte. die zeigt einen tanzenden harlekin.



Der Neider
Mein Vater hat nie darüber gesprochen. habe das stückweise von meiner Schwester, meinem Bruder, daß er in so einer Eliteeinheit. Und daß ihn die ′Freunde′ nach meiner Zeugung, wie man so sagt, hopp genommen haben. Ein Pole hatte ihn wiedererkannt. Oder gesagt, daß er ihn wiedererkennt. Naja, wie das so war. "Eliteeinheit?" Na, der war, mein Bruder sagte, daß der nur für die Transportsicherung zuständig war. Für die Sicherung von Transporten, eben für die Wirtschaft, und nachher Munition, und dann, dann kamen die Fremdarbeiter, nach Neustadt zwar kaum. Die Transporte gingen in die größeren Städte, in die Industrie. aber über Neustadt kamen sie. Die mußte er ja auch weiterleiten. "War er Eisenbahner?" Nein, das nicht. Wirtschaftsoffizier oder wie das heißt. Er hat nicht direkt geleitet. Er hat nur, mehr oder weniger, kontrolliert, daß das ordnungsgemäß ging, und daß das alles schnell, daß die Betriebe pünktlich beliefert wurden. Mein Vater spricht nicht darüber, ich habe ihn ein paar Mal gefragt. Du wirst entsetzt sein, aber ich liebe meine Alten nicht. Deshalb sag′ich: er ist kurz vorm Abkratzen. Sein ehemaliger Stabsarzt, ob der noch lebt, hat ihm damals maximal drei bis fünf Jahre gegeben. Krebs. Die Blase, das Ding raus. Den Beutel hat er inzwischen siebzehn oder neunzehn Jahre. Er war Invalide, als er zurückkam. Er kam neunzehnhundertvierundfünfzig. Hatte eins zu drei abgearbeitet. "Eins zu drei?" Ein Tag gearbeitet, drei abgegolten. aber im Feuchtesten, Dreckigsten, Niedrigsten. Das weiß ich von anderen, die dort waren. Mein Vater sagt dazu nichts. Hier, Strafvollzug, sind es eins zu zwei. Unfälle sind dort, wegen dem Ungelernten und so. Mein Bruder hat ein Bein -. Na und vierundfünfzig, nein dreiundfünfzig, es war kurz nach meiner Einschulung, kam er zurück. Meine Mutter war auch krank. Da haben sie mich in ein Kinderheim. Ich war der Jüngste, ein Nachzügler, nicht mehr geplant. Meine Mutter verpaßte mir noch eine Uniform: Stiefel, Kniggebogger; es sah gut aus, aber im Heim wurde ich deshalb Prügelknabe von den neuen Lehrern. "Prügel?" Erst der Vater. Einmal hatte ich ihm nicht gesagt oder nicht gewußt, wo meine Mutter ist. Ich wußte nur, daß sie zu einer Sitzung im Betrieb war. Ich wußte ja nicht, oder wußte nicht genau, daß sie und der von der Gewerkschaft. Konnte fast eine Woche nicht stehen, sitzen. Scheidung. Ich ins Heim. Ich war schon immer so aggressiv. Dieses "Wir wissen schon, wessen Kind du bist." und jetzt keine richtige Arbeit mehr, keine Zigaretten mehr zu kaufen. Da wurde ich nervös. Ich mag Erwachsene nicht. Nur Kinder und Tiere. Erwachsene als Kumpel. Aber wenn sie anders. Ich bin zwar in der Gewerkschaftsleitung, weil ich alles, naja, sage, auch hart, zum Direktor: Müssen ein bissel Pädagogik lernen, tut manchmal Wunder. Sagte der doch: wenn′s nicht geht, mußt du eben noch mal zur Kur, sag ich: dann müssen sie aber erst einmal auf die Rüttelschüttelplatte, bei ihnen sieht es recht - aus. Das ist eben das Aggressive. wenn mich jemand angreift. Bei Erwachsenen. Weil, die sehen immer nur auf ihren Vorteil. Vielleicht ist das, weil ich ihnen immer wieder vertraue, und dann kommt einer mit, und dann fehlen mir die Zigaretten, das war das Billigste noch, oder es fehlt etwas richtig Schönes, was ich mal so ergattert hatte durch alte Leute. Habe Kohle gefahren. Ich kam viel mit alten Leuten zusammen, die hatten viel Plunder, haben sie gefragt: können sie nicht mal den Boden ausräumen? War viel Dreckzeug, aber auch Schönes. Ich hatte bald ein paar Kunden, Doktoren und so. Mich interessiert das nicht. Ich bin fürs Spartanische: ein Bett, einen Schrank, einen Tisch. So Blümchen und Bilder an der Wand, richtig schön eingerichtet, würde ich nicht mehr verkraften. Obwohl ich früher auch Einzelgänger war, so mit Kreppsohlen, schwarzen Klamotten. Mich hast du nicht gesehen, gehört, bis ich nachts neben ihnen war, und dann waren sie erschrocken, diese Liebespärchen. Der Macker muckt. Du Ochse, sagt der. Ich hätte weitergehen, lachen können. Aber dann kommt eben dieses naja, diese Wut. "Und dann?" Manchmal habe ich sie nur mit Worten belegt. Manchmal habe ich Dresche gekriegt. "Du hast sie geschlagen?" Ich gebe nur Schellen. Das ist wegen dem Stolz. Die achte ich nicht. Ich bin Linkshänder. Wenn ich mit der Faust, dann. Aber ich bin kein Schläger. Ist nur seit dem Kinderheim: alles, was von anderen unterdrückt wird, bringt mich in Wut. Manche waren stärker als ich. Die konnten mich am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Da wurde ich schleichig: ach, es gibt da so Dinger, kurz, das Bein zwischen den -, das wußte ich damals schon, daß der Mann da sehr empfindlich ist, knack, und wenn der runterkam, kam das Knie. Das gab es im Film zu sehen, im Fernsehen, wurde doch überall so gemacht. Ich habe diese Dinger abgekriegt, war im Kinderheim öfters weg, das ist der Lauf der Dinge. ich gewöhnte mich daran. Jetzt habe ich Angst vor der Bewußtlosigkeit. Damals nicht, wenn ich eine Knack abgekriegt habe, und ich lag ein paar Sekunden da und habe nichts mehr gemerkt, bis ich wieder aufgestanden bin, mich geschüttelt habe, rein unter die Dusche oder in den Waschraum, den Kopf unter eiskaltes Wasser, dann ging es weiter. Ein blaues Auge gehörte zum Anzug. "Hattest du keinen Freund?" Nein. Ich habe keinem vertraut. Ich war immer ein Einzelkämpfer. Ich versuchte es, nach dem Kinderheim, als ich angefangen habe, zu lernen. Die Lehre habe ich nach knapp einem Jahr hingeschmissen. Eine andere angefangen. Dasselbe. Ich hatte fünfundachtzig Mark und die Kumpels, auch nach der achten von der Schule, kamen mit sechshundert, siebenhundert, achthundert sausten die rum. Die hatten Motorräder, ich ein Moped. Ich konnte nicht einmal ein Mädel mitnehmen. Lehre hingeschmissen, im Wärmegerätewerk angefangen, durfte Dieselameise fahren, war schon sechzehn, dann Prüfung, durfte ich auf den Elektrokarren. Ich hatte meine sechshundert, siebenhundert Mark, ruckzuck hatte ich ein Motorrad. Doch damit fingen die Sorgen an: die Trinkereien. Ich vertrage nichts. Ich habe dann nur noch Cola getrunken, aber wenn die um dich besoffen sind und du nüchtern, findest du die nicht lustig. Ich nahm alles ernst und schwups - wieder naja Prügelei. Jetzt, kurz vorher, war nichts mehr zum Abreagieren: keine Arbeit, monatelang, nur noch Rumsitzen, Anwesenheit zählt. Ich wollte nicht mehr kommen. Nur noch das Geld abholen: könnt mich ja benachrichtigen, wenn ihr mich braucht. Und so weiter. Bin ich eben zur Kur. Ich war das erste Mal zum Gruppengespräch, ging es weiter: jemand sollte anfangen, niemand hat sich getraut, und ich Idiot, und das ist es, ich fange immer an, wenn ich sehe, daß es weitergehen muß, das ist überall so, ob draußen bei der Arbeit oder da und dort, wenn sich keiner traut, wenn es nicht weitergeht, denke ich, naja, das Risiko muß du eingehen, aber kurz später. Ich habe angefangen, kriegte Feuer. Da war die Stimme gleich in den Fußsohlen, die wollten uns ja zerstören, das gehört zur Therapie, wußte ich nicht. Sagt der: Sie denken wohl, sie können sich bei den Frauen wichtig machen, sie wollen hier wohl in der Mitte stehen, wohl der Größte? Drei Tage habe ich keinen Ton gesagt. Es hat mich gejuckt, dachte: so kann es nicht weiter, das hilft doch keinem. Wollte immer wieder anfangen, aber ich sagte mir: nein, ich laß mich nicht beschimpfen. Aber dann war das andere doch stärker, - ich habe etwas gesagt. Sagt der wieder: Sie hören sich wohl gern reden? So wie einen großer Kenner und so. Da habe ich die Wut gekriegt, habe ich gesagt: du kleiner Wichtelmann, wenn du noch einmal so etwas sagst, mir solche Dinger unterstellst, dann. Da wurde Zittern. Eine hat gesagt: Bleib ganz ruhig. Der Doktor sagte später zu mir, daß er sich an alle Griffe erinnert hat. Zur Verteidigung die. Aber ich bin ruhig geworden. Ich bin ein Einzelgänger, und ein Meutenmensch. Allein möchte ich nicht. Aber ich will auf niemanden angewiesen sein. Immer diese Angst: Wer weiß, was dann kommt. Gut, ich habe, was dann kam, letztendlich, immer verkraftet. Aber Angst, daß es einen Punkt gibt, wo ich es nicht mehr, und was dann kommt. Vor der Kur hätte ich dir das alles nicht erzählt. Du kommst raus, bist irgendwie anders, das draußen nicht: keine Arbeit, das Auto eine Schrottkarre. Nur die Gespräche von dort im Kopf. Auch meine Freundin sagt, daß ich komisch geworden bin: ich finde nirgends einen Anfang. weiß nicht mehr, was ich will. Aber ich habe mich mit allem abgefunden. Ob das so bleiben wird, weiß ich nicht. Ich versuche, mich ein wenig aufzubauen: Autos durchreparieren und so. Dann gestern wieder so etwas: Chef - ich soll fahren. Ich: Geht nicht, ist noch was kaputt. Ich will arbeiten, aber ich kann nicht mit einer kaputten Karre auf die Straße. Da war es wieder: Fragt er: Die Kur, bist nichts mehr gewöhnt, was? Aber ich bin ruhig geblieben, ganz ruhig. Bis jetzt hilft die Therapie: Immer lächeln, denke ich, denke: Wenn du so denkst, dann ist es eben so. Aber an irgendeinem Punkt -. Andere halten mich für bekloppt. Ich meine, daß ich gearbeitet haben will für mein Geld. Weil ich nicht weiß, wie das gehen soll: die einen kriegen Geld, die anderen arbeiten. Das hier ist kein Schlaraffenland. Die einen arbeiten, die anderen kriegen Geld. Mein Auto würde keinen Schlosser brauchen. Ich kann das selbst. Nur weniges nicht. Aber das sage ich ihnen nicht. Sie haben mich ihre Autos reparieren lassen und sich Touren zugeteilt. Ich kriegte dreckige Hände, sie Geld. Hast du eine Zigarette? Zigaretten. Die waren im Kinderheim Gold wert. Gefragt waren Taschenlampen, Messer mit zwei, drei Klingen, Nagelfeile, Schere, Säge. Ein solches Messer kostete dreißig bis vierzig Zigaretten, egal woher, gekauft oder geklaut. "Kriegtet ihr Geld?" Für gutes Benehmen. Aber die brav, brauchten keins, sie gingen zur Schule, rauchten nicht, tranken Limonade. Fürs Revierreinigen gab es Geld. Reinigungskräfte waren schon damals knapp. Ausgezahlt wurde selten. Wird Spielzeug gekauft, sagten sie. Aber als ich einen Traktor kaputt gemacht hatte, mußte ich den Preis abarbeiten. Habe doppelt oder dreifach bezahlen müssen: monatelang kein Taschengeld, Sonntagseinsätze bei Alten, Kohlen reinschaufeln, Garten umgraben und so. Die durften uns kein Geld geben. Nur ans Heim. Als das mit dem Sexuellen losging, fing ich an zu rauchen. Mit elf, zwölf. Mit vierzehn täglich mindestens zehn. War kein Geld da, knackten wir Automaten, schlugen die Scheiben ein. Wir haben kleine Kioske auf den Pferdewagen geladen. Sechs Mann drum. Hoch. Und in den Wald. Aufgehackt, ausgeräumt. Ich war nur Haut, Knochen. Sie haben mich durch das Fensterchen der größeren Kioske geschoben. Drei, vier Mann vor einer Kioskwand. Sieht aus, als ob sie quatschten. Mit einem nassen Lappen die Fensterscheibe eingedrückt. Von Innen ausgeräumt: Schnaps, Zigaretten, Bier. Schokolade nicht. Geklaut wird nicht, sagten sie. Ich kriegte Schellen. Wenn sie besoffen waren, durfte ich am Alkohol mal riechen. Das war im Jugendwerkhof. Der war hinter dem Kinderheim. Ich mußte auch dort zur Schule. Ich hatte die Parteien gegeneinander gehetzt, bis sie aufgeputscht waren, sich prügelten. Sie spielten Russen und Amis, Schwarze oder Weiße. Ich bin nicht national oder rassistisch. Es war nur langweilig. Mein Pate paßte nun auf, daß ich mich richtig wusch, kämmte, zur Schule ging. Als ich nach hinten strafversetzt worden war, durfte ich nicht spielen. Mußte arbeiten. Hat mir nichts ausgemacht. Sogar Spaß. Ich durfte mal Zugmaschine fahren, reiten. Pferdeanhängen, habe ich teilweise allein gemacht. Wenn nicht richtig, gab es Schellen. Wir waren Jungen und Mädchen. Vorn waren die getrennt. Und dann Langeweile. Draußen schiffte es. Haben sie mich festgehalten. Ausgezogen. Ein paar Schellen. Versucht unter dem Tisch durch. Festgehalten. An Armen und Beinen, mich mit dem Kopf zwischen Beine. Die hat die Beine zugemacht. Die haben sich ausgelacht, wie ich zappelte. Dann haben sie an mir gespielt, bis das Ding stand, dann haben sie mich draufgehoben, wirklich draufgehoben, ich wußte nicht, was da ging. Sie haben es mir gelernt. Zweimal am Tag. Jeden Tag Regen. Und dann wurde ich durch die Zimmer gereicht. So einer mit elf war was Neues. Die Kerle kannte ich schon. Jetzt die Mädchen: Aufräumen, Bettenmachen, Fußnägel. Ich habe manchmal aufgemuckt, es hat nichts genutzt. Sie hatten so eine, wie nennt man das doch, neunschwänzige Katze, Ochsenzimmer und was weiß ich noch. Ich konnte manchmal nicht sitzen, liegen. Die haben sie zum Tanz mitgenommen. Wegen Kloppereien. An mir wurden sie ausprobiert. Ich weiß nicht, ob ihr das glaubt. Das Gericht hat gelacht, was von Phantasien gesagt. "Gericht?" Weil ich die Tochter des Schuldirektors, nein, nicht vergewaltigt, aber das erste mal gebraucht habe. Die Sachen waren verschmiert. Gab Ärger. Mußte schon vorher den Kerlen die Fußnägel säubern. Danach kein Schutz mehr. Auch vorher nicht: Der Leiter vom Jugendwerkhof war ein Birnenmännel. Süchtig nach schwarzen Stangen im Reagenzglas, diesen, wie heißen sie doch, Vanillestangen. Der hatte nichts zu sagen. Rudi führte das Zepter. Er war der Hofbulle. Wenn der Feierabend sagte, widersprach keiner. Der hätte eine Schelle gekriegt, egal wer. einmal hat er den Anstaltsleiter in eine Kammer gesperrt. Drei Tage war der drin. Keiner hat was gesagt, auch kein Erzieher. Nur einer hat aufgezuckt, ein Rothaariger, Haudegen. Rudi hat ihn mit Schnaps besänftigt. Eine Flasche Schnaps - danach war er ruhig. Ich war Leibdiener. Gehorchen oder Prügel. Einmal muckte ich auf: Habe es satt mit euch! Kriege nur noch Fünfen. Rudi zur Lehrerin, kurzes Gespräch, sie machte aus der Fünf eine Drei. Ich hatte keine schlechten Zensuren mehr. Sogar die Betragenszensur war gut. Aber ich mußte arbeiten dafür. Keine Lust, gab es nicht. Hausaufgabenmachen auch nicht. Die haben sie mir gemacht. Ich war immer müde. Kriegte mehr Schläge als Fressen. Dann kam die Kleine. War eigentlich mickrig. Hatte einen mit dem Stöckelschuh erschlagen. Er wollte sie noch einmal vernaschen. Es hat ihn an der Schläfe erwischt. Wenn eine neue kam, ging die an Rudi, wenn der keine Lust hatte oder keine Lust mehr hatte, weiter. "Und die Frauen?" Wenn eine nicht wollte, hat sie später von ganz allein mitgemacht. Sie kriegte die dreckigsten Arbeiten. Ich sollte auch ihr die Fingernägel putzen, sie sollte adrett sein und so. Aber die wollte nicht. Kann ich allein, sagte sie. Kriegte ich plötzlich einen Melancholischen, daß ich allen immer so ein Werkzeug gewesen bin. Hatte Angst, dafür wieder Prügel zu kriegen. Sie verpetzte mich nicht. Ich weiß nicht, warum. Sie war nett zu mir. Streichelte, hat die Sachen gestopft, bemutterte eben. Und dann kam Hildebrand. Hildebrand. Wenn ich diesen Namen nur höre, sehe ich rot. Ich habe nichts gegen rote Haare, katholische, grüne, blaue. Aber, das war ein Schwein. Ein Vieh: häßlich, stark, heimtückisch. Sogar Rudi war vor ihm vorsichtig. Er will sie, zerrt sie in den Pferdestall. Traut sich doch keiner, was zu sagen. Ich hatte auch nur Angst, daß ich wieder Prügel. Wußte sie nicht, was sie machen sollte. Hat sie ihm eine dreizinkige Forke in den Wanst. Danach Ruhe. Auch für mich. Ich hatte ihr einen Hirschfänger gegeben, gezeigt, wo man hinstechen muß. Sie wollte erst nicht. Aber dann hat sie ihn bei sich gehabt. Ich mußte wieder vor ins Kinderheim. Hat sie durchgesetzt. Ich schlich oft in den Jugendwerkhof. Mir fehlte das Sexuelle. Die Wärme, Streicheln vom Kopf bis zum Fuß, das hat mir gefehlt. Ich hatte Angst vor Syphilis. Aber wenn es draußen donnerte, bin ich sogar zu Kerlen ins Bett. Will nicht klagen. Ich bin hart geworden. Wenn mein Vater krepiert, krepiert er. Nur bei meiner Schwester bin ich anders. Mein Vater hat sechsundzwanzig Jahre bei ihr gewohnt. Sie hat den Jähzorn ertragen, das Saufen. Ich habe ihm gesagt, daß ein Plätzchen im Krematorium nicht mehr leer sein wird, falls er sich bei ihr nicht besser benimmt. Meine Schwester war so eine: die konnte nicht Nein sagen. Irgendjemand krank, braucht jemand was, tut sie es, pflegt ihn. Als ich das erste Mal in den Kahn stieg, hat keiner geheult, nur sie. Sie wußte, daß ich, daß dieser Zorn, dieses - ich bin kein Schläger. Ich habe mit der flachen Hand gehauen, aus Verachtung. Fäuste abgekriegt. Frauen verloren. Ich war zweimal verheiratet. Habe zwei komplette Wohnungen eingerichtet, verloren. Beim zweiten Mal habe ich mir für viertausend Mark Klamotten gekauft. Nur, damit ich nach der Scheidung nicht alles verliere; dabei ziehe ich nur Nickis und Jeans an. weil -. Ich habe immer Überstunden gehabt. Dreihundertvierzig Arbeitsstunden im Monat. Einmal dreihundertsiebenundachtzig. Fast drei Jahre lang. Ich konnte nicht Nein sagen. Zum Geld hat sie nicht Nein gesagt. Aber ich war ihr nicht gebüldet genug! Der Frau Ingenieur. "Dein Bruder?" Mein Bruder? Der ist Luftikus. Ich bin nichts, aber der ist gar nichts. Hat Glück gehabt. Er hat überall Dumme gefunden, besonders Frauen. Er ist Materialist, wie ich. Aber ich will dafür arbeiten, der nicht: Grenzpolizei, als die in die Armee eingegliedert wurde, Sonderbezüge weg, hat er aufgehört. Bin mit meiner Freundin im Trabbi zu ihm "Deiner Freundin?" Freundin, ja, Wohngemeinschaft. Sie beschwert sich, daß sie für mich nur noch zum Wäschewaschen da ist. Das macht mich fertig. Ich habe mit ihr nicht darüber geprochen: Flauten im Sexuellen. Mußte im Knast ins Kupfer, der Stollen siebzig Zentimeter hoch, kamen Steine runter aufs Kreuz. Seit dem -. Meine Ehe ist kaputt gegangen. In der Woche Arbeit in Berlin. Sonnabend, Sonntag heim, Wäsche tauschen, Geld abliefern. Mehr ging nicht. Wegen der nervlichen Belastung. Es war alles gut, bis kurz vorher - Der Ofen aus. Die dachte, ich ginge fremd. Ich habe den Mund gehalten. Auch vor dem Richter. Aus Wut, daß sie das glaubt. Ich habe es mit anderen Frauen probiert. Nach der Scheidung. Dasselbe. Einer gab mir einen Rat: Denk an die erste oder eine, nach der du verrückt bist, oder erfinde dir eine. Das hat dreimal geholfen. Oder vier. Und wenn es schiefgeht - geht der nächste Tag schief. Angst vor dem Versagen. Ich könnte allein leben. Wäsche waschen, stopfen, Knöpfe annähen, bügeln. Ich müßte mich nur überwinden. Die Hemden sind bügelfrei. Aber. Einen Freund habe ich nie gehabt. Auch die Ehefrauen waren das nicht. Die Mädels, für die ich durchs Feuer gegangen wäre, waren mehr so etwas wie Schwestern. Aber die große, schöne Liebe! Ich kann das Wort nicht hören. Für mich ist es ein Jauchewagen, es stinkt mörderisch. Wer sagt: Ich liebe dich, will irgendetwas. Vielleicht sage ich das aus Neid, der Doktor hat so etwas gesagt. Und dann keine Arbeit. Nur ein paar Schrauben sortieren, Sauerstoff tauschen. Und dann nichts mehr. Und jeder sagt: Mach mal langsam. Aber ich weiß nicht, wie ich eine Arbeit für Minuten in Stunden machen soll. Ich habe mit einem Schneidbrenner Gewichte aus einer Schiene geschnitten. Klimmzüge am Kirschbaum, Liegestütze. Leistungssport durfte ich nicht, wegen dem Totenkopf. "Totenkopf?" Seit dem Kahn. "Kahn?" Schlägereien, Republikflucht, Rowdytum. Ich hatte keine Illusionen über das drüben. Aber es ist eben Widerstand, das Aggressive, gegen das Eingesperrtsein. Ein großer, ein kleiner Käfig, eingesperrt bist du immer. Ich mache, wenn man mich bittet, aber Zwang -. Ich bin freiwillig geblieben. Ich hätte es geschafft. Hatten einen Armeewagen. Die Armisten - Durst, rein in die Kneipe. Wir rauf, Stahlhelme noch drin, sogar der Zündschlüssel steckte. Saalburg, Saaldorf, Hirschberg. War doch nur ein Zaun. Nur Vollgas geben. Das Auto war schwer, es hätte es geschafft, noch zwanzig Meter, ich wendete. Niemand von ihnen konnte fahren, sie mußten mit. Nur noch Autos für Überdiedörfer. Knacken. Mal einen Laster, mal einen Bus. Erzgebirge, Vogtland. Sammelten Mädchen ein. Sind in die Jugendherbergen. Den Wagen vorher abstellen, ein paar Schritte laufen. Tanzabende, Schlägereien. Falsche Nummernschilder. Hat die Polizei woanders nach uns gesucht. Das hat sie mir angekreidet. Ich mag Autos, wenn mit denen was schiefgeht, habe ich etwas verkehrtgemacht. Ich machte nichts kaputt. Wenn irgendmöglich auch nicht das Zündschloß. Ich hatte sechs bis acht Schlüssel, eine kleine Feile. Einer paßte, oder ich feilte nach. Ich habe die Autos dort wieder abgestellt, wo sie her. Oder fast dort. "Keine Polizeikontrolle?" Warum sollte sie? Wir fuhren korrekt. Spur, Geschwindigkeit, alles korrekt. Die Busfahrer sind die edelsten Menschen der Welt. Das ist bekannt. Sie kommen gleich nach den Interzonenfahrern. Sie sprechen ganz hochgeschwungen. Sie sind Doktoren der Personenbeförderung. Ich dazwischen, es stank mich an. Ich mußte ordentlich gekleidet sein, rasiert, gepflegt, da und dort bissel muff, muff. Ich war in der Creme der Gesellschaft. Nur wenn sie in Streit geraten, werden sie ordinär. Und wenn sie über die Leute reden, besonders die Frauen, wie sie drunter aussieht, welche Stellung, wie oft,... ich mußte Geschichten erfinden. Kriegte ärger, weil die Mädchen von dem, was ich über sie erzählte, nichts wußten; konnten sie ja nicht. Männern geht es beschissen. Euch auch. Nicht dürfen, wegen dem Ruf und so, verkrampft. und eh sie warm ist, bist du oben und wieder unten, sie liegt heiß, und du bist müde. Die Welt ist verkehrt. "Wie ist es im Kahn?" Mitgefangen, mitgehangen. Das letzte war ein "Krieger zu Fuß" Trabbi. Hatten das Auto zwischen Hauswand und Laternenpfahl gehoben. Passanten mußten grinsen. Aber es war Rowdytum. Vorher Jugendwerkhof, sie hatten die Nase voll von mir: Massenzelle, Verschickung, Reichsbahnwaggons. Sahen von außen wie Paketwagen aus. Knast. Nachschlag: Wegen Politischem. Strafverschärfung: Ins Jugendhaus. Gefängnis ist normal. Jugendhaus schärfer. Wie beim Militär, Striez und so - "Die Jugend kann gerichtet werden." Über Nacht hatten wir alle Glatze geschoren. Schere, Rasierapparat, dann Margarine. Wir hatten Matrosenuniformen, Hosen mit breitem Schlag, Matrosenteller, ohne Bänder. Großappell. Mußten wir hin, antreten. Zweihundert, dreihundert Mann. Wir waren dreißig. Als dann die Meldung an den Anstaltsleiter, der war Oberstleutnant, mußten wir die Füße ausrichten. Der Jugendhausälteste sagt: Zur Meldung die Augen rechts. Mützen - ab! Und alle zack die Dinger runter. Du kannst dir vorstellen: dreißig blankpolierte Glatzen, die Sonne schien. Alles bog sich vor Lachen. Als erstes kam die Knüppelgarde. Die Aufseher waren schwupp hinter den Stahltoren. Dann die Knüppelgarde. Alle in die Zellen, nur wir nicht. Sie haben uns geschliffen, wie rohe Diamanten: Häschenhüpfen, Dauerlauf, Kniebeugen, Liegestütze, rauf und runter in den Dreck. "Und wer nicht mehr konnte?" Blieb liegen. "Wer nicht wollte?" Bekam den Wegweiser zu spüren. Die sagten: "Sozialistischen Wegweiser." Mich haben sie nicht kleingekriegt: Ich habe gekeucht, nicht gewinselt. Gefiel ihnen nicht. Sie haben zum Abschied gesagt: Wir vergessen dir nichts. Vergaß das nicht. Die Arbeit, die sie mir gaben, hätte ich als Zehnjähriger gekonnt. Ich machte ihnen eine Weile den Hof- und Pausenclown. Die Clique wartete. Ich fing da an, wo ich aufgehört hatte. Gefängnis macht hart: Du mußt Respekt vor dir einprügeln. Sonst legen sie dir Scheißhausbürsten ins Bett. Erst wenn du ihn hast, kannst du dich raushalten. Ich habe nicht mehr geraucht. Zigaretten gab es auf Zuteilung. Es wurde mit Spitzen geraucht. Es wurde Tee, Kartoffelschalen wurden geraucht. Für Zigaretten konnte ich alles haben: Armbanduhren, geputzte Schuhe, eine Woche lang Fleisch. Das Essen war gut. Dreimal in der Woche Kompott. Der Schliff hart: Arbeit, Sport, Vormilitärisches. Ich fraß. Aber nahm nicht zu. Nach vierundhalb Jahren war ich brutal. Mit zwanzig Jahren konnte ich mich nicht mehr mit Jugend und übermut rausreden. Doch ich war drin: Einer hatte Fehlschichten. Der Obersteiger zeigte ihn an. Wir lauerten ihm auf, knackten ihn. Er mußte ins Krankenhaus. Ich hatte vier Jahre abgesessen. Hätte Bewährung kriegen können. Ich wollte nicht. Mit Bewährung bist du was Dressiertes. Knast macht mir nichts aus. Ich war mein ganzes Leben lang eingesperrt. Vielleicht würde mir Knast helfen. Sexuell meine ich. Dein Leben ist dort geregelt: Du hast deine Arbeit, wirst nicht überfordert, mit Fernsehen nicht überfüttert. Du kriegst keinen Alkohol, keine Frauen. Gehst regelmäßig schlafen. Um neun ist es zappenduster. Noch heimlich eine Zigarette - zehn Minuten, noch eine halbe Stunde quatschen, bleibt ausreichend Schlaf. "Und wenn deine Sexualität in Ordnung käme?" Manche machen es im Knast mit Männern. Ich durfte raus. War in der Druckerei von der Staatssicherheit. Als Packer. Hab viel gesehen. Wenn das nicht half, ich mußte ja auch Aktmagazine verpacken, war Handbetrieb. Ich habe zehn gesunde Finger. Daß Betten wackelten, war normal. Daß dabei gelästert wurde, auch. Du konntest Frauen vom Fenster aus sehen. Eine stellte sich nackt in ihr Zimmer. Wenn ich ein paar Stunden Urlaub hatte, war sie nicht da. Andere hatten mehr Glück. Manche Frauen sind scharf drauf, einen Entlassen zu kriegen, der ist liebesbedürftig. Das Gefängnis krempelt den Menschen nicht um. Ich machte die zehnte Klasse nach. Berufsausbildung. Wir hörten Vorträge über Wissenschaften, spielten Tennis, Schach, Mannschaften von anderen Zuchthäusern kamen, wir spielten Fußball. Doch ich sagte zu einem Aufseher: Tomalla du dumalla. Einundzwanzig Tage Bau! Die waren eben eine andere Sorte Mensch. Ich gab einem eine Ohrfeige - zweimal einundzwanzig Tage verschärften Bau: Dunkel, aller vier Tage warmes Essen, sonst nur früh und abends Brot, Malzkaffee. Den ganzen Tag nichts als einen Hocker und einen Eimer. Da kriegst du Fantasie oder wirst dumpf. Ich machte Sport: Kopfstand ohne Hände. Auf einer Hand stehen. klappte nicht. Ich sang. Ich tat so, als wäre ich freiwillig dort. Anders ging das nicht. Ich durfte nicht aufmucken. Mußte froh sein, daß ich nicht ein Jahr Nachschlag gekriegt hatte. Worte hin - her, der Oberstleutnant haute mit dem Schlüsselbund. Mir auf die Pfote. Die Ohrfeige war Reflex. Aber du mußt lernen, es zu ertragen. Wenn ich den Schlitz in der Tür aufdrückte, war etwas Licht. Es gab Kakerlaken. Ich dressierte sie. über und unter Strohhalme, aus der Matratze. Ich aß welche. Wie auf einer Insel und am Verhungern. Ich fand auch eine Spinne. Ich bin nicht verwöhnt gewesen. Die Muttersöhnchen, die draußen den Kerl markiert hatten, krochen bald oder schnitten sich die Pulsader auf. Jeden Tag riefen die Alten an, ob er auch schön warm steckt, nicht verhungert, genug Vitamine -. der Kommandoführer verbot es, die gingen übers Ministerium. Das ist mein Neid. Da waren welche drunter, die hätten von ihren Alten alles haben können, fast bis zum Düsenflugzeug. Ich bin mein Leben lang gedrillt worden. Ich habe nicht gelernt, die Schnauze zu halten...

(Tonbandprotokoll 1982)



Der Kaffee war süß
Ich saß in einem Café. Menschen standen gleichzeitig, polternd auf. Eine Alte sagte: kaum noch lebensmittel. zwischen uns - der provinz: sturm, schnee, eis. nichts zu essen, nichts zu feuern. kein feuer - die fabriken zu. wir wollten eine versammlung einberufen. sie haben es verboten! wer ist "sie"? streik. warum werden überall kommunisten bevorzugt? sie kriegen warme wintermäntel, mehr zu fressen. sie frieren nicht, sie sind satt. und wenn wir sagen: so nicht! hauen sie uns auf die schnauze. oder lassen uns auf die schnauze hauen. und wenn wir zurück -, sind wir -, ja, sie nennen uns verräter, blutsauger, erpresser, sperren uns aus. sie sperren uns aus unseren fabriken aus. das heißt: keine rationen, das heißt hunger. für mann, frau und die kinder. so kriegen sie uns klein. ich habe erfrorene menschen in ihren wohnungen gesehen. kinder betteln. wir wollen doch nichts als bessere winterkleidung und eine regelmäßige verteilung der lebensmittelrationen! - daß wir wissen, wann wir wieder etwas in den bauch kriegen! Frau mit Kind auf Arm: und betriebsversammlungen! Alter Mann: ja, man muß reden dürfen. Junge Frau: und entscheiden! ich habe nichts gegen eine diktatur der arbeiter, bauern gegen die, die nicht arbeiten und sich alles unter den nagel reißen. aber ich habe etwas dagegen, daß wir, arbeiter, die roten matrosen, soldaten, die bauern, die, die uns regieren, nicht selber wählen dürfen. ich habe etwas dagegen, wenn in meinem namen jemand regiert, den ich nicht frei gewählt habe und frei kontrollieren darf! sie sagen, wir sollen unsere arbeit wiederaufnehmen. sie drohen uns mit dem ausnahmezustand! sie haben ihre soldaten mit sondervollmachten ausgerüstet und unterstellen, daß wir uns gegen sie verschworen haben. sie sollen gründe kriegen: wir streiken nicht mehr um einen fetzen stoff, einen bissen brot! was wir arbeiter, bauern brauchen, ist freiheit! wir wollen unser los selbst bestimmen! wir fordern die befreiung aller verhafteten sozialistischen und parteilosen arbeiter, die aufhebung des ausnahmezustandes, die rede-, presse- und versammlungsfreiheit für alle arbeitenden. wir fordern frei gewählte betriebsräte, frei gewählte gewerkschaftsleute und frei gewählte stadträte. Sie hatten Klamotten am Leib. Die Cafétür knallte auf, es zog kühl, ein junger Mann stürmte herein: sie verhaften arbeiter! Junge Frau: uns. Mann in verschlissenem Matrosenanzug: wir wissen, wer die parlamentarische versammlung fürchtet! Junge Frau: das sind diejenigen, die uns heute ausplündern. Matrose: wenn das parlament zusammengetreten ist, werden sie sich vor den volksvertretern für ihre täuschungsmanöver, diebstähle und verbrechen zu verantworten haben! Ein anderer rennt ins Café, stolpert, schreit: sie haben truppenverstärkung angefordert! die soldaten der stadt sympathisieren mit uns! sie holen truppen aus der provinz! sie haben das standrecht ausgerufen! gegen uns. Er sagt zu den Frauen: geht nach hause. Die rühren sich nicht. Er spricht ruhiger: es sind überall unruhen ausgebrochen. streiks. auch in der hauptstadt. blutvergießen vor dem kreml. die kommunisten unterstellen eine konterrevolutionäre verschwörung. ich weiß nicht, was wahr ist. wir sollten leute von uns hinschicken, die uns berichten. man kann nicht glauben, was in der zeitung steht. Ich frage den, der neben mir sitzt, was los ist. Er: "Nichts. Was sollte los sein?" Ein anderer in Matrosenuniform: wir hatten die admiräle, die offiziere an die wand gestellt, rangabzeichen abgerissen, uns selber regiert. die bürgerlichen drohten uns mit repressalien, weil wir den gehorsam verweigerten, beendigung des krieges forderten. wir sollten die ′rädelsführer′innerhalb von vierundzwanzig stunden verhaften, in die hauptstadt überführen, erinnert ihr euch? sie wollten dort über sie gericht halten. wir sollten uns allen maßnahmen der provisorischen regierung unterwerfen. sie drohten, uns sonst zu hochverrätern zu erklären. wir haben es nicht getan. wir haben die hauptstadt besetzt. alle strategisch wichtigen punkte. trotzki nannte uns den ruhm und den stolz der revolution! dann war bürgerkrieg. gegen die weißen. wir waren alle gegen die weißen. die kommunistische partei festigte in dieser zeit ihre macht: überall ist ihre geheime polizei. die weißen sind besiegt, es wird nichts besser: nichts zu essen, nichts zu feuern, keine rechte. wirtschaft kann man nicht militärisch organisieren. das sagen die arbeiter und das sagen wir. die partei hat sich von den massen entfernt. sie tut nicht mehr, was ihre mitglieder wollen. sie ist ein bürokratisches instrument geworden. Junge Frau: die die macht haben, haben ideen. wir sind für sie material! Matrose: ich bin mitglied der kommunistischen partei. ich bin matrose und sage, daß wir die streikenden verstehen. wir sind gegen das drastische vorgehen der regierung. wir hatten eine abordnung ins streikgebiet geschickt, wir haben ihren bericht gehört. wir, die roten matrosen, stehen zu euch. Eine junge Frau kommt ins Café: sie sind da! Andere: wer? Mann: hurra! Er greift zur Harmonika, spielt einen Freudentanz. sie sind da, sie sind da, sie sind da ... Ich denke: "Kostenloses Theater." Männer kommen ins Café. Sie sehen verlumpt aus wie die anderen, haben die Hände in den Taschen. Einer von ihnen, er scheint Gefolgsleute zu haben, gebietet mit Armbewegungen Ruhe: ich habe euren bericht zur kenntnis genommen. ich kann die streiks nicht gut heißen, die resolution der matrosen ist konterrevolutionär! Alter: wir haben nichts gegen die regierung! aber wir wollen, daß sie uns ernst nimmt. sie ruft ein paar von uns zu sich, die ihr beifall klatschen, ihre resolutionen annehmen sollen. so nicht. wir haben die resolution der matrosen angenommen! Matrose: ich sage noch einmal, wir fordern, erstens: da die gegenwärtigen stadträte den willen der arbeiter und bauern nicht ausdrücken, augenblicklich neue, geheime wahlen auszuschreiben, und für den wahlkampf die volle freiheit für die agitation bei den arbeitern und soldaten zu sichern; den arbeitern und bauern sowie allen anarchistischen und linkssozialistischen organisationen die freiheit der rede und der presse zu gewähren; die versammlungs- und koalitionsfreiheit allen gewerkschaften und bauernorganisationen zu garantieren; eine überparteiliche konferenz der arbeiter, der soldaten, der matrosen einzuberufen; alle politischen gefangenen, die sozialistischen parteien angehören, freizulassen, und alle arbeiter, bauern und matrosen aus der haft zu entlassen, die im zusammenhang mit arbeiter- und bauernunruhen eingesperrt worden sind; zur überprüfung aller anderen, die in gefängnissen und lagern festgehalten werden, eine revisionskommission zu wählen; alle politischen büros der kommunisten abzuschaffen, da keine partei besondere privilegien zur verbreitung ihrer ideen oder finanzielle hilfe dazu von seiten der regierung beanspruchen darf; und statt dessen kommissionen für kultur und erziehung zu bilden, die lokal zu wählen und von der regierung zu finanzieren sind; sofort alle bewaffnete ordnungspolizei der kommunisten aufzulösen; die lebensmittelrationen für alle arbeitenden auf gleiche höhe festzusetzen, mit ausnahme derer, die durch ihre arbeit gesundheitlich besonders gefährdet sind; die kommunistischen spezialabteilungen in allen formationen der armee und die kommunistischen betriebsschutzgruppen abzuschaffen und sie, wenn nötig, durch einheiten zu ersetzen, die aus der armee selbst hervorgehen und in den fabriken von den arbeitern selbst zu bilden sind; den bauern die volle verfügungsgewalt über ihr land zu geben, auch das recht, eigenes vieh zu halten, unter den bedingungen, daß sie mit ihren mitteln, das heißt, ohne gedungene arbeitskräfte auskommen; zwölftens: alle soldaten und matrosen und alle militärischen leitstellen zu bitten, daß sie sich unsere beschlüsse zu eigen machen; dafür zu sorgen, daß diese unsere beschlüsse durch die presse bekanntgemacht werden; vierzehntens: eine kontrollkommission für reisende zu ernennen; fünfzehntens: die freie individuelle handwerks- und gewerbearbeit zuzulassen, soweit sie nicht auf der ausbeutung von arbeitskräften beruht. diese resolution ist bei zwei stimmenthaltungen von der brigadeversammlung einstimmig angenommen worden. diese resolution ist von den matrosen und soldaten mit überwältigender mehrheit angenommen worden. Während er sprach, störte ein Teil der Männer, ich glaube der, die später kamen, mit Puhrufen. Der Mann mit Gefolgsleuten: ich bin dagegen. nehmen sie das zu protokoll. Ein Teil der, ich vermute, Sicherheitsbeamten: ich bin dagegen. Alter Mann: was willst du eigentlich? deine macht sichern? oder daß es uns allen besser geht? Der andere: es geht mir nicht um macht. ich will, daß es uns besser geht. ich erkläre euch deshalb der meuterei für schuldig! Er hebt ein Papier hoch. unterschrift trotzki, lenin. Einer der Matrosen: das ist nicht wahr. Er nimmt das Papier an sich, liest, zerreißt es. Er wird, wie es scheint, von den Sicherheitskräften verhaftet. wir fordern frei gewählte räte! und ihr nennt das konterrevolutionäre verschwörung! Einige der Sicherheitsleute halten die Arbeiter, Matrosen, uns mit gezogenen Pistolen ruhig. "Sie wünschen noch etwas?" fragt die Kellnerin. "Wieso?" - "Weil Sie so herumschauen!" Der mit Gefolgschaft ist offenbar ein Abgesandter, denn er sagt: ich fordere alle mitglieder der kommunistischen partei auf, in die betriebe, fabriken zu gehen. fordert die arbeiter zu einer stellungnahme für die regierung und gegen die verräter auf! Junger Mann: ich bin kommunist. die resolution ist in ordnung. Abgesandter: der, der sich bedingungslos ergibt, kann auf gnade hoffen. auf die anderen aber wird die verantwortung, für das, was geschehen wird, fallen. Ein Soldat, der nur ein Bein zu haben scheint: sie wollen uns alle -. Er bewegt seine Hand vorm Hals. Junge Frau: ich war mitglied der kommunistischen partei. Sie will vermutlich den Ausweis dem Abgesandten in die Hand drücken. Er nimmt ihn nicht an, das Papier fällt zu Boden. Sie hebt es auf, reinigt es. der, den ihr abführtet, war kommunist. er war mitglied der kommunistischen partei. Alte Frau: hört ihr?! Eine Radiostimme: an alle, an alle! in petersburg "Aha." herrscht ruhe und ordnung. in einigen wenigen fabriken waren kürzlich anklagen gegen die regierung laut geworden. aber auch in diesen betrieben wissen heute alle, daß dabei provokateure am werk waren Sendestörung - in diesem augenblick, wo in den vereinigten staaten eine neue republikanische regierung die macht übernimmt und offenbar bereit ist, mit unserem land handelsbeziehungen aufzunehmen, können die lügner und meuterer, die in kronstadt "Kronstadt?! Wo liegt das?" gerüchte verbreiten und unruhe stiften, nur eins bezwecken: sie wollen den amerikanischen präsidenten beeinflussen, damit er seine rußlandpolitik ändert. zur gleichen zeit tagt die londoner konferenz, die gerüchtemacherei soll auf die türkische delegation eindruck machen und sie dahin bringen, daß sie den forderungen der entente - Stille. Radio abgedreht. Alter Mann: ihr stellt maschinengewehre vor die wohnungen prominenter kommunisten. ihr verhaftet uns. wer schützt uns? werdet ihr auf uns schießen? Caféhausmusik beginnt. Abgesandter: verräter schonen, heißt verräter sein. wir werden nicht auf euch schießen. Junge Frau tritt abgehetzt ins Café: sie bringen das korn aus der stadt! Mann: verhungern wollt ihr uns lassen!? nehmt sie fest! Einige heben Hände, als wollten sie angreifen. Sicherheitsbeamte heben Pistolen. Frau warnend: sie haben geiseln! Alter: was haben sie? Sie: sie haben die soldaten aus der stadt verlegt, ihre frauen und kinder sind geiseln. Abgesandter: sie sind pfänder für die sicherheit der kommunisten in dieser stadt. Junger Mann: ich bin kommunist! ich will keine geiseln, ich habe kein schlechtes gewissen. Alter: wir haben noch keinem von euch auch nur ein haar gekrümmt! und wir werden es nicht tun! ich schieße nicht auf kommunisten. wir werden dreißig vertrauensleute auswählen, sie werden mit euch verhandeln. wir werden den konflikt friedlich beilegen. arbeiter haben in einer fabrik gestreikt, und ihr macht daraus einen bürgerkrieg! Ein Matrose: unser mandat für den stadtrat ist in wenigen tagen abgelaufen! Alter Mann: dann sind neuwahlen. Abgesandter: neuwahlen? mit verrätern? die kommunistische partei wird leute wie euch niedermachen. es ist wahr: ich habe angeordnet, alle lebensmittelvorräte und munition auszulagern. und sie werden ausgelagert! Alter Mann: warum kommt trotzki nicht? Abgesandter: er wird kommen. wenn er zeit hat. ihr paktiert mit einem wie general koslowski. seine pläne sind bekannt. Junger Mann: mit wem? dem general? der ist senil! trotzki hatte ihn uns geschickt! Alter: was haben wir mit einem alten general zu tun? ich bin arbeiter. trotzki soll kommen! Abgesandter: er wird kommen. Alter Mann: und er soll wissen: deine gleichgültigkeit und die deiner partei hat uns dazu gebracht zu streiken, und sie hat uns die sympathie all derer eingebracht, die an unserer seite für die revolution gekämpft haben. das ist unser einziges verbrechen, ihr wißt es. ihr verleumdet uns mit absicht, und ihr wollt uns umbringen! Abgesandter: konterrevolutionäre! Der Alte: es ist noch keine drei jahre her, da hieß es von lenin, trotzki, von dir, da hieß es von euch allen, ihr wärt verräter und deutsche spione. wir, die arbeiter und matrosen, sind euch zu hilfe gekommen und haben euch vor kerenski und seiner regierung gerettet. wir haben euch die macht gegeben. habt ihr das vergessen? jetzt droht ihr uns mit den waffen. ihr spielt ein gefährliches spiel! ihr wiederholt die fehler und verbrechen derer, die wir mit euch besiegt haben. paßt auf, daß es euch nicht so ergeht wie ihnen. Abgesandter: ihr droht uns?! konterrevolution! Stille. Nur diese Musik. Matrose: wir werden für die revolution kämpfen. Abgesandter: ich verlange die bedingungslose übergabe der stadt! widrigenfalls ist die ganze besatzung zu liquidieren! Matrose: das macht deine partei nicht. sie hat uns den stolz und ruhm der revolution genannt. Junge Frau: mir ist kalt. ich habe hunger. "Was würde sie tun, wenn ich ihr Kuchen gäbe?" Junger Mann zu ihr: schweig! Zum Abgesandten: wenn das die partei angeordnet hat, hat sie nichts gelernt und will nichts lernen. sie weigert sich, auf die stimmen derer, die arbeiten, zu hören. wir arbeiter und die bauern haben nichts zu sagen. die partei will nicht begreifen, daß das volk aus seiner dumpfheit nur aufwachen kann, wenn man ihm die freiheit der rede und die möglichkeit gibt, am wiederaufbau des landes teilzunehmen. das ist nur möglich, wenn man das wahlverfahren ändert. ich weigere mich von nun an, mich als mitglied der kommunistischen partei zu betrachten. ich stimme völlig der resolution zu, die am 20. märz von der bevölkerung der stadt angenommen worden ist, und ich stelle meine kraft und meine fähigkeiten dem provisorischen revolutionären komitee zur verfügung. Bestürzte Stimme nahe dem Eingang: alle fabriken bestreikt. demonstrationen, überall kämpfe! Militär strömt in den raum. Junge Frau: trotzki soll gesagt haben, ich werde euch abschießen wie fasane?! trotzki soll gesagt haben - wir wollen doch nur brot. Stille. und wahlen. Alte: es donnert? Invalider Soldat: artillerie. sie kommen von osten. unsere kanonen zeigen nach norden, westen. Matrose: die schiffe eingefroren. unsere einzige hoffnung ist, daß wir die festung halten, bis das eis bricht. Er packt einen der fremden Soldaten am Mantel: hör mir zu! Der sticht ihn mit dem Bajonett nieder, redet in einer unverständlichen Sprache. sie haben soldaten geschickt, die uns nicht verstehen! Alter Arbeiter: jetzt zu schweigen ist unmöglich, ja, es ist verbrecherisch. die jüngsten ereignisse zwingen uns anarchisten, zu sprechen und unsere haltung in der gegenwärtigen situation zu erklären. es gärt unter den arbeitern und matrosen. die gründe dafür verdienen eine ernste prüfung. die arbeiter und bauern sind unzufrieden. sie leiden unter kälte und hunger. gelegenheit zur kritik und diskussion wird ihnen nicht gegeben. deshalb gehen sie auf die straße. weißgardisten versuchen, diese unruhe für ihre interessen auszunutzen. hinter dem rücken der arbeiter und matrosen geben sie parolen für ein bürgerliches parlament, die freie wirtschaft und so weiter aus. wir anarchisten haben von jeher gesagt, daß diese parolen schwindel sind, und wir erklären vor aller welt, daß wir jedem konterrevolutionären putsch, zusammen mit allen anhängern der sozialen revolution und hand in hand mit den kommunisten, mit der waffe entgegentreten werden. was den konflikt zwischen arbeitern und matrosen und der jetzigen regierung betrifft, so sind wir der ansicht, daß er mit waffengewalt nicht gelöst werden kann. sondern nur durch die verhandlungen zwischen genossen. wenn die regierung sich trotzdem für blutvergießen entscheiden wird, so werden sich die arbeiter dadurch weder einschüchtern noch beruhigen lassen. ein solcher schritt kann die lage nur verschärfen. er käme nach außen hin den feindlichen kapitalistischen mächten und nach innen der gegenrevolution zugute. darüber hinaus wird jede gewalt - an - wen - dung Sicherheitsbeamter zielte auf ihn, schoß, traf. Junge Frau: der regierung gegen die arbeiter und matrosen die ganze internationale revolutionäre bewegung demoralisieren und ihr unermeßlichen schaden zufügen. unsere sache ist gerecht. laßt euch nicht täuschen! die kommunisten verleumden uns, sie lügen euch an. wir sind keine gegenrevolutionäre. am wenigsten unter der führung eines generals. die oberste gewalt in dieser stadt haben die revolutionären matrosen, soldaten und arbeiter. zögert nicht! schließt euch uns an! schickt delegierte. sie werden euch die wahrheit Sie stürzt getroffen über ihr Kind. Abgesandter zieht unter dem Dröhnen von Artilleriefeuer, Heulen von Flugzeugen die Vorhänge an den Fenstern zu. Dämmerlicht. Stille. es war geschehn. Schmerz. In Herzgegend. Ich schließe die Augen, versuche gleichmäßig zu atmen. ein unbedeutendes ereignis, sagte lenin. meine damen, meine herren, essen sie, trinken sie, es ist nicht kalt im haus. Als ich die Augen öffne, sind die Gardinen aufgezogen. Die Brust schmerzt, Blutflecke. Die Frau am Tisch gegenüber: "Entschuldigen Sie, die Flasche war oben eingetrocknet. Wie sehen sie mich an? Da, Ketchup auf ihrer Bluse." - "Wieso? Woher Ketchup?" - "Für den Käsetoast. Wieso?"
1989/1991



Es war einmal ein Land, in ihm gab es keine schwarzen Sachen zu kaufen, weil man mit Schwarz über Traurigkeiten erzählen kann. Festgenommene. Einige waren in der Kirche, einige auf dem Weg nach Hause, einige neugierig gewesen, andere wollten zu Freunden, andere in eine Gaststätte, eine Frau wollte Zigaretten kaufen, eine andere einen Brief in den Briefkasten stecken. "Der Wagen muß voll werden. Da sind noch ein paar von den Pennern." Schreie, Hundegebell. Ein junger Mann lag bewußtlos. Eine Frau blutete über das ganze Gesicht. Ein Mann wurde mit dem Kopf auf die Trittfläche eines Busses geschlagen. Eine Frau versuchte, ihren Mann zu befreien. Eine andere sagte: "Der Junge ist doch erst 12 Jahre." Ein Alter sagte: "Was haben die Menschen euch getan?!"- "Sei still, sonst nehmen wir dich mit!" Wasserwerfer. Durchnäßtsein. Spießrutenlaufen. In Garagen mit offenen Toren. Es war kalt. Sprechverbot, Schlafverbot. Die erste Versorgung nach zehn Stunden, Brühwürfel mit Nudeln, eine Schnitte, Tee, "Das reicht für die, sollen die Dünnschiß kriegen." Ab von der Wand, Beine breit, mit den Fingerspitzen an die Wand, "Erst tut es weh, dann wird es wie taub, dann zucken die Muskeln."

Sechzehn Mann in eine Zelle, sieben Quadratmeter groß. Oder fünfzig Personen in einen Raum von fünfzehn Quadratmetern. "Da bleibt nicht viel Luft zum Atmen." - "Pack."- "Neger."- "Das will ein Deutscher sein."- "Wir werden euch Gott austreiben."- "Aufhängen sollte man die." - "Wir werden euch zeigen, was Demokratie heißt." Ein Polizist sagte: "Schickt nicht alle weg, ich brauche noch einen für eine Sonderbehandlung im Keller."

Einer von denen, die festgenommen worden waren, glaubte, er habe Alpträume. Ein anderer fand das, was um ihn geschah, faszinierend, absurd. Einer betete inbrünstig. Ein anderer vermutete einen Putsch von Republikanern.

Frauen pinkelten ein, eine Frau blutete durch, Frauen mußten zwölf Stunden lang stehen, vor ihnen ein scharfgemachter Hund.
Eine Frau: "Ich war froh, eine Frau zu sein." Zu Männern waren sie härter. Eine Frau sollte sich auf dem Flur ausziehen. Ein Mann mußte gehockt die Stufen der Treppe hoch und runter springen. Männer, im Entengang watschelnd, Essen holen. Frauen mußten Treppen, Gänge, Zimmer, Toiletten auf den Knien wischen, Männer Türrahmen mit Scheuerpulver reinigen. Ein Punk wurde an den Haaren durch den Gang geschleift.

Handschellen, Fingerabdrücke, Gesicht von vorn, seitwärts, schräg seitwärts fotografiert, die Bilder erhielten Nummern. Personenbeschreibungen. Verhöre, Protokolle. Verurteilungen im Schnellverfahren. Die Beamten sagten nicht ihren Namen. Bitten, Angehörige informieren zu dürfen, wurden nicht beachtet. Eine Frau wurde panisch, weil ihr Kind seit Stunden allein zu Hause war. Weinkrämpfe. Schreie. Ab und zu schlug ein Polizist mit einem Knüppel an ein Heizungsrohr, eine eiserne Tür.

"Man sagte uns nicht, wo wir uns befinden." - " ie nahmen die Uhren weg. Uns fehlte das Zeitgefühl."



Brandstifter - Er nahm die großen Tannenzapfen in die Hand. Es tat ihm leid, daß er kein Kind war. Daß kein Kind da war, dem er sie schenken konnte. Er warf sie weg, nahm Rindenstücke in die Hand. Weiß mit schwarzen Strichen, ′Nicht schön′ dachte er, pellte eine Schicht ab. Die drunter war bräunlicher, mit schwarzen Strichen. Er pellte hastiger, Schicht um Schicht. Jede war bräunlicher. Mit schwarzen Strichen. Bis das Holz nackt war, braun. Er setzte sich auf den Stumpf eines abgesägten Baumes. Er zählte die Jahresringe. Sein Finger kam zum Schenkel. Er hörte auf. Als er aufstand, auf den Sitz blickte, sah er, daß die Sägespur Ringformen zerstört hatte. "Wie eine Spirale", flüsterte er, "nach drin. Oder draußen." Er ging. Durch den Wald. Er wollte niemanden treffen. "Nur eine Frau." Er stopfte sich Himbeeren in den Mund. "Die schön ist, reich. Reif, süß." Ihn liebt. Er war hungrig. Aß Himbeeren, Brombeeren. Legte sich auf den Boden, drückte die Hände auf seinen Bauch. Sie glitten. Die eine griff an die Hose. Die andere wühlte im Laub. Er atmete hastiger, öffnete Knöpfe, fühlte Haut. Bis sie sich entspannte. Er streichelte sie noch einmal, dachte: ′ Warm.′ Zog die Hand zurück. ′Wenn jemand gekommen wäre.′ Er erschrak. ′Der Förster. Wegen dem Messer′ dachte er. ängstlich, einer könnte behaupten, er hätte wildern wollen. ′Vielleicht liegt irgendwo ein totes Reh oder eine tote Frau.′ Er bereute, ein Taschenmesser bei sich zu haben. Er sah sich hastig nach Pilzen um. Wollte sie mit dem Messer abschneiden. Um einen Grund für das Messer zu haben. Sah keine. Sah Preiselbeeren, bückte sich, pflückte sie, füllte die Hosentaschen. Als er sich aufrichten wollte, tat der Rücken weh. Geradestehen tat weh. Er zog sein Hemd aus, schüttete die Beeren auf den Stoff, ′so ein Rot′, dachte er, verknotete das Hemd zu einem Beutel. Pflückte. ′Zucker bräuchten wir noch. Woher. Es scheint spät.′ Die Sonne ging hinter Wolken unter. Es wurde dunkler um ihn. Dunkel, kühl. Er lief aus dem Wald. Gekrümmt.

Er läuft in den Wald, streichelt über Rinde, stößt seinen Kopf gegen einen Baum. Er will Schmerz fühlen. ′Nichts anderes denken, fühlen.′ Er läuft quer. Er kommt in ein Waldteil, nur tote Bäume. Sie stehen trocken, brüchig. ′Abbrennen′, denkt er. "Neue drauf!" Er greift sich derb an den Kopf. Streichelt ihn, schluchzt; Feuer könnte auch die lebenden Bäume drumrum vernichten. Er bemitleidet sich. Schämt sich, bricht Holz, bündelt es, trägt es nach Hause. Er geht an Menschen vorüber. Keiner hält ihn auf. Er schiebt das Holz ins Ofenloch, zündet es an. Feuer. Hell, warm. Er läßt die Ofentür offen, sieht es an. Er sieht die Asche an, stößt die Finger in sie. Sie ist grau, kalt. Er stand vier Stunden in einer Reihe. Er steht jede Woche in der Schlange, die langsam vorwärts rückt. ′Vorwärts?′ Gespräche interessieren ihn nicht. ′Nicht mehr.′ Er sieht Frauen. ′Könnte sie nicht einmal zu einem Glas Limonade einladen.′ Er schämt sich. Er erhält jede Woche ein paar Mark. Schämt sich, er hatte die beneidet, die nicht arbeiten müssen, Unterstützungsgeld bekommen, ′Und sei es nur ein paar Mark. Sie haben Zeit.′ Er hat Zeit, das Geld reicht - er verhungert nicht. Wird nicht satt. Es ist unangenehm, auf einer Frau zu liegen, an Essen denken zu müssen. Er sieht die Frauen nicht an. Geht an Schaufenstern vorüber, in einen Eckladen. Er kauft Brot, "Und Streichhölzer!" Sagt er, zündet im Laden eins an. Starrt in die Flamme. Die frißt. Holz wird schwarz. An seinen Fingerspitzen wird es heiß. Es riecht nach versengter Haut. Er sieht, daß er angestarrt wird, lächelt verwirrt, "Ich vergaß -", er grübelt, ′eine Zigarette′, fällt ihm ein. Er kauft eine. Als er sie raucht, muß er husten. Der Magen verkrampft, er möchte brechen. Versucht es. Der Magen ist leer. Im Mund wird es sauer. Im Hals brennt es. Er spuckt aus. Zutscht nach Spucke, schluckt sie, spuckt aus. Geht nach Hause. "Du hast geraucht", sagt seine Schwester. "Eine Zigarette - geschenkt. Vom Fritz, weißt du. Der verdient noch." Er geht in den Wald. Er hockt sich hin, fängt eine Maus, "Die ist braun." Streichelt sie, läßt sie frei. Er könnte sie in der Hand behalten, nach Hause tragen, in ein Glas setzen, ansehen, streicheln. ′Hätte nichts zu essen für sie′ er, ′ich könnte es mir absparen. Aber die Schwester.′ Er merkt, daß er sie haßt. Bestürzt. Er sagt sich: "Weil sie an Gott glaubt. Der hilft nicht. Du Arsch!" - "Arsch!" Sagt er laut. Hört einen Specht klopfen. Zuckt zusammen, rührt sich nicht. Merkt, daß er Angst hat, daß ihn jemand jagt. Er geht schnell, schneller. Er sieht Schnipsel auf dem Weg, ′Eine Spur.′ Er glaubt, daß sie in eine Falle führt. Er will ihr ausweichen, doch er geht ihr nach. Sie endet. Sein Herz klopft. Schweiß. Nichts geschieht. Er hastet aus dem Wald. Die Abendsonne färbt das Braun der Baumstämme lila. Er will nicht mehr allein in den Wald. Er geht mit seiner Schwester in den Wald. Oder liegt im Bett. "Spart Energie", sagt er. "Wir haben kein Geld. Nur trocken Brot." Er starrt auf eine Kerze. Der Strom ist abgestellt. Er steht am Fenster, hört in der Ferne Lieder, ′der roten Frontkämpfer′ denkt er. Männer mit schwarzrotgoldener Fahne marschieren von links nach rechts, an dem Haus, in dem er wohnt, vorüber. ′Sie haben noch Kraft. Bin neidisch.′ Eine Marschkolonne schwenkt von links in die Straße. Männer in braunen Uniformen. "Singen ein Arbeiterlied", sagt er, "auf, auf zum Kampf sind wir geboren, statt dem Kommunisten haben sie es dem Nazi geschworen." Er sieht eine Fahne. "Die ist rot", sagt er, "nur das Zeichen -" - "Es ist eigentlich ein Sonnenrad", sagt seine Schwester. "Sie haben Stiefel an", sagt er. Ihm ist kühl. Er sieht Franz unter ihnen. Er öffnet das Fenster, ruft, winkt. Franz sieht nicht auf. "Der ist nicht allein. Tut etwas."



"Die Männer sind merkwürdig geworden in Deutschland. Stumpf. Oder aggressiv. Ich weiß nicht, wie ich ihnen helfen kann."
"Dein Haar - schön."
Sie drehte sich zum Spiegel, lächelte, wurde wehmütig, "Du sprichst wenig deutsch, ich wenig polnisch. Nur daß es uns miteinander Spaß macht, wissen wir. Und daß es weh tun wird, voneinander zu lassen. Wir wären nicht zusammen, wenn ich für immer hierbleiben dürfte. Was sollte ich mit einem Priester! Was du mit einer Ungläubigen und Deutschen." Sie sah sein Spiegelbild an, er ihres. "Diese Sprache verstehe ich", sagte sie, trat zurück, schmiegte sich an ihn. Er küßte sie.

"Diese Männer in Uniformen sind mir zuwider. Ich will sie nackt sehen", sagte sie. "Ihre Hetzreden sind mir zuwider. Ich will, daß sie stöhnen, seufzen. Ich habe einen schönen Arsch, nicht wahr? Ich bin froh, eine Deutsche zu sein. Gut gewachsen, blond... Wenn du mit einem Mitleid hast. Ihm nicht helfen kannst, schicke ihn zu mir." Einmal war es mein Bruder. Eine Granate hatte ihm das Bein zerfetzt. Sie setzte sich zu ihm, schob ihn ins Nebenzimmer. Als Gäste es beobachten konnten. Er wurde heiterer. Er sagte, er wolle in den rückwärtigen Dienst. "Du bist ein Krüppel. Du kannst draußen bleiben" - "Tun dir die Kameraden an der Front nicht leid?" - "Mir tun die einen und die anderen Kameraden leid. Mir tun sie alle leid." Sein Körper straffte sich, "Das habe ich nicht gehört." Ich sah, wie sie blaß wurde, "Ich schäme mich, daß ich mit dem -", sagte sie. Dame, einfaches Mädchen. Sie konnte arrogant und treuherzig sein. Lachte, "Bin alles ich." Sie schmiegte sich an den Arm eines SS-Offiziers. Sie sagte zu mir: "Die Gastarbeiter sind bessere Menschen." Leiser: "Einer stürzte sich ausgehungert auf mich. Entschuldigte sich, daß er mich nicht glücklich machen konnte!" - "Aus Angst, daß du ihm Vergewaltigung unterstellst, ihn anzeigst" - "Nein", sagte sie, "nein."

"Man wird dich ins KZ oder Frontbordell schicken"
"Dich nicht! Du bist eine Anständige!" Sie lachte höhnisch, sagte fast flüsternd: "Wenn ich in ein Bordell müßte. Beine spreizen. Minuten für jeden. Einer nach dem anderen. Gesicht abgewandt. Vor Scham. Die Scheide eng, tut weh vor Scham. Ich kann die Männer nicht zählen, die -. Ich wollte jeden. Aus verschiedenen Gründen, aber ich wollte sie. Und keiner kann sagen, daß er nicht anders behandelt worden ist als ein anderer. Weil ich kein Ding bin, ein Mann kein Ding ist, ein Mensch kein Ding ist. Kein Ding, verstehst du?!" - "Eines Morgens werde ich einen Menschen an einer Laterne hängen sehen. Tot. Am Hals über der Brust ein Schild: Judenhure. Oder: Verriet deutsche Ehre. Und ich werde ihn flüchtig ansehen, mit dem Kopf nicken, weitergehen." Sie lachte, unmäßig. "Ich glaube dir nicht", sagte sie, wischte sich über die Augen, sie schien vor Lachen zu weinen.

Anmerkung: Ende des Nationalsozialismus. "Ich bin eine Widerstandskämpferin", sagte sie. "Ich bin mit Syphilis zu SS-Leuten, Generälen gegangen."Sie erhielt dafür keine höhere Rente. "Ich hätte sie mit dir geteilt", sagte sie.



Ich war einmal eine Wölfin, hungrig. Ich traf Rotkäppchen, wollte es überfallen, totbeißen, fressen. Aber es sah mich an, sagte: "Wie schön." Streckte die Hand, streichelte mich. Das hatte ich nie erlebt. Ich erfuhr, daß es zu seiner Großmutter wollte. Mir graute vor zähem Fleisch. Aber ich hatte Mitleid, doch Hunger, lief vom ihm weg, klopfte an die Tür der Alten, fraß sie, hastig, zu hastig, sie liegt mir schwer im Magen. Ihr Bett ist warm, weich. Es tut gut, in ihm zu liegen. Es klopft. Pst! Doch die Tür ist angelehnt, nicht verriegelt! Was soll ich tun? Die Nachtmütze der Alten über die Ohren, die Decke über den Kopf!
"Großmutter?"
"Ja, mein Kind."
"Was hast du für eine rauhe Stimme?"
"Ich bin erkältet."
"Aber Großmutter, was hast du für große Ohren?"
"Dafür, daß ich dich besser hören kann."
"Aber was für Augen?"
"Damit ich dich besser sehen kann!"
"Großmutter, deine Hände!"
"Dafür, daß ich dich besser packen könnte!"
"Großmutter, dein großer Mund!"
"Zum Fressen!"Und ich fraß Rotkäppchen. Warum müssen Kinder so dämliche Fragen stellen?! Bis Mitleid fort, nur Wut. Nun bin ich vollgefressen, müde. Und hoffe, kein Jäger chchchchch-ch-ch
Ich war einmal ein Mann. Klein, häßlich. Keine Frau wollte ihn. Kinder verspotteten ihn. Er zog in den Wald. Er langweilte sich, grub nach Gold, hortete es. Nachts stromerte er durch dunkle Straßen. Er heulte oft. Einmal hörte er Weinen, kroch durch ein Abflußrohr, durch Wandlöcher, Räume, fand ein Mädchen, das Stroh zu Gold spinnen sollte. Ihre Augen waren verquollen, die Nase rot, sie sah ihn nicht an. Er konnte Stroh nicht zu Gold spinnen, aber Stroh durch das Abflußrohr hinwegschaffen, Gold zum Mädchen bringen. Es schenkte ihm dafür einen Ring. Ich war glücklich, es war das erste Geschenk, das ich erhielt. In der nächsten Nacht arbeitete ich wieder für das Mädchen, sie schenkte mir eine Kette. In der dritten Nacht hatte sie nichts mehr zu vergeben. Wenn das Stroh weg, Gold in den Raum käme, würde sie Frau des Königs, sonst müßte sie sterben. Ich wollte kein Mitleid mit ihr haben, ich wollte ihr erstes Kind. Sie versprach es, ohne mich anzusehen. Doch als ich das Kind ein Jahr später holen wollte, sah sie mich an, erschrak nicht vor meinem Gesicht, meinem Körper, hatte nur Angst, daß ich ihr das Kind nehmen könnte, umarmte mich, bat, weinte, jaulte wie ein Tier. Sie war nicht klein, häßlich, aber so traurig, wie ich es oft gewesen war, es machte Mitleid. Ich sagte: "Gut, ich laß dir das Kind." Bereute es, sagte rasch: "Nur, wenn du meinen Namen rauskriegst." Ich wollte nicht allein weiterleben müssen. Meinen Namen habe nur ich, vierzehn Buchstaben. Sie zu finden, richtig zu verbinden, scheint nicht möglich. Das Mädchen grübelte, fantasierte, fand das Wort nicht. Doch ich bin einsam, manchmal rede ich mit mir, um eine Stimme zu hören. Einer muß mich belauscht haben, als ich "Gut, daß niemand weiß, daß ich... heiß" sagte. Als ich zu ihr kam, sagte sie: "Rumpelstilzchen." Das bin ich. Einsam. Und ich bleibe es. Falls es keinen Menschen gibt, der mich findet, nicht vor mir erschrickt, ab und zu zu mir kommt, bei mir bleibt.
Du?
Nein.
Ich war einmal ein Frosch. Eine Prinzessin spielte mit einer goldenen Kugel. Die fiel neben den Brunnen. Einer, der sich versteckt hielt, versteckte sie, die Prinzessin suchte, starrte auch in den Brunnen, biß mit den Zähnen auf ihre Lippen, weinte. Ich hüpfte auf den Brunnenrand. Die Prinzessin flehte, daß ihr jemand die Kugel wiederfände. Ich hörte eine merkwürdig quakende Stimme, saß vor Schreck steif, "Quak! Ich will dir die Kugel bringen, wenn du heute Abend mit mir speisen willst, mich danach küßt, ich mit dir in deinem Bettchen schlafen darf. Quak, quak." Der König schien streng, denn die Prinzessin versprach alles. Die Kugel rollte ihr zu, als sei sie vom Brunnenrand gefallen. Die Prinzessin hob sie auf und lief ohne sich umzusehen davon. Mich aber packte jemand, steckte mich in einen Karton, schlich am Abend ins Schloß, klopfte an eine Tür, tat mich davor, und sagte: "Quak! Laß mich herein!" Ich hörte die Prinzessin: "Nein!"
Eine männliche Stimme: "Aber Versprechen muß man halten!" Die Tür wurde geöffnet, ein Lakai ergriff mich mit zwei Fingern und setzte mich auf einen Tisch. Ich saß steif vor Angst. Ich hörte eine quäkende Stimme, saß noch steifer vor Angst - "Quak! Nun bist du satt, nun mußt du mich küssen." Der König: "Tu, was du versprochen hast!"
Die Prinzessin küßte mich wirklich. Ich saß steif vor Furcht, sie könnte mich beißen, weil sie so wütend guckte. Sie tat es nicht. Doch kaum war der König aus dem Raum, warf sie mich gegen die Wand. Ich sprang hinter den Vorhang, jemand sprang vor den Vorhang, sagte, er sei ich, ein Frosch gewesen, nun entzaubert. Die Prinzessin war erfreut, erleichtert, nicht mit einem Frosch ins Bett zu müssen, sie ließ sich von dem frechen Burschen küssen. Ich aber nutzte die Gelegenheit mit Riesensprüngen aus dem Raum, dem Schloß, dem Königreich zu hüpfen.
Aber.
Ich war einmal eine Frau, die an einen König verheiratet wurde, der in einem Land herrschte, wo eine Frau äußerlich schön sein mußte. Die Schönste erhielt von Männern, Frauen, Kindern Schmuck, Geschichten, Zärtlichkeiten. Frauen, die nicht schön waren, bekamen nichts. Oder fast nichts. Ich war schön, galt als die Schönste, wurde verwöhnt, war glücklich. Bis meine Stieftochter größer wurde. Auch der König fühlte sich an seine verstorbene Frau erinnert. Wenn ich in den Spiegel sah, dachte ich: "Sie sind eine schöne Frau." Aber eine Stimme in mir sprach: "Aber Schneewittchen" (so hieß die Stieftochter) "ist tausendmal schöner als Ihr." Die Frau im Spiegel sah mich bestürzt an. Sie sah - verunsichert, ängstlich geworden - häßlicher aus; sie wurde von Tag zu Tag häßlicher. Deshalb von Tag zu Tag einsamer. Keiner schenkte ihr Blumen, Geschichten, Zärtlichkeit. Alles bekam Schneewittchen. "Ich habe keine Wahl", sagte ich damals. Ich beschloß, die Schönere zu töten, wieder die Schönste zu sein und - geliebt. Es ist quälend, ungeliebt zu leben. Ich tanze nun auf glühenden Kohlen, Schneewittchen lebt wieder. Es tut weh, die Füße verkohlen, ich tanze auf Stümpfen weiter. Zeigt mir keinen Spiegel, wer bei lebendigem Leib verbrannt wird, sieht nicht schön aus. Und ich habe nicht Kraft zu schreien, daß Schönheit nicht das einzige - aaaaaaaaaaaaaaaah!
Wer waren Sie einmal?

Es war eimal
Es endet.


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