KunsthausTacheles 2004
Tacheles heißt Klartext reden: Ins Kunsthaus Tacheles strömten Menschen wie im 18., 19. Jahrhundert nach Amerika, in der Hoffnung, dort Freiräume zu finden und ihre Lebensvorstellungen verwirklichen zu können. Es strahlt dieses Gefühl auf Menschen aus aller Welt, die es durchstreifen, noch immer aus.
Das Tacheles ist, so wie es ist, eine Art lebendiges Mahnmal, das an Sehnsüchte, Machtmißbrauch, Machtkämpfe, Günstlingswirtschaft und Vertreibungen erinnert. Das Tacheles, Oranienburger Straße Berlin, war ein von Künstlern besetztes Haus. Es wurde ein Vereinshaus, in dem sich Vereinsmitglieder bekriegen. Einer habe Strom geklaut, ein anderer bezahle keine Miete, andere Mitglieder hätten sich an Projektgeldern bereichert. Das Tacheles ist in Reviere geteilt, die vom Gegner nicht betreten werden dürfen. Übertretungen können zu Körperverletzungen führen. In die Satzung sind Klauseln eingearbeitet, die eine feindliche Übernahme verhindern sollen, Stimmrecht habe nur der, der Vollmitglied sei, er müsse Fördermitglied gewesen sein. Es werden Gelder ausgegeben und Gerichtsprozesse geführt, um festzustellen, wer ein rechtmäßiges Mitglied ist. Ein Mitglied sagte, daß der Vorstandsmitglied im Tacheles werden könne, dem es gelänge, die Abstimmung in einer Mitgliederversammlung so lange rauszuzögern, bis niemand mehr da sei. Das Tacheles ist ein klitzekleines Eiland, aber es ist voll von Gerüchten, die von Rauschgift, Kontakten zu Zuhältern, Türkenmafia, Morddrohungen, Brandstiftung, Körperverletzung, bepißten Klos, Scheißhaufen auf dem Beton, Kotze in den Ecken erzählen. Eins der Gerüchte erzählt, eine Person, die gern spiele, habe für die Staatssicherheit gearbeitet und sei die heimliche Eminenz, die das Künstlerhaus regiere. Menschen, die zu Gegnern erklärt werden, hätten keine Chance. Es werden Gerüchte ausgestreut, die sie in Verteidigungshaltungen zwingen. Wenn sie sich verteidigen, kursieren neue Gerüchte. Jeder muß damit rechnen, daß er zum Feind erklärt wird. Einer putzte das Klo in zwei Revieren, das war ein Fehler. Zwischendrin sind Künstler, die Hoffnungen verkörpern, im Tacheles entdeckt oder reich werden zu können und andere, die eine Familie und andere, die das geistige und sinnliche Abenteuer suchen. Die Künstler, die bleiben wollen, werden Mitglieder. Ein Gerücht sagt, daß man das muß. Künstler sind im Kunsthaus Bittsteller: sie betteln um ein Atelier, sie betteln um Atelierverlängerungen, sie betteln, daß die Diskoboxen über dem Atelier nicht auf den Betonboden gestellt werden, sie betteln... sie hören gelegentlich: „Das Wichtigste am Tacheles ist die Bar“ oder „Das Wichtigste am Tacheles ist das Café.“ Sie sind Statisten in der Legende Künstlerhaus Tacheles und bezahlen dafür. Das Mietgeld ist eine Nebenkostenpauschale, die die Künstler mit Verkäufen erarbeiten müssen. Die meisten Menschen gehen aber nicht ins Tacheles, um Kunst zu kaufen, sondern um Kunst und Künstler kostenlos anzusehen. Die Künstler leiden unter dem Druck, touristengerecht arbeiten zu müssen, sie betteln um Spenden oder arbeiten in einer Art Angestelltenverhältnis für Auftraggeber, die ihnen genau vorschreiben, was sie fertigen müssen. Die Künstler erhalten keine Einsicht in Kostenabrechnungen des Tacheles, „Wenn du nicht zahlen willst, kannst du gehn.“ Die Künstler bezahlen für einen Fahrstuhl, der selten verfügbar ist, für eine Kloreinigung, die sie oft selbst leisten müssen, für die Verwaltung, für... einige Künstler zahlen nicht, weil sie das Geld, das sie erhalten können, fürs Essen brauchen, sie schulden dem Tachelesverein Geld, ohne es erarbeiten zu können. Wenn ein Gast in der Bar ein Bier trinken will, muß er bezahlen und bezahlt. An der Bar arbeiten zu dürfen, gilt als Privileg. Wer Bier ausschenkt, erhält Lohn.
“eine mappe mit bewerbungsunterlagen, die dem tacheles vor jahren vorlag und zur entscheidung von kuratoren geführt haben soll, daß ich das nächste freiwerdende atelier erhalten werde, war im tacheles kurz später verschwunden. trotzdem will ich die begegnungen, die im tacheles waren, nicht missen. das sagen die, die im krieg waren, daß sie die kameradschaft, die war, nicht missen wollen. ich habe ein utopia im kopf, das ist der feind. ich will nicht lügen und doch freundlichkeit. als ich nicht bleiben durfte, behaupteten alle, sie hätten mit der entscheidung nichts zu tun. ich hörte, ich müsse gehen, damit vereinsmitglieder in ein atelier können, zwei monate später sei vorstandswahl, der vereinsvorsitzende brauche stimmen. ein künstler, der selbst gefährtet ist, sagte, daß er für mich kämpfen würde, falls ich bleiben wolle. der hausmeister sagte, wenn ich ein sicherheitsschloß einbauen würde, von dem er sagen könnte, daß er es nicht aufbohren könne, hätte ich eine chance zu bleiben. ein schlüsseldienst koste viel geld, ´ein sicherheitsschloß auch´. die sekretärin sagte, sie würde mir essen durchs schlüsselloch spritzen, ´sie könnten die heizung abklemmen, du müßtest ein lagerfeuer machen´, ´wir machen das tacheles wieder so wie es war´, ich müßte eine strickleiter aus dem fenster hängen, um ein zeichen zu setzen... aber im innersten wußten wir, daß keine chance ist, mitzubestimmen, wenn man kein totschläger werden will. im tacheles ist es nicht anders als draußen. es gibt brutalere kriege.
aber dann sagt ein künstler: ´aber man könnte die türen vom büro zuschweißen, das büro abschaffen.´ eine künstlerin: ´die etagentüren sollten für einige wochen verschlossen bleiben. wir würden sehen, was passiert´, ´wenn der senat die hauserhaltung und nebenkosten finanzieren würde, wäre das eine hilfe. wir könnten als gegenleistung...“
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