TEXTLANDSCHAFT      Worte

 

Sommer 89

 

Im zweiten Buch "Sommer 89" versucht eine junge Frau mit ihren Eltern ins Gespräch zu geraten, es gelingt nicht. Sie erhält Texte ihrer Großmutter, die während der Herrschaft des Nationalsozialismus im Gefängnis saß, (die junge Frau floh in den Rollstuhl), sie stellt fest, daß ihre Großmutter damals, wie sie in ihrer Zeit, Trivialgeschichten schrieb, die mit der Wirklichkeit um sie wenig zu tun zu haben scheinen, in denen eine Frau einen Mann und Kinder möchte, glücklich leben; es gelingt nicht. Sie denkt sich eine Großmutter aus, die im faschistischen Alltag lebte, läßt sich von ihr erzählen, um mittels dieser Geschichten direkter und trotzdem ungehindert, von der Wirklichkeit, die sie umgibt, sprechen zu können. Die Hoffnung, sie verändern zu können, ist gering. Die junge Frau säuft, versucht in eine Liebesbeziehung zu fliehen, bis sie gegen die Verzweiflung zynisch wird: "Ich lebe im exotischsten Land der Welt."

"Großmutter sagte, daß sie im Faschismus nicht anders lebte, als ich jetzt. Wieso kann sie das?" Du strecktest die Hand, sie kam gegen den Türpfosten, als bräuchtest du eine Stütze, "Sagte sie das?" "Ja." "In den Texten?" "Nein." "Arbeit, Geld, Schlangestehen. Es wurde Krieg." "Konzentrationslager." "Auch." "Hunderttausende." "Nein." "Umgebracht." "'Durch Typhus. Leichen müssen verbrannt werden.` Nachrichten - Lügen der Nazis oder Gerüchte. Auch die Engländer glaubten das mit dem Vergasen nicht. Ich fragte damals Entlassene. Sie schwiegen. Einer erzählte, er habe dort fotografieren gelernt, ein anderer, daß er Hilfsbereitschaft erlebt hätte, die er in der Erinnerung nicht missen möchte." Mutter zeigte mir Fotos. Auf den Bildern Mädchen in Uniformen. Vor, während, nach dem Krieg. Uniformen verschieden, Gesichter nicht. In jedem: Lächeln, Glauben, Hoffnung. Es erschreckte mich." "Ich war hinter einem halbdurchlässigen Spiegel, Menschen blieben stehen, sahen sich an, probierten Gesichter aus. Mit dem lächelnden, eitlen gehen sie fort", sagte ich.

"Glaubst du!" Ich würde meinen Rollstuhl so stellen, daß ich nichts als Himmel sähe. Menschliche Stimmen drängen nur als Schreie zu mir.

Es macht mich traurig, daß du mich nicht verstehst. Ich hatte, wenn ich Menschen im Rollstuhl, verkrüppelte oder häßliche gesehen hatte, Abwehr in mir gefühlt. Ich will nicht, daß andere mich sehen, das tun. Ich bin eine Frau. In Träumen. Denke ich an einen schönen, klugen Mann, wird es - Sind Männerstimmen, Schritte, habe ich Angst, einer könnte kommen, merken, wie aufgeregt - Eine Krankenschwester war entsetzt, als sie einen Krüppel windeln mußte und er Gefühle bekam. Ich möchte es mir, einem Mann ersparen. Ich sehe neidisch auf Frauen, die gehen, rennen, mit Füßen tanzen können."Ich will die Achtung vor mir nicht verlieren! Du achtest dich, nicht wahr?" Fragte ich. Schwiegst. Sagtest plötzlich: "Großmutter starb unspektakulär. Sie schlief im Sessel ein." Ich verstand den Zusammenhang nicht, grübelte, verstehe ihn nicht. Warum sprichst du plötzlich von deiner Mutter? Ihr habt jahrelang nicht von ihr geredet. Wegen Männern. Sie kam jedesmal mit einem anderen. Der letzte war jung. Erinnerst du dich? Ihr standet steif. Wenn sie uns einlud, sagtest du: "Bin nicht sicher, daß sie uns wirklich will." Als ich in den Rollstuhl mußte, deine Mutter mich gehemmt ansah, Fragen stellte, die höflich schienen, glaubte ich dir. Ich war unfreundlich zu ihr. Es tut mir leid, wegen 'Knastschrift`. Ich wüßte gern mehr von ihr."Ich will alle Papiere!" "Papiere?" "Von ihr." "Sie hinterließ sie dir", sagte Mutter.

"Das wußte ich nicht." "Ich hatte es vergessen." "Alle!" "Was?" "Ich will alle." "Mehr sind nicht." "Komm mit." Mutter nickte, kam mit, schob mich in einen Hinterhof, Erdgeschoßfenster zugemauert, Türen mit Holz verbarrikadiert, eingeschlagen.

"Wäre ich nicht im Rollstuhl, würde ich hineinkriechen." "In die Häuser?" "Ja." "Licht ist abgestellt." "Da vorn unter dem Dach ist es hell." "Sie müssen die Wand vom Vorderhaus her durchbrochen haben. Als wir hier wohnten, wohnten Anständige hier." Ich war unsicher, ob in diesem Satz Ironie war. Ich kann mich nur an Schreie von Betrunkenen, Geprügelten erinnern. Kotze lag auf dem Weg. Die Häuser - Zerfall, Ruinen, Abriß. Ich werde Kindern nichts zeigen, nur erzählen können, daß ich, erwachsen geworden, in einem düsteren Hinterhof, in dem ich als Kind gespielt hatte, einen alten Mann fragte, "Wie war es, als die Nazis -?" "Unpolitisch. Politik wurde erst danach hineingeredet."...

"Ich frage mich, was meine Mutter gedacht, gefühlt haben mag, wenn sie solche Sätze hörte! Als hätte sie in einer anderen Zeit gelebt: In der sie, weil sie ein paar Klamotten für einen Flüchtling auf einer Parkbank 'vergessen` hatte, verhört wurde, eingesperrt", sagtest du, "ihr Mann tot. Kind weg. Dem Schwager dankbar sein müssen, daß er das Mädchen, mich, vor Lager bewahrt, zu sich nimmt. Meine Mutter habe vor Gericht ihre Schuld geleugnet, Begründungen für ihre Unschuld gewußt. Mein Onkel sei als Zeuge erschienen, habe sie 'vor Freispruch bewahrt`, vor dem Gerichtsgebäude hätte Gestapo gewartet. 'Behauptete er`", habe Großmutter gesagt. Ich verstehe nicht.

Bruder brachte eine Frau, Kinder mit. Die Kinder hatten zwei Schnecken, eine heiße Anne, die andere Lore. Mutter blieb abweisend. Die Frau schob meinen Stuhl, mich zum Abendbrottisch. Ohne mich zu fragen. Die Kinder beneideten mich um den Stuhl. Mein Bruder hob mich raus, stützte mich. Ich konnte nicht stehen. Er setzte mich auf den Sessel, die Kinder in den Stuhl. Sie rollten, spielten mit ihm Auto, Eisenbahn. Es war mir unangenehm. Ich ärgerte mich über mich. Als die Kinder auf mich zurollten, Angst. Ich konnte die Beine nicht wegheben. Bruder stoppte den Stuhl ab. Ich erinnerte mich plötzlich, daß ich als Kind auf einem Bahnhof gehockt hatte, Vater im Manöver. Ich wollte ihn holen. Es waren Menschen um mich. Drückten, drängten. Ich kletterte in den Papierkorb. Stand sicherer."Bin sogar größer", dachte ich, schaute mich um, als sei es normal, in einem Papierkorb zu stehen. Oder das war ein Traum. Ich tastete nach meinen Beinen, fühlte Fett über den Knochen. Kaum Muskeln. Als hätte ich nie gehen können.

Ich fragte Vater, ob er gelegentlich über Politik nachdenke, "Du lebtest schon damals." "Wann?" "Als Großmutter -" Er schwieg.

"Du willst nicht reden." Die Stille schien mir unerträglich. Ich fragte ihn, ob er oft verliebt gewesen war. Er erzählte vom Theater, "Hetzen müssen, die Karten vergessen, neue kaufen müssen. Hatten fast kein Geld einstecken." Nicht nebeneinander sitzen können, "Nirgends waren zwei Plätze nebeneinander frei." Mutter habe dich nach vorn geschickt, sich hinten hingesetzt. Du sprachst langsam, als würdest du Erinnern genießen. Eine Frau habe zu tanzen begonnen, "Ihre Schritte schienen nicht zur Musik zu passen. Sie war älter. Ich hatte Mitleid mit ihr. Ihre Beine und Arme waren verhüllt. Es reizte. Als sie sie barfuß war, sah ich Krampfadern. Kein Sexreiz mehr, aber ich wurde fasziniert: Wenn Tanz und Musik nicht harmonierten, schien es mit Absicht. Ihr Gesicht wurde schön." "Ich dachte, du würdest von Mutter erzählen. Oder schweigen." Mutter trinke täglich ein Glas Wein, behaupte ihm gegenüber, sie sei Alkoholikerin. Sie laufe in jede Versammlung, "als könnte von da ein Heil kommen. Frage sie selbst!" Vielleicht sei dein Ausbruch zu Frauen auch Hysterie, "Die Sinne sind beschäftigt." Mutter würdest du kennen. Sagtest du. Mehr nicht.

Ich las "Knastschrift". Noch einmal. Es lenkt ab. Von dem: Will mich nicht betrügen: ich bin ohne Hoffnung. In Fantasien könnte ich glauben, um mich sei in Wirklichkeit anderes als das, was ist. Ich warte täglich auf die Zeitung. Draußen ist Regen, Wind. Das Fensterglas spiegelt mich. Ich bin nicht schön. Das Zimmer ist warm, es entspannt.

Meine Großmutter hatte Flüchtlingen geholfen. Gefängnis. Ich ging in einen Rollstuhl. Ihr Alltag unter der Herrschaft der Nationalsozialisten war reglementiert: Wecken, Frühstück, transportiert werden, Arbeiten, Transport. Sie durfte in ihrem Beruf arbeiten, nähen. Uniformen. Im Akkord. Dachte ab und zu an Männer. 'Ohne Uniformen gäbe es keinen Krieg`, dachte sie. Vielleicht. Paßte auf, daß der Faden nicht riß. Oder, daß er es tat. Ihr Mann Soldat. Tot. Gefallen.

"Sonst hätte sie ihn verlassen", sagte Mutter.

Abends: Ein wenig lesen, schreiben. Sie habe einen Duden gehabt, im Gefängnis haben dürfen "für gutes Deutschtum." Ein Nachschlagewerk liegt auf meinem Tisch. Als der Krieg zu Ende, bekam sie als 'Opfer des Nationalsozialismus` Unterstützungen, höhere Rente."...Interessiert dich das wirklich?... Du lächelst... Ich mag dein Grinsen nicht... Tue den Stift weg!..." Diese Einfügungen waren im Text. Ich wollte mit meinen Eltern ins Gespräch kommen, es gelang nicht, Mutter gab mir die Texte meiner Großmutter. Großmutter habe den "Knasttext", der über Kämpfe zwischen Franzosen, Amerikanern, Indianern, "jeder gegen jeden", und von einer Frau erzählt, die mit Mann, Kindern glücklich leben möchte, es gelingt nicht, mir vermacht. 'So kann man über Faschismus nicht reden!` Ich kenne Großmutter kaum. In der Erinnerung ist sie eine Frau, die alt war, schön aussah. Trotz Rauchen. Sie war schlank, nicht kuschlig.

Ich will, daß sie nicht im Knast war, daß sie in dem Alltag, in dem die meisten Deutschen auch.

Bibliotheken. Ich lese über Faschismus, Zeitgeschichte. - was ich darf. Ich brauche Genehmigung, mehr lesen zu dürfen.

"Vater, hilf!" "Wozu?" "Ich möchte etwas anderes tun, als Trivialgeschichten schreiben; Großmutter tat es damals, ich jetzt." "Was? Wozu?" "Ich sitze nur rum und warte." "Auf was?" "Man muß irgend etwas tun." "Ich könnte einen Freund fragen." Der Freund war Geschichtsprofessor, schrieb Befürwortung. Ich erhielt eine Erlaubnis. Stöße von Büchern. Ich will eine Großmutter, die kein Held war, ('Wenn sie nicht verhaftet worden wäre?`) Kontakte hatte. Verschiedenes gehört haben konnte. Vielleicht war sie Bildhauerin. Ihr Mann Offizier. Eltern, Onkel, Schwägerin... Sie hatte Kinder.

Ich: "Erzähle mir." Sie: "Worüber?" "Damals." "Interessiert dich das wirklich?" "Ja." "Wir klagten oft. Wem das Herz voll ist, geht der Mund über." "Weiter." "Willst du das?" "Ja." "'Herz voll, geht der Mund über.` Ein Ausländer wunderte sich. Ich nickte, 'Mit einem Bein im Gefängnis.` Wir jammerten nicht nur. Das hält man nicht aus." "Ich klage nicht nur." "Einmal haben wir in der Kneipe das, was war, gelobt." "Ja." "Wir mußten nicht lügen, nur auswählen. Die Fremden glaubten uns. Dann kam der Wirt mit der Rechnung. 'Die ist falsch!` - 'Sie bezahlen! Oder ich hole Polizei.` Sie sahen: daß wir bezahlten. Wir hatten neben Ausländern gesessen. Angst." "Das habe ich erlebt." "Ich hatte immer Angst. 'Unterschreibt die Kriegsschulderklärung oder: Einmarsch, Besetzung!` Die Republik hatte keine Chance. Arbeiten; Geld, Waren als Strafzahlung raus. Einmal zahlten wir nicht - ein Teilgebiet besetzt. Da wird 'national`. Wegen der Gerechtigkeit. Vor allem die, die nicht im Krieg, Kinder gewesen waren. Mutter hoffte auf Technik. Daß sie die Welt menschlich. Weltwirtschaftskrise - Illusionen kaputt. Keine Arbeit. Unterstützungsgelder. Stundenlang stehen. Müssen. Für zwei Brote. Sie gleich wegessen, dann hungern. Wegen der Ratten. Vater baute einen Kasten aus Blech. Sie zernagten auch ihn. Parteiprogramme wurden verteilt. Ich fragte, ob ich Papier essen darf. Daran erinnere ich mich. Vater: 'Es ist Blei drauf.` Tote wurden verscharrt. Niemand aß sie. 'Selbstmorde sind Ausrufezeichen`, sagte Vater, 'daß sich etwas ändern muß.`

Jede Partei hatte Kampfgruppen. Uniformen. Lieder, Waffen. Pistolen, Messer waren verboten, Spazierstöcke, Schlüsselbunde nicht. Mädchen versteckten den Männern Messer unter dem Rock. Oft Verwundete. Tote auch. Am Rand und zwischendrin Polizei. Sie schlug zu. Ich fühlte mich nicht wohl, obwohl es spannend war: Bei Demonstrationen, am Arbeitsamt. Dabeizusein. Und dann die Zeitung zu lesen." "Dabeizusein, -." "Kind", sagt sie.

"Ja?" "Ich war da nicht drin, in keiner Partei. Für Soziales, Gerechtes. Radikales nicht. Die Rechten, Linken machten das Parlament kaputt. Reichstagsauflösung, Neuwahlen. In einem Jahr sieben Mal. Das macht radikal, 'Das muß anders werden!` Im Reichstag: Links sangen sie die Internationale, rechts das Nationale. Wie im Theater. Sie wurden lauter, prügelten sich. Drüber ein Glöckchen, 'Ruhe!`

'Kinder brauchen einen Vater!` Sagten sie. Das klang harmlos. Die Rechten versprachen alles. Um ihre Plakate Trauben. Aus Menschen. Wegen des langen Textes. Einer blieb stehen, um zu lesen. Der nächste. Noch einer.

Linke - für Aufstand!

Bei Unruhe im Land wären die Polen einmarschiert. Die Rechten: 'Mit Mitteln der Demokratie putschen.` Laß das Radio an! Walzer erinnern an damals. Warum lachst du?" "Du siehst komisch aus." "Mir ist nicht zum Lachen." "Augen zu." "Du willst - soll mich erinnern." "Du hast Münder." "Ich will wahrheitsgetreu reden, wie ich kann. Vor der letzten Wahl ließen sich die Rechten verprügeln. '>Anweisung von ihrer Parteizentrale.< Brav sind sie. Man muß ihnen nur die richtigen Befehle geben. Mitverantwortung!` Ihren Führer an die Macht. 'Er schafft es!` - 'Die Opposition hat immer das große Maul. Nach vier Jahren ist er kaputt.` Reichstagsbrand. Notstandsgesetze. Sein Testament soll der Reichspräsident nicht unterschrieben haben. Der Führer der Rechten machte Volksentscheid, ob er Präsident und Kanzler. Das Volk: 'Ja!` Ich auch. Wegen den Werbern mit freundlich drohendem Gesicht." "Ja." "'Mein Reich ist nicht von dieser Welt.` Sagten sie. Das heiße nicht: unirdisch, nur anders als das, was ist. Erst Apokalypse. Dann das Paradies. Grausamkeiten Geburtswehen. Einer neuen Zeit. Bis neuer Mensch. Hände, die aus dem Waldboden ragten. Auch auf Bildern in Zeitungen. Kommentar: `Selbstmord.` Oder: 'Auf der Flucht erschossen.` - 'Rache. Wegen der Blutopfer. Das verstehen Sie doch?` Kein drohender Ton. Nur die Frage: 'Erinnern Sie sich? An den Jungen, zwölf Jahre.` Ich mußte nicken. Er war fröhlich gewesen. Aber seine Leiche sah ich nicht an, 'Wegen dem Fahnentuch drum`, sagte ich. Damals nahm mein Nachbar so etwas nicht übel. Wegen dem Selbstvertrauen, 'Mit uns zieht die neue Zeit`, sang er. Angetrunken auf der Treppe. 'Heute hört uns dies` Land und morgen die ganze Welt. Meckern Sie doch nicht. Ich putze die Schuhe doch ab. Auch Ihre. Ich baue ein Schuhabputzgerät. Meckern ist leicht. Aufbaun. Muß man.`

Er wollte mich überzeugen, daß ich Nationalsozialist. 'Für sozial Gerechtes, für Persönlichkeit sind Sie doch auch. Gemeinnutz vor Eigennutz. Persönlichkeit von Mensch, Volk. Völkergemeinschaft, nicht alles verjudet, gleichgemacht. Sie sträuben sich nur gegen das Wort.` Das ist nicht wahr. Ich hatte das Bild von frechen Knaben vor Augen, wie sie Hühner fangen: Leckerbissen an Stricken. Gefangen, ersticken.

Die anderen Parteien verbonzt. Kaum Aufstiegschancen. In der Parteienhierarchie. Bei den Rechten ja. Das war Reiz, auch für Gerd, meinen Onkel. Der eine hatte Ideen. Der andere wollte verhindern. Ich hatte keine Illusionen. Druck deformiert. Bei den Rechten 'nur Druck von oben`, Führerprinzip. Sagten sie. 'Von unten nach oben muß Vertrauen.` Auch zum Vater - als Kind. 'Anweisungen von >oben<. Wie sie befolgen ist Privatsache.` Sich nach oben verantworten müssen. Wie auf einem Seil, nach unten Abgrund. Es konnte jeder ins Lager. Auch der Propagandaminister soll Angst gehabt haben. Er hätte anderes gewollt. Ich meine politisch. Nicht, daß er Regisseur werden wollte. Keine Chance bekommen hatte. Er mochte Massenszenen, Einbeziehung des Publikums. Bergpredigt, Paradies auf Erden. Durch einen Führer wegen Einheit, gegen Parteienstreit. Er soll geglaubt haben, daß sich die Rechtspartei nach und nach auflösen wird. Daß sie Werkzeug. Für Volksstaat. Katholiken glauben an Wunder. Auch abtrünnige, 'Volk und Führer eins mittels Intuition.` Er soll es geglaubt haben. Sagten die einen. 'Den Führer hat er inszeniert, uns zu verarschen`, ein anderer. Ich wollte wissen, wer er ist. Was er entschied, hatte Folgen.

Ich hörte nach dem Krieg, daß er gesagt hatte, daß die Behandlung der Juden die Idee des nationalen Sozialismus über Jahrhunderte in Mißkredit bringen wird. Und bis zuletzt gehofft haben, daß an der Ostfront Frieden; Linke und Rechte gegen die Westfront, die 'Plutokraten.` In den öffentlichen Reden war anderes.

Daß man Menschen vergast, hätte ich nicht - Wir wußten es nicht. Es gibt Zeiten, da will man nichts wissen. Wegen der Angst. Aber man wird krank." "Prost." "Fragt. Nicht bohrend. Weil man niemanden verängstigen will. Gefährden. Es durfte keiner reden. Das, was ich konnte: Essen nicht gut. Draußen auch. Kaum Medikamente. Oft Tote. Wegen dem Typhus! Die Leichen mußten verbrannt, Seuchengefahr. Das erfuhr ich, weil ich einen von der Hygiene kannte. Der war einen Tag lang dort. Geschlagen haben sie auch. Das weiß ich von Entlassenen. Sträflinge hießen sie nicht. 'Schutzhaft. Erziehung, zu Ordnung und Disziplin.`" "Ja." "'Das ist schlimm`, hat man gesagt. 'Lieber Gott, mach mich stumm, daß ich nicht nach Dachau kumm.` Den Satz kannte ich. Ich muß niemanden belügen. Wenn ich über Nazis rede." "Ja." Großmutter steht auf, tastet, streicht mit den Fingern über eine Gipsfigur. Sie sieht mich nicht an, "Der Bauer ist wichtig, Arbeiter, Mutter, Straßenkehrer, du als Künstler...` Bürgertum Schmarotzer, Adel Popanz. Kein arbeitsfreies Einkommen! Keine Karriere nach Geburt, Geldbeutel! Nur nach dem, was einer schafft... Hilfe für Schwache. Manchmal dachte ich, ich sei Nationalsozialist. 'National`, ich begriff nicht, daß Menschen irgendwo in der Welt unterdrückt und verfolgt wurden, weil sie von der Nation, in der ich war, waren. Ich traf Fanatische. Die Menschen um sie waren skeptisch. Gegen sie. Isolierten sie. Aber sie sind gefährlich, weil sie kein Gewissen haben. Oder ein eigenartiges. Daß sie über Leichen gehen können. Mit Gefühl, daß es nötig. Einige waren wie behext. Manchmal vor Angst. Oder Karrierewillen, 'Muß hoch, Karriere, dann anders sein, verändern zu können.` Ich sah sie an wie Kranke." "Ja. Prost." "Mitleidig. Ängstlich. Marschieren. In Uniform. Nur Leistung unterscheidet, sagten sie. 'Wozu Gleichschritt?` - 'Man fühlt sich gut dabei.` Ich fühlte mich, als sollte ich ein Stück Mechanik werden." "Ich marschierte auf Fersen oder Zehenspitzen." "Du bist im Rollstuhl." "Eene meene mu, raus bist du. Eene meene mu, raus" "'Einer für alle, alle für einen, wir sind brutal. Nur wenn es sein muß.` Die alte Garde war aus den Jahren, wo SA nicht marschieren sollte. Sturmabteilungen - nur aus Leuten, die sowieso am Stammtisch zusammensaßen. 'Anweisung von oben`, sagte Gerd, 'damit Zusammenhalt.` Warb um Vater. Weil der auch am Tisch saß, gesessen hatte. Manchmal kam einer von denen noch zu uns. 'Was hast du plötzlich gegen uns?` Klang traurig. Hat mich berührt. Vater mit dem Gesicht zum Fenster. Kein Wort. Mutter: 'Geh hin!` Vater sah sie an, 'Schämen solltest du dich!` Sie: 'Du bist ja gar kein Mensch mehr!` Bruder auf dem Revier. Nach Schlägerei mit den Rechten. 'Dem kann sonstwas!` Sie ging hin, ohrfeigt ihn. Vor Polizisten. 'Der kommt mit, dem werde ich -!` Zerrt an ihm. Bruder ist größer als sie. Guckt verblüfft, ratlos zum Polizisten. Der guckt komisch, öffnet die Tür, sagt: 'Passen Sie besser auf ihn auf.` Ich war dabei. Man muß es doch wenigstens versucht haben." "Sich anzubiedern?" "Menschen zu helfen."

Kein Datum. Ich fuhr raus, den Stuhl auf den Markt, neben den Brunnen, sang jüdische Lieder. Nur Melodien. Ich weiß Texte nicht mehr. Ich hörte sie als Kind. Weinte, weil sie traurig waren, von Abschied erzählten, Tod. Es war ein Trotzdem in ihnen. Ich saß am Brunnen, sang. Menschen gingen vorüber. Niemand belästigte mich, obwohl Nacht war.

Großmutter: "'Wenn ich Hilfe brauche, gehe ich zu einem Nazi mit einem goldnen Ding`, sagte ein Jude. Das war das Abzeichen. Der alten SA-Garde. Es gab nicht genug Posten, jeden von ihnen zu bestechen. 'Wir wollten anderes als ihr, aber wir sind enttäuscht`, sagte Gerd. Betrunken, nüchtern nicht. Du trinkst zuviel! Er war schön. Wurde dick. 'Wenn das so ist, ist der krank geworden`, sagte einer. Er brauchte immer größere Uniformen, 'Braun wie Erde. Immer braun wie die Erde`, sagte er,` man muß so sein, wie man ist.` Moral Quatsch. Es gäbe kein 'gut, böse.` Keine Erbsünde, nichts, 'Wir wollen nichts besser machen, als der Herrgott es schuf.`

Er hätte einen strengen Vater, 'Dein Vater auch. Nun leidet dein Onkel, weil er die blassen, dunkelhaarigen, schmalbrüstigen Frauen will`, sagte Mutter. 'Obwohl wir arisch bis s ins vierte Glied. Das ist Strafe für die >Totale Revolution<. Bis ins Bett.` Fragebögen." "Über Verwandte, welche Partei sie... Ich wollte das nicht. Nichts ausfüllen. Aber man wird müde. Wegen der Kämpfe. Täglich. Prost!" "Trink nicht! Um fast alles kämpfen müssen. Die Rechten hatten Versprechungen gemacht. Ausreden: 'Noch nicht, weil...` Mißstände Überbleibsel. Von der Republik. Oder Schuld der Juden, Demokratien. In den Zeitungen: Erfolge. Oder Texte über Mißstände anderter Länder. Zitate aus deren Zeitungen, wie schlecht es dort. Ich dachte: 'Die sind selbstkritisch`, Streiks, Demonstrationen. Wir durften das nicht - 'Verrat am Volk!`

Keine Wahl. Nur noch Einheitslisten. Reinstecken oder nicht. Hingehen oder -. Mehr blieb nicht. Wahlkabinen abseits. Es fiel auf, wenn einer reinging. 'Wird notiert`, sagte Gerd. Sie zählten Stimmen. In einem Dorf: keine Neinstimme. Meine Kusine an Tante: 'Das ist faul, ich stimmte Nein.` Im Brief. Zugeklebtem. Sie wurde von der Gestapo vorgeladen, mußte sich verteidigen, weil sie Gerüchte verbreite, daß Wahlergebnisse gefälscht. Die Post kam bei meiner Tante nicht an." "Es stand ein Männchen an der Wand, hatt` einen Apfel in der Hand, wollt` ihn essen, hatt` kein Messer. Messer fiel vom Himmel ab, Hand und Kopf und du bist ab."

Es ist Sommer, heiß. Ich erzähle, was ich las, in der Kneipe. Sage: "Damals war es..." vor Angst. Wunsch, zu provozieren.

"Obwohl 'Nein` zu stimmen, weniger gefährlich, als gar nicht. Letzteres sagt: Ist Farce. Die haben sie zum Wählen geholt. Sie sind sogar in die Gefängnisse, zu Schwerstkranken für Stimmen." "Sie sagten zu Hanna: 'Helfen sie ihnen, stecken sie die Zettel in die Wahlurne.` Sie: 'Eher lasse ich meine Hand verkrüppeln.` Einer der Patienten soll zwei Stunden später verstorben sein." Großmutter: "Wer ist Hanna?" "Eine Freundin." "Stell das Glas weg! Du wirst leichtsinnig. In Dörfern fast Hundert Prozent. Kriegten sie. In den Städten nicht. Dort kannte nicht jeder jeden. Es war mir trotzdem unheimlich. Wegen Gerüchten von Erschießungslisten, falls Notstand. Habe nur ironisch geguckt. Wenn ich diese Prozedur. Ich konnte nichts ändern. Einzeln. Oder mit ein paar Freunden. Ab und zu: 'Widerstand lebt`. Es konnte ein einzelner an Wände geschmiert haben. Wenn einer offen sprach, war Angst, daß er Provokateur. Ich hatte mehr Angst, für einen Spitzel gehalten, als bespitzelt zu werden. Oder andere zu gefährden, falls ich einem vertraute, über andere sprach,..." "Ich kann die Umstände vergessen, in denen ich dies oder jenes gehört habe. Ich kann jedem sagen, daß ich zuviel gesoffen hatte und habe, um mich an irgendetwas, was geschah, geschieht, genauer erinnern zu können. Zum Wohl!" "Sozialdemokraten sollten einzeln in den Widerstand, daß eine Verhaftung niemanden anderes gefährden konnte. Eine Mutter kann auch das nicht. Nur wenn Mitleid. Dann vergaß ich Angst. Für Momente. Daß ich Kinder erziehen muß. Das ist auch Widerstand. Verbotene Bilder im Haus... Deswegen ging das. Weil man immer Widerstand machte. Sich verachten, erträgt keiner.

Wenn Aktionen gegen die Nasozis, Unterschriftensammlungen - ich unterschrieb nicht. Ich konnte mich zeitweilig im Spiegel nicht ansehen. Heimlich Geld in Briefkästen von Familien stecken, die Berufsverbot - ja. Ich ging nirgends hin, wo man mich zur Unterschrift hätte auffordern können. Oder schlich weg. Ich konnte mich nicht achten, es macht krank. Ich lag stundenlang im Bett. - 'Wenn ich in Knast, macht das andere nicht mutiger!` Vernunft war gegen Stolz." "Himpelchen und Pimpelchen, die gingen auf einen Berg. Himpelchen war ein Heinzelmann -" "Laß Albernheiten. Ich hätte bereit sein müssen: Knast, Tod. Sonst bin ich erpreßbar. Sie hätten die Kinder in ein Heim gesteckt, ihr Vater an der Front. Mein Vater hätte sie nicht bekommen. Ich konnte sie nicht allein lassen. Du weißt nicht, wie es ist, - Mutter. Als die Kinder in dem Alter waren, daß die Rechten sie mit Lügen nicht mehr hätten zerstören können, hatte ich das nächste.

Vater bereute, daß Sozialdemokraten Neunzehnhundertachtzehn nicht alles mit ihren Leuten besetzt hatten. '>Fachkräfte< in Polizei, Militär. Sie gehorchten dem Kaiser, uns. Sie gehorchen ihnen.` Keine Chance, Waffen abgeliefert. 'Laßt euch von Nazis nicht provozieren!` Auf Plakaten von Kommunisten, Sozialdemokraten. Ich dachte, daß die Kommunisten - aber nur den Reichstag anbrennen, Rundfunk, Elektrizitäts-, Wasserwerke nicht besetzen, das macht keiner, der Macht will." "Ich glaubte, daß die Rechten den Reichstag anzündeten. Mir macht Angst, daß nicht wahr sein könnte, was mir bis ins einzelne bewiesen schien. Prost." "Stell die Flasche weg! Die Verhaftungslisten waren zu früh bei der Presse. Es konnten viele gewarnt werden. Einer hatte bei Freunden übernachtet. Polizei ins Haus. Den Freund nahmen sie mit, ihn nicht. Er soll sich am Morgen dem Strafvollzug gestellt haben, wegen dem reinen Gewissen. Ein anderer schoß aus Gründen des Gewissens. Die Rechten wollten es 'gleichschalten`. Ich und meine Moral wären durch sogenannte Demokratie verdorben. Sagten sie. Weil ich arisch bis ins vierte Glied, instinktmäßig nicht falsch sein konnte, wollte der Schulungsleiter 'Verschüttetes` freilegen. Ich zeigte Wut nicht. War nur ironisch. Er nannte alles verjudet, was ihm nicht gefiel. Weil Judentum aber im Blut, kann es nur ausgerottet werden, indem man Menschen tötet. Fällt mir jetzt auf. So kann keiner denken! Als Kind habe ich gegrübelt, gedacht, die Menschen sind gleich oder ähnlich. Mich eingefühlt. Gedacht, so oder so ist das in ihm, weil es in mir. Ich verdrängte - sonst könnte ich kein Fleisch essen, keine Blume pflücken; Verhungern, Verdursten. 'Töten für Leben.` Die Rechten mißbrauchten das, 'Werden, Vergehn. Zerstörung für Aufbau. Tod Teil des Leben. Auch der eigene.` Jeder sollte seine Fähigkeiten ausbilden, nutzen, einbringen, 'Zum Wohl aller.`" "Hopp hopp hopp, Pferdchen lauf Galopp über Stock und über Stein, Pferdchen, brich uns nur kein Bein. Hopp" "Schulungsstunde: 'Was kommt nach dem dritten Reich?` 'Das Vierte.` Der, der das sagte, mußte den Raum verlassen. 'Werden und Vergehn`, sagte er, 'sagten Sie doch.` Ich las die dick gedruckten Stellen des Schulungsmaterials, lernte sie auswendig. 'Widersprüche kein Problem, Nationalsozialismus kein Dogma, sondern Haltung, Anregung zum Handeln! Für Harmonie im Volk, im Individuum!` Sagte der eine. >Harmonie von Totem.< Der andere: 'Schwache, ängstliche Menschen brauchen Ziele. Starke bewegen sich um der Bewegung willen!` Wir wurden in Schulbänke gesetzt, Anwesenheitskontrollen, Kontrolle der Mitschriften, Hausaufgaben. Menschen würden in Weltanschauungen geboren, erzogen - Wahrnehmungsfilter. Wir in die Weltsicht des Kaiserreichs, verjudeter Demokratie. Gegen Macht der Gewohnheit: Wiederholung. Von Phrasen. 'So gehen die Jahre hin`, dachte ich. Blick in den Spiegel. Auf die Kinder.

Sie mußten von einer Organisation in die andere. Plan sei, schon ab Säuglinge: AA-Männer. Sie sagten: Parolen. Meine Tochter hatte mir gedroht. Anzuzeigen, daß ich staatsfeindlich." "Du lügst!" "Was soll das?" "Ich sagte, daß du lügst." "Nein." "Ich", sage ich.

"Was?" "Ich habe das gesagt." "Wann? Zu wem?" "Mutter." Großmutter: "Deine Mutter sagte es. Weil sie wütend auf mich war. Sie half mir danach eifrig im Haushalt. Sagte: 'Stimmt es, daß ihr als Kinder sagen durftet, was ihr dachtet?` Diese Frage beruhigte mich." "Ich bin ruhig, locker, entspannt. Reiter zu Pferd, der Gaul ist nichts wert, das Bier ist bitter, das trinken die Ritter, der Wein ist sauer, den trinkt nur der Bauer, das Wasser ist schlecht, das trinkt der Knecht. Ich entscheide, mit welchem Teil der Zeitung ich mir den Arsch abwische. Ich nehme nicht die Fotos von Parteibonzen. In den Arsch haben Männer gebissen, die ich liebte." "Da war er sauber. Sei still. Ich bin morgen vielleicht tot. 'Die Revolution war gegen die Bonzen.` In den Zeitungen stand nichts mehr über das Privatleben der Politiker. Keine Bilder mehr von Champagner, Betrunkenen, Frauen, denen der Rock hochgerutscht war. 'Alles beim Alten`, sagte einer, 'In was für Wagen sie fahren. Trotz Benzinmangel.` Wenn man kein Fett habe, solle man die Fahne über der Pfanne schwingen. Unter ihr seien schon viele fett geworden.

Ein anderer Witz: daß der Propagandachef welche ausgestreut haben soll, Verbreitungsweg, - zeit verfolgen zu können. Weil kein Sozialismus, habe er der größte Propagandist der Welt werden wollen. Sogar sich betrogen: Nicht geglaubt, daß die Russen verteidigungsunfähig, 'Asiatische Taktik!` Die Deutschen ins Land zu locken. Das sagte er nach Stalingrad. An die 'Wunderwaffe soll er geglaubt haben. Atombombe. Gegen 'Taktiken im Kampf um die Weltherrschaft der Juden. Mißbrauchen den Trieb nach angenehmen Gefühlen.` Sie hätten die Christenlehre erfunden. Menschen demütig zu machen, gehorsam. Inquisition. Morde an Leib, Seelen. Im Namen eines barmherzigen Gottes. Versklavung von Menschen mittels Lüge vom Paradies nach dem Tod und Drohung ewiger Qualen. Jeder Mensch sei ein 'gebranntes Kind`; Angst vor dem Feuer, der Hölle. Für Atheisten: Lehre vom Kommunismus, 'Paradies auf Erden. Nach wissenschaftlichem Plan.` Menschen zu Robotern. Man brauche ihnen nur noch Befehle geben. Germanen hätten sich gewehrt, erste Bibelübersetzung: '>Jesus Führer, Jünger Gefolgschaft.< Im Kampf für das Überleben, Freiheit des Volkes - Treue, Gehorsam des einzelnen.` Der Geschichtsprofessor bot mir Wein an, sagte: 'Walter von der Vogelweide, kennen Sie die Gedichte? Er starb, sie blieben. Antikatholisch. Germanisch bis in die Minne. Tandaradei. Unter der Linden an der Heide, dort wo wir unser Nest gebaut, möget ihr finden von uns beiden gebrochenes Gras und Heidekraut, dort am Wald im roten Tal tandaradei sang so süß die Nachtigall.` Er sah mich an, 'Deutsche Sinnlichkeit: nicht prüde, nicht brünstig. Menschen sind, in sexueller Spannung gehalten, mißbrauchbar, falls man ihnen Flucht- oder Aggressionsziele gibt.`

'Man sollte für Onanieren werben`, sagte ich.

'Nein.` Zivilisation sei Folge von Sehnsucht nach Freiheit. Ackerbau, Viehzucht, Vorratshaltung - nicht jeden Tag in den Busch zu müssen. Sie habe Mittel hervorgebracht, Schwangerschaften zu verhüten. Zivilisierte Völker stürben aus, barbarische vermehrten sich; 'Man muß es aufhalten!` Auch mit Rollenverteilungen. Zwischen Mann, Frau. Jeder einzelne müsse Unfreiheiten hinnehmen, größere zu verhindern, 'Oder wollen Sie am Ende als Sklavin in ein Bambusstammnest?` Der Mann müsse zur Armee, die Frau Kinder 'kriegen. Nichts gegen Ihre Gebilde, aber.` - 'Ich habe Kinder.`

'Verzeihen Sie.` Er fühle sich nicht wohl in dieser Kampfsituation mit Zwangsmaßnahmen, Vereinseitigungen. Der Zweck rechtfertige Mittel, 'Sie könnten Gewohntes werden, Selbstzweck. Sie müssen in Frage bleiben.

Doch Religion muß weg!` Sagte er. Vertragsabschlüsse mit dem Papst hätten dem Nationalsozialismus Anerkennung gebracht. Konfessionsschulen wären geblieben. Die Kirche mische sich mit Kanzelreden in Politik, 'Sie darf nur seelsorgerisch tätig sein, sie behauptet, Staatspolitik zerstöre Seelen, und macht, was sie will!` Zeitungszensur, Sittlichkeits-, Devisenprozesse gegen Pfaffen schüfen Märtyrer. Kirche taktiere: Führungen schienen folgsam. Der jüdische Geist organisiere Kirche von unten. Nichts belehre ihn, daß es Gott nicht gibt. Der Professor zeigte auf einen Stapel Blätter. Gegen das komme Vernunft nicht an. 'Im Hirn ist Sehnsucht, geborgen zu sein. Nur mit Gegenreligion! Kreuz Christi Sonnenkreuz. Die heilige Gabe - Ackerfrucht. Gott - Natur.` Die Lehre vom Blut im Wein, Fleisch im Fladen sei Greuel. Aus Menschenfresserzeit. 'Sie verkünden, daß man mit Fleisch den Geist des Verstorbenen in sich aufnimmt. Im zwanzigsten Jahrhundert!` Der Führer müsse weg. Spannung, bis sie fast unerträglich wird. Dann müsse er mit Gesetzestafeln erscheinen, verkünden, verschwinden. Keine Leiche. >Er ist von Gott geholt.< Das Volk brauche Märchen, um in der wirklichen Welt verfügbar zu bleiben. 'Sonst Anarchie. Der Führer ist ein Popanz`, sagte er, 'aber er hat den Treueeid von Soldaten, Beamten, Jugendlichen. Man müßte ihn zu Vernünftigem zwingen. Könne.`, 'Vielleicht entstände nur das Gerücht, der Teufel habe ihn geholt. Was sollte er Ihrer Meinung nach verkünden?` Es sträubte sich in mir, wenn er von auserwähltem deutschem Volk redete, 'Sie reden wie ein Jude`, sagte ich provokant. Verstand sei Mittel im Lebenskampf. Ein Fisch könne ohne zusätzliche Hilfsmittel tauchen, ein Vogel fliegen, Mensch nicht. Vernunft als Moral zerstöre. Bewirke Neurosen. Sie sei durch Argumente betrügbar, Instinkte nicht. Der Professor bewies Thesen. Mit Forschungsmaterial über Ratten, Ereignissen in der Geschichte, Gegenwart. Ich konnte das nicht überprüfen." "'Wir müssen doch nicht die Unwahrheit sagen, nur dann und wann durch Verschweigen lügen`, sagte er. Es schien ihm erträglich." Großmutter: "Wer? Wem?" "Ich sage fast nie mehr Namen, um niemanden zu gefährden. Es macht die Welt eigenartig. Prost." "Im Juden sei das Böse, Slawen wären sklavisch, der Arier -. Der Professor sah jüdisch aus. Ich dachte: 'Hitler und Konsorten: verkappte Juden im Kampf um Weltherrschaft.` Es hieß: 'Was ist arisch? - Blond wie Hitler, keusch wie Röhm, schlank wie Göring, schweigsam wie Goebbels.` Hitler war schwarzhaarig, Röhm schwul, Göring fett. Sie hielten Reden. Ein Ausländer: 'Kommentatoren hören zu.` In deutschen Zeitungen. daß Millionen Deutsche den Reden gelauscht hätten. Wahr ist, daß überall die Radios angeschaltet waren. Weil es sein mußte. In Kneipen, Cafés. Man plauderte, spielte Skat. Die Nachbarstaaten rüsteten nicht ab. Trotz Vereinbarungen im Friedensvertrag. 'Aufrüstung, Verteidigungsarmee für Deutschland.` Das verstand ich. Der Führer: Wer Krieg erlebt habe wie er, wolle keinen. In Deutschland Herrschaft des Volkes. Niemand, der am Krieg gewinnen könne." "Das Finanzkapital." "`Staatskapital! Nationalsozialismus, Frieden - wesenseigen.`" "Ja, ja. Prost." "Arbeitslosenzahl sank. Festlöhne. Festpreise für Grundlebensmittel. 'Es geht ja`, ich hatte Schlimmeres erwartet. Sogar die Juden. Jeder hatte Probleme. Selbst die Rechten. Die Juden wären mir nicht aufgefallen, wenn man nicht von ihnen gesprochen hätte, wenn man über Bolschewisten, Plutokratien... Das Gerede irritierte mich. Ich blätterte im Lexikon - Verhalten der Juden sei Folge von Umwelt, Unterdrückung. Das Buch war aktuell erschienen. Ich bemerkte, daß ich Juden zu beobachten anfing. Mit der Frage im Hinterkopf: warum wir Deutschen vom Schicksal, Gesetzmäßigkeiten, auserwählt sein sollten. Uns zu Parasiten, Verfolgten späterer Generationen zu machen. Ich wollte nicht, daß irgendwann Menschen nachweisen müßten, ihre Großeltern seien keine Deutschen.

'Ich kenne einen netten Juden.` Der Professor: Seine Nachbarin sei schön, klug, freundlich. 'Alles Taktik. Sie glauben, daß sie von Gott auserwählt sind. Zur Weltherrschaft. Dafür habe er sie staatenlos, zu Parasiten in Fremdvölkern gemacht. Sie zerstören sie mit Hilfe von Kapitalverbänden, bolschewistischen Ideen, Kunst, Sex`, 'Sie wiederholen sich!` - 'Man kann nicht oft genug warnen!` Jüdisch sei eine Haltung des Geistes. Doch Erbanlagen wären Voraussetzung, für diese Theorien empfänglich zu sein. Sie hätten sich über jahrtausendelange Inzucht verstärkt. 'Herrschaftsansprüche der Deutschen?` - >Herrenmensch< heiße seiner selbst Herr sein. Er interpretierte," "um Chefs nicht widersprechen zu müssen. Still, mein süßes Engelsfüllen, morgen regnets Zuckerpillen, übermorgen blanke Dreier, nächste Woche goldne Eier. Und der liebe Gott, der kracht, daß der ganze Himmel lacht. Kümmel Kümmeleckchen, mein Vater war ein Böckchen, ging aufs Rathaus, zahlte hundert Taler aus, kam der große Ziegenbock, stieß meinem Vater ein Loch in Kopp. Heile Segen, morgen gibt es Regen, übermorgen Schnee, bald tut mir nichts mehr weh." "Manchmal" "Laß mich ausreden." "fragte ich mich, was ich getan hätte, wenn ich mich in einen Juden - ich liebe, wenn ich liebe. Die, die 'jüdisch` aussahen, gefielen mir nicht. Auch keine, die schwarzhäutig. Ich sah sie neugierig an. Aber das ist Scheu. Denen gehe es auch so. 'Geprägt. Von dem, was sie als Kind um sich hatten.` Meine Schwiegermutter sah aus wie eine Hexe aus Märchenfilmen, ich hatte Angst vor ihr, bis Knut von ihr und seiner Kindheit erzählt hatte. Ich mißtraue Gefühlen. Für den Verstand hatten sie Theorien. Sachlich: Juden ein Volk,, Ausländer in Deutschland. Ein paar Prozent der Bevölkerung, aber zwei Drittel der Ärzte, Juristen. Das ginge in einem Judenstaat andersherum nicht. Juden hätten Kapital, das sie in Deutschland gewonnen hätten, ins Ausland geschleust, nicht hier investiert. Die Deutschen würden für Gastfreundschaft bestraft. Ich ließe mir das von einem Menschen nicht gefallen, der Staat auch nicht, 'Boykott gegen Boykott.` Das Ausland boykottiere 'wegen Greuelgeschichten von Juden über Deutschland` deutsche Wirtschaft. Nazis hätten gewarnt, 'Ende der Hetze oder.`" "Das interessiert mich nicht, das hörte ich schon." "Ich kaufte bei ihnen. Merkte ich, als ich vor einem gesperrten Laden stand, reinwollte. Das legen sie politisch aus, sagten Männer. Ich: Nein, menschlich. Danach bekam ich Schreck. Ich wollte nicht mit einem Schild stehen: Kaufte beim Juden. Nicht wegen ihnen. Jeder könnte: 'Das ist die!` Überall Halbstarke, die zuschlugen. Angst um die Kinder.

Eine Zeitlang bin ich in keinen Laden, an dem Schild 'Für Hunde und Juden verboten`. Ich gewöhnte mich. Bemerkte es nicht mehr. Ich habe mich noch manchmal auf eine Bank gesetzt: Nur für Juden. Man denkt: Tu das nicht! - Und tut es. Gegen die Bevormundung. Lust, einen Juden zu verführen. Ich habe mir die Haare an den Kopf gestrichen, wie ich aussähe, geschoren. Aber das konnte ich nicht: wegen der Juden. Sie steckten sie ins KZ. Oder später gleich Hinrichtung. Und wegen der Kinder. Auf der Bank hätte ich sagen können: Wollte sehen, welche Aussicht sie noch haben. Falls Ärger, Angst. Tat das, was nicht so gefährlich. Aber für Selbstbewußtsein.

Die Gesetze gegen Juden. Ein Jude: Tag des Erwachens, Gott sei Dank. Nazis Mittel Gottes zur Besinnung der Juden aufs Judentum. Er war empört, daß man Juden Materialisten nannte. Andere Juden redeten anders. Es gäbe so viele jüdische Ansichten über Gott und die Welt wie Juden, sagte ein Jude. Gerd sagte über Nazis dasselbe." "Ninne ninne sause, der Tod steckt hinterm Hause. Er hat ein kleines Körbelein, da steckt er die bösen Kinder rein. Die 'guten` läßt er sitzen, schenkt ihnen rote Mützen." "Mir ist nicht zum Scherzen." "Ich scherze nicht." "Die Armee sei Volksarmee, zur Verteidigung. Keine Söldnerarmee. Wer für Deutschland an der Front gekämpft habe, dürfe bleiben. Hitler wurde so Deutscher - Armeedienst, Beamtenposten. Bei den Künstlern gab es keine Ausnahmen. Weil die auf Sinne, 'Tor des Bewußtseins` wirken. Ein Jude: Er müßte ohne Arbeit, Lohn verhungern. Ich sagte es Gerd. Sie könnten sich gegenseitig behandeln, gegenseitig helfen. Zwischen den Juden soll Uneinigkeit gewesen sein. In Deutschland geborene gegen zugewanderte. Arme gegen Reiche. Gegen Aufrührer. Die wären schuld. Und umgedreht.

'Judenrat, Judenpolizei. Die haben einen Staat im Staat.` Theater, Schulen. Michael: `Die müssen sonnabends nicht in die Schule.` Mein Sohn war neidisch. Bomben fielen, die Juden nach Osten. Ausgebombte auch. 'Der Judenrat organisiert es`, sagte ein Jude, traurig. Ich verstand nicht. Ich verstehe nicht, daß sie nicht gekämpft haben.

Ein Jude: 'Man kämpft nicht gegen Gott.`"

Es ist Sonnabend, der Lesesaal ist zu. Streit am Biertisch, ob es würdiger ist, wie Vieh in Gaskammern getrieben zu werden oder im Widerstand lebende Zielscheibe für Scharfschützen zu bilden. Die, die um mich saßen, schienen das erste angenehmer zu finden.

"Ein Theaterdirektor: `Die zensiert keiner.` Eine Lehrerin: `Die können an ihren Schulen unterrichten, was sie wollen.` Eine Frau: `Die dürfen abtreiben lassen, wir keinen Gummischutz.`

`Es ist nicht angenehmer, Deutscher zu sein.` Sagte ein Jude.

Lied: stehen die Sturmkolonnen zum Rassenkampf bereit, erst wenn die Juden bluten, erst dann sind wir befreit. Als Krieg wurde, wurden Kommunisten, Sozialdemokraten überwacht. In Haft, raus, rein. Juden auch. Zwischen den Juden von Jerusalem und Engländern muß etwas gewesen sein. 'Juden Spione Englands`, hieß es. Ich glaubte Nazis nicht. Aber mein Bruder sagte: 'Das war dumm von ihnen.` Einer ihrer Führer soll gesagt haben, daß die Juden für die totale Vernichtung Deutschlands kämpfen werden. Sie durften kein Auto, kein Radio mehr. Bis sechs Kilometer Arbeitsweg keine Straßenbahn benutzen, Wohnort nur mit Erlaubnis wechseln. Deutsche im Ausland auch, wegen Behauptung, daß sie Spione. Wohnungen kennzeichnen müssen, Kleidung. 'Weil Kriegszustand.` Damit sie erkennbar sind. Manche trugen den Stern stolz. Andere nicht."

Im Lesesaal saß mir ein Mann gegenüber, sah mich an."Ich muß lesen", sagte ich, "gib mir deine Adresse." Ich fuhr am nächsten Tag zu ihm, er trug mich die Treppen nach oben, ich sah einen Stern an seinem Fenster."Was soll das?" fragte ich."Ich mag Juden nicht", sagte ich, "weil sie sich auserwählt fühlen." "Das verstehe ich", sagte er.

Ich mag nicht, daß es Mode geworden ist, von Judenschicksalen zu sprechen. Ich sah in Schaufenstern Fotos über Judenleben, drumrum Waren. Vielleicht sollte es Nachdenken anregen. Mich ekelte es an. Vor ein paar Jahren war es modern, über Behinderte zu sprechen. Im nächsten Jahr wird fast niemand mehr über Judenvernichtung sprechen. Ich nahm den Stern in die Hand. Das Dreieck mit der Spitze nach unten künde von der Beziehung des Herrn zu seinem Volk, das andere vom Verhältnis des Volkes zum Herrn."Warum glaubst du an Gott?" Das Zeichen wende Unheil ab."Millionen Tode!"

"Der Sicherheitsdienst schreibe Berichte. Über alles im Land, bis zur Frontlinie. 'Für den Papierkorb.` Man nehme sie nicht zur Kenntnis. 'Woher weißt du das?` - 'Aha.` - 'Ich habe den Eid auf Hitler nicht gesprochen. Nur Lippen bewegt.` - 'Mich bindet kein Eid. Der Führer brach seinen.` - 'Hitler gibt es nicht mehr, nur einen der Syphilis hat, paralytisch ist.` 'Bist du wahnsinnig?!` - 'Nein, der Anführer.` - 'Ihr seid besoffen. Schluß jetzt!` Solche Gespräche kamen in unserem Wohnzimmer vor. Mich verblüffte, daß sie für niemanden Folgen zu haben schienen. Ich erwartete, daß einer der Gäste Ausweis zückt, einen anderen verhaftet. Die Situation schien mir unwirklich. Um so mehr, als einer behauptet hatte, für den Sicherheitsdienst zu arbeiten. Ich nahm an, er habe gescherzt. Als ich ihn traf, bekam ich die Frage nicht über die Lippen. Wir verabredeten uns. 'Was wird das`, dachte ich. Sicherheitsdienst - kein Spitzeldienst`, sagte er, als wir in einem Café` saßen. Man werde für ihn nicht bezahlt, zu ihm nicht erpreßt. Ungeschminkte Berichte aus den Bereichen, die man kenne. Keine Namen. Nur Situationen. 'Wer glaubt das?` 'Ich will, daß die oben wissen, was unten geschieht.` >Für den Papierkorb.<' - 'Mein Chef hofft auf eine Katastrophe, in der man ihn, sein Wissen, brauchen wird.` - 'Erzählst du mir mehr?` 'Über meinen Bereich. Du hast schöne Augen. Wußtest du das?` Ich schwieg.

Nach dem Attentat auf Hitler glaubte ich ihm. Es ist unmöglich, daß der Sicherheitsdienst von der Verschwörung nichts gewußt hat. Gestapo. Es waren zu viele drin verwickelt. Der Geschichtsprofessor wurde verhaftet. 'Der Führer tot, die Bindung durch Eid an ihn wäre weg.` Ich hätte ihn auch zu töten versucht. Wenn ich gewußt hätte, wie. Und nicht Unsicherheit. Ob es ohne ihn anders. 'Vielleicht ist er nur noch Marionette`, hatte mein Bruder gesagt: 'wenn, muß Attentat und Putsch.` Ein Plan: Zusammengehen von Militär, Gewerkschaften. Ein anderer: Zurück zum Kaiser. Mir gefiel beides nicht. Bruder sagte nach dem mißglückten Versuch, er spiele mit dem Gedanken, in die Waffen-SS zu gehen, `Wir gewinnen den Krieg nicht. Wir müssen ihn solide verlieren.` Kapitulation mit Bedingungen. Deutschland in den Grenzen vor dem ersten Weltkrieg, "sonst gibt es wieder Grenzstreit, Kriegsgefahr. Und: wir brauchen einen Adel der Zukunft`, 'Wie bitte?` - 'Klug, aufopferungsbereit`, - 'Ich verstehe nicht`, 'Heiraten müssen, aber mit Recht auf Polygamie. Wegen dem Erbmaterial. Es wird keine Korruption unter uns geben. Nur Kameradschaft, Treue, Ehre. Der Fähigste vor. Bewährung an der Front oder im Bergwerk.` - 'Von was sprichst du?` - 'Ich wurde gefragt.` - 'Ob du?` - 'Ja.` - 'Du bist kein Parteigenosse.` - 'Das schützt nicht.` Ich umarmte ihn, 'Bis zu deinem letzten Satz war ich verunsicher`, 'Ich bin es.` - 'Was meinst du?` Er küßte mein Ohr, schwieg. Ich hielt das nicht aus, 'Vater würde einen Herzanfall kriegen!` - 'Weil er nichts versteht"` Es ginge um die Vereinigung europäischer Staaten. Nach dem Krieg. 'Du meinst das ernst?` - 'Egal an welche Front vorher. Freie Wirtschaft. Über Landesgrenzen hinweg. Man hält historische Entwicklungen nicht ungestraft auf.`

'Vorsitz Deutschland!` 'Gleichberechtigung freier unabhängiger Staaten!` - 'Du scherzt.` - 'Mit offenen Grenzen. Polizei übernational. Deutschland ohne Privilegien. Wie unter SS-Kameraden: Der Fähigste hat den härtesten Dienst, Opfer. Bis alle gleiche Entwicklungsstufe.` - 'Politisch?` - 'Führung durch den neuen Adel. Nicht erblich. In ihn kommen die Fähigsten. >Wer bestimmt, wer?< Ich könnte es immerhin werden. Sie sind Rattenfänger. Oder meinen es ernst.`" "Eine kleine Kaffeebohne fuhr nach Engelland, Engelland war zugeschlossen und der Schlüssel abgebrochen. Eins zwei drei, du bleibst -. Ich habe Elitetheorien satt." "'Weißt du noch` Abbruch des Gespräches. Fliegeralarm. In den Keller. Bruder: 'Morgen muß ich zurück an die Front.` Ich begehrte ihn in diesem Moment als Mann. Schämte mich, daß mir nichts anderes einfiel. 'Vergiß nicht, eine Inventarnummer ist auf Dingen.` - 'Eine schwarze Uniform hätte etwas von Trauer.` Mehr sagten wir nicht mehr. Vaters Anzeigentext wurde zurückgewiesen. Obwohl kein Haß drin war, nur Trauer. Sie zensierten sogar Todesanzeigen." "Ja, das tut man." "Ich hörte, daß mein Bruder überlaufen wollte, 'Nicht an der Ostfront.` Er kam dorthin, weil er die Ausführung eines Befehls verweigert hatte. Er schieße nicht auf verwundete Partisanen. Zum Kommandeur: 'Schicken Sie mich zur Ostfront. Ich bin kein Metzger.` Verdutztes Gesicht: 'Aber Sie glauben doch gar nicht an Gott.` Als könnte nur Angst vor Hölle - Ich war stolz auf ihn.

An der Ostfront hätte er keine Befehle mehr verweigern können. Wohin hätte der Kommandant ihn -

Er ist tot. Die Frage 'Weißt du noch?` vergesse ich nicht. Vor dem Krieg hatten er und dein Großvater über Frieden gesprochen. Über das Schachbrett gebeugt. Wir sprachen über das, was in den Reden des Führers. Er hatte gesagt, Zweiseitenverträge sind sicherer als ein System kollektiver Sicherheit. Im anderen Gefahr von Weltkrieg. Wegen gegenseitigen Verpflichtungen, Durchmarschrechten. Es sei oft nicht sicher, wer Angreifer. Deutschland sei Junger Nationalstaat, gegen Chauvinismus. 'Gegen die Anschläge einer internationalen Clique von Geschäftemachern.` Es sei innerlich zerrüttet, aber es gäbe ein Aufbauprogramm! Deutschland brauche Frieden, 'Der Frieden ist unser höchstes Gut.` Für Nichteinmischung eines Staates in innere Angelegenheiten eines anderen. Konfliktstoff zu vermeiden." "Ich habe Angst davor, daß sich in die inneren Angelegenheiten hier nicht mehr eingemischt wird. Prost.

"Fast gleichzeitig: 'Pazifismus Vaterlandsverrat, den Angreifer auf eignem Boden schlagen können müssen.`" "Großmutter, hörst du mir zu?" "Gespräche über Aufrüstung verboten. SS, SA, Miliz sind für die innere Ordnung, sollten wir Ausländern antworten. Mehr als eine Million an Wachpersonal." "Wenn die Kinder kleiner sind, reiten sie auf Stöcken, wenn sie größer werden, reiten sie auf Pferden, wenn sie größer wachsen, reiten sie durch Sachsen, reiten durch der Herren Schloß, schießen die Pistolen los. Bums!" "Sauf nicht! Es ändert nichts. Arbeitsstellen mit Vergünstigungen. Über die Arbeit schweigen müssen." "Ja, ja." "Waffenparade. Das Volk stand nicht begeistert. Knut: Wir erwarteten den Einmarsch. Der Franzosen, Engländer. Auch als Deutsche das Ruhrgebiet besetzten. Nichts geschah. Frankreich habe im Inland Probleme. England wolle seine Wirtschaft nicht auf Rüstung umstellen. Nach dem Krieg würde sie nicht wissen, wo mit den Arbeitskräften hin. Sie hofften, Hitler friedlich. Nach Kompromissen. Von der Tschechoslowakei wurde das deutsch, worin die meisten Deutschen, polnisch, wo die Mehrheit Polen, das ungarisch, wo die meisten Ungarn. Slowaken hätten Unabhängigkeit von Tschechen gewollt. Deutschland erkannte die Slowakei als Staat an. Weil es für nationale Selbstbestimmung. Rußland auch. Rußland erkannte es auch an. Die Tschechen hätten Slowaken unterdrückt. Tschechoslowakei, obwohl drin mehr Deutsche als Slowaken. Deutsche durften Amtsbriefe, Orts-, Straßennamen nicht deutsch schreiben, sich nicht selbst verwalten. Sozialdemokraten waren trotzdem gegen Anschluß an Deutschland, sagte Vater, 'Kämen vom Regen in die Jauche.` Was nach dem Hinher von der Tschechoslowakei übrigblieb, habe um Schutz von Deutschland gebeten. Ich bezweifelte es nicht. Hätte es nicht, wenn Knut nicht gesagt hätte: `Sei nicht sicher.` Tschechen wären gegen Kommunisten, Juden, 'Wie in Deutschland. Deshalb verteidigt es niemand.`

Als England Polens Sicherheit garantierte, wurde in Deutschland von Einkreisung gesprochen. England: Seine Grenze sei der Rhein. Ich war nicht sicher, daß wir nicht eingekreist wurden. England, Frankreich waren in Kolonien brutal, diktierten Vertrag von Versailles. 'Deutschland hat keine Vorräte. Kann keinen Krieg führen.` Ich dachte nicht daran, daß Lastwagen zu Armeeautos, Sanatorien, Ferienhäuser zu Lazaretten, Autobahnen zu Aufmarschwegen rasch umgerüstet werden können. Hitler hätte keinen Krieg gewollt. Sagte Knut später. Er glaube das fast. Außenpolitik der Sowjetunion und das, was die Komintern, ihr Organ, tat, widersprachen sich. Der Anführer habe von ihnen gelernt: Öffentlich Friedenspolitik. Staaten unterwandern, Unruhen organisieren, unter anderem mit Hilfe von Geheimsendern, Revolten, Putschen. Dann könnten Deutsche einmarschieren, ohne auf Widerstand zu stoßen, 'für Ordnung und Sicherheit. Befreiung. Kein Krieg.`

Es herrschte Mißtrauen gegen die Deutschen. Die Deutschen kamen verkleidet. Als Mönche, Nonnen, Soldaten in fremder Uniform. Mit Fallschirmen, 'dem neuen trojanischen Pferd.` Jeder konnte Agent Deutschlands sein. Egal, welche Sprache er sprach, wenn er in einer anderen Stadt bei Verdunkelung Licht anließ. Oder in der Gegend fremd war. Oder... Gegen Deutsches, ob Nazi oder nicht. Verdroschen. Abgesondert. Das war Wasser auf die Mühlen der Nazipropaganda. Für Begründung, daß wir nicht frei reisen durften. Unsere Sicherheit sei außerhalb nicht garantiert.

Von der Angst des Auslands erfuhr ich erst nach dem Krieg."

Es ist Dienstag, die Amtsstube ist offen. 'Brauchen Wissenschaftler. Ärzte. Offiziere.` Drei Schilder standen auf der Straße. Das, das für Armee warb, verschwand über Nacht. Es macht mich krank, daß hinter einem erträglichen Alltag Verbrechen waren. Oder sind. Ich wache nachts auf, kotze. Esse Zwieback, Kartoffelbrei; Kamillentee.

"'Du lachen. Wenn Du Angst haben, schrecklich`, sagte ein Amerikaner. 'Ich weiß. Wußte davon nichts.`"

Wie soll ich

"Soll ich weitererzählen?" Ich: "Ja." "Du siehst blaß aus." "Ich gehe aufs Klo." "Finger in den Hals." "Ja." "Soll ich weiter erzählen?" "Was könnte ich sonst tun?" Großmutter: "Trink nicht mehr. Musterung: Bruder sagte: Hunderte nackte Männer. 'Müssen sogar den Schwanz zeigen.`" "Er war tot." "Er lebte, bevor er tot war. Die Generäle versuchten, sich mit dem Ausland zu verständigen. England, Frankreich unterschrieben trotzdem das Abkommen, das Hitler vorlegte. 'Sie verrieten uns`, sagte Knut, mein Mann, dein Großvater. Die Russen lieferten an die Deutschen bis zum letzten Tag. Es machte die Blockade durch die Engländer wirkungslos. Lies in irgendeiner kommunistischen Zeitung: Russen für die Deutschen, den Frieden, gegen die englischen, französischen Kriegstreiber. 'Kommunisten gegen die Verteidigung Frankreichs, wie es ist.` Sie ließen Deutsche einmarschieren.

Polen habe Deutschland angegriffen. Die Polen behandelten Deutschstämmige nicht fair. Die Polen in Deutschland hätten einen Kulturverband, Deutsche in Polen nicht. Enteignungen, Entlassungen von Deutschen. Es kamen oft Flüchtende. Erzählten von Überfällen, Toten. Polen würde durch die englische Bürgschaft chauvinistisch. Der Überfall von Polen auf einen Sender schien möglich. In den Nachrichten: daß die Polen Gesprächsangebote von Deutschland abgelehnt hätten, 'Lieber tot, als die Ehre verlieren`, sagten sie.

Die Forderungen von Hitler schienen verständlich: Verkehrsweg zu deutschen Gebieten, Volksabstimmungen, ob Landstriche deutsch oder polnisch, in denen Deutsche lebten. Ich wußte nicht -" "In der Zeitung: Es sei vom Westen über die Grenze auf Menschen im Osten Deutschlands geschossen worden. Wird Krieg werden? Wo hast du die Flasche hingetan?" "Hör auf!" "Ich will dir etwas sagen von einem alten Wagen. Wenn er keine Räder hat, dann kann er nicht mehr fahren. Jetzt ist`s aus, da rennt eine Maus, hat einen roten Kittel an, morgen fängt die Geschichte wieder an. Als ich klein war, streichelte mich Mutter, las vor." "Ich las dir vor." "Ich erinnere mich nicht." "'Schlaf, Kindchen, schlaf, Mutter ist ein Schaf, Vater ist ein Musketier, was kann der arme Balg dafür. Schlaf, Kindchen." "Ich erinnere mich nicht." "Ich tue es. Für dich. Vergeltung an Polen, 'Polizeimaßnahme, kein Krieg.` England erklärte den Krieg. Friedensangebot von Hitler. So erlebten wir das. 'Komischer Krieg`, sagte Gerd. England baute seine Verteidigung aus. Frankreich tat nicht einmal das. Nur in Polen Kämpfe. Kurz bevor sich Polen Deutschland ergab, marschierten Russen ein. Wir waren gespannt, was geschehen würde, wenn sie und Deutsche aufeinanderträfen. Truppen hin, her, als ordne man sie an Linien. 'Das ist merkwürdig`, dachte ich.

Die Russen und Deutschen hätten schon oft gemeinsam gekämpft. Gegen Napoleon. Unter dem Rüstungsverbot von Versailles hatten wir in Rußland Flugzeuge testen dürfen. Rußland strebe nicht mehr nach einer 'Weltrevolution.` Einsicht, daß es kein Patentrezept für Sozialismus gäbe. Rußland liefere deutsche Kommunisten nach Deutschland aus. 'Die Russen sind Nationalsozialisten wie wir. Die Strukturen sind gleich: Einheit von Partei und Staat, Führerprinzip. Einheitsgewerkschaft. Gleichschalt...` Wir hatten zuvor 'Wegelagerer, Verbrecher` gehört. Plötzlich: `Waffenbrüder.` Gemeinsamer Feind sei England, die jüdische Demokratie. Immer, wenn sich Deutsche und Russen vereinigt hätten, hätten die glücklichsten Epochen der Geschichte begonnen. Dieser Satz löste Heiterkeit aus. Der Redner verdutzt, besann sich: 'Ich sehe, Sie freuen sich, daß dieses Ergebnis erzielt wurde. Es ist gewiß keine Kritik.`

'Man darf keine Erwartungen haben, nicht enttäuscht zu werden`, sagte ein Nazi. 'Erst die Prozesse bei den Sowjets. Jetzt das`, soll ein Kommunist gesagt, sich erhängt haben.

'Die Russen brauchen Zeit. Das erste Land, das eine Revolution zugunsten der Arbeiter, Bauern.` - 'Unsere Revolution ist zugunsten aller, die arbeiten. Erfahrungsvorsprung.` Der Führungsanspruch war gegen das Recht auf Selbstbestimmung. Das Hitler propagiert hatte. Statt: Heute hört uns Deutschland und morgen die ganze Welt, hörte ich sie singen: Heute gehört uns Deutschland und morgen...

Knut war überrascht, daß Rußland nicht kampfbereit. Als deutsche Truppen über die Grenze. 'Gewarnt!` - 'Von wem?` - 'Deutschen.`

Sie hätten gewarnt sein können. Ich hatte im Keller alte Zeitungen - Polen habe nur eine Partei, Arierparagraphen, Konzentrationslager, Antibolschewismus, kein Parlament. Deutschland brauche ein starkes Polen. Schutz vor Rußland. Nichtangriffs-, Freundschaftsverträge. Wirtschafts-, Kunstaustausch. Kein Wort von Saisonstaat, blutiger Grenze, Rückforderung deutscher Gebiete. Kaum noch Nachrichten über Greueltaten an Deutschen in Polen. Deutschland verstehe, daß Polen einen Zugang zum Meer brauche und daß es sich in seine Minderheitenpolitik vom Völkerbund nicht reinreden lasse. Es müsse Gleichberechtigung herrschen. Polen verließ den Völkerbund. Es behauptete plötzlich, daß es verstände, daß die Deutschen aus dem Völkerbund austraten und aufrüsteten. 'Es lebe die deutsch-polnische Freundschaft.` Polen, Deutsche hätten schon immer zusammen... - 'Massaker! Die Schweine von Einsatzgruppen täuschen Überfälle von Polen vor, um die Polen als Partisanen >rechtmäßig< abschlachten zu können.` Warum sagst du 'blabla`?

In der Zeitung, daß die Russen Truppen an der westlichen Grenze konzentrierten. Bevor Deutschland in Rußland einfiel. 'Angriff als beste Verteidigung.` Jeder russische Soldat habe einen Fahneneid geleistet, die Arbeiter der ganzen Welt zu 'befreien`." "Ich schminke mich." "'Eine deutsche Frau tut das nicht.`" Sie tastet nach einer Zigarette, zündet sie an."Es galt bereits als Protest, sich anzumalen, als Frau eine Zigarette in den Mund zu nehmen. Verliebt?" "Ja." "Nazis waren nicht dafür." "Für Liebe?" "Ja." "Ich kann, im Rollstuhl, nicht einmal Mücken hinterherjagen." "Weil Liebe keine Rücksicht auf Rassenschranken nimmt." "Und andere Grenzen. Aber er lebt jetzt, hier", sage ich.

"Als ich so alt war wie du, war ich bereits verheiratet, Mutter. 'Treue im kleinen für Treue im großen.` Dein Großvater hat - vielleicht war das auch 'Widerstand gegen das Regime`," Sie sagte 'Widerstand` höhnisch."daß er nicht treu, wie das auch von dem Mann gefordert wurde. Für Staatschefs sollte eine 'hohe Frau` gezüchtet werden. Ich weiß nicht, ob das nur ein Gerücht war. Ich ertappte mich, daß ich vor dem Spiegel stand, daran dachte, ob ich den Kriterien entsprechen könnte. Blond, blauäugig, Brüste.

Es hieß, Bolschewisten wären gegen Familie, 'Stecken Kinder in Heime.` Bei Nazis: Kindereinrichtungen - als Frauen während des Krieges arbeiten sollten. Die Frau, die über uns wohnte: Früh um sechs aufstehn, Kinder versorgen, fortschaffen, zur Arbeit hetzen. Kindergarten, Hort.

Nach dem Krieg müßten Kinder ins Kinderland, 'daß wir den Nazis nicht mehr reinreden können! Kennen Sie die Erziehungsprogramme der französischen Revolution? Das, was die Russen? Mann, Frau liefern Menschenmaterial!` Aber es gab keine Benachteiligung unehelicher Kinder. Die Kirche war dagegen, daß uneheliche Kinder nicht benachteiligt werden. Ich war gegen die Kirche, wenn sie so war.

Eine Familie, die Kinder hatte, sollte nicht ärmer leben müssen, als die, die keine. Kindergeld. Frauen konnten sich befruchten lassen. Wenn sie arisch, über dreißig. Von SS-Offizieren. Mich interessierte das nur als Klatsch. Wie beim Film, man fühlt sich ein. Ob es aufregend ist mit einem Mann, den man nicht kennt. 'Wenn er dir nicht gefällt?` 'Samen abnehmen, einspritzen wäre angenehmer`, 'Meinst du? Aber dann weißt du noch weniger.` - 'Du solltest Vertrauen haben in die Politik der Partei. Auch da.` Ironischer Ton. 'Kinderzucht. Wie Karnickel`, 'Wohin mit ihnen? Ich warte schon monatelang auf eine Wohnung`, 'Meckere nicht. Du kriegst >Mein Kampf< zur Hochzeit.` Sie hatten Landhäuser, Gartenstädte, in jede Wohnung Bad, Innenklo versprochen. Sie strichen Fassaden an. Aus großen Wohnungen machten sie mehrere kleine. Ein paar Siedlungen, Neubau.

Ich konnte nicht klagen. Wir hatten eine Wohnung mit Atelier. Ich war froh, weil die Kinder nicht in den Hort mußten, nach der Schule nach Hause konnten. Ich zeichnete, modellierte. Sie waren nebenan. Außer mittwochs." "Ja, es findet mittwochs statt." "Als sie klein waren, gingen sie gern. Zu den Veranstaltungen. Teilnahme Pflicht, ich mußte Entschuldigungszettel an Gruppenführer schreiben, mahnte: 'Ihr dürft in dieser Zeit nicht woandershin.` Zu Hause ließ ich sie zum Ausgleich machen, was sie wollten. Soweit es meine Nerven aushielten."

Donnerstag: Er hatte gesehn, was ich mir für Bücher auslieh, sagte, er habe über Friedensforschung gelesen. Im geschlossenen Raum lesen müssen, allein mit einem, der über Faschismus gearbeitet habe, "Es schockierte mich." "Ich weiß nicht, ich darf die Bücher nach Hause nehmen." "Merkwürdig", sagte er, "Vielleicht wird es anders."

Großmutter: "Ängstlich, etwas falsch zu machen. Ich wollte nicht, daß die Kinder Masken kriegen, sich unnormal fühlen, weil es innen anders. Ohne Erziehung hätten sie mich versklavt. Es sollte zwischen uns freundlich sein. Aber sie sollten wissen, daß auch ich mir Mühe geben mußte. Ich sagte ihnen, daß sie mich nicht lieben müßten. Aber, daß ich sie lieben werde, egal was geschieht. Geschehen könnte.

Ich liebte. Mit schlechtem Gewissen. Ich konnte die Arbeit nicht lassen. Sie beruhigte mich. Sie hatten von ihr nur Geld. Falls ich eine Plastik verkaufte. Abends will ich mich bessern. Am nächsten Tag komme ich vom Stein, Gips nicht los. Bis etwas fertig. Oder die Hände abrutschten. Die Kinder schliefen."

"Du zerredest alles", sagte er.

"Ich kann nur tun, was ich kann!"

Großmutter: "Ich ließ sie modellieren. Fertigte Spielzeug. Kaufte Süßigkeiten, kochte, was sie wollten. Hielt Kleidung in Ordnung. Las ihnen vor oder ließ mir erzählen. Wir schliefen oft in einem Bett. Als Krieg war. Trotzdem schlechtes Gewissen. Vielleicht wegen der Propaganda.

Als ich Weihnachten ihre Hände nahm, mit ihnen Weihnachtslieder sang, singen wollte, langweilte es sie. Ich sang allein, 'Hört zu!` - weil ich mich erwachsen gern daran erinnerte, wie ich zwischen Kerzen saß, Mutter streichelte. Obwohl ich mich gelangweilt hatte."

Faschismusausstellung in einem ehemaligen Konzentrationslager. Ein Freund des Juden habe auf einem Foto seinen Vater erkannt. Den Fuß auf dem Kopf einer Frau! Das Bild sei entfernt worden. Ein anderes habe SA-Kolonnen gezeigt. Foto weg - Begründung: "So viele waren die nicht!" "Ich hatte als Kind nur über Widerstandskämpfer gelesen und mich gewundert, wie Faschismus sein konnte", sagte der Jude. Sah mich an.

"Was ist?" "Deine Stimme klingt erotisch." "Ich bin erkältet."

"Hörst du mir zu?" Fragt Großmutter.

"Ja, doch." "Ich ließ sie ohne mich in den Ferien nicht ins 'Kinderland`. Bis ich das Baby bekam. Post wurde kontrolliert. Ich sagte: `Malt soviel Kinder aufs Bild, wie ihr Freunde habt. Wenn zweimal hintereinander eine Sonne auf dem Papier ist, die weint, komme ich euch holen`, 'Das ist verboten`, 'Irgendwie schaffe ich das.`

Später bin ich mit ihnen oft aufs Land zu Verwandten. Nur selten in die Stadt. Ich arbeite nicht gern monströs. Meine Figuren sind kleiner als ein Mensch. Es soll sich niemand durch sie bedrückt fühlen."

Mittwoch. Fußballfans grölen. Ich konnte nicht am 'Großmuttertext` schreiben. 'Du fühlst dich zu sehr ein.`

"Ich schuf Frauen, Kinder, Männer." Notiere ich.

"Verschreibe mir Beruhigungsmittel!" Bat ich. Der Jude ist Arzt. Warum sage ich 'Jude`? Zu mir 'Krüppel..

Großmutter: "Ich meißelte aus Steinbrocken 'Menschen nach meinem Bild`."

'Menschen massenweise in Gaskammern, einzelne lebendig verbrannt, in Stücke gerissen.` Ich wiederhole den Satz, als wollte ich mir beweisen, daß um mich kein Faschismus ist. Der Jude goß Schnaps ein, quengelte, bis ich mit ihm Fingerschnipsen spielte, kichern mußte. Wir spielten bis gegen Morgen. Als er ging, sagte er: "Ich wollte nur wissen, ob ein Mensch vierundzwanzig Stunden lang so hart sein kann." "Wie ich?" "Ja." "Ich habe an dir Gefühle studiert, mich entschieden, Logik zu studieren", hatte ein anderer gesagt..

"Großmutter, weiter." "Keine der Figuren hielt den rechten Arm nach oben. Wir durften den Kindern den Gruß nicht verbieten. 'Heil`(e) Hitler!` Ich konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Ich habe es nicht gesagt, ich grüßte selten. Einmal hörte ich hinter einer Tür, 'Haben sie das - ?` Eine Frauenstimme: 'Lassen Sie die. Künstler.` Ich genoß Freiheiten.

Junge Talente mußten nicht zum Arbeitsdienst. Sie wurden gesucht. Wettbewerbe, Förderungen. Fast jedes Kind sollte ein Instrument spielen können."

Donnerstag: Er brachte mir ein Kätzchen. Wenn es in meinem Schoß liegt, saugt es, tritt mit den Füßen in meinen Bauch.

"'Für Harmonie von Körper, Seele - Sport, Musik.` Sie konnten ernsthaft streiten, ob mehr Geige gespielt werden sollte, Saxophon verboten werden müßte. Kinder sollten nicht Fakten auswendig lernen, sondern zum Aneignen von Wissen, Denken befähigt werden. Chancengleichheit. Begabtenförderung. Unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Aber in jeden Lebenslauf der Kinder mußte, ob Vater, Mutter in der Partei, Auszeichnungen. Ich schrieb Michael und Nora die `Darstellung ihrer Entwicklung` vor." "Mutter schrieb mir jeden Lebenslauf, den ich abgeben mußte." "Ein Junge schrieb ehrlich - Ärger!

'Kinder zu urteilsfähigen, verantwortungsbewußten Menschen erziehen`, Noras Lehrerin hatte geglaubt, daß sie bei den Nazis Schulexperimente 'Für Persönlichkeitsentfaltung zum Wohl aller.` durchführen dürfe. Kaum Mitspracherechte von Lehrern, Schülern, Eltern. Es gab 'Schuljugendverwalter`. Die der Schulleiter vorschlug, nachdem er Gutachten über sie gelesen hätte."

Angst, ich könnte die Katze mit dem Stuhl anfahren.

"Michael hängte ein Kreuz in sein Zimmer, 'Bin abergläubisch.` Ich mußte mit den Kindern über Religionen sprechen. Bis Nazis für Pantheismus, 'Zaubermannmethoden des Dschungels. Der Papst >Stellvertreter< Gottes, - als brauche ein Gott einen Stellvertreter, als sei die Erde Mittelpunkt der Welt und der heilig, der jahrelang schwere Ketten schleppt, auf einer Säule hockt, sich nicht wäscht...` Er sprach auch gegen die Evangelischen. Die Religion mache nicht den Menschen, sondern der Mensch Religion. Religionen 'sagen alles.` Der Jude sei auf sich konzentriert, Ziel: Weltherrschaft des jüdischen Volkes, sein Paradies auf Erden: Gebratene Tauben, die in den Mund fliegen. Der Chinese sei demütig vor den anderen, der Inder verstände sich als Teil von dem, was um ihn sei. Beides zerstöre das Ich. Das Ideal der Germanen sei, sich selbst verwirklichen zu dürfen für Wohl aller. Den Platz im Organismus Staat finden. '>Du bist nichts, der Staat ist alles.< - >Auf dich kommt es an.<'

Ich hörte dem Professor zu. Während er Modell saß. Ich arbeitete für Geld. Als er nach dem Putschversuch hingerichtet wurde, war ich froh, ihn portraitiert zu haben." "Es geht ein Männchen über die Brück, hat ein Säckchen auf dem Rück, schlägt es wider den Pfosten. Pfosten kracht, Männchen lacht, dipp dipp dapp - Nein. Montag fängt die Sonne an. Dienstag sind wir übel dran. Mittwoch sind wir mittendrin. Donnerstag gibts Kümmerling. Freitag gibts gebratenen Fisch. Samstag tanzen wir um den Tisch. Sonntag gibts ein Mäusebrätle und dazu" "Was?" "ich glaube, ein Krautsalätle." "'Boden` sei ein Sprachbild für 'Umgebung. Die Worte Blut und Boden sind sinnlicher als Instinkt, Erfahrung.` Ich dürfe es anders nennen. Das Sinnliche sei das Tor zur Vernunft. In mir sträubte es sich gegen 'Blut` als Wort für Instinkt. Ich hatte Blut bei Verwundeten gesehen. Oder Regelblut. 'Blut gehört zur Natur.`

Es gebe keine voraussetzungslose Wissenschaft. 'Blut, Boden` beeinflußten Wahrnehmung, Faktenauswahl und Systembau. Man spräche deshalb von Weltanschauung, nicht Wissenschaft, 'Obwohl sie Wissenschaft ist, so sehr, wie es sein kann. Ohne Leugnung der Voraussetzungen.` Das Hirn scheide auf Grund von Instinkten, Erfahrungen in Gut, Böse. Zum Guten wende es sich hin, vom Schlechten weg oder zerstöre es. Vernunft könne Erscheinungen ordnen. Doch Konstruktionen würden nichts nutzen, wenn sie nicht der Wirklichkeit entsprächen. Die Vernunft ordne Menschen Rassen zu. Die friedlich nebeneinander leben könnten, wenn die jüdische nicht die anderen unterjochen wollen würde. Kulturen zerstöre. Mit jedem Mittel. Deshalb müsse sich bis in den Sex gegen sie abgeschottet werden! 'Hammer oder Amboß...` - 'Sie tun, was Sie Kommunisten vorwerfen: Sie fügen Abbilder von Teilen der Wirklichkeit zu Strukturen, die Ihre Ideen beweisen sollen.` - 'Unsere Modelle stützen Forschungsergebnisse der Biologie.` - '>Unsere<?!` - 'Was haben Sie gegen die Idee eines Weltsozialismus über die Zwischenstufe von Nationalsozialismen?`

'Inzucht ist Entartung. Das sagt ihr über den Adel.` 'Der Erbkranke nicht ausschloß!` 'Ein rassischer Mischling hätte Spannungen in sich, die produktiv werden könnten`, ich hatte es in einer Wochenzeitschrift gelesen. 'In der Kunst! In der Politik sollte die Spannung nicht im Menschen, sondern zwischen Mensch und Umwelt sein!`" "Ich möchte nicht im Rollstuhl gesessen haben." "'Mein Instinkt ist gegen diese Theorien`, sagte ich. 'Sie wuchsen in sozialdemokratischem Milieu auf, der >Boden< war verseucht.` - 'So macht ihr mundtot.`" "Das hast du mir schon erzählt." "Über den Schulungsleiter. Der Professor nannte sich Freigeist."

Die Frauen schleppen Einkaufsbeutel. Freitag. Ich soff wieder, mußte kotzen, drückte die Hand an Bauch, Kopf. 'Ich muß mich um meinen Körper kümmern, es lenkt ab.`

Großmutter streichelt mich kurz, "Ich wollte meine Kinder vor ihnen beschützen. Es gab keine Privatschulen mehr. Schulbücher, Lehrpläne vereinheitlicht. Nur am Anfang nicht, als die Hitlerjugend 'Jugend soll von Jugend geführt werden` sagte.

'Traue den Alten nicht. Spießig, verknöchert.` Mein Neffe und seine Freunde ließen das Wasser von Teichen ab, Fische verendeten. Sie zogen grölend durch Städte, Dörfer, ärgerten Popen. Sie wurden brav gemacht. 'Man ist so jung, wie man sich fühlt.` Sagte plötzlich ein Führer der Hitlerjugend. Er war älter als ich.

Nur wenige wollten noch Lehrer werden. Ich redete es deiner Mutter aus. Nora: 'Aber man könnte es doch besser machen.` - 'Glaubst du! Spiel es.` - 'Was?` - 'Lehrer.` - 'Mit dir?`'Wenn es sein muß.` Ich tat nichts, was sie mir sagte. Bis sie schrie, schlug. 'Und dann mußt du noch Politik!`"

Ich möchte wissen, wer dieser Mann ist. Ich möchte wissen, wie ein Jude ist. Ich habe seit heute Kontaktlinsen. Ich sah mich das erste Mal im Spiegel ohne Brille scharf. Ich war blaß, noch keine Falten.

Großmütterchen: "Nora hatte eine Freundin. Ich mochte sie nicht. Auf ihrer Zuckertüte waren Hakenkreuze. Sie hatte einen roten Mund, weiße Zähne. Lächelte selten. Nur wenn ich nicht im Zimmer war, hörte ich die Mädchen dann und wann kichern. Vater Bonze. Die Lehrerin saß wie ein Schulmädchen, wenn er in Elternversammlungen. Eines Tages kam das Mädchen verheult. Meine Tochter legte sie in ihr Bett, kochte ihr Tee. 'Was soll das? Hat sie schon Liebeskummer?` - 'Sei still"` - 'Wie redest du mit mir?!` Nora schwieg. Ich weiß nicht, warum, aber ich deckte das Tablett, setzte mich ans Bett des Mädchens. Streichelte es. Fragte nichts. Meine Tochter sagte später: 'Die Führerin nannte sie >weltbürgerlich, humanistisch.<' - 'Na und?` - 'Ist das etwas Schlechtes?` - 'Fragt sie das oder du?` - 'Sie fragte mich, ob Juden wirklich bösartig sind.` - 'Hat sich rausgestellt, daß sie?` - 'Nein.` - 'Ja und?` - 'Ihr Vater sagt ihr, wie ein Mädchen sein muß. Ihren Bruder macht er auch kaputt. Deshalb ist sie unsicher.`" "Vater mich." "Du bist kein Kind mehr. Ich habe mich selten so froh gefühlt, - daß sie auch die Kinder der Nazis nicht kriegten. Die Kinder fragten. Brachen aus. Als Einzelgänger. Verwahrlost, dreckig, lange Haare. Untergrundgruppen spielten Swing. Trotz Verboten. 'Wie sie tanzen. Manchmal zu dritt, zu viert. Sie rollen die Köpfe aneinander`, sagte ein Polizist zu seiner Frau an einem Caféhaustisch. Ich sah deine Mutter an. 'Während die Engländer uns bombardieren!` Der Polizist erschüttert, 'Kinder aus solidem Haus.`

Jugendschutzgesetze. Nach Einbruch der Dunkelheit durften sie nicht mehr ohne Erwachsene auf die Straße... gegen Bandenbildungen, Diebstahl, Überfälle auf HJ-Leute während Verdunkelungen. In der Schule Kontrollen, ob Kinder 'Edelweißpiraten`.

Ich wurde aufgefordert, auf Anzeichen zu achten. 'Im Interesse Ihrer Kinder.` Sonst Wochenendarrest, Arbeitsdienst, Konzentrationslager. Meine Kinder legten keinen Wert auf weiße Strümpfe, kurze Lederhosen, karierte Hemden. Als mein Sohn eine Gitarre wollte - >Die Piraten haben häufig Gitarren.< 'Ich kaufe dir eine. Nach dem Krieg, hörst du.`

Die meisten Jugendlichen kümmerten sich nicht um Politik. Sie wollten leben - das, was sie in die Organisation getrieben hatte, trieb sie raus. Als Mitgliedschaft Pflicht wurde. Sie waren marschiert, mit roten Fahnen. Windjacken, Schirmmützen, Kinnriemen, roten Armbinden, Transparenten: Für Sozialismus, Freiheit und Brot. Sie glaubten, sie würden die Welt verändern. `Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem roten Krieg, wir haben den Schrecken gebrochen.` Sangen sie. 'Wir sind besser als die in den Jugendbünden. Bei uns gibt es keinen elitären Dünkel.` Zeichen der Bünde waren Fahrten, das der Hitlerjugend: Arbeit. Kampf mit dem Spaten auf dem Feld an der 'grünen Front` sei so wichtig wie der Verteidigungsdienst mit der Waffe. Jeden Morgen im Lager Appell, Tageslosung, 'Zur Fahnenhissung die Augen...`" "'Habe ich noch Fragen?`" "Sie lernten in der Schule über Volksgemeinschaft, Gemeinnutz gehe vor Eigennutz und so weiter. Ein junger Nazi war erschüttert, daß der Führer die Volksdeutschen in Italien im Stich ließ. Ich bedauerte, daß er in Kriegsgefangenschaft starb. Ich war neugierig geworden, was aus ihm wird. Werden könnte. Ich hatte sein Gesicht modelliert, als er 'in mir ist alles wie tot` sagte. Immer wieder. Ich habe es versucht, wie er geworden sein könnte." 'Ich finde ihn schön.`

"Aber wenn ich in Ton kratze, ist stärker, daß er tot ist." Sagt Großmutter."Ich habe solche Kunst nicht machen wollen. Ich kann ihn nicht darstellen. Und meinen Sohn. Es ist wie Aberglaube. Daß er lebt, solange ich ihn nicht in Stein. Metzele."

Ich glaube zu sehen, wie Großmutter über Stein streichelt. Ich saß geschminkt, mit Glitzerketten. Im Rollstuhl."Für Fremde sähst du kurios aus." Der Jude beugte sich über mich, "Du bist schön." Sagte er. Ich wollte ihn nicht ohrfeigen, aber es tat weh; er schien spöttisch. Er ging, ich konnte nicht aufstehen, ihm nach.

Großmutter spricht weiter, als sei nichts geschehn: "Der Krieg tötete, egal, was einer dachte. Literaturinterpretationen: Kommunisten und Kapitalisten sind Mörder, Nazis Opfer. Geschichten über den nationalen Aufbau, Helden des Alltags, der Arbeit. Ich habe die Literaturhefte da." "Ich habe so ein Zeug." "'Am Anfang war die Tat.` Faust schafft. Nach Irrversuchen zu leben. Läßt töten. Für Fortschritt, 'Mit freiem Volk auf freiem Grunde stehen.` Goethe habe die Bauernsiedlungspolitik der Nazis vorausgeahnt. Den Misthaufen erwähnt. Im Heft von deiner Mutter stand eine Zahl. Wir oft er den Misthaufen erwähnt hat. Er habe den national-sozialistischen Menschen vorsausgesehen! 'Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.` Das Führerprinzip, 'daß ich das große Werk vollende, genügt ein Geist für tausend Hände` propagiert. Ich litt, wenn sie meine Plastiken deuteten. Schiller sei deutschnational. Goethe habe 'organisches Denken`, Pantheismus, in Deutschland bewußt gemacht. 'Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied, schließ an ein Ganzes dich an.` - 'Männer sollten von Jugend an Uniformen tragen, weil sie sich gewöhnen müßten, gemeinsam zu handeln.` 'Die Volkszenen im Egmont. Jeder sage Eigenes. In der Stellung zu Egmont seien sie gleich. Wie die Deutschen vielstimmig. Einig in ihrer Stellung zum Führer. Ich schlug das Heft zu." "Darf ich?" "Was?" "Trommel auf dem Bauch, hab` einen schweren Ranzen: Kannst du erst auf Stelzen gehn, so kannst du auch bald tanzen. Pumpernickels Hänsle saß hinterm Ofen und schlief, da brannten seine Hösle an: Potztausend wie er lief. Fiedelhänschen geig einmal, ach, ich will doch tanzen, hab` ein buntes Röcklein an, rundherum mit Fransen." "Hast du noch etwas zu sagen?" "Ja." "Was?" "Vergiß es." "Was?" "Tanz, tanz, Popelmann, auf unserm Boden rum. Ach, wär ich doch der Popelmann, nen Popel geb ich drum." "Du bist betrunken." "Nein. '...vielstimmig. Einig in der Stellung zum...`?" "Bewertungskriterien für Kunst: Germanisches, Volkshaftigkeit. Ob Sehnsucht gestaltet ist, die Willen anregt, sich selbst zu gestalten, etwas für die Volksgemeinschaft zu tun. Der letzte Satz irritierte mich. Weil er von mir sein könnte. 'Volks-` sagte ich nicht. Ich sagte auch nicht: Persönlichkeit habe nichts mit Individualismus zu tun. Sie sagten, die Persönlichkeit bilde sich im Wechselspiel von Freiheit und Notwendigkeit, Vermittlung von Ehr-, Pflichtgesetzen könne den Prozeß abkürzen. Ein Führer müsse typenbildend, 'organ`isierend wirken können. '>Organisieren< uns tot.`"

Er sagt, er weigere sich, mich zu erheitern.

Großmutter bleibt, es sieht aus, als sähe sie sich im Zimmer um, doch ihre Augen sind zu, "Ich sortiere noch immer Bücher aus meinem Schrank, werfe sie in den Müll oder Ofen. Ich lasse andere lesen, was sie wollen. Wenn es mich erschreckt, will ich Gespräch. Faschisten genehmigten uns wie ein Vater Kindern: Autoren, Bücher. Ich behauptete, ein Buch nicht zu besitzen, das ich kurz vorher zum Lesen angeboten hatte. Eine Frau sagte, sie habe das Buch, das ich von ihr ausborgen wollte, inzwischen verbrannt." "Ich kenne das. Willst du nicht doch etwas trinken?" "Wasser." "In der Küche." "Ich erzählte dir von der Schule." "Ich habe gelernt." "In fast jeder Textaufgabe Ideologie. Der Bau einer Irrenanstalt kostet sechs Millionen. Wie viele Siedlungen zu fünfzehntausend Reichsmark könnten von dem Geld gebaut werden? Ein Geisteskranker kostet vier, ein Krüppel fünf, ein Verbrecher drei Mark. Pro Tag. Wieviel Ehestandsdarlehen zu tausend Mark? Ich protestierte. Sie sagten, Deutschland habe einen geschichtlichen Auftrag. Mitleid könne man mit Rattenkindern haben, man werde sie trotzdem bekämpfen müssen." "Ist das wahr?" "Was?" "Gab es das?" Großmutter: "Ja." "Ich mußte nur ausrechnen, wie weit eine Kanonenkugel fliegt." "Zur Eröffnung von Elternabenden: Ein Vortrag über Politisches. Es klopfte!?" "Besuch." "Wer?"

Seine Selbstsicherheit verunsichert mich. Wir sprachen über Musik. Ich mag Streichinstrumente, wohltemperiertes Klavier. Er sagte: "Kleinbürgerlich!" Ich weiß nicht, was das heißt. Ich höre Musik, fühle wie ich Wendeltreppen hinabsteige, durch Säle laufe, mit ruhigen, kleinen Schritten zu tanzen beginne. Ich bewege mich, stoße nicht an. 'Kleinbürgerlich.` Ich kann es nicht mehr. Kein Haß, ich bin nur traurig.

Großmutter: "Ist er fort?" "Ja." "War er das?" "Was?" "Du liebst ihn?" "Vielleicht." "Du bist traurig." "Ja." "Ich war es oft auch. Vergiß es!" "Auch das?" "Michael hätte nicht studieren können, was er wollte. Oder wofür er begabt war. Auch wenn es keinen Krieg gegeben hätte. Nora noch weniger, sie war eine Frau. Nur was Bedarf war. Mußten ärztliches Gutachten vorlegen. Noten in den Gesinnungsfächern wurden höher bewertet als die in naturwissenschaftlichen. Sogar die Sportnote zählte. Als könnte einer nicht Rechtsanwalt, ohne schwimmen zu können. Nicht Soldat.

Bevor der Krieg begann, wurde im Sport gerannt, geschwommen, mit Bällen geworfen. Meinem Vater fiel es auf, daß das verstärkt war. 'In Mathematik ballistische Berechnungen`, sagte er, 'In Physik: Die Funktionsweise von Fernrohren...`

An der Front ärgere man sich, daß die Jungen nicht selbständig denken, Entscheiden gelernt hätten, sagte Knut."

Manchmal ist der Raum um mich Landschaft. Fluß zwischen Wiesen. Dschungel. Ich kann über Wasser gehen, die Äste weichen zurück. Vor der Musik habe ich keine Angst. Licht auf die Schallplatte, ich sah einen Regenbogen. Diktatur begann, schrill. Ich erkannte es wieder, den Rummel, den Tanz, das einsame Klavier. Ich fühlte Streicheln, bis es endete. Ich machte große Schritte, kleine, fischte mit einem unsichtbaren Netz, tanzte. Einen Säbeltanz ohne Säbel. Faustschläge. Schrei, schrill; Angst. Sich verkriechen wollen. Wohin? Eine Katze fängt eine Maus. Es ängstigt einen Jungen. Er will fliehen. Wohin? Bis die Musik leiser wird. Stumm. "Der Diktator sitzt über Notenpapier." "Was meinst du?" fragt Großmutter.

"Nichts." "Für ihn soll Politik Kunst gewesen sein." "Wie bitte? Wen?" "Material Deutschland und die Welt. Er habe auf Inspirationen gewartet. Man ließ ihn nicht Maler, Architekt werden." "Aber ich durfte auch nicht -, und habe trotzdem nicht", sage ich.

"Der Propagandachef habe empfohlen, seine Zeichnungen geheim zu halten. Er sollte vollkommen scheinen. Ein Übermensch kämpft gegen Böses, besiegt es,... In Theatern, die wie Stadien gebaut waren. Scheinwerferlicht, Chöre. Ich saß fasziniert, peinlich berührt. Tausende solcher Theater sollten. Zur Erziehung der Nation. Texte fehlten. 'Texten, die den Rassenkampf in der Geschichte aufzeigen. In Spielarten.`" "Klassenkampf." "Produktionen wurden geprüft. Theater erhielten Weisungen. Keine Polizeiaktionen mehr. `Fehlinszenierungen` wurden vor der Premiere abgesetzt, kein Schadenersatz gezahlt. 'Selbstzensur!` Klassische Stücke Mode. Ferdinand in HJ-Uniform, sein Vater Sozialdemokrat. Wilhelm Tell nicht, 'Tell` wurde nicht gespielt, Deutsche mußten Fahnen grüßen." "Ja, Prost." "Der Propagandachef soll bestürzt gewesen sein, daß das 'große nationale Ereignis` keine bedeutende Nationalliteratur hervorbrachte. Theater bekamen Zuschüsse. Gagen zum Teil hoch. Die Presse schwieg. Mußte es. Ich beneidete Schauspieler trotzdem nicht. Sie wurden auf politische Zuverlässigkeit geprüft. Mehr als wir. Sie könnten von der Bühne ins Publikum sprechen. Selbstmörderisch, aber Skandal. Nazis wollten ihn nicht. Seitdem sie die Macht hatten. 'Es herrscht Ruhe im Land.`

Verhaftungen in der Nacht, im Morgengrauen."

Freitag, meine Nachbarn fuhren in den Urlaub.

Er war ins Zimmer getreten, ich hatte ihn nicht gehört. Er sah, daß ich tanzte, Arme und Kopf bewegte, den Rücken, den Bauch. Er sagte: "Du gibst dich auf." "Was?" "Auf die Musik. Du läßt dich von ihr bewegen." Ich wußte nicht, wie sonst."Es ist schön." "Sich aufzugeben." "Vielleicht das." "Ich werde fortgehn. Niemand wird dir helfen." Ich wußte nicht, was er meinte. Er erklärte es nicht, sagte, daß Tanz ein Gespräch zwischen der Musik und dem Tanzenden sein müsse. Jedes sage Eigenes.

"Warum muß?" "Nicht muß. Aber" Er schwieg.

"Was hast du gesagt?" "Eben?" fragt Großmutter.

"Ja." "Künstler sollten nationalsozialistische Ideen versinnbildlichen, 'Nicht nur Schwarzweiß!` Ich zerstörte Verzerrtes, wenn ich es schuf. Weil ich Angst hatte, sagen zu müssen, ich hätte Engländer, Juden, Russen darstellen wollen.

Wer verängstigt ist, kann keine Kunst schaffen. Oder nur die Großen, bei denen ist, auch wenn sie machen, was sie sollen, noch etwas. Auch wenn sie es nicht wissen, abstreiten. Aus Angst, irgendwer könnte 'jüdisch` oder ähnliches sagen. Worte verändern Leben. Hexensprüche." "Ja. Prost." "'Reinheit der Form` war Rassismus. Nazis waren gegen die 'Faszination der Zerstückelung,` Aufzeigen der Vielschichtigkeit. Trotz oder wegen der Theorien vom Chaos, in dem Kräfte sind, durch die, aus denen sich etwas entwickeln könnte. Der Führer drohte, die, die Welt so wahrnähmen, für krank, erbkrank zu erklären, 'Sterilisation. Irrenhaus.`"

"'Die Männer wurden aufgefordert, sich in vier oder fünf Gruppen aufzustellen, von denen jede in eine Scheune eingesperrt wurde. Die Frauen und Kinder wurden in die Kirche geführt und dort eingeschlossen. Es war ungefähr zwei Uhr nachmittags. Bald darauf krachten MG-Salven und das ganze Dorf sowie die umliegenden Bauernhöfe wurden in Brand gesteckt. Um siebzehn Uhr drangen deutsche Soldaten in die Kirche ein und stellten auf der Kommunionsbank ein Erstickungsgerät auf...`" "Das taten Nichtdeutsche auch." Sagte der Jude.

"'Meine kleine Tochter war bei mir und lief dann zu der Mutter, als wir getrennt wurden. Ich habe beide nicht`" "Du willst beweisen -" "Was? Wir haben Frieden. Es wurde Krieg. Diese Greuel."

"Soll ich Schluß machen?" fragt Großmutter.

"Ich kann nichts anderes tun." "Mir wurde Material zugeteilt. Steine, Ton." Ich tropfe Parfüm auf die Haut.

"Die draußen, stellten sich das, was bei uns im Land war, schlimmer vor. Oder besser. Künstler erhielten Staatsaufträge. 'Nationalpreise als Trost. Weil kein Nobelpreis an Nazis und Mitläufer.` Vorschriften seien nicht Diskriminierung, sondern Zeichen von Wertschätzung. Sie bezögen uns in Aufbauarbeit ein. Es gab 'Schwarze Listen` für Zoll, Polizei, Verlags-, Museumsleiter. Dichterkreise mußten angemeldet werden." "Willewillewill, die Zeit steht still." "Nein. Adler, Sichel, Hammer, Goethebild auf einer Plakette. Später: Arbeiter mit Hammer, Bauer mit Ähre, Intelligenzler mit Schriftrolle, 'Betonung der Bedeutung des Menschen.` Später: Pflug, Hammer, Schwert. 'Kunst ist Waffe`, sagten sie. 'Auch vom Feind.` - 'Innerhalb ihrer Rasse sind sie gut.` Juden mußten Deutschgeschriebenes als Übersetzung kennzeichnen. Sie sollten jüdische Volkskunst schaffen. Wir deutsche. 'Volkskunst` blieb abwertend. 'Berufskünstler` hieß Mitglied der Reichskulturkammer zu sein. Freie Künstler 'asozial, Konzentrationslager.` Der Chef für Volksaufklärung und Propaganda: 'Revolution im Staatsgefüge, deshalb Revolution in der Kunst`, er soll für die Moderne gewesen sein. In meinen Plastiken sei Harmonie. Sie beruhige. Gebraucht werde Kunst, die Energie freisetze. Für Aufbauarbeit. Meine sei Nachahmung fremder Kulturgüter. Der Anführer war anderer Meinung. Als die Ausstellung der Italienischen Moderne organisiert wurde, soll er gewütet haben - moderne Bilder, Skulpturen als faschistische Staatskunst. Danach Bilderstürmerei. Nein, vorher. Oder doch später. Femeausstellung. Tausende Besucher. Im Haus gegenüber: Deutsche Kunst. Ich habe mich bei der deutschen erholt. Ohne die andere missen zu wollen. 'Hereinspaziert. Urteilen Sie selbst!` Bilder, Plastiken dichtgedrängt. Vom Fußboden bis zur Decke. Fast hintereinander. Obwohl gerade sie Raum gebraucht hätten. Eingang, Ausgang. Dazwischen wie durch einen Alptraum, grelle Farben, verzerrte Formen. Ein Mensch neben dem anderen. Die Luft war schlecht. Als ich rauskam, war mir zum Kotzen. 'Bei diesen Bildern muß einem übel werden!` - 'Nicht wegen den Bildern`, sagte ich." "Wie mutig." "Die Künstler der Moderne waren arrogant. Wenn sie meine Plastiken gesehen hatten, hatten sie die Zunge zwischen die Zähne gesteckt, sich angesehen. Sie kanzelten mich ab, als verstände ich nichts, als ich sagte, daß ich dagegen bin, nur Bauhaushäuser zu bauen, 'interessant. Aber unter Giebeldächern ist Gefühl von Höhle, Schutz.` Als die Nazis an die Macht kamen, wurden sie aggressiver gegenüber denen, die anders waren als sie. Manchmal war mir zum Heulen. Einmal merkte es einer, sagte: `Versteh nicht falsch, aber es ist schwer zu hören, daß du der gute Künstler bist, wir keine.` In der Ausstellung wurden sie zitiert: 'Wir tun so, als ob wir Künstler wären und setzen Schwindel in die Welt.` Neben den Kunstwerken die Aufkaufspreise. 'Das war während der Inflation.` Ich schrieb einen Brief an den Minister, es gäbe verschiedene Funktionen der Kunst, eine sei Überdruckventil. Für Künstler, Betrachter. Energie könne ins Aufbauwerk des Nationalsozialismus eingebracht werden, er sagte, `Kunst erziehe zur Sittlichkeit, zum Guten durch Schönheit. Das müßten Sie wissen. Gerade Sie.`

Bilder wurden vernichtet. In Magazine gesteckt. In Privatwohnungen durften sie noch. Als der Krieg ausgebrochen war, nicht mehr. Es gab Denunziationen, Anzeigen. Gerücht: Verkauf ins Ausland. Für Devisen oder Aufkauf 'deutschrassiger Bilder`. Für Hitlers, Görings Privatgalerien.

Niemand wußte Genaues. Ich habe Bilder anderer versteckt.

Ich war erstaunt, daß es mir eine Zeitlang schwer fiel. Dasselbe, was ich vorher gewollt hatte: 'Ich kann nicht glückliche Menschen zeigen. Jeder will Frieden, mit dem ich rede. Es ist Krieg.`"

'Die Grube war bereits dreiviertel voll. Es lagen ungefähr tausend Menschen drin. Ich schaute mich nach dem Schützen um. Ein Mädchen, schwarzhaarig, schlank, sah mich an, zeigte mit der Hand an sich runter, sagte >Dreiundzwanzig Jahre.<' Ich will es vergessen.

Was hier werden kann. Im Unterschied zu den Juden konnte ich mir aber aussuchen, ob ich der Feind des Systems sein will.

"Kaum Alkohol, Männer. Sich abzulenken. Tanz, Theater verboten. Nur Kino. Stundenlanges Anstehen. Kriminalfilme, Liebesschnulzen. Peinlich. Ich gucke niemandem ins Fenster oder unter den Rock."

Der Bauch ist wie eine Sonne, dachte ich. Strahlt. Warm bis in die Beine. Nach dir. Sehnsucht nach dir. Habe Sehnsucht nach dir. Ich habe Sehnsucht nach dir. Ich. Sehnsucht. Du. Es lenkt ab.

"Ach, Großmutter -." "Die Augen meiner Figuren sahen starr in die Ferne.

Als ich die Satzung der Kulturkammer gelesen hatte, hatte ich mich gewundert, wie andere sie unterschreiben konnten. Kunst im Staatsdienst. Es verblüffte mich. Daß ich es tat. Ich litt, wenn sie mich lobten. Es machte Abstand zu mir. Von denen, die ich schätzte. Vielleicht weniger, wenn ich dumm gewesen wäre. Ich konnte nicht jedem erklären, daß ich Sehnsucht will. Nach Schönem, Gutem. Es war auch Trotz. Ich wollte mich nicht kaputtmachen lassen. Weder von denen, noch von denen. Sich verteidigen macht anders, als ich bin. Ich hätte ohne Material, Aufträge leben können. Hausfrau, Mutter. Nebenbei Tonfigürchen. Von heimlich geschürftem Ton. Ich konnte es nicht. Ich wollte nicht von Knuts Geld abhängig sein."

Es regnet. Der Jude will nach Israel auswandern. Es tut weh, bis in die Beine. Ich kann nicht weglaufen. Dahin, wo ich schreien dürfte.

Großmutter: "Es gibt Brüche im Leben. Ich mußte drauf rechnen."

Ich wartete. Als ich dachte, daß alle aus dem Haus sind, schrie ich. Ich war danach ängstlich. Es klopfte, klingelte niemand.

"Ich hoffte, daß meine Arbeit das, was war, in Frage stellte. Wie 'Sozialismus` in 'Nationalsozialismus.`" Großmutter nickt. "Die Gewerkschaft auch. Wettbewerbe. Für höhere Arbeitsleistung. Sie verlangte, daß sie Arbeitern zugute kommt, 'Gleichschritt von Wirtschafts- und Sozialpolitik.` Sie durfte sich in die Lohn-, Arbeitszeitregelung nicht einmischen, Angelegenheit der Treuhänder zwischen Staat, Betriebsführern. Keinen Streik organisieren. Aber für den Titel 'Nationalsozialistischer Musterbetrieb` mußten die Betriebsführer Soziales und Kultur bieten. Arbeiter wollten dahin, wo das meiste. Arbeitskräfte waren knapp.

'Die Gewerkschaftler verlangen, daß wir nach Arbeitsende noch Fiedeldiedelmusik anhören, Büsche pflanzen, Häuser verputzen!` Sagte eine Arbeiterin.

Ein Transparent hing von einem Baum zum anderen, 'Die Heimat schöner`, 'Das ist für die Wehrkraft`, sagte Knut. 'Für höhere Arbeitsleistung`, Vater. Ich übernahm trotzdem die Leitung eines Modellierzirkels. Weil ich aus den Gesprächen dort manches erfuhr.

Und weil ich in Fabriken - Ich war neugierig, was hinter den Mauern ist."

Ich möchte irgendwen anrufen. Kein Telefon. Ich wohne unter dem Dach. Ich wollte nicht unten wohnen, wo Autos vor dem Fenster vorbeifahren. Keine Vögel, kein Himmel.

"Wenn die Sirenen heulten, Menschenmassen durchs Tor drängten, bedauerte ich die, die das mußten."

Wenn ich auf die Straße, zwischen Menschen will, muß ich mich tragen lassen.

"Ich bewunderte die, die an der Maschine. Die immer wieder Hebel drücken konnten, ohne wahnsinnig zu werden. Vielleicht bedauerten sie mich. Sie wehrten sich nicht. 'Die waren schon brav, bevor die Nazis an die Macht. Betriebs-, Parteidisziplin`, 'Ohne die können wir nicht`, sagte Knut. 'Falls wir etwas ändern wollen.`" "Ich soff mit Arbeitern." "Die Nazis ließen die enteigneten Fabrikbesitzer in Chefposition. Solange sie brav." "Wir sprachen über Autos, Biersorten.." "Sie wären infolge des Konkurrenzkampfes die Fähigsten. Sie mußten in die Gewerkschaft. Die Front sei nicht zwischen Arbeitern, Kapitalisten. Sondern zwischen raffendem, schaffendem Kapital. Disziplinierungsmittel: Unterstellung von Wirtschaftssabotage. KZ-Drohung, Enteignung. `Raffend Juden`, sagte Gerd. Obwohl die Nazis die Juden in der Industriewirtschaft am längsten beließen, wegen ihren Beziehungen zum Ausland. Produktionsauflagen, was, wieviel produziert, Rohstoffzuteilung, Exportverpflichtungen. Plan" "Prost." "Gesetz. Auch, wenn er unrentabel war. Deutschland sollte autark, 'nicht erpreßbar` werden. Nazis ließen englische Pfundnoten drucken. Für Devisen wurde fast alles, 'Für Spione, Aufkauf von Fabriken im Ausland.`" "Was ist jetzt?" "Weniger Arbeitslose, Hungernde, Überproduktion." "Daheim ist die Maus auf den Ofen gekrochen, hat den Finger verstaucht und das Schwänzlein gebro" "Nur noch 'produktive` Arbeitslosenunterstützung. Arbeitsdienst. Ich sah Männer im Straßenbau Steine mit der Hand klopfen.

"hat den Finger verstaucht und das Schwänzlein gebrochen."

"Kapitalfreisetzung. Vermögen kam aus dem Ausland zurück. Es wurde eingezogen, wenn Deutsche ins Ausland. Es gab Spielbanken für Gemeinnütziges. Sparkassen wurden Staatseigentum. Staatsanleihen auf ungedeckte Wechsel. Hoffnung auf Konjunktur. Es gab keine Golddeckung der Reichsmark mehr. Einer sagte: Aus der Verschuldung kommen die nur mit Krieg. Die Rüstungsausgaben schienen gering. Versteckt unter Ausgaben für Bauwirtschaft, Fahrzeugbau, anderem." "Miesekätzchen Miese, wovon bist du so" "Bürokratie sollte weg wegen 'Schöpferischem.` Doch Vorberichte, Nachberichte schreiben müssen. Kompetenzstreitigkeiten zwischen Partei- und Staatsleuten. Mehrere für gleichen Zuständigkeitsbereich. Dem Anführer soll das gefallen haben: Falls Streit, erfährt die vorgesetzte Dienststelle vom Problem. Knut widersprach: Der Staatschef sei überzeugt, daß das Stärkere im Recht. Wer sich durchsetze, habe Recht. Egal, welche Folgen."

Sonnabend, auf dem Markt Blasmusik. Mir ist übel. Blut zwischen den Beinen. Ich bin nicht schwanger.

Großmutter: "`Jeder muß einmal uns einen Vortrag halten`, sagte eine Arbeiterin, die bei mir modellierte, '>Beweise die Überlegenheit des -<'." " - griese. Ich bin so griese, bin so grau, ich bin das Kätzchen griesegrau." Ich will, daß das, was diese Frau erzählt, mir egal ist. Ich höre höflich zu. Ich möchte wenigstens mit ihm darüber reden, daß die meisten Deutschen laut Zeitdokumenten für die Nazis waren, weil sie Sozialismus, Gerechtigkeit wollten. Nicht einmal Post war heute.

Großmutter: "Manchmal will ich aufhören." "Zu erzählen?" "Ja." "Das würde nichts bessern." "Recht auf Arbeit. Jeder soll verdienen können, was er braucht. Soviel verdienen, daß er Kredite aufnehmen kann, sich, seiner Familie ein Häuschen zu bauen. Mit Garten für Obst, Gemüse, saubere Luft. Der Mensch Teil der Natur. Gegen Luftverschmutzung, Vergiftung der Flüsse. Für Angleichung von Stadt, Land. Vergrünung der Städte. Keine Zerstörung der Städte, weil Kulturentwicklung Ballung schöpferischer Kräfte brauche. Die Städte müßten nur klein genug sein, daß nichts aneinander vorbei. Weil niemand einander kennt. Jeder solle einen Volkswagen haben, so daß er nach der Arbeit hinfahren könne, wohin er wolle. Jeder Mensch brauche, sich eine Zeitlang selbst bestimmen zu können. Sie waren gegen Kommunismus, weil er gegen Konsum sei, Wirtschaft und schöpferische Kräfte drossele, er bedeute das Ende kultureller Entwicklung. Ab Krieg: In Deutschland Sparsamkeitspolitik, 'Armut schändet nicht.`

Man wirtschafte ohne Reserven. 'Sitzungen wie Krisenstab`." "'man`?" "Wieso 'man`?" "'Man wirtschaftet ohne Reserven.`" "Ich hörte zu, was erzählt wurde. Falls Besuch kam. Oder ich die Wohnung verließ, zwischen Menschen war. Ich tat es oft tagelang nicht. Schickte die Kinder einkaufen. Soll ich?" "Was?" "Aufhören." Sagt Großmutter.

"Ich weiß nicht." "Nein?" "Ja." "Ja?" "Nein." "Ich schickte die Kinder einkaufen. Sah auf die Rechnungen. Gegen Kaufkraft: Preiserhöhungen statt Waren." "Ich kenne das, was du erzählst. Arbeitsmoral" "Arbeitsmoral schlecht. Krankschreibungen häufig. Ärzte erhielten Anweisungen, kontrolliert. Weil es einen Arbeitskräftemangel gab." "Ja." "Kernpunkt der Sozialpolitik sei Arbeit. Der Gewerkschaftsmann sah, daß ich ihn fragend ansah. Er fügte hinzu: Im Mittelpunkt der Arbeit stehe der Mensch. Maß der Sozialpolitik: Lebensfreude. 'Schönes macht Freude, Freude macht Kraft.` Ich sollte in Kriegszeiten eine Skulptur für die Eingangshalle einer Fabrik schaffen."

Sonntag, ohne Sonne. Ich will schön sein. Ich möchte aus dem Rollstuhl, lieben, geliebt werden. Die Frau spricht hastig. Wenn ich ihr zuhöre, tastet meine Hand umher, als könnte sie deine finden.

"Aber die Reimereien sind auch schön." Sage ich."Ach weene nich, ach weene man nicht, im Schmortopf ist Musike, da tanzt der lange Heinerich" " 'Kraft durch Freude` sei die gewaltigste kulturelle Leistung, praktische Verwirklichung des Sozialismus. Er küßte mir die Hand, ich sagte: 'Peinlich.` Er begann von einer Urlaubsreise in die Südsee zu erzählen, Zwischenstation Lissabon. Sie hätten die Elendsviertel angesehen, in denen Arbeiter im Kapitalismus hausen müßten.

Genehmigte Reisen durften nicht übertragen, anderen gegeben werden. Einer sagte, daß Spitzel an Bord. 'Verfolgungswahn`, 'Ich wurde geworben`, 'Und?` 'Ich konnte nicht >Nein<.` Er war schwul. Tat mir leid. Die er bespitzelte auch. 'Heirate eine Frau, mach Kinder. Hör auf!` Sie hätten ihn erpreßt, daß sie in die Öffentlichkeit bringen, wen er angezeigt hatte. 'Kraft durch Furcht.` Sagte einer. Ich lachte. Wurde humorvoll, Nicht krank zu werden.`" "Dann sprich mir nach! Schacke schacke Reiterpferd" "Das hilft dir nicht. 'Zuckerbrot, Peitsche.` Das um mich erinnerte an Feudales. Trotz Schornsteinen, Rauch. Auch im Feudalismus konnte ein Schustersohn Regierungsrat. Es wurde ein Arbeitsbuch eingeführt. Was man gelernt, wo und woran gearbeitet hatte. Wann, wie lange, woran krank gewesen war. Die Land- oder Metallarbeiter gewesen waren, mußten zurück aufs Land, in die Fabrik. Keine Berufsfreiheit. Keine Versammlungs-, Meinungs-, Presse-, Bewegungsfreiheit. Errungenschaften der Bürgerlichen Revolution weg. Seit den Notverordnungen. Vor Hitler. Ich fühlte mich oft wie eine Schachfigur. Ohne Arme, Beine, Mund. Nur daß ich es merkte, litt.

Als viele Arbeitslose, waren die Rechten gegen Rationalisierung. Weil sie Menschen verkrüppele, zum Anhängsel der Maschine. 'Zurück zum Handwerk.` Arbeitskräfte knapp - Rationalisierung. Egal, was mit dem Arbeiter wurde. Für den Deutschen gab es noch Arbeitschutz, für Gastarbeiter nicht. Ich sah, daß sie Angst hatten. Abgezehrt, fast krank. Wenn ich sie überhaupt sah. Eine Arbeiterin: 'Wer sich von denen krank meldet, kommt nicht wieder`, 'Woher weißt du das?` 'Es fiel auf`, 'Vielleicht ist es richtig so. Sie sind schuld, daß Krieg. Mein Mann tot. An der Front. Das Kind beim Bombenangriff. Ich habe kein Mitleid`, 'Ich habe Schwangere gesehn. Wo kommen die Kinder hin?` 'In ein Heim. Sei ruhig, das habe ich gesehn`, 'Von drinnen?` 'Du meinst doch nicht-`, 'Ich weiß nur, daß der Chef gesagt hat: Wenn wir ihnen einen Brotkanten zustecken, wäre das >Landesverrat<`, 'Man kann ihnen nur helfen, wenn man sagt, daß die Arbeitskraft kaputtgeht, so wie sie die leben lassen`, 'Wer lebt denn besser`, 'Was weißt du.`

Plötzlich war es dann still. Oder einer redete vom Wetter oder von Blumen. Nebenher modellierten sie. Erwarteten 'richtig` oder 'falsch`. Ich fragte, ob sie an ihren Figuren etwas störe. Sonst schloß ich die Plastiken weg. Bis sie ihnen fremd genug waren, sie selbst beurteilen zu können.

Während des Krieges Auftragsarbeiten, Termindruck. Für Freude. Ich fertigte täglich etwas mit den Kindern. Irgendetwas. Ich war nie so heiter mit ihnen. Nein. Ich wollte es. Aber es war dünn vor dem Gesicht. Ich habe nie so oft geschrien. Geschlagen. Danach geweint. Nach dem Krieg war es auch schlimm.

Hunger, Kälte. Sirenenton, Flugzeuge am Himmel" 'Was soll ich tun?!`

Großmutter: "Was sagtest du?" "Nichts", sage ich.

"Angst."

Gestern: Ich sah zu ihm. Er legte mich neben sich, streichelte mein Gesicht, zuckte zurück, "Ich kann dich nicht anfassen." Ich lag an ihn gelehnt, fühlte mich geborgen, er schlief. Wenn mir der Satz einfiel, wurde mir übel. 'Ich kann dich nicht anfassen.` "Mein Körper gehört zu mir", sagte ich.

Großmutter: "Nur Angst."

Ich nahm ein Stück Plastiline in die Hand, knetete. Ich wollte sein Gesicht formen. Blaue Bröckchen fielen auf die Erde.

"Du willst den Alltag im 'nationalen Sozialismus` recherchieren, über ihn erzählen. Mache mich einem Menschen ähnlich! Es hört sonst niemand hin. Ich war zum Beispiel öfters verliebt. Als ich jung war. Zur Frau gehört ein Mann. Am meisten denkt man an den, mit dem es lange war. Weil es viel gibt, was Erinnerungen macht. Ein Wölkchen am Himmel. Im See. Es sah aus, als tauche er nach den Wolken. Er schnellte aus dem Wasser, tauchte ein. Ich saß am Ufer, dachte: Wie stark er ist. Einmal stellte er sich vor mich hin, sah mich an, trank. Bis er umfiel. Nein, das war ich. Ich fiel um. 'Er soll es sehen`, dachte ich. Eine Weile schliefen wir nebeneinander. Eines Tages war das Nachthemd naß. Knut: 'Du könntest ohne schlafen.` Ab und zu wurde ich hysterisch, 'Und falls man dir befiehlt, mich oder Kinder zu töten?` 'Das tut keiner`, 'Wenn?`

Westfront. In seinen Briefen kein Klagen, kaum Zärtlichkeit; 'Lies zwischen den Zeilen.` Michael steckte Fähnchen. Auf einer Landkarte. Mußte es. Ich guckte unruhig hin. Ich ging ins Kino, um die Wochenschau zu sehen. 'Was man sieht, sieht man.` Angriff, die Gesichter der Deutschen von vorn. Kichern, Lachen.

Der Propagandachef ließ ansagen, daß ein Frontreporter gefährlich leben müsse, um die eigenen von vorn filmen zu können, den Feind im Rücken. Es schien niemand zu glauben. 'Wie unwirklich alles ist.`

Wenn Knut auf Urlaub kam, war er für Stunden fort. 'Ich brauche das, ganz allein zu sein.` Ich stellte mir vor, wie es an der Front sein könnte. Selbst beim Kacken einer neben dem anderen. Ich verstand ihn. Als er verwundet wurde, auf Genesungsurlaub kam, war ich froh. Ich hatte mehr Arbeit. Er war da. Die Kinder quengelten. Als sie im Bett, ich -, sagte er: Bevor du mich umarmst, sollst du wissen, daß ich eine Freundin habe. Mir wurde zum Kotzen. Fliegerangriffe, in der Wand Risse, Fensterscheiben kaputt und das. Ich heulte noch am Morgen.

'Mutter heult schon wieder`, 'Vater hat eine Geliebte.` Die Kinder sagten, daß sie gesehn hätten, wie er eine Frau geküßt hätte, 'Kommt vor`, sagte ich. Ich wollte nicht klagen, falls er zu mir eine eigene Beziehung haben würde. Ich kannte die Frau. 'Belanglos.` Dachte ich, bevor ich eifersüchtig. Sie hatte mich nicht interessiert; weder schön, noch klug, 'Lieb ist sie.` Wer lieb ist, tut das nicht. Nicht, daß sie sich verliebte. Aber daß sie nicht zu mir kam. Sie war in mein Leben gekommen, hatte es verändert. Ich dachte, so schlecht kann sie nicht sein. Weil er sie liebte. Einmal traf ich sie auf der Straße. Ich bekam Mitleid mit ihr: Vielleicht ist es ihr einziges Glück, daß er sie mag. Ich achtete ihn, liebte ihn oft. Verwirrend oft, weil nach so vielen Jahren. Ich hatte Alltag mit ihm. Den Haushalt, die Kinder. Verklärten Blick nur selten. 'Nölst schon wieder.` - 'Ich nöle nicht. Aber das muß ich sagen können!` Ich hatte gegen sie keine Chance.

Ich zog mich vor dem Spiegel an, schminkte mich, er sah nicht zu mir. Nur manchmal, wenn ich ihn im Vorbeigehen drückte, wurde sein Blick noch verschwommen. Einmal hielt er mich fest, zog mich auf dem Korridor aus, schleppte mich zum Bett. Aber als er in mich, war es nicht so, wie es einer macht, der sich und die Frau froh will. Ich stand auf, ging.

Ich kochte, schmeckte ab. Er sagte 'Exotisch.` Sortierte aus, würzte nach. Wenn er sich für sie badete, rasierte, schön anzog, tröstete ich mich, daß er auch für mich schöner wurde. Ich sah ihn oft an. Statt ihm einen Arschtritt zu geben, stopfte ich ihm die Socken, grübelte, was ich falsch gemacht hatte. Ich hatte Figuren geformt, er vor dem Schachbrett oder über Landkarten gebeugt gesessen. Es war eine Harmonie zwischen uns geworden, die mich beunruhigt hatte, beruhigte: Ich brauchte Kraft für die Kinder, Arbeit, Haushalt. Daß er mich liebte, bezweifelte ich nicht. Er hatte Männer schlagen wollen, die mich. Ich hatte ihn nicht bewacht, ihm nicht mißtraut. Ich glaubte, es sei Liebe, daß er nicht mehr eifersüchtig. Mich arbeiten, gehen und kommen ließ, wie ich wollte. Weil Liebe den anderen nicht zerstört. Ich ließ mich von ihm beruhigen, 'Muß raus. Abwechslung. Mehr nicht.`

Ich hatte mich danach gesehnt, daß noch etwas anderes ist, außer Kindern, Ton, Steinen. Ich verstand, daß er ausbrach. Traurig, daß ohne mich. Nur zu einer Frau. Wenn er zu Hause war, saß er über dem Schachbrett, schob Figuren hin und her. Wie sonst. Er schlief in dem einen Bett, ich in dem andern. Ich warb nicht. Ein-, zweimal machte es ihn nervös und gierig. Dann nicht mehr. Ich konnte dann nicht mehr. Einen Orgasmus konnte ich mir allein. Ich war wütend auf ihn, daß er das tat, als Krieg: Keine Männer um mich. Gerüchte von Frontbordellen, Geschlechtskrankheiten. Manchmal streichelte ich einen Mann aus Stein. Sein Glied. Drückte es in mich. Bevor ich es sanft machte. Oder eine Hand aus Gips. Bis man merkt, daß das nicht -."

Es ist Nachmittag. Er fragte: "Was willst du?" - "Mit dem Auto durch die Stadt." Er hielt die Geschwindigkeitsbestimmungen ein. Ich sehnte mich danach, daß wir rasen. Alles um uns wäre verschliert. Nur er noch und ich. Er fuhr im Kreis, hielt an, trug mich in ein Café."Der dritte Tag", sagte ich.

"Am dritten werden Hengste nervös." Ich dachte, daß am dritten Tag ein Gast stinkt, wie ein Fisch. Daß ich nach Hause zurück muß. Ich wußte nicht, daß er. Wagte nicht, daran zu denken: Auf den Rücken gedreht, die Beine. Angst. Ich hatte nur noch Angst. Es tat weh. Aber ich war glücklich. Daß ich nicht zu war. Ich hatte Er war behutsam, zärtlich. Kam alles raus aus dem Kopf, nur ein Wort war drin: "Du." "Aber mein Kopf war nicht ausgeschaltet", sagte er. Er ist verkrüppelt wie ich.

"Den Tag gearbeitet." Sagt Großmutter."Hände tun weh, Rücken. Wenn ein Mann umarmt, entspannt das. Ich machte Hand-, Fußbäder. Arbeitete bis in die Nacht. Ich arbeite gern. Nicht, um etwas in mir totzumachen. Ich habe das um mich gehaßt. Ton, Stein. Als ich merkte, daß keine Neugier in mir ist, was draus wird. Nur müde werden wollen. Umfallen, einschlafen. Früh aufstehen. Weil ich gearbeitet haben will, bevor jemand kommt. Kommen könnte. Druck, Geld zu verdienen."

Ich sitze oft am Fenster. Das Licht aus. Damit keiner sehen kann, daß ich warte.

"Ab und zu Blick in den Spiegel, Frage, warum ich allein sein muß. Hauslicht, Schritte. Vorbei. Knarren. Nur die Katze. Manchmal kam Knut in der Nacht, manchmal nicht. Wenn er schnarchte, traute ich mir nicht mehr, ihn anzustoßen. Ich steckte die Finger in die Ohren, weil ich dachte, er könnte testen, wie lange ich es ertragen kann.

Als er die Gardine im Wohnzimmer halb aufzog, dachte ich: Das ist ein Zeichen. Daß sie nicht zu ihm kann. Wenn er zum Arzt ging, fragte ich mich, ob er log. Wenn er mich kurz drückte, ansah, 'Leg dich hin, ruhe dich aus`, sagte, wußte ich nicht, ob es Fürsorge war oder er mich lossein wollte. Als er mir zu einem Abschied einen Knutschfleck machte, machte ich ihm keinen. Angst, daß sie hysterisch werden, Entscheidungen von ihm fordern könnte.

'Gib uns eine Chance. Oder geh`, 'Wenn du es verlangst.` Er war bereit, mich und die Kinder zu verlassen. Ich wollte nicht glauben, daß er sexuell von ihr abhängig, ich war zu sehnsüchtig. Ich versaß Zeit mit dem Kopf an der Wand. Die Kinder: 'Sagst immer dasselbe.`"

Er hatte gesagt, daß er seit zwei Jahren keine Frau berührt habe. Nicht schwul sei. Nur keinen Menschen um sich wolle. Er war in der Psychiatrie. Gewesen. Ich war gegen ihn. Er sah mich an, als säße ich mit Absicht im Rollstuhl."Irgendwann tanzen wir", sagte er. Ich begriff, daß er ahnte oder wußte. Wir spielten vierhändig Klavier. Jeder dasselbe. Wein kippte um. Ich sah auf die Pfütze. Er auch. Sie schillerte, wuchs. Ein nasser Fleck. Ich umfuhr mit dem Finger den Rand wie einen farbigen Fleck auf einer Landkarte. Das habe er auch schon getan. `Sehnsucht zu reisen, abzuhauen.`

Als wir aus der Kneipe, ging er noch einmal zurück. Kam wieder, zog die Blume aus seiner Jacke, die auf dem Tisch gestanden hatte. Das war schön.

"Wenn dein Großvater betrunken über mich herfiel, getraute ich mir nicht mehr, mich zu wehren. Einmal drückte er mich im Schlaf fest an sich. Als würde er mich im Innersten lieben. Oder er verwechselte mich. Am Morgen wußte er es nicht mehr.

Wenn ich ihn tagsüber streichelte, wurde sein Körper steif. Ich wolle ihm diese Liebschaft kaputtmachen. Ich wollte nur mit ihm leben. Er war wie ein Kind, das Angst hat, daß ihm jemand sein Spielzeug wegnehmen könnte. Niemand tut es. Angst, 'Kann sein, das Leben ist nur noch kurz.` Ich nickte: Meins. 'Wenn du magst, leg dich in mein Bett.`Das Bett blieb leer. Ich weinte noch einmal, schluchzend, damit er es hören konnte. Nahm Tabletten, er war im Zimmer. 'Im Herzen sticht es.` Es war wahr. Es änderte nichts."

Als er am Morgen mit dem Rücken zu mir aufstand, aus der Tür ging, ins Telefon sprach, war ich plötzlich unsicher, ob er mich belog. Daß er eine andere Frau zwischen uns sein könnte, dachte ich nicht. Ich hatte Fotos gesehen, "Freundin?" "Nein." Ich wußte nichts, es war nur Als er ins Zimmer trat, "Belügst du mich?" fragte ich.

"Wie kannst du" "Ich weiß nicht."

Großmutter: "'Gesunde Kinder, keins tot. Sei zufrieden!` Ich hatte Angst, daß die andere Frau auch - ich war schwanger geworden. Knut freute sich. Ich dachte: Alles wird gut. Er ging gegen Abend fort. Er trennte sich nicht von ihr. Kein Arzt. Durfte keiner. Der Freund meines Vaters war an der Front. Mußte froh sein, daß Knut für uns sorgte. Daß er ging oder humpelte. Wiederkam. Uns Geld ließ. Wegen Zuneigung. Oder Offiziersehre. Es war Krieg. Fast niemand kaufte meine Figuren, in denen die Menschen erstarrt schienen."

Er trug mich ins Bad, in die Wanne."Komm zu mir", sagte ich."Ich mag keine Intimitäten." Ohrfeige. Ich ohrfeigte ihn. Duschte mich hastig, verbrühte mich, zog mich über den Wannenrand, kroch zum Rollstuhl. Ängstlich, er könnte mich so sehen.

Er stand nackt am Herd. Ich saß im Rollstuhl. Beine, Hände dreckig."Kaffee oder Tee?" Ich entschuldigte mich. Weil es mir weh getan hatte, als er das sagte. Nach dem So weh, daß Ich wollte ihm nicht weh tun. Ich hatte in seinen Armen gelegen und gefühlt, daß ich dir vertraue, dir Vertrauen machen will, daß ich auch mit Beinen, die ich benutzen kann, nicht von dir weggehen würde. Es war plötzlich, daß du es schaffst, schaffen könntest, daß ich

Großmutter bleibt, "Ihr Mann wußte nichts. Er hätte nicht so oft zu ihr gekonnt, wenn er es vor mir hätte geheimhalten müssen. Aber ich wollte von Liebschaften wissen, weil es mir peinlich war, wenn eine Frau von der Treue ihres Mannes sprach, der mir im Hausflur auflauerte, versuchte unter meinen Rock." "Sitzt eine alte Frau im Garten, wartet die Hühner ab, kommt der Gipdigapp, beißt ihr den Finger ab. Sitzt eine alte Frau" "Ich konnte den Huckel im Bauch tasten. Ich hatte Angst vor Geschrei. Die Kinder machten mir Sorgen. Kein Mann, der uns streichelte. Nora: 'Wir streicheln dich doch!` Die Kinder griffen mir gelegentlich zwischen die Beine, 'Laß das!` - 'Tut es dir weh?`

'Komm!` Knut: 'Nachher werde ich gedrückt`, `Schwein!` Manchmal glaubte ich, daß die Frau nicht wußte, wissen konnte, was sie mir antat. Weil Knut ihr nichts sagte. Damit sie sich nicht besann. Daß sie Bestätigung brauchte, weil ihr Mann andere Frauen.

Ich wollte nicht wie sie werden. Einer anderen Frau den Mann wegnehmen. Ich ging fast kaputt. Kein Dank. Auch nicht von Frauen. Weil sie es nicht wußten. Ich lag wie ein Tier, gekrümmt. Einen Mann neben mir, stumpf oder ängstlich. Wenn er nur eine Frau streichelte, konnte er es Liebe nennen. 'Jede Frau hat Macken. Mit dir ist es nicht langweilig. Wir werden zusammen alt`, hatte er gesagt. Ich hatte überhört, daß er erzählte, daß Männer, wenn sie über ihre Frauen sprechen, 'das` Mutti sagen. Wäre es nicht diese Frau gewesen, hätte er sich von einer anderen kennenlernen lassen. Weil ich die Mutter seiner Kinder bin.

Er war eifersüchtig gewesen. Obwohl ich keinen anderen Mann, 'Du liebst die Kinder, die Arbeit. Mehr als mich`, 'Die Kinder brauchen uns. Du tust Arbeit wie ich. Du bist mir der wichtigste Mann.` Ich mußte begreifen, daß ich für deinen Großvater keine richtige Frau war. Er hatte 'meine drei Kinder` gesagt. Wenn wir zu viert am Abendbrottisch saßen. 'Mit dir vier`, ich hatte gegrinst. Bis sie. Vielleicht auf ihm ritt. Ich hatte mich im Bett unter ihn gelegt. Es war dann wie eine Höhle um mich.

Manchmal heulte ich sogar auf der Straße.

'Sie sollten stolz auf Tote, die für Führer und Vaterland!` Es war, als ob er tot. Obwohl nur ein Bild kaputt war. Das ich mir von ihm gemacht hatte."

Als ich nach Hause kam, legte ich mich auf den Fußboden. Die Decke war hoch oben. Ich stellte mir vor, wieviel Platz ich hätte, wenn ich an ihr leben könnte. Nur eine Lampe hing, würde stehen. Ich führe um sie herum.

Seine Zimmer sind fast leer. Etwas zum Sitzen, zum Schlafen, ein Tisch. Ein Schreibpult. Palmen. Ihre Wedel hingen mir ins Gesicht. Aus dem Fenster sah ich Wolken. Ich wünschte ihn neben mich. Lag steif. Vor Sehnsucht. Bis es dunkel wurde, Nacht, Morgen. Ich dachte, so geht das nicht. Daß man verkümmert vor Liebe. Er wäre neben mir allein. Ich zog mich hoch ans Klavier, spielte. Ich wollte wieder spielen können."Für dich. Oder brauchst du, daß andere mir Beifall klatschen?" "Daß du spielst. Aber du machst Fehler."

"Deine Mutter: 'Wenn du Vater wegschickst, bleibe ich bei dir.` Als ich ihn weggeschickt hatte, beim Arzt abpaßte, wieder zu uns holte, 'Du schaffst es nie!` Kurz später lehnte sie sich an ihn. Michael: 'Wenn ihr euch trennt, muß ich mich zerreißen.` Er nahm einen Ring von mir, 'Ich verstecke ihn dort. Zeige die Frau wegen Diebstahl an!`

Knut wollte nicht, daß jemand von seiner Liebschaft erfuhr. Aber ich hatte nur den Stolz, Schwäche eingestehen zu können. Wenn einer fragte, wie es mir geht.

Einmal vergaß er seine Vorsätze. Wir gingen aus, sie kam. Er ließ mich stehen, ging mit ihr mit. Andere sahen zu. Angst, allein nach Hause zu gehen. Ich gab einem Mann nach. Noch eine Schallplatte anzuhören. Hotelzimmer, Musik. Er hörte nicht zu. Plötzlich liegt man da, kann sich nicht rühren. Nur schimpfen: 'Willst deinen Sack entleeren. Ich finde deine Frau. Onaniere doch!` Ich bekam seine Haare zu fassen, zerrte, rief 'Hilfe.` Er ließ los. Ich sah ihn an, merkte, daß ich nicht fortwollte.

Er sagte: 'Ich wollte nichts Böses.` Ich ging, eine zerrissene Kette in der Hand, sah noch zweimal zum Fenster zurück."

Er denke sich Geschichten aus, wenn egal sei, was er über sich erzähle. Ich auch. Er belegte die Brotscheiben wie ich. Er kocht so ähnlich wie ich. Als er bei mir war, rollte ich an das Instrument, das eine Klavierrückwand ist. Ich griff zu. Das Zimmer Resonanzraum. Er kniete sich hin, griff in die Saiten. Wir unterhielten uns. Mit Musik. Er sagte: "Schön. Das ist schön."

Die Alte: "'Du Arsch, der wollte dich.` Ich dachte erschrocken, was hätte geschehen können, wenn einer den Hilferuf gehört hätte. Ich hätte ihn verteidigen müssen, 'Er wollte nichts Böses.` Ich wollte, daß Knut fort. Er reparierte die Kette. 'Ich suche mir einen Mann!` sagte ich. Nora: 'Stell dir vor, wie es ohne Vater ist!` - 'Weißt du, wie mit so einem Mann.` Ich hatte erlebt, daß eine Frau um einen Mann warb. Die Kompromisse, die sie einging, schienen klein. Bis sie süchtig nach Anerkennung geworden war, zerstört. Ich begann darauf zu achten, wie man mich ansah. Sagte am Abendbrottisch: 'Der Museumsdirektor. Sein Gast auch.` Fragte: 'Bin ich schön? Wie soll ich die Haare stecken?` Nora war geduldig, ich litt. Männer hatten um mich geworben, 'Der strampelte sich ab.` Ich hatte es gar nicht bemerkt. Und nebenher Krieg. Ich ahnte, daß ich mich Jahre später nicht verstehen würde, 'Fünf Deutsche ermordet. An einem Baum, aufgehängt, Bäuche aufgeschlitzt. An ihrem Grab fünftausend russische Gefangene erschossen.` - 'Woher willst du das wissen? Du warst nicht an der Front.` Ich frage jeden. Der von der Front kam. Sie hatten Mitleid mit den fünf Müttern der Deutschen, mit denen der fünftausend Russen nicht.` Ich war in jeder Mutter.

Knut: 'Was hast du gegen die Frau, sie gab mir Geschenke für die Kinde!.` 'Der Weg zum Vater führt über das. Mir schenkte sie nichts`, 'Wir müssen dadurch`, 'Wir? Was leidest du?` 'Ich gebe Geld, helfe dir`, 'Minuten. Wenn du fort bist, hänge ich rum`, 'Du könntest Männer haben`, 'Angenehm. Wenn du mir egal wärst. Bleib fort. Ich muß zur Ruhe kommen.

Wann kommst du wieder?` Täglich dieses Hin und Her. Ich hatte Angst, den Ofen zu früh zugeschraubt zu haben. Angst, daß der Gasherd noch an sein könnte. Ich kehrte um. Jedesmal um. Ich traute mir nicht mehr zu, allein mit den Kindern zu leben. Saß da, zitterte oft. Obwohl ich mit ihnen allein gelebt hatte, wenn er im Manöver war, an der Front. Ich hoffte, ich würde das dritte Kind verlieren. Angst, daß es nervös und krank werden könnte, falls ich nicht ruhiger werden würde. Zwang mich. Sah, daß Knut oft alt aussah. Dachte, daß er humpeln würde. Auch wenn der Krieg zu Ende wäre. Daß er mir half, wie er konnte. Steine umzulagern, Kunstliebhaber zu mir schickte, obwohl ihn Plastiken nicht interessierten. Ich suchte nach einem anderen Mann. Mir schien egal, ob er zur Front zurückmußte. Aber ich wollte, daß einer ist, mit dem man im Kopf reden kann, weil man weiß, daß er zuhören würde. Den ich in die Luft denken konnte, wenn es im Bauch zog. Als wäre es seine Hand, die mir zwischen den Beinen. Weil ich wußte, daß er es an sich tat, wenn er an mich dachte. Einmal ging ich zu einem, der auf Fronturlaub war. Er hatte vor Jahren gebeten, daß ich zu ihm. Wir trafen uns auf der Straße. Er drückte mich. 'Du willst noch immer?` Spöttisch. Halb zog er mich, halb sank ich. In der Wanne wurden ich leicht. Als er in mich drang, hatte ich die Haare im Wasser, Gesicht manchmal unter Wasser. Er mußte zurück zur Front. Es kam keine Nachricht. Seine Mutter: 'Verschollen.`

Das und Ähnliches kam vor. Dazwischen Schmachtlieder. 'Morgen ist alles vorüber, morgen ist alles vorbei, so hat es angefangen, du bist Schuld, daß es begann.` Frage an Knut: Was wenn ihr Mann an der Front fällt? Antwort: 'Weiß es nicht.` Er sei nicht sicher, daß er mit ihr leben wolle. Einmal zog ich ihn vor Haß am Schwanz hinter mir her. So lebten wir hin."

Es ist ein schöner Tag. Männer mit kurzem Haar und silbernem Ring im Ohr, die mich bergen, wie frühe Kindheit, in der ich Seeräuberbraut... Er steckte einen Ring ins Ohr, schnitt sich das Haar kurz. Als er ging, fragte ich nicht, ob er mir etwas, was ihm gehört, daläßt. Nicht wieder in Fantasien zu fliehen, angeregt von einem Ding. Ich will mit ihm leben.

Großmutter: "Ich kann dir mit meiner Liebesgeschichte nicht helfen?" "Da ist nichts Neues, daß man zuhören will." "Wenn Hitler für 'fanatische, hysterische Leidenschaft` warb, schüttelte ich den Kopf. Statt 'fanatisch, hysterisch` gegen ihn. 'Fanatiker machen Angst: Wenn die an die Macht kommen, wird nichts besser.` Eine, die nicht so ist, ändert auch nichts. Knut kehrte nicht zu mir zurück.

Die meisten dachten, der Führer sei nicht schuld. Die Generäle hätten ihn zum Krieg getrieben. Der Anführer trage einen einfachen Anzug, esse nur Pflanzliches, rauche nicht, trinke selten Alkohol, habe keine Frauen, kein Gehalt. Er sei gegen pompöse Feste, teure Staatswagen. Verzichte auf Familie, um für sein Volk unabgelenkt sorgen zu können. Ein Bergarbeiter: Als es keine Margarine gab, habe der Führer persönlich...! Der Führer selbst... Der Führer wisse von nichts! Abgeschirmt. Von Bonsen. 'Hören Sie!` Sagte er zu mir. Einer habe mehrmals Briefe an den Anführer geschrieben, ihn abgepaßt, gefragt, warum er ihm nicht geantwortet habe. Der Führer habe von dem Brief nichts gewußt.

Der Führer wußte wirklich von vielem nicht. Sagte Knut. Weil er es nicht zur Kenntnis nehmen wolle; 'Weil Wissen mit Hilfe von Vernunft Handlungsfreiraum einschränkt.`" "Hast du keinen Hunger?" "Du?" "Ich habe eine Tütensuppe. Ich könnte sie mit saurer Sahne verfeinern." "Pflicht, dann und wann Eintopf zu kochen." "Quatsch nicht!" "Es reizte mich. So zu kochen, daß er schmeckte. Klingeln. Kontrolle. Ich schlug die Tür zu. Vorladung. 'Kontrolle ist Beleidigung!` sagte ich. Das verbreitetste Eintopfgericht hieß: >gedämpfte Zungen<. 'Die Kinder werden nicht wissen, was wir für sie getan haben.`

Sie wurden Eltern weggenommen, die 'gemeinschaftsuntüchtig`. Oder wenn sie Krüppel. Falls seit Geburt, sollten sie sterilisiert. 'Nicht kastriert!` betonten Nazis. Wenn arbeitsfähig, in Arbeitsstätten. Sonst 'Gnadentod, Sterbehilfe.` Qual zu ersparen. Arbeitskraft von Müttern, Pflegepersonal zu erhalten. Sie zeigten uns einen Film, in dem unheilbar Kranke um den Tod bettelten, der Arzt durfte ihnen nicht helfen, weil es die Gesetze nicht erlaubten. Ich schluchzte vor Mitleid. Wenig später wurden die Gesetze erlassen. Vernichtung unwerten Lebens.

'Wer tot ist, ist tot. Ob man seine Knochen, Haare, Haut, Muskeln verwertete oder nicht. Knochen als Düngemittel, Fett für die Seifenindustrie. Blut von Geköpften für Bluttransfusionen.`" Die Kirche war dagegen. Gegen die Verwertung. 'So sehr, daß es Nazis mehr >nutzt<, Irre zu versorgen.` Bis Krankenhäuser für Kriegsverwundete leer gemacht wurden. Egal ob drin Geistes- oder Tuberkulosekranke lagen.

Gerücht, daß in Deutschland Kriegskrüppel vernichtet würden. Unruhe. 'Unmassen Flugblätter.` Sagte Knut. Von Engländern. Karikaturen auf das, was um uns war. Ich sah nur einzelne Bilder. In Deutschland Karikaturen - Satire nur gegen den Feind. Vermutlich in England auch. Kabarettisten machten Spaß wie über dem Abgrund. Schauern, Beifall vom Publikum. Karten ausverkauft." "Daheim ist die Maus auf den Ofen gekrochen, hat den Finger verstaucht, und das Schwänzchen gebrochen." "Ein junger Mann, der meine Plastiken gesehen hatte, sagte, 'Falls Sie Geld brauchen...` Sein Vater sei in der Regierung, habe zuviel. Er sei kein Märtyrer. Er wolle in dieser Art helfen. Ich erfuhr ein Jahr später, daß er verhaftet worden war. Seine Eltern hätten ihn angezeigt. Wie kann das eine Mutter? Sein Vater war ein `hohes Tier.` `Tun das Tiere?` dachte ich." "Wozu erzählst du das?" "Ein Politiker verunglückte. Durchgeschnittene Bremsriemen. Er habe zum Führer gewollt, 'ihn über die ganzen Sauereien aufklären wollen.` Sagte einer."

"Husch, Katzla, husch! Dreimal um den Busch, dreimal um das Kieferbüschle, Katzla, laß dich nicht erwische, husch"

"Es gab Putschabsichten, Attentatsversuche. Einer der Attentäter sei nicht hingerichtet worden, weil Hitler ihm dankbar gewesen sei. Für den Mythos, daß er unverwundbar." "So ist das. Prost." "'Wer Jud ist, bestimme ich`, sagte er. Der Verteidigungsminister morphiumabhängig. Der Chef der Deutschen Arbeitsfront Alkoholiker. Der Propagandachef: 'Von mir wird man lernen müssen.` Ein rotes Plakat, 'Angriff`. Eine Woche später: 'Angriff am`. Eine Woche später: 'Angriff am` Soundsovielten. Eine Woche später erfolgte eine Zeitungsankündigung. Er hatte erreicht, daß ich sie zur Kenntnis nahm. Sonst soll er Frauengeschichten, 'Das mag das Volk, daß unsereins Schwächen.` Eine habe der Anführer mit Gestapoeinsatz beenden lassen. Er trug keine Uniform, keine Orden. In seiner Zeitung wurde gelegentlich fertiggemacht, wer 'unsozial`. Wenn einer Mietwucher machte. Als Not war, ging er unters Volk. Als könnte er trösten.

Er habe Ausländern nur mit Erlaubnis begegnen dürfen. 'Einzelne Zeitungsartikel von ihm wurden verboten`, 'Propagandatrick!` Ich konnte nur dies und das erfahren. Wenn eins das Gegenteil vom andern behauptete, war ich ratlos. Ab Krieg mit Rußland war fast alles geheim. Nur direkte Zuteilung von Informationen. Damit das Nötige funktionierte. Mehr nicht. Niemand durfte Informationen ohne Genehmigung weitergeben.

Fehlinformationen.

Rednerschulen. Für Nazis. Ausschnitte der Reden von Hitler oder Goebbels klingen hysterisch. Sie fingen leise an. Steigerten sich. Ich stand gebannt. Für jede Feier - Richtlinien. Teilnahme Pflicht. Fahnen. Ich hing nichts raus. Es soll Kontrollen, Anzeigen gegeben haben. Ich hatte auch vorher nichts rausgetan. Vielleicht ließen die sie uns deshalb. Obwohl sie sagten: Neutralbleiben geht nicht, 'Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.` Ich provozierte sie nicht, legte kein Federbett, rot, zum Lüften ins Fenster. Ging zur Demonstration. 'Von oben Punkt neben Punkt`, dachte ich. Aber ich sah Gesichter, Kleider. Bekannte. Manche hatte ich monatelang nicht getroffen. Wir redeten miteinander. Im Hintergrund Jubel aus Lautsprechern. Würstchenbuden, Bierkästen. Menschen mit Decken auf Wiesen. An den Tribünen wußte ich nie, wie ich mich verhalten sollte. Weil ich nicht heucheln wollte. Auch nicht ungerecht sein. Mancher tat, was er konnte. Es geschah, daß ich mich beschweren ging, der Beamte sah mich an, wir gingen mit einem Händedruck voneinander, es war nur noch Mitleid in mir. 'Den Mangel so gerecht wie möglich verteilen. Wie soll ich das?`

'Wenn das Benzin knapp ist, sollten Parteimitglieder nicht quer durch Deutschland zu Kundgebungen gefahren werden.` Das Deutschlandlied erklang. Gleichzeitig Feuerwerk. Der Erste Mai sollte in Erinnerung bleiben, `Deutschland Deutschland über alles`, 'Arbeit ist nicht Folge eines Sündenfalls. Sondern Sinn des Lebens.` Jeder marschierte in Arbeitskleidung, Produkte im Arm. Ich räusperte mich, hörte das Deutschlandlied, sah, wie im Dunkeln Lichter wurden. Verloschen! Die Propagandamaschine lief an. Rundfunkempfänger. Jeder Haushalt sollte mindestens einen. Wer arm war, bekam ihn umsonst. Fragwürdige Personen erhielten kleine. Damit sie keine ausländischer Sender. In den Höfen ständen Lauscher, schlichen durch Häuser. Frauen schütteten Schmutzwasser aus dem Fenster. Die Goebbelsschnauze in unserer Küche war groß. Marschmusik. Ich stellte das Radio aus, andere beschwerten sich beim Rundfunk, daß er Marschmusik, bis er Walzer, Schlager sendete. 'Das konnten sie erreichen`, dachte ich." "Denkst du, die Deutschen wollten Krieg?" "Was soll das?" "Das ist in meinem Kopf." "'Man fand Hakenkreuze in Höhlen, uralt, in aller Welt...` Klingeln. Ich drehte das Radio aus. Die Nachbarin wollte Zucker. Sie sagte es laut, leise: 'Mein Mann merkt, wenn Sie das Radio zu den Nachrichten abstellen`, - 'Sagen sie ihm, ich lese Zeitung. Reicht das?`"

Der Jude fragte mich, ob ich Tagebuch führe."Nein. Wozu? Was verstehst du darunter?" - "Ein Datum, darunter ein Text." - "Nein." 'Vor was hat er Angst? Soll er das fragen?`

Großmutter: "Ich wollte mit den Kindern wegfahren. Der Nachbar war krank, sein Radio wäre kaputt, ich borgte ihm unseres. Danach bekam ich, außer den deutschen, keinen Sender mehr rein. Ich lieh mir sein Radio. Es war nicht besser. Ich getraute mir nichts zu sagen, mißtrauisch, ob ich froh war: Ich hätte den >Feind<sender gehört. Zu schweigen ist schwer. Es müssen. Oder gehenkt werden. Zur Abschreckung: Prozeßakten in Zeitungen, an Litfaßsäulen, Hauswände. Ich kann das Schattenbild auf Plakaten nicht vergessen: 'Der Feind hört mit.` Sie meinten einen anderen als ich."

Ich will sein Tagebuch lesen. Weil ich ihn kennen will. Er und ich sind Teile einer Beziehung.

"Mein Nachbar stand oft hinter der Wohnungstür. Ich hörte ihn atmen. Er litt an einem Streifschuß. Ich haßte ihn, wünschte ihn tot. Seine Frau sorgte sich um ihn. Er sagte nach dem Krieg, er habe den Rückkoppler in unser Radio gebaut, um mich zu schützen. 'Auch das noch.` Ich sah, daß er zusammenzuckte. Als hätte ich ihn geschlagen. Lächelte, traurig, müde, ging fort. Ich weiß nicht, ob er jemanden angezeigt hatte. Mir fiel ein, daß wir grausam zu denen gewesen sein könnten, die wir im Verdacht hatten. Einer erhängte sich, hinterließ einen Zettel: Ich bin kein Denunziant. Fünf Straßen weiter. Es soll fünf Straßen weiter gewesen sein. Der nächste SA-Keller war weiter. Die näher wohnten, hätten Schreie gehört. Trotz daß die Schläger Decken über Köpfe ihrer Opfer zogen, Säcke vor die Fenster, Türen stellten. Hitler soll gegen diese Terroraktionen gewesen sein. Knut: 'Dagegen reden, aber gewähren lassen., 'Das ist nicht wahr`, sagte Gerd, 'Die bestialisch waren, gingen in Knast wie ihr`, 'Nicht alle.` Als ich den Keller sah, war er wie alle Keller. Ohne Kleiderhaken, Tische, Hocker, Bierfaß. Kohlen, Holz drin. Eine Frau zeigte ihn mir; ihr Mann tot. Auf der Flucht erschossen, 'Glaub`s nicht, auch wenn es möglich ist. Daß einer flieht, es versucht`, 'In der unblutigsten REVOlution der Geschichte!` Sagte Gerd. 'Im Vergleich mit der französischen, russischen. Wir stellten unsere Gegner nicht an die Wand, legen sie nicht unter die Guillotine, sie kommen in Arbeitslager. Das ist sozialistisch, Leistung entscheidet, >Jedem das Seine<, >Arbeit macht frei.<' 'Ihr habt gefoltert, tut es.` 'Wir haben ab und zu zugeschlagen. Wenn man so oft geschlagen worden ist. Man will mal jemanden für sich arbeiten lassen. Sehn, wie das ist`, 'Ihr seid wie Bestien`, 'Ich nicht.` Gerd war Angestellter. Wirtschaftskrise. Entlassung. Er ließ sich im Konstruktionsbüro fotografieren, 'Damit mir das später einer glaubt.` Ging als Arbeiter in die Fabrik. 'War brav. Nutzte nichts.` Sein Chef war gegen die Rechten. 'Ich flog.` Arbeitslos. Nur noch SA. Immer in Uniform. Er habe keine anderen Sachen. Das stimmte nicht. Oder hätte nicht stimmen brauchen. Vater legte ihm einen Anzug hin. Onkel Gerd sah jeden von uns an, drehte sich um, ging. Er kam dann und wann zu mir. Als ich älter war. Eine eigne Wohnung hatte. Ich sprach ehrlich zu ihm, >Vielleicht ist gut, daß er merkt, daß er und die, die anderes denken, miteinander reden können.< Er schien mir zu vertrauen wie ich Knut. Vielleicht hielten deshalb die Beziehungen. 'Nazis, die anderes reden als der Führer, werden ärger behandelt als Kommunisten!` Der Kommunistenchef lebe. Im Gefängnis, aber doch. Einer der Nazis aber sei aus dem Haus gelockt, in eine Zelle gebracht, niedergeschossen, die Leiche zerstückelt und in einen Fluß geworfen worden. Gerd wurde blaß, wenn er es erzählte, 'Dabei hatte der gar keine Politik mehr gemacht.` Manchmal soff er, 'Wenn mir die Idee vom Sozialismus kaputt, was hätte ich noch?` Der folgende Satz Zeitungsjargon. Ich sagte 'Gerd!` Er saß wie ein Kind, dem Vater und Mutter. Bis er sich straffte: 'Malgutdenn. Heil.`" "Ich grübele oft, ob mein Name auf einer Erschießungsliste steht."

"Ich werde nach deinem Tagebuch nicht suchen, trotz Neugier. Lege es mir hin, sobald du willst."

"Mutter sagte, daß Konzentrationslager vorbereitet sind, sie habe sie gesehen. Ich solle mich sofort in den Schutz"

Großmutter: "Ich hatte Bekannte, Freunde zwischen den Nazis. Ich sprach mit ihnen. Nicht um mich abzusichern. Oder sie mit Gruseln anzustaunen. Grund, in die Partei zu gehen: 'Außerhalb kannst du nichts ändern.` Ich wollte in keine. Weil es mich verändern könnte: Eintrittsrituale, Gelöbnisse, Kameradschaft Pflicht. Entscheidungen nach außen hin vertreten müssen, als dächten alle gleich. Parteigerichte. Unabhängig vom Zivilrecht. Einmal beschwerte ich mich über etwas. 'Das können Sie gar nicht wissen, es wurde während einer Parteiversammlung besprochen.` Genossen warnten mich. Die Partei habe stets Recht. Sagte ein anderer. Partei Träger, Vermittler der Weltanschauung des..." "Warum leiert deine Stimme nicht?" "Ihr gebühre deshalb die führende Rolle. Die Partei könne sich nicht auflösen, weil der Sieg des Nationalsozialismus kein Ereignis, sondern ein Prozeß sei. Das sagte ich schon. Das habe ich wörtlich im Kopf. Das habe ich auswendig lernen müssen. Die Gewerkschaft 'Laboratorium der Lebensform der Zukunft. Keine Privilegien, kein Elitedenken.`" "Wir treten auf die Kette, daß die Kette klingt. Wir haben einen Vogel, der so schön singt." "Die Gewerkschaft wehrte sich, der Partei unterstellt zu werden. Sie wurde dem Anführer unterstellt." "War das besser?"

"Nur eine Person, mit der sie streiten mußte, konnte. Andere Parteien wurden aufgelöst. Vereine nicht, weil der Mensch Heimatgefühl. Chefs ausgetauscht. Freiwillig oder nach Prozessen wegen 'krimineller Delikte.` 'Alles wird Puppentheater`, sagte ich. Oder Knut sagte es. Mit einer Marionettenbewegung. Auch wenn er marschierte, militärisch grüßte, schien es gespielt. Zu Hause lief er in Lederanzügen. Ich mochte das. Schwarz, das die Körperumrisse und das Gesicht betonte. Er sah oft starr auf einen Punkt. 'Was denkst du?` holte ihn zu mir. 'Marionettentheater`, sagte er, 'Spieler mit Kopf, Händen, Holzstangen in der Hand. Fäden an Armen, Füßen. Das sind wir.` Es gab zwei Möglichkeiten, ihn nah zu behalten. Ihm zu widersprechen. Oder ihn zu streicheln. Ich widersprach. 'Der Kreisleiter war gekränkt, weil ich nicht würdige, was er getan und erreicht habe. Ich sehe, was nicht getan ist.` Beschwerdebriefe an Ministerien. Post ging von dort an die Stelle der Beamtenpyramide, die der übergeordnet war, über die ich mich beschwerte. Bearbeitung unten, Meldung nach oben. Ich änderte nichts. Setzte nur durch, daß die Postfrau die Telefone auf ihrem Weg kontrollierte. Nachdem ich eine Mutter mit einem kranken Kind, das Telefon kaputt, heulend gesehen hatte. Jemand sagte: `Die, die Beschwerden schreiben, bekommen Kreuze in Akten." "Das sagte die blonde Frau." "'Mundtot oder nicht?` Es gäbe keine Einschränkung der Kritik, sie müsse nur aufbauend sein. Ich bot Lösungsvorschläge an. Wenn ich Beschwerden schrieb. Es ging selten um mich. Wenn man Instanzen durchlaufen, abschlägigen Bescheid erhalten habe, trotzdem dränge, mache man sich wegen Belästigung strafbar. Sagte ein Bekannter von Knut. Ich hätte ihn immer fragen können, was zur Zeit erlaubt sei, was nicht. Er hatte ins Ausland gewollt. Rumstrolchen. Fotografieren. 'Wie groß ist die Welt, wieviele Möglichkeiten gibt es zu leben?!` Hausdurchsuchungen. Beschlagnahmungen. Bilder von einem popelnden SA-Mann, einem, der starr auf die Brüste einer Frau in Uniform sieht, einer Frau, die entsetzt marschierenden Kindern nachblickt. 'Im Konzentrationslager zu sein, wäre eine der Möglichkeiten zu leben. Aber.` Man habe ihm während des Gespräches oder Verhörs den Fotoapparat weggenommen, 'Ich wurde brav.` Er war sich sicher, daß jemand im Ausland protestiert hätte, wenn er verhaftet worden wäre. 'Man hofft drauf, hat aber auch Angst.` Weil Fürsprachen und Proteste Bedingungen verschärfen konnten. Er kam mit Verwarnungen davon. Deutschland brauche ihn. Falls er gebraucht werden wolle. Er habe zögernd genickt. Er sei Pressefotograf geworden. Alle Fotos gingen durch die Hand des Propagandachefs. Schläfst du?" "Nein." "Du bist so still." "Wenn ich etwas sage, nennst du mich albern." "Nein. Nur" "Eben." "Er wollte mich im Atelier fotografieren. 'Sei nicht böse. Nein`, 'Nur für mich.` Ich gab nach. Fragte: 'Sehe ich so häßlich aus wie auf den Bildern?` 'Häßlich? Nein.` Ich wollte hübsch sein. Männer auswählen zu können. Ich war schöner als Knuts Geliebte, es war ihm egal." "Ich blicke oft auf den Markt, die Menschen und denke, was geht in den Köpfen vor." "Sie hätte gesagt, sie hätte sich an meiner Stelle scheiden lassen, sagte Knut. Vielleicht wollte sie, daß ich es. Oder sie verachtete mich. Es ging mich nichts an. Ich wollte keinen Scheidungsprozeß, während dessen Dauer ich Fremden über unsere Beziehung würde erzählen müssen. Knut blieb, wie er war. Nur im Bett war er anders geworden." "Ich sagte etwas anderes als einen Reim." "Die Frau hatte etwas, was ich nicht hatte. Oder machte in ihm etwas, was ich nicht konnte. Oder mit ihm nicht. Er kümmerte sich um meine Arbeit, Haushaltsdinge. Mehr als vorher. Als wolle er mich, die Kinder binden. Sich ausleben; aber nicht plötzlich allein sein müssen. Er verzehrte sich nicht mehr nach mir. Warum sollte ich ihn deshalb nicht mögen? Als hätte ich ihn nur deswegen geliebt. Wenn ich eine Kette, ein Tuch verliere, tröste ich mich, daß der sich freut, der es findet. Wenn Knut nicht an der Front war, redeten wir täglich miteinander. Ich erzählte vom Fotografen. Die Fotos in der Zeitung und er schienen nicht zusammenzugehören. Knut bestritt es, wies mich auf Einzelheiten hin. Als er auf sie zeigte, sah ich sie, sonst nicht. 'Sie machen seine Bilder persönlich`, sagte er. - 'Das will der Propagandachef. Daß nichts genormt scheint!`" "Ich hörte, es sei verboten, mit Ausländern zu trampen. Manchmal sei Geheimpolizei in den Autos. Danach: Vorladungen, Verhöre." "Ich mußte es. Bus verpaßt. Kein anderes Auto hielt." "Ich gebe dir Stichworte." "Ich vergaß, weil ich hastig aus dem Auto ausstieg, meinen Beutel. Ich haßte den Staat, weil er mich zu der machte, die vor Angst Blödsinn tut. 'In was für einer Sicherheit...!` In Feuilletons stand ab und zu Kritisches. Den Text verstand nur der, der es wußte. Ab und zu schienen Nachrichten verschlüsselt. Es sei eine 'Lüge`, daß ein englisches Passagierschiff von einem deutschen U-Boot gerammt worden sei. Ich las: Englisches Passagierschiff wurde von deutschem U-Boot gerammt. Verleumdung, daß Deutschland Kriegsmaterialien importiere. Ich las: Deutschland führt Kriegszeug ein.

Zeitungen wurden Altpapier. Kinder sollten es sammeln. Es war vorgeschrieben, wieviel. Ich mußte eine Zeitung mehr bestellen, weil ich sie nicht an fremden Türen klingeln lassen wollte."

Als ich in mein Zimmer kam, war das Licht an. Das Radio spielte. Das lernte ich von ihm. Damit nicht Dunkel, Stille ist, wenn ich draußen war, die Tür öffne, hinein muß. Wenn ich in den Spiegel sehe, lächle ich, damit mich etwas freundlich ansieht.

Ich: "Willst du einen Schnaps?" Großmutter: "Warum hörst du nicht endlich auf?" "Womit?" "Du weißt es." "Wozu tun wir das?" "Ich hörte im Vorbeigehen: 'Ein Volk, ein Rausch, ein Führer. Du trinkst.`" "Soll ich dir Stichworte sagen? Ich sage stattdessen Reimereien. Warum streichelst du mich nicht? Ich bin ganz klein, Großmutter, mein Herz ist rein. Von wem?" "Was?" "Wer sagte das?" "Was?" "Was du sagtest", sagte ich.

"Ich weiß es nicht mehr." Ich: "Trink!" "Ich hatte Wut, daß es Akten über mich gab, von deren Inhalt ich nichts wußte, wissen konnte, durfte. Der Möglichkeiten zu leben veränderte. Ich erhielt keine Erlaubnis, zu einer Ausstellung ins Ausland zu fahren. Ohne Begründung. Oder nur angedeuteter: 'Sie sollten ihren Bekanntenkreis überprüfen`, 'Wen meinen Sie?` 'Sie sollten es tun.`

Nur einen Schluck!

Das nächste Mal durfte ich fahren. Der Freundeskreis schien mir unverändert. Als ich auf der anderen Seite der Grenze in den Zug stieg, zögerte ich. Dachte an Kinder, Knut, Freunde, stieg ein. Knut glaubte, daß sie über jeden Informationen sammelten. Daß, wenn sie ihn weghaben oder erpressen wollten, genug Belastungsmaterial zur Verfügung hätten. Vorher geschehe nichts. Es war sogar verboten und konnte Grund für Ärger werden, alte Führerreden zu zitieren. Ich verbrannte Tagebücher, Briefe. Sie gingen Fremde nichts an. Wenn ich Liebesbriefe schrieb, schrieb ich gefühlsarm, weil es mir unangenehm war, daß Fremde -. Wenn ich ins Ausland fuhr, nahm ich das Adreßbuch nicht mit. Nicht mehr mit, nachdem ein Mann in Zivil es mir an der Grenze abgenommen, mich eine Viertelstunde hatte warten lassen, bis er es zurückbrachte. Aber ich hörte, Gefangene müßten sich nackt bücken, Beine spreizen, Löcher untersuchen lassen. 'Es gibt Schlimmeres`, dachte ich, 'als das, weswegen ich litt.`" "Bravo!"

Freitag: Ich lag allein, machte einen Knoten in sein Laken, zog ihn fest. Bevor ich von seinem Bett kroch, im Rollstuhl wegfuhr.

Großmutter: "Ich sah versiegelte Türen. Ich kam mir mutig, trotzig vor, wenn ich beim Nachbarn klingelte, fragte: 'Was ist da los?` Manchmal erfuhr ich etwas. Oft nicht. Oder Lügen." "Und dann eines Tages: Ein Schiff mit acht Segeln und ohne Kanonen wird entschwinden mit mir!" "Ich bin von der Gestapo nie direkt belästigt worden. Einmal saß einer in einem Café mir gegenüber, sagte, er sei Mathematiker. 'Nein! Zu sinnliche Augen.` Sagte ich. Er zeigte mir seinen Ausweis. Das war alles. Ein Franzose, den ich traf, nannte Deutschland das gastfreundlichste Land der Welt. Er hatte auf der Durchreise Knut, mich getroffen, wir waren freundlich . Er staunte, daß auf jedem Platz Tannenbäume, 'Ich dachte, Deutschland sei nicht mehr christlich.` Knut: Das werden uns die Nazis danken. Einzelne Emigranten wollten nach Deutschland zurück. Weil es im Ausland schwer für sie war. Sie durften nicht. Ich emigrierte nicht. Ich fuhr gern von zu Hause fort. Nach zehn Tagen zurück. Ich verstehe die Juden, daß sie so lange in Deutschland blieben. 'Idioten. Ich würde...` Aber ich wäre nicht gegangen. Trotz Demütigungen, Drohungen. Ich fand immer Gründe zu bleiben; Familie, Freunde. Wenn es wieder schlimm war, dachte ich: Es wurde besser. Ich wartete darauf. Die Nachbarin streichelte mich zärtlicher, als es meine Mutter getan hatte. 'Es wird doch noch alles gut.` Sagte sie. Weil ich auf der Treppe saß, heulte. Ins Haus geflüchtet, Tür zu. Kolonnen waren vorbeimarschiert. Den Blick starr geradeaus. Einen Arm gestreckt, 'Wie Panzerrohre!`

Knut: 'Vor der Monatsblutung bist du jedesmal überreizt.` Ich schob den Arm der Frau weg, sagte: 'Hexe.`" "Ich denke, du warst schwanger." "Ich war hart gegen Nazis, die sich nicht wehren konnten. Ich hätte eine andere Begründung sagen können, als eine politische, warum ich die Nachbarin, ihren Mann so behandelte: Der Mann stieg mir nach, die Frau duldete es."

Wenn ich tagsüber die weißen Vorhänge zuziehe, weil es draußen zu heiß ist, herrscht Dämmerlicht. `In Tag oder Nacht.`

"Ich glaube, daß Knut beteiligt war, als die Armee Attentat auf Hitler, Putsch versuchte. Auch, wenn er nicht oder nur kurz verhaftet wurde, nicht darüber sprach. Auch nach dem Krieg nicht, 'Ich war damals froh, nicht verdächtigt zu werden, wie sollte ich mich jetzt brüsten, daß ich ein Gegner war.` Nach den Prozessen war dein Großvater verändert. 'Wieder Dolchstoß-von-hinten-Legende.` Man habe die Offiziere gefoltert, halbnackt mit dünnen Stricken, an denen sie langsam erstickt seien, an Fleischerhaken gehängt. 'Du bist Soldat, müßtest Grausamkeiten kennen.`

Wenn er früher aus der Kaserne gekommen war, hatte er allein sein wollen. Er ging in sein Zimmer, ich wußte, daß er sich wild verrenkte, Töne aus sich stieß und nicht gehört, nicht gesehen werden wollte. Wenn er zu uns kam, war er der geworden, dem man Militärisches nicht anmerkte. Ein wenig Clown. Während dem Krieg verlor er das Soldatische nicht mehr. Oder nur selten. Auch wenn ich glaubte, daß er es gelegentlich ironisierte. Nach dem Prozeß war er - gealtert. Verkrüppelt, alt. Er hatte niemanden verraten. Glaube ich. Er schien es nicht verwinden zu können, daß er dem Staatschef ein Telegramm geschickt hatte, als sei er über das Attentat entsetzt, wünsche 'dem Führer Gesundheit, langes Leben. Für Volk und Vaterland. Führer wir folgen dir.` Sein Chef hatte es von ihm verlangt.

Sein Chef wurde hingerichtet.

Knut sprach immer öfter von Offiziersehre. Behauptete, der Anführer hätte nicht an die Macht kommen und bleiben können, wenn das Ehrgefühl der Offiziere nicht unterhöhlt gewesen wäre. 'Hättest du dann keine Geliebte?!` Ich bereute diesen Satz. Knut überhörte ihn. 'Durch den Vertrag von Versailles`, sagte er. Die Offiziere hätten sich in Heimlichkeiten und Lügen verstricken lassen müssen, um die Verteidigung Deutschlands trotz der Auflagen sichern zu können. Hitler habe Generäle ermorden lassen. Mit Hilfe Verleumdungen aus ihren Ämtern entfernt, 'Dann dieser Prozeß. Und die Armee ist nicht mit anderem beschäftigt, als so unauffällig wie möglich Hitlers Befehle zu boykottieren!`" "Soldatenpack, Soldatenpack, das frißt und säuft den ganzen Tag, und dabei hegt es Läuse, die sind so groß wie Mäu se." "Als Hitler außenpolitisch viel für Deutschland erreichte," "Warum magst du Reimereien nicht?" "Ich verstehe sie nicht." "Hast du sie als Kind verstanden?" "Ich verstehe dich nicht! - Als zuerst kein Krieg wurde, hatte ich bei der Luftschutzübung gekichert wie andere. Ich sagte zu den Kindern: 'Ihr hättet uns sehen müssen. Ob dick, dünn im Gleichschritt, Bauch rein, Brust raus. Wir hatten Rüsselköpfe.` Ich führte es mit grotesker Verrenkung vor. Zur nächsten Übung mußte ich die Kinder mitbringen. Es beruhigte mich, daß auch für sie Gasmasken da waren." "Es wurde Krieg.

Warum verstehst du mich nicht?" "Marken, damit keiner hamstern konnte. Angst, Lebensmittelkarten zu verlieren. Vor jedem Feiertag war Hektik. Hoffnung, daß es etwas Besonderes gibt, das Staat zuteilte. 'Kartoffeln, Holzmehl im Brot`, 'Margarine aus Braunkohle`, 'Kakao - gebrannter Hafer.` Ich sah mißtrauisch hin. Keine Wahl. Manchmal gab es etwas monatelang nicht. Zm Beispiel Seife. Ein andermal Faden. Nervend war, daß niemand wußte, warum es das nicht gab, ab wann es das wieder geben könnte. Ich übte zu lachen. Weil in der Herzgegend Unruhe wuchs, die mir Angst machte. Städte wurden unterschiedlich beliefert. Die Reichshauptstadt gut, 'Schaufenster des Nationalsozialismus` - 'die gute Stube des Kleinbürgers.`" "Ich hörte, die aus der Hauptstadt werden in der Provinz verprügelt." "Höre zu! Ich bin alt, kann morgen weg sein. Wen willst du dann fragen und reden lassen? Ich kaufte, was es gab. Schleppte hin, her. Vierhundert Gramm Fleisch in der Woche pro Person reichten. Wir aßen Gemüse. Es fehlte an Öl und Fett, um es zuzubereiten. Meine Mutter: 'Schreib ein Kochbuch, darüber, wie du kochst.` - 'Aber die Kinder mäkeln.` Ich wollte, daß deiner Mutter, deinem Onkel das Leben Spaß macht. 'Jeden Tag in die Schule, einen Tag frei - das ist mein Leben`, sagte Michael. Es tat mir leid, wenn ich sie früh wecken mußte. Weil der Unterricht im Morgengrauen begann, mit der Begründung, daß Frauen zur Arbeit müssen...

'Wollt ihr den totalen Krieg?` - 'Ja!` Ich hörte den Schrei aus dem Radio. Ich hatte mir als Mädchen ein 'Ja` an die Wand gemalt. Gegen die Sehnsucht, zu sterben. Nachts gellte Alarm. Zusammenstürzende Häuser, Feuer, Tote, Verwundete. Zehn Stunden und mehr Arbeitstag. Müdigkeit. Unfallgefahr. Einkaufen, Haushalt... Täglich. Lauern auf Sondernachrichten. Die Menschen wollten keinen Krieg. Sie wurden apathisch oder überreizt. Ich ging auf einem Bahnsteig auf und ab. Schlurfend.. Bis die Leute. Ich dachte, sie schlagen mich tot. Ich konnte nicht anders. Schlurfte. Bis der Zug kam. Ich habe mich nie so oft entschuldigen müssen wie damals." "Ich entschuldige mich nicht." "Appell an den deutschen Opferwillen. Kunstwerke durften nicht eingeschmolzen werden, sie würden für die Zeit nach dem Krieg gebraucht. Ich sollte neue schaffen. Aber sie steckten Ausgebombte und Flüchtlinge in unsere Wohnung. Ich kratzte Gesichter in Gips, strich sie wieder aus. Ich hatte keine Ruhe in mir. Ich flickte genau, wenn ich flickte, um flicken zu können, fuhr nicht mehr Auto, lief, schleppte - Muskeln zu bekommen. Nähte Rucksäcke. Legte Weißzeug auf den Stapel. Kaufte Schmuck, einen Handwagen aus Metall. '...Taktische Truppenrückzüge.` Ich war froh, daß die Katze tot war. Ich hätte sie zurücklassen müssen. Ich schnitt das Haar sorgfältig, bürstete es, badete in öligem Wasser. 'Vielleicht für lange Zeit das letzte Mal.`"

Donnerstag. Ich liege da, glaube nicht, daß ein Mann ein kleines Kind an den Füßen fassen kann, seinen Schädel an einer Mauer zertrümmern und weiterleben, als sei nichts geschehen. Wieviel Menschen gingen nach Kriegsende in die Psychiatrie, erhängten sich?

"Ich wollte mit den Kindern sterben. Wenn sie bei Alarm nicht bei mir waren, verkrallten sich die Hände. In irgendetwas. Weil ich nicht um mich schlagen oder schreien wollte. Ich hatte Verstümmelte gesehen. Die sich quälten. Schrien. In Fantasien waren es meine Kinder.

Manchmal streichelte mich eine fremde Frau oder ein alter Mann. Ich weiß nicht, ob sie mich trösten wollten oder Erotisches. Du stinkst nach Schnaps. Gib mir einen Schluck! Ich hatte Angst vor Giftgas, ließ Fenster geschlossen. Öffnete sie, weil die Fensterscheiben bei Explosionen zersprangen. Uns gegenüber stand ein Haus. Zerbombt. Eine Wand blieb: Gardinen an den Fenstern. Auf einem Stück Fußboden ein Bett. Bettwäsche gestreift. 'Als Bild wäre es schön.` 'Wir müssen die Russen aufhalten! Wenn wir zu denen kommen, könnten wir unter dem Bandenchef bleiben.` Ich sollte mit den Kindern Richtung Westen. 'Ich kann nicht.` Knut: 'Weißt du, wie sich die SS in Rußland, Polen aufgeführt hat!` Er zeigte mir ein Foto, auf dem deutsche Soldaten neben einem Galgen standen. An Stricken hingen zwei Frauen, ein Mann, ein Kind. Die Soldaten guckten mich an, lächelten.

'Lassen sie den Jungen in den Volkssturm. Wenn er sich versteckt und sie ihn trotzdem finden, wird er aufgehangen.` 'Von wem?` 'Das ist nun mal so.` Ich hatte einen Jungen an einem Fensterkreuz hängen sehen, mit einem Schild um den Hals: >Feigling.< 'Du siehst nicht aus wie ein Mädchen. Michael, du mußt hier bleiben, paß auf dich auf.. 'Ja, Mama.`

Ich hatte Nazis nicht verstanden, begriff Amerikaner nicht. Sie schossen zwischen Frauen, Kinder. Obwohl sie uns sahen, sehen mußten. Wie wir ins Feld liefen. Ich schrie auf vor Schmerz. Ich kroch über Nora, das Baby. Blut. Alles verschmiert. Streifschuß. Nur noch mit einem Arm tragen, ziehen, schieben können. Angst vor Wundinfektion. Wir liefen in der Nacht, hofften am Tag auf Unwetter, obwohl wir froren. Weil bei Regen, Nebel keine Tiefflieger kamen. Bis ich sagte: Schlimmer kann es bei den Russen nicht.

Wir waren verdreckt, müde. Ein Mann, ich wehrte mich nicht. Aus Angst, daß er zu anderen Frauen gehen könnte, war ich freundlich. Wegen den Kindern. Daß einer mehr für sie ist. 'Tötet, tötet! Es gibt nichts, was an den Deutschen unschuldig ist, an den lebenden nicht und nicht an den ungeborenen! Zerstampft für immer das faschistische Tier in seiner Höhle. Brecht mit Gewalt den Hochmut der germanischen Frauen. Nehmt sie als rechtmäßige Beute. Tötet, ihr tapferen, vorwärtsstürmenden Rotarmisten`, las er mir vor. - 'Was soll das?` 'Ein Aufruf Ehrenburgs an die Rote Armee`, 'Wer ist das?` - 'Ein Schriftsteller`, 'Unsere schrieben auch.` Der Satz befremdete ihn. Auch daß ich keinen Einsatz von 'Wunderwaffen` wünschte. Ich zog mit ihm westwärts. Grüßte mit V-Zeichen, meinte etwas anderes als er. Auch wenn ich 'Sieg heil` sagte, dachte ich nur an Frieden. Ich blieb freundlich. Er half den Handwagen ziehen. Als er noch zu anderen Frauen ging, mich allein schleppen ließ, sagte ich: 'Unsicher, ob es schlimmer mit einem Russen. Krüppel, stinkst aus dem Maul, zwischen den Beinen auch`, 'Du auch!` Es war schwer, sich sauber zu halten. Es gab keine Seife, kein Mittel gegen Läuse." "Es ist still." "Ich ging wegen Michael zurück. Trotz Angst vor Russen, Werwölfen. Ich habe keine Hoffnung, daß er verschollen sein kann. Manchmal vermutete ich, die, die sagten, sie hätten ihn sterben sehen, könnten sich gegen mich verschworen, ihn zum Sklaven gemacht oder verwechselt haben. Ich wünschte, ich könnte an Wunder glauben. Sprach tagelang in die Luft, als gäbe es einen Gott. 'Er leidet nicht mehr, nur du!` Ich habe nur noch den Stein. 'Lagerfeuer, wir sangen`, hatte er gesagt, 'Eine Waldwiese, Mond schien.` Nora hatte aus Herbstblättern Schmetterlinge auf Papier geklebt, 'Wir haben einen Baum gepflanzt. Tiere beobachtet.`... 'Den Panzer hättest du sehen sollen!` Ein alter Mann habe aus seinem Leben erzählt: 'Als Krieg, hatten wir Angst, Hosen gestrichen voll. Krieg ist schrecklich.` Hätte er gesagt. Doch man müsse Errungenschaften schützen. 'Du sollst keine Panzer malen!` Sagte ich. 'Hast du schon einmal einen gelblila Panzer gesehen? Der fährt über die Felder, versprüht Wasser.` Michael hatte versucht, es den Lehrern und mir recht zu machen.

Monate später: 'Ich muß die Gruppe übernehmen. Vor Fanatikern schützen.` Dein Onkel ging zum Volkssturm."

Ich dachte an ihn, begann an mich zu denken. Als einer anrief, während er nicht da war, sich mit ihm treffen wollte, sagte ich: Heute nicht, ich habe ihn selten. Ich werde mit ihm gehen, wenn er es möchte. Auch nach Israel. Ich umfuhr mit den Fingerspitzen beständig seine Lippen. Er zog den Kopf zurück. Ich streichelte meine Lippen, merkte, daß es unangenehm wurde.

Großmutter: "Pickel im Gesicht- Zwei- dreimal Samenflecke im Bett. In meinem Kopf ist er ein Kind. Im Schulheft ein gekrakeltes Herz, Texte über Helden im Alltag, Todesbereitschaft, Opfer für eine Zukunft. In der es besser. Michaels Lehrerin kam. Sie sei angezeigt worden. Durch Eltern einer Schülerin. 'Ich sagte: >Daß wir mit Kindern Krieg führen müssen, ist traurig.< Mehr nicht`, 'Sie ließen die Kinder einen Aufsatz schreiben, worüber Leute sprechen`, sagte ich. 'Ich mußte es.` Die Schüler hätten von Korruption in Armee und Hinterland geschrieben. Kleine Strolche würden bestraft, große nicht, '>Ein Jahr, dann stehen die Nazis an der Wand.< Niemand scheint mehr zu glauben, daß wir den Krieg gewinnen. Können. Keiner will mehr in die Partei.` Die Frau schwieg, sagte, sie werde als Wehrmachtshelferin in das 'Amazonenkommando gehen`, 'Sich umbringen lassen!`"

"Wir sind keine Königskinder, wir könnten zueinander kommen." Deshalb könne er mich nicht lieben. Ich muß begreifen, daß er Bindungsangst hat, 'Er muß Schlimmes erlebt haben.` Ich sagte: "Zwischen uns war..." "Du sprichst in der Vergangenheit." "Dein Ausreiseantrag" "Er liegt noch auf dem Schreibtisch." - 'Noch`,...

"'Sie glauben nicht an den Endsieg?` Die Lehrerin sagte es scharf. Weinte. Es klingelte. Ein Mann stand vor der Tür: 'Erkennst du mich nicht?` 'Ach, du.` Er war gegen 'Moloch Staat`. Daran erinnerte ich mich. Zuchthaus wegen >Vorbereitung zum Hochverrat, weil der Aufbau einer spanischen Republik über eine Kettenreaktion auch in Frankreich, Deutschland einen Volksfrontaufstand hätte auslösen können.< 'Hast du Hunger?` 'Die SS holte Gefangene aus dem Zuchthaus. Besoffen.` - 'Bist du auf der Flucht?` - 'Wer war die Frau?` 'Du bist ein Freund meines Bruders. Mehr weiß ich nicht. Wo sind die Sachen her?` 'Frage nicht!` 'Ich mache dir ein Bad.` 'Komm zu mir!` 'Ich koche dir etwas.`

'Bitte, komm zu mir!` Es war peinlich, gebeten zu werden. Von einem der im Gefängnis gewesen war. Ich fühlte mich schuldig, weil ich eine Frau war, er mich wollte, ich ihn nicht. Ich ließ es gegen Morgen mit mir geschehn. Mit zusammengepreßten Lippen. Obwohl er sich Mühe gab, mich dahin zu bringen, daß ich. Seine Hose lange anließ. Seinen Kopf zwischen meine Beine, 'Ich hätte deinen Kopf lieber neben mir. Ich möchte ihn streicheln.`

Am nächsten Tag mit der Hand über Stein streichen. Ich hatte Sehnsucht nach ihm. Seiner warmen, weichen Haut. Dem Kopf zwischen den Beinen. Ich atmete schwer, streichelte die Luft. Die Erinnerung an ihn machte süchtig. Seine Gegenwart hatte es nicht getan.

Er kam nicht wieder. Ich wich den Blicken der Einquartierten aus, bis ich sagte: 'Verzeihen Sie, ich habe mich verliebt.` Ich suchte diesen Mann, wie man einen sucht, von dem man nicht weiß, wo er sein könnte, nach dem man nicht fragen darf. Seine Mutter schwieg.

'Sagen Sie ihm, daß ich ihn liebe!` Er glaubte es nicht oder wollte niemanden gefährden. Oder er wollte mich nicht mehr. Als ich ihn nach Kriegsende wieder traf, war er dick. Ich ging mit ihm über die Grenzlinie, die Deutschland in Besatzungszonen teilte, in ein baufälliges Haus. Matratzen, eine Glühbirne, Musikinstrumente. Er suche zu jedem Instrument die passende Frau. 'Ich kann keins von denen`, sagte ich. 'Habe kein anderes Geschenk mehr für dich. Alles ist fort.` Er hielt mir Ausreisepapiere hin, 'Keine Hoffnung?` 'Doch: Australien`, 'Nazis sind dorthin`, 'Nicht in die Wildnis.`"

Tage vorüber. Er will den Doktortitel. Bevor er das Land verläßt. Ich zuckte zusammen. Er hätte, falls er mich mitnehmen würde, für meinen Unterhalt sorgen müssen, bis meine Beine... Der Vater einer Freundin habe in Israel ein Haus, Klinik, Posten für ihn. Er werde sie heiraten. Ich will nicht glauben, daß er wegen Berechnungen Gefühl für mich zerstörte. Vielleicht sind wir uns nicht ähnlich. Seine Schrift ist anders als meine. Ich ging zum Friseur. Er ordnete Haarsträhnen. Zu Hause schob ich den Kopf unter den Wasserhahn.

"Ich ging vor Morgengrauen von ihm fort. 'Wohin willst du?` - 'Zu den Kindern. Darf ich für sie die Flöte mitnehmen?` Treppenflur, in einem Korridor Licht. 'Kommen Sie allein?` Fragte eine Alte. 'Warum?` 'Das Haus ist kein Freudenhaus.` Mich gruselte. Als ich zu Hause war, wußte ich nicht, ob ich mehr hungrig, müde, aufgeregt war. Wolfram hätte in der Nachkriegszeit wenig gelitten, Hungern im Knast geübt. Ich konnte nicht einschlafen. Trotz Wasser im Magen. 'Kommunisten waren Teil der russischen Armee, egal, ob sie deutsche waren. Sie töteten die, die anders dachten. Sie denunzierten sogar an die Gestapo. Erklärten Familien zu Geiseln...` Ich litt an der Versuchung, es weiterzuerzählen, als die Kommunisten an die Macht. Nach seinen Erzählungen mußte es mehr politischen Widerstand gegeben haben, als ich angenommen hatte. Schlechtes Gewissen, 'Ich dachte, der Erlaß gegen das Hausieren sei gegen Juden.`... 'Die Gestapo hatte überall Leute. Beobachtete, schlug zu. Verhörte.` Er habe tage- oder wochenlang an eine Wand gekettet stehen müssen. Scheinwerfer ins Gesicht. Es überstanden, weil einer der Aufseher ihn ab und zu abgebunden hätte, 'Scheißspiel. Wir hatten zwischen ihnen unsere.`"

Die andere Frau liebe ihn. Ich auch."Vielleicht könnte ich mich mit ihr verstehen." "Ihr würdet euch die Augen auskratzen!" "Vielleicht nicht." "Das könnte euch passen!" Das habe er schon einmal erlebt, daß sich zwei Frauen verbündeten..

"Im Widerstand wären vor allem Intellektuelle. Und Mittelstand, 'Hatte die größten Illusionen, war am meisten enttäuscht.` Auch Bauern. Der Boden wurde nicht restlos enteignet, verteilt. Großflächenwirtschaft sei produktiver. Die Erbhöfe, die geschaffen wurden, - Staatsbesitz. Bauern durften auf ihn bewirtschaften, ihn nicht zerteilen, verkaufen. Es gab ein Ablieferungssoll, Festpreise.

'Es gibt immer noch Bauern, die den Sozialismus nicht lernen wollen`, las ich in der Zeitung. Die Illusion der Nazis war: 'Wehrbauern` Aber der Bauer wollte nicht in den Krieg. Weil er nicht verstand, daß er seinen Hof in Rußland oder Griechenland verteidigen sollte."

"Warst du schon einmal glücklich?" fragte er mich.

"Momentweise." "Wie ein Orgasmus. Mehr nicht." "Es machte Sehnsucht nach mehr."

"Vor jeder Wahl machten die Nazis Werbung, gaben Versprechen. Als gäbe es eine Wahl. Man legte mir 'Nachrichten` vor. Ob es in Deutschland so sei. Beschwörend: 'Ehrlich!` Ich mußte 'Nein` sagen. Weil in diesen Nachrichten nur über Greuel berichtet wurde. Sie waren wahr. Drumrum gab es anderes. 'Greuel gibt es auch`, sagte ich. 'Ja. Leider.` Mit diesem 'Ja. Leider`, kriegten sie mich. Oder sie sagten: 'Wir brauchen Leute wie Sie! - damit es besser wird. Haben Sie die Zeitung gelesen?` Es sei eines Deutschen unwürdig, Menschen zu mißhandeln. Wer verhaftet werde, müsse erfahren, warum. Schutzhaft sei sonst Freiheitsberaubung... 'Sehen Sie! Daß es besser wird. Deutschland hat die niedrigste Kriminalitätsrate. Das sollten Sie schätzen. Wenn Sie vergewaltigt und ausgeraubt würden, verginge Ihnen möglicherweise Ihre Humanitätsduselei.` Vielleicht hatte sie recht. 'Glauben Sie mir. Andere Regierungen beneiden Ostdeutschland um die Ruhe, Ordnung im Land. Daß alles von oben durchgesetzt wird. Werden kann.`" "Es ist still." "'Hat er auch mal ein Staatssicherheitserlebnis gehabt!` Wenn einiger Hundert, Tausend Menschen verhaftet wurden, mußte keiner zwischen ihnen sein, den ich kannte. Als ich meine Tochter im Gedränge verloren hatte, half die Polizei. Ohne mir Vorwürfe zu machen, daß ich nicht auf sie aufgepaßt hatte. Ich dankte."

Er müsse arbeiten, "Ich werde aufblicken, an dich denken." Ich fuhr mit dem Rollstuhl durch Straßen. Sah ihn auf einer Parkbank. Er hatte den Arm auf der Schulter einer Frau. Ich hielt den Stuhl an, winkte. Er winkte nicht zurück.

"Ich starrte auf ihre Hunde, Pistolen."

Am Abend: "Hast du einen Doppelgänger?" "Nein." "Schlaf bei mir." Sagte ich.

"Ich kann nicht, ich schlief heute Mittag mit einer Frau." "Ich war mittags zu Hause."

"Die Pflanzen brauchen Wasser." Großmutter gießt sie, mit geschlossenen Augen, tastenden Fingern, "Leute blieben stehen, sahen mich an, weil ich auf die Hunde, Pistolen starrte. Ich wollte nicht ins Zuchthaus, wegen 'böswilliger` Beunruhigung der Bevölkerung. Ging weiter." "Ich mag Pflanzen um mich. Mamsell, wir wollen nach Rosen gehn, Rosen auf mein Hütchen. Schöne Rosen," "Sie sagten nicht: Schweig, lüge! Sie sagten: Erzähle nur, was du

selbst gesehen hast! Ob Gift in die Flüsse gelangte, Verlustzahlen während des Krieges.

Ein Richter, der hohe Haftstrafen aussprach, konnte einen Häftling vor dem Konzentrationslager beschützen wollen. Oder nicht. Ich bekam Hemmungen, über Täter zu urteilen." "schöne Rosen auf meinem Kopf. Ach, hätte ich Geld, so wäre es gut, Rosen"

"Ich lebe mein Leben, du deins. Laß mich in Ruhe! Ich könnte ein Glas an die Wand werfen." Deppern, Scherben. Er höhnte: "Du hast es vorher gesagt, dann getan!" "Ich tat es das erste Mal." Er kehrte sie auf. Ich hatte kein Mitleid mit ihm. 'Menschen mußten in Sandgruben, an Schmelzöfen, Maschinen, dieses Glas herzustellen. Du bringst mich dazu, Dinge zu tun, die ich nicht tun wollte.`

"der Liebste hat mir keine Rose gebracht, sie stände schwarz im Licht der Nacht." Sage ich laut.

"Ich klebte Briefmarken mit Hitlerbildern Hals nach unten an die vorgeschriebene Stelle auf Briefe, so daß keiner Provokation unterstellen konnte. Ging zu keiner Beerdigung, Veranstaltung, bei der Ausweiskontrollen, Fotografen dabei waren. Wenn ein Polizist, 'Weitergehen, halten sie den Verkehr nicht auf`, sagte und ich stehen blieb, schien ich nur neugierig. Wie andere.

Ich haßte die, die mich so machten. Aber es war in mir. Wenn sich Schritte der Zimmertür näherten, stand ich steif vor Verlangen, mich zu verkriechen. Ich durchspielte stundenlang Möglichkeiten. Überlegte, was ich tun, sagen könnte. Beispielsweise, ich halte ein Flugblatt in der Hand. Einer kommt auf mich zu, zückt einen Ausweis, 'Folgen Sie mir.` Was könnte ich sagen? Oder einer will, daß ich in die Partei eintrete..." VIELLEICHT LERNTE ICH SO, GESPRÄCHE AUSZUDENKEN.

"Ich hinterlegte die Nachricht, daß ich nie Selbstmord machen würde." Sage ich.

"Ich setzte das, was um mich war, ins Verhältnis, um es zu ertragen. Zu Sternen, dem Weltall. Das um mich wurde klein, lächerlich. Es machte wortarm, steif."

Ich rutschte aus dem Stuhl, legte den Kopf in seinen Schoß. Er streichelte mich, und ich dachte: 'Es wird gut.` Das Telefon klingelte."Laß es klingeln." "Das bestimme ich." Er stand auf.

"Was machst du?" fragt Großmutter.

"Malen." "Du übertreibst. 'Du könntest in mein Atelier.` Ein Maler: 'Wenn ich oft zu dir käme, fiele es auf.`" "Warum dankst du mir nicht?" "Wofür?" "Stichwort." "Ich fülle dir die Zeit." "Ich warte, das ist wahr." "Ich sagte zu ihm: 'Erklärung: Liebschaft`, 'Die Farben wären noch feucht`, 'Ich könnte gerade gemalt haben`, 'So wie ich? Und dein Mann, Knut?` 'Er weiß, daß ein Maler malen muß. Nur die Kinder. Ich bin mir bei ihnen nicht sicher, aber ich glaube, daß ich mich auf sie verlassen kann`, `Laß`, 'Du mußt zeichnen, malen. Du wirst sonst kaputt!`" "Ist dieses Gespräch ausgedacht?" Frage ich.

"Ich dachte schon, du hörst mir nicht mehr zu. Manche durften malen, aber nicht ausstellen, verkaufen. Dieser nicht. Er durfte nicht malen. Ich sah, wie seine Hände - 'Tue es in Gedanken. Wenigstens das!` Seine Finger verkrampft, starr.

Am Abend tanzte ich mit einer Puppe. Die um mich lachten, drängten einander zur Seite, mich und sie zu sehen. Knut verstand mich nicht, 'Du hast Skandale nicht nötig`, 'Ich kann gar nicht soviel essen, wie ich kotzen möchte.` Ein Mann zu mir: 'Darf ich bitten?! Ich habe Sie tanzen gesehen.` Er zog, schob mich über das Parkett. Hinter einer Säule streichelte er mein Gesicht, wollte mich küssen."

Ich glaube nicht mehr, daß er mich liebt. Ich dachte, er wolle Zuneigung aus Verstandesgründen verdrängen, hoffte: 'Das Gefühl wird siegen.`

Großmutter: "Ich floh, hörte neben mir: 'Ausrotten heißt: außerhalb der Rotte stellen`, vor mir: 'Erstaunlich wie sich der deutsche Gruß durchgesetzt hat. Es hat etwas Erfrischendes sich zu spannen. Entspannen.` Der Offizier deutete den Gruß nur an." "Der Jude sagte: 'Ich habe Angst vor dir.` Ich vertraue ihm nicht mehr, 'Merkst du, daß du mich verändert hast?` Er nickte. 'Wir reden nur noch von uns. Es zerstört.` Er nickte. 'Ich sollte nicht mehr kommen.` Sagte ich. 'Du erpreß mich!` Daß er das sagte, macht mir wieder Hoffnung. Großmutter" "Neben mir: 'Der Anblick von Fackeln im Zeitalter des elektrischen Lichts, wie Drachen aus`" "Es macht mich irre, daß er mich umarmt, atmet, als wollte er mich. Ich sitze unsicher, steif. Wenn ich mich lockere, ihn streicheln will, zuckt er zurück." "Ich hörte: 'Brandgefahr.` Ging weiter, hörte: 'Erstarrung, das heißt Klassizität. Die Nazis sind Romantiker. Jedenfalls die Kleinen`, 'Dolchstoß von hinten`, 'Glauben Sie das?` 'Die Revolution? Die Kommunisten?` 'Wir träumten doch alle vom Kommunismus, nachdem wir im Krieg, einer neben dem anderen im Dreck gelegen hatten, egal was und wer wir draußen. Vor dem Tod waren wir alle gleich. Erinnern Sie sich? November - Revolution: Großagrarier, Großkapitalisten gewannen Kapital, die Arbeitermasse verlor Menschen. Der Mittelstand verlor beides. Arbeitnehmer, Arbeitgeber ohne Puffer. Und: der Versailler Vertrag`, 'Der Kaiser war Schuld am Krieg. Das deutsche Volk wurde bestraft. Jeder, der deutsch war. So ungerecht ist es jetzt mit den Juden`, 'England deportierte die, die ihm nicht paßten. Die ersten Konzentrationslager bauten die Engländer. Im Burenkrieg`, 'Wissen Sie, daß Hitler sich von Sterndeutern beraten läßt?` 'Das kann nicht Ihr Ernst sein!` 'Sehen Sie dort?! Die Frau des Generals!` Ich drehte mich zu Knut um. Würdest du das Fenster öffnen?" "Meinst du mich? Oder Knut?" Es zieht kühl.

"Sie sagten aus dem Mittelstand kämen die schöpferischen Impulse. Weil in ihm Selbstbestimmung in Grenzen, aber doch. Versailles. Kein Volk könne Jahr für Jahr Milliarden an Strafe zahlen, das Rohstoffe einführen muß, Produkte nicht absetzen kann, weil Schutzzölle." "Ich verstehe dich nicht." "Was verstehst du nicht? Sinkende Löhne im Inland. Wachsende Arbeitslosenzahl im Ausland. Krise des Kapitalismus der freien Konkurrenz. Kartell- und Trustbildung für höhere Preise im Inland, um Verluste aus dem Exporthandel auszugleichen. Keine Kaufkraft der Lohnempfänger. Warenhortung. Krise der Produktion. Arbeitslose auch in Deutschland. Der Staat mußte in die Wirtschaft eingreifen. Ende des Kapitalismus der freien Konkurrenz und seiner politischen Erscheinungsform: Demokratie." "Wer sagte das?" "Der Manm, der neben Knut stand." "Das hast du noch im Kopf?" "Weil ich es am Abend noch einmal durchdachte. Er sagte, es habe so kommen müssen. Die Wirtschaft wäre auf Export ausgerichtet gewesen, statt den Bedarf der Bevölkerung. Der Staat habe eingreifen müssen. Mit Sozialmaßnahmen, Planwirtschaft im Innern. Nach außen: Schutzzölle, Einfuhrbegrenzung, Kündigung des Versailler Vertrages. 'Wir sollten den Nazis dankbar sein. Ahnen Sie, wohin wir sonst geraten wären? Wir mußten Kredite im Ausland aufnehmen, um Schulden bezahlen zu können. Kredite abbezahlen müssen! Es nicht können! Uns nach und nach sich wie dem Teufel verkaufen müssen`, 'Ich kann von Versailles und dem nicht mehr reden hören`, 'Aber Sie hören hin`, sagte er. 'Und denke nebenher, wie ich den Raum mit Plastiken und Licht gestalten könnte`, 'Sie hat bald eine Ausstellung`, sagte Knut.

'Gratuliere. Sie mögen Champagner?`

Ich hörte zu. Auch wenn ich gelegentlich wütend wurde und mich gegen Erklärungen wehrte. 'Knut, du nennst ihn deinen Freund!` - 'Er hat in manchem Recht`, 'Auch darin, daß die Gestapo das Dienstmädchen des Volkes ist, das die Schmutzarbeit machen müsse? Das sagte er doch!` 'Nein. Darin, daß die Parlamentarier in der Republik zu wenig zur Verantwortung gezogen werden konnten. Daß nicht nach Listen, sondern daß Persönlichkeiten hätten gewählt werden müssen`, 'Nach seiner Auffassung hätte das nichts genutzt, >Es mußte alles so kommen!<' - 'Er widerspricht sich. Weil er nachdenkt`, '>Persönlichkeit, Gemeinschaft!< Ein Galgen steht vor dem Gerichtshof! Und die Nachricht an den Hauswänden, daß der, der den nicht anzeigt, der meckert, verurteilt werden wird! Ich getraue mich nicht auf die Straße, weil ich einen, der nölt, nicht anzeigen würde. Aber er könnte ein Provokateur sein!` 'Du bist hysterisch!` - 'Eine Frau hing an einem Laternenpfahl. Mit einem Schild um den Hals. Verzeih, daß ich mich einfühlte.`"

Er läßt sich nicht streicheln. Warum?

"'Scheißmännerstaat.`" Ich schrecke auf."Eine Frau rauchte neben mir. Ich weiß nicht, warum mein Kleid Feuer fing. Wer die Flämmchen löschte. Ich stand, starrte auf das Helle, Warme, das Brandloch. Sie entschuldigte sich, versprach mir ein Kleid von sich. Ich grübelte, ob ich eine Frau lieben könnte. Als es im Bauch so war, daß ich nur noch meinen Unterleib fühlte, mich streichelte, damit das zu Ende ist, stellte ich mir vor, daß eine Frau das mit mir tut. Nach dem Krieg erfuhr ich, daß Frauen nicht besser als Männer: Frauen hatten Frauen geschlagen, Kinder in Gaskammern geführt.

Auf dem Schwarzmarkt gab es Gummischutz. Ich kaufte das Zeug in einer anderen Stadt, ging zu Männern. Ich genoß es, wenn sich der Mann nicht anklammerte." "Einem Schriftsteller wurde unterstellt, Pornographie geschrieben zu haben, als er notierte, daß er vor einer Frau auf den Knien und zwischen ihren Knien liegen wolle." "Willst du reden?" "Zu wem?" "Mir." "Miesekätzchen Miese, warum bist du" "Nein. Ich vergaß für Momente Trümmer um mich. Manchmal kriegte ich dafür, daß ich die Männer anfaßte, über mich zog, sogar noch Brot." "Prostitution." "Ich verfügte über mich."

Es regnete, blieb schwül."Es interessiert mich nicht, daß du mit einer anderen Frau zusammen warst. Aber du sagtest: Seit zwei Jahren keine Frau. Du könntest nur mit Mühe in eine Frau dringen. Ich hatte dir geglaubt, gedacht: Du mußt Geduld haben, wenn du ihn liebst. `Ich schlief heute Mittag mit einer Frau`", - du redest von Vorteils- und Geldgeschäften. Mir ist übel, weil du ein Jude bist und Menschen sagen könnten: So sind sie. Ich habe Menschen erlebt, die so waren wie du, sie waren keine Juden!

Großmutter: "Sprachst du von Juden?" "Zu dir?" "Ja." "Nein." "Hitler hatte in seinen 'Friedensreden` gedroht, daß wenn das jüdische Finanzkapital noch einmal einen Krieg anzetteln würde, Juden als Rasse vernichtet würden." "Großmutter, höre auf!"

Er war da, nahm die Zettel in die Hand."Ich wußte nicht, daß dein Großvater bei der Reichswehr und deine Großmutter Bildhauerin war. Wer bist du?" Ich verstand ihn nicht. Ich war zu müde, zu reden. Legte eine Schallplatte auf. Als könnte Musik...

"'Juden sind schuld.` Wenn das Klopapier hart und die Margarine zu weich. 'Wißt ihr, warum die Fliege an der Wand läuft?` Vielleicht dachte ich deshalb nicht, daß sie ermordet, 'Falls es die Juden nicht gäbe, müßten wir einen Sündenbock erfinden.`

Die Kommunisten nannten jeden faschistisch, der etwas anderes sagte, als das, was sie für die Wahrheit hielten. Sie sagten nicht 'ausrotten`, sie sagten: 'liquidieren.` Ich traute ihne auch nicht zu -"

Bilder von Leichenbergen."Die meisten Juden verhielten sich gegenüber den Nazis nicht besser als die Deutschen." Juden hätten versucht, sich den Nazis anzubiedern, Anweisungen fast immer gehorcht. In Lagern hätten sie Leichen aus den Gaskammern geschleift, ihnen Zähne rausgebrochen, in Genitalien, Aftern nach Gold, Edelsteinen gesucht. Für das Versprechen, daß sie überleben. Wie Deutsche auch." Hitler habe am Kriegsende auch die Deutschen vernichten wollen. Weil Verlierer minderwertig."Seine Anweisungen wurden boykottiert." Auch Maßnahmen gegen Juden. Kurz vor der Befreiung. Ich sagte zu ihm: "Du darfst so reden! Du bist Jude! Millionen sind tot!" Ein Deutscher habe mit den Häftlingen in die Gaskammer gehen wollen, `Man hätte den toten SS-Mann in der Gaskammer für einen Unfall gehalten. Ich dachte, daß ich als Zeuge am Leben bleiben muß.` Vielleicht dachte der Mann neben ihm dasselbe.

Großmutter ging nicht. "Was hätte ich tun sollen? Die Gesetze gegen Juden waren auch gegen uns. Vater durfte nicht zu seinem Arzt. Wer mit einem Juden, KZ. Ein Rundfunkintendant verlor seine Stelle, weil er geduldet habe, daß eine Flötenspielerin ein Verhältnis mit einem Juden. Die, die gegen die Juden, hätten auch gegen andere randaliert. Hörst du sie grölen? Fußballfans zogen durch Straßen. Fahnen, Gebrüll. Schlägereien. 'Juden Geiseln`, hieß es. Für Verteidigung. Als Engländer Staudämme zerschossen, Dörfer, Städte überschwemmten, Tiefflieger Bomben warfen, 'Wir haben ihnen nichts getan`, sagte eine Frau, weinte. 'Aug um Auge, Zahn um Zahn. Dahin bringen sie es, daß wir werden wie sie!` >Du mußt etwas sagen<, dachte ich. Fünf, sechs Menschen um mich. Viele glaubten, daß Deutschland den Krieg nicht begonnen hatte.

Ich hatte ein Kind im Bauch."

Samstag. Seitdem ich im Rollstuhl lebe, war ich nicht tanzen. Ich mag Schallplatten. Weil Schallplatte auspacken, säubern, Tonarm setzen, vorbereitet. Musik hören. Kerzen, Wein. Allein sein. Es genießen. Wenn ich Sehnsucht nach Menschen habe, schalte ich das Radio an. Ich stelle den Sender ein, den er vermutlich hört. Wenn ich sitze, lausche, streckt sich meine Hand. Ich sage: Ich liebe dich.

"Von Knut. Nazis warnten vor fremden Männern: Wenn ein Jude in eine Deutsche, wäre sie angesteckt. Unheilbar, verjudet, sie könnte nur noch Bastarde zeugen. Egal, wer der Vater. Die Frau, die mir gelegentlich im Haushalt half, glaubte es. Deshalb dürften Juden nach Anbruch der Dunkelheit nicht auf die Straße.

Ehemalige polnische Juden sollten nach Polen. Zurück. 'Keiner will sie.` Die Polen ließen die Juden nicht über die Grenze. Deutsche sie nicht zurück. Im Niemandsland; Hunger, Dreck. Tote. Ein Jude soll zur Rache einen Deutschen erschossen haben. Es verursachte 'Volkszorn` in Deutschland. Ich lag fiebrig im Bett. 'Zerklirrende Scheiben sind faszinierend. Es ist, als sei man in einem Film.` Polizisten, Feuerwehr neben Schlägern, brennenden Synagogen. 'Das waren Übergriffe untergeordneter Organe!` 'Glaubst du das?`- 'Das ist der Terror gegen die Juden. Damit sie auswandern. Nach Madagaskar wollen sie nicht.` Palästina habe Quoten und ziehe Juden mit Geld vor. England auch. 'Die reichen müssen die Auswanderung der armen Juden mitfinanzieren.`

Als Juden aus Deutschland nach Osten abtransportiert wurden, hätte Polizei Anweisung bekommen, Selbstmorde von Juden zu verhindern. 'Warum töten sie sich? Erlaubt das ihr Gott?` 'Selbstbestimmt zu sterben`, 'Wenn die Nazis sie ermorden wollten, würden sie sie krepieren lassen.`" 'Als der Ghettoaufstand in Warschau, wurden Kanäle gesprengt, Häuser angezündet. Menschen sprangen aus Fenstern, krochen mit zerbrochenen Beinen, wurden geschlagen, von einander gerissen, erschossen. Vergast. Wenn sie sich selbst töteten, konnten sie in den Armen des Geliebten sterben. Wenn ich sterben müßte, möchte ich es in seinen Armen.`

"'Sie sollen in Arbeitslager. Wir arbeiten auch`, 'Aber würdest du Selbstmord?` 'Für Auslandshetze. Als Märtyrer`, 'Die Alten, die Kinder. Sollen die arbeiten?` 'Sie dürfen zusammenbleiben. Wir hatten es nicht so gut, als Dienstpflicht. Der Führer schenkte ihnen seine Stadt, in der sie machen können, was sie wollen.` Theresienstadt. Ein Film zeigte: Juden, die Juden schlugen. Ein Pole schlug ein jüdisches Kind. Ein Deutscher beschützte es. Ich sah, Juden in teuren Wohnungen schlemmen. Der Fotograf sagte: Die Szenen würden gestellt. 'Von den Juden selbst?` 'Auf Befehl der Deutschen.`"

Montag: "Ärzte dürfen das Land nicht verlassen!" Er: "Wer sagt das?" "Du wirst hier gebraucht." "Ich lebe nur einmal." "Wirst du mich mitnehmen?" "Du bist im Rollstuhl." Ich bin in meiner Eitelkeit gekränkt. Das sollte ich nicht vergessen, wenn ich 'Jude!` denke. Er fuhr mich mit dem Auto, trug mich in die Nähe einer Mauer, "Sieh sie dir an." "Löcher. Ich will hindurchgucken", sagte ich.

"Davor ist schon Grenzgebiet." Es ist mehr als eine Mauer, die uns trennen wird.

"Woher hätte ich das wissen können, wenn ich diesen Fotografen nicht gekannt hätte? Selbst Minister durften keine ausländischen Sender hören, 'Die haben es schwieriger als Arbeiter. Im Hauspersonal Spitzel.` Generäle hätten sich um das Verbot nicht gekümmert. Sagte Knut. Aber der Engländer berichte vorsichtig, seitdem Hitler ihm Falschmeldungen zuspielen ließ."

Ich sollte mir eine Geschichte ausdenken, in der ich glücklicher bin. Oder von einer Frau schreiben, die fasziniert auf Steckdosen starrt, "Ich bräuchte nur ein Stück Draht!" Damals hätte ich mich, an einem Mann, der mich mies behandelte, Jude ist, rächen können.

Großmutter: "Ich höre auf!" "Nein!" "Hörst du mir zu? Du zögerst." "Nein." "Was?" "Ich zögerte nicht." "Warum?" "Was?" "Weiter." "Ich bitte dich!" "Wozu?!" Sie griff mach einem Buch, "'Ein Bruder wird den anderen dem Henker ausliefern und Väter ihre Kinder. Kinder werden sich gegen ihre Eltern stellen und sie töten lassen. Jeder wird euch hassen, weil ihr euch zu mir bekennt. Wer aber bis zum Ende fest bleibt, gerettet werden... Denn, ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern den Kampf... Erschreckt nicht, wenn nah und fern Kriege ausbrechen. Es muß so kommen, aber das ist noch nicht das Ende. Ein Volk wird gegen das andere kämpfen, ein Staat den anderen angreifen. Es wird überall Hungersnöte und Erdbeben geben. Das alles ist erst der Anfang vom Ende - so wie der Beginn der Geburtswehen`, sagte Jesus." 'Ich werde von einer Frau schreiben, die mit einem Mann lebt, der nur zu ihr kommt, wenn sie schläft.`

"Ich war als junge Frau in einer Kirche." Sagt die fremde, alte Frau in mir."Knie aneinander, Hände im Schoß. Haltung zum Träumen, Nachdenken. Stimmen störten. Ich blickte auf, sah, daß die Gesichter um mich einfältig geworden waren. Einige hielten die Augen halb geschlossen, streckten die Zunge. Zum Priester. Wie Idioten. Sahen sie aus. Geldbüchsen rasselten. Ich sah einen Meßknaben. 'Seine Enthaltsamkeit ist Sünde. Er könnte Menschen mit seinem Körper glücklich machen.` Als Kind

Ich ging mit meinen Kindern in Kirchen, erzählte ihnen die Geschichte von Jesus. Sagte, daß ich nicht an Gott glaube, daß man an einen Gott glauben könne. Ich wollte, daß sie sich geborgen fühlen können. Ich werde aufhören zu erzählen. Michael schoß mit einem verbogenen Löffel in die Luft, sagte: 'Ich bin gut, töte Böse`, 'Niemand ist ganz gut, ganz böse. Auch ich bin böse.` - 'Auch der Staatsvorsitzende?` 'Ja, aber sage niemandem, daß ich das gesagt habe.` Sagte ich."

Freitag. Ich fuhr in den Wald, rauchte, mußte kacken, überall Morast. Ich hielt mich an einem Ast fest, der nicht brach. Kröten drumrum. Ich sollte das, was um mich geschieht, hinnehmen. "Dein Gesicht ist schön", hatte er gesagt, "Deine Brust, deine Hände. Ich will Fotos von dir machen." Aber

"Die Flucht in die Liebe gelang nicht."

Wenn ich besoffen war, hasse ich den Alkohol eine Weile.

Ich wollte mehr über Nationalsozialismus wissen, - Ich bitte jeden Arzt, den ich treffe, um ein Rezept für Beruhigungstabletten.

Ich hätte mich gern glücklich verliebt.

"Eine Frau habe, als Wasserrohrbruch, Anwohnern mit Wasser aus ihrem Garten geholfen. `Beispiel sozialistischen Bewußtseins`, 'Das hätte sie unter dem Kaiser oder in der Republik auch getan.` Nora sah mich verblüfft an. Die Russen in Lagern grüben sich Wohnhöhlen, sie fräßen Regenwürmer und sich gegenseitig auf. 'Wenn wir ihnen nichts für ein Hütte, nichts zu essen geben.` Dir tropft Spucke aus dem Mund! U-Bahnschächte wurden überflutet, Furcht, der Feind könne durch die Tunnel ins Zentrum der Stadt gelangen. Männer, Frauen, Kinder, die Schutz gesucht hatten ertranken. Du bist volltrunken, nicht wahr?" "Halte die Schnauze!" "Hitler habe zerstören, vernichten lassen wollen, um ein Chaos zu hinterlassen, daß ohne Diktatur und Diktator nicht zerstörbar wäre. Nationalsozialismus würde von neuem...!" "Die Kommunisten" "Der Führer saß in einem Bunker, er sah keine zerbombten Häuser, verkrüppelten Kinder. Sein Bild hing in Wohnzimmern. Als Altarbild. Für Zwiegespräche. Der Führer lüge nicht. An seinem Geburtstag werde eine Wunderwaffe den Feind schlagen. Der Tod des amerikanischen Präsidenten sei ein Gottesurteil. 'Ein Haus stürzte zusammen, nur die Wand mit dem Führerbild blieb.` Sagte eine Frau." "Erzähle mehr von Nora!" Sage ich.

"Sie ist deine Mutter. Ich mußte, als Nora noch klein war, auf den Dachboden, nahm sie mit. Sie bekam Angst. Wir gingen zurück. Als sie nach dem dritten Absatz die Wohnungstür nicht sah, zog sie ein entsetztes Gesicht, ich dachte, daß sie in Träumen endlose Treppen hinabsteigen wird. Die Prunkbauten der Nazis wären so strukturiert, 'daß sie selbst als Ruinen beeindrucken werden-`" "Von Mutter!" "Man wird noch nach Hunderten Jahren von Cäsar, Cromwell, Hitler sprechen. Das wollte er. Er hat uns alle benutzt." "Ihr habt euch benutzen lassen."

Ich habe das Jammern satt. Ich sah weiße Fähnchen an Autos, wunderte mich, wie viele Hochzeitsautos fuhren. Bis ich hörte, daß es ein Zeichen dafür ist, daß Menschen aus dem Land wollen. Wer Federn als Schmuck trage, wolle Freiheit. 'Vögel haben kleine Köpfe.` Hier wird keine Revolution. 'Die toten Fische schwimmen mit dem Strom.` Ich stelle die Räder schief, lasse den Rollstuhl kreisen. Es läßt sich doch leben. Daß ich ein Exotikum dieses Landes bin, fällt niemandem auf.

ICH kam mir vor wie ein Held

Es gab Menschen, die zur Gestapo geholt, nicht geschlagen wurden.

Hiebe auf dem Bock, das Gesäß erhöht, mit einer Peitsche in die Draht geflochten war. Aufhängen an auf Rücken gebundenen Armen. Gelenke kugelten aus. Hängen an den Füßen. Mit dem Kopf nach unten fallen lassen. Gekrümmt, hungernd tagelang eingesperrt. Abschälen von Haut, Fleisch an Fingern. Lange Nadeln durch beide Gesäßbacken. Im Wasser stehen müssen, das bis an den Mund reicht. Zerfleischen von Fußsohlen, danach auf Schmierseife stehen müssen. 'Revolutionäre Gewalt.` Die Henker nannten sich Soldaten einer Revolutionsarmee. Fallende Wassertropfen auf die gleiche Stelle des Kopfes. Wer wahnsinnig wurde, erhielt eine Spritze, starb an 'Herzversagen.`

 


©: Impressum